Ludovic de Saint Sernin

Nach Jahren bei Balmain hat der Pariser sein eigenes Label gegründet: inspiriert von Robert Mapplethorpe, japanischer Keramik und dem schwulen Underground.

Ludovic de Saint Sernin Sommerkampagne 2018, fotografiert von Luis Venegas

Kleider erzählen bekanntlich viel über den, der sie trägt, und wahrscheinlich noch mehr über den, der sie sich ausdenkt. Die Designs von Ludovic de Saint Sernin erzählen eine Coming-of-Age-Story. Saint Sernin ist 26 und entwirft Palazzo-Hosen für Männer, Leder­mäntel und Tops aus japanischen Keramik­plätt­chen. Seine erste Kollektion, die bei den Pariser Männerschauen zu sehen war, lockte gleich die Einkäufer von The Webster und Barneys an. Gerade, erzählt Saint Sernin in einem Café am Pariser Montmartre, hat Luis Venegas, der Gründer des Magazins „Candy“, die erste Kampagne des Labels fotografiert.

Obwohl Saint Sernin so jung ist, wie er ausschaut, hat er schon einige Leben gelebt. Er wuchs in Afrika an der Elfenbeinküste auf, mit Meer, Palmen, dem ganzen Programm: „Wir lebten buchstäblich in einem Haus am Strand.“ Die Rückkehr nach Paris war entspre­chend schockierend. Im eleganten 16. Arrondissement verbrachte er seine Zeit damit, zu zeichnen und sich alte Modenschauen von Yves Saint Laurent auf Videokassetten anzusehen. „Wenn man sich die Biografie von Saint Laurent anschaut, entdeckt man, dass sein Leben auch eine sehr dunkle Seite hatte. Ich denke, diese Ambivalenz hat mich angezogen.“ Nach dem Studium fing Saint Sernin bei Balmain an, das gerade mit resolut verzierten Minikleidern und Bombast-Schultern zum Lieblingshaus von Models und Millennials avancierte. Olivier Rousteing war zum Chefdesigner ernannt worden. „Das Team war fantastisch, wir waren alle im gleichen Alter. Olivier als Kreativdirektor war 27, ich 22.“ Sie arbeiteten bis tief in die Nacht und gingen anschließend in Paris feiern.

Ludovic de Saint Sernin Sommerkampagne 2018, fotografiert von Luis Venegas

Es war zu dieser Zeit, dass Saint Sernin seinen Freund kennenlernte. „Es ist wahrscheinlich schwer vorstellbar für jemanden, der mich heute trifft, aber davor war ich hetero und hatte eine Freundin.“ Damit stach er in der Modeindustrie einigermaßen heraus. Als Saint Sernin sein eigenes Label grün­dete, verpackte er die persönliche Geschichte in Kleidung. „Ich las ‚Just Kids‘ von Patti Smith und konnte mich sehr mit Robert Mapplethorpe identi­fizieren: Er war verliebt in eine Frau. Und entdeckte dann die schwule Welt.“ Auch Mapplethorpes Foto­grafie, die in den Siebzigern den Kink der New Yorker Schwu­len­szene doku­men­tierte, war ein Einfluss.

Ludovic de Saint Sernin Sommerkampagne 2018, fotografiert von Luis Venegas

Mit der Glitzer­ästhetik von Balmain hat Saint Sernins eigene Kollek­tion wenig zu tun. Er orientiert sich an den frühen Jahren von Helmut Lang, an Alaïa, Margiela. Einige Materialien der Kollektion brachte er von Reisen nach Japan mit, dessen alte Hand­werkstradition ihn beeindruckte. Die Farben variieren zwischen Beige, Weiß und Braun. „Ich musste mich ent­balmainisieren.“

Obwohl das Label offiziell Männermode macht, wollen auch Frauen Saint Sernins Kleider. Er sagt, er werde weiter bei den Männerschauen zeigen. „Aber die Kollektion ist unisex.“ Der Concept-Store The Webster aus Miami hat sie für die Eröffnung seiner sechsstöckigen New Yorker Dependance eingekauft. Sie wird in einem besonderen Bereich hängen – weder Männer- noch Frauenabteilung.