Marine Vacth

Sie wurde berühmt als (sehr) junge Prostituierte in François Ozons „Jeune & Jolie“. Nun ist sie zurück.

Foto: Jamie Morgan, Styling: Tamara Rothstein I Hemd: Katherine Hamnett, Hose: J.W. Anderson

Seit sechs Tagen ist Marine Vacth Nichtraucherin. Man kann nicht sagen, dass sie es von ganzem Herzen ist, eher scheint es sich bei der Nikotinabstinenz um eine Art Experiment am eigenen Lungenflügel zu handeln. Vielleicht, sagt sie, fange sie bald wieder an. „Das mache ich manchmal: Ich höre auf, und danach rauche ich richtig viel.“ Ihrem makellosen Aussehen hat es nicht geschadet. Vacth trägt die Haare neuerdings kurz, es war, gewissermaßen, eine Berufsentscheidung. Die vormals nonchalant verzwirbelte Langhaarfrisur ließ sie sich vor laufender Kamera abschneiden. Daraus wurde die erste Szene ihres neuen Films „L’Amant Double“.

Treffen in einem Büro im 1. Pariser Arrondissement. Marine Vacth holt eine Flasche aus der Küche und nimmt zwischen Memphis-Möbeln Platz. Das Wasser scheint aber eher eine Requisite zu sein, trinken wird sie jedenfalls keinen Schluck.Vacthwirktvielmädchenhafter als auf Fotos – von denen es allerdings zahlreiche gibt, schließlich war sie einmal Model. Vor der Kamera hat ihr Gesicht etwas Sphinxhaftes, eine coole Unlesbarkeit. Heute aber trägt Marine Vacth kein Make-up, keinen Schmuck und einen weiten, rot gemusterten Strickpullover. Dazu braune Jeans und blaue Samtstiefel – eine Kombination, die eigentlich nicht funktionieren dürfte, an Vacth aber hinreißend aussieht. Röcke und Kleider zieht sie praktisch nie an. „Ich fühle mich wohler in Hosen“, sagt sie. „Und sicherer.“ Auf dem Tisch liegt ihr iPhone, das Display ist gesprungen.

Berühmt wurde Vacth 2013 mit François Ozons Film „Jeune & Jolie“ als Teenager- tochter wohltemperierter Eltern, die sich aus Langeweile (oder aus anderen schwer ersichtlichen Gründen) die Prostitution zum Hobby macht.

Entsprechend oft sieht man Vacth nackt. Ihre Figur bleibt seltsam emotionsbefreit, während sie sich in büroartigen Hotels mit Geschäftsmännern und anderen Herren älteren Jahrgangs trifft. Der Film kam zu einer Zeit, als das europäische Kino in diversen Streifen recht unverblümt verschiedene Formen obsessiver Liebesbeziehungen und erotischer Obsessionen durchdeklinierte. In Lars von Triers „Nymphomaniac“ ließ sich Charlotte Gainsbourg von ihrer Sexsucht in einen Reigen der Selbstzerstörung reißen, „Blue Is The Warmest Colour“ erregte Aufsehen, weil der Film Léa Seydoux und Adèle Exarchopoulos in endlosen (und scheinbar expliziten) Bettszenen zeigte. Seydoux und Exarchopoulos beklagten später, wie untragbar der Dreh mit Regisseur Abdellatif Kechiche gewesen sei.

Vacth fand nur gute Worte für Ozon. „L’Amant Double“ hat sie erneut mit ihm gedreht.

Foto: Jamie Morgan, Styling: Tamara Rothstein I Top: Atlein, Hose: Jaquemus

MARINE VACTH: Ich wusste schon seit „Jeune & Jolie“, dass François Ozon diesen Film machen wollte – allerdings mit ganz anderen Schauspielern. Älteren Schauspielern. Mich hatte er nicht im Sinn. Doch er bekam die Rechte nicht. Jahre vergingen, er drehte andere Filme. Als Ozon den Film endlich machen durfte, war ich erwachsen geworden. Er fragte mich, ob ich die Rolle wollte – ob ich Angst hätte oder nicht.

FRAUKE FENTLOH: Und, hatten Sie Angst?

MV: Überhaupt nicht. Der Film erlaubte mir, Terrain zu erkunden, das ich vorher nie betreten hatte.

„L’Amant Double“ ist eine Adaption des 1987 erschienenen Mysterythrillers „Lives of the Twins“, den die Bestsellerautorin Joyce Carol Oates unter dem Pseudonym Rosamond Smith veröffentlichte (was einen kleinen Literaturskandal verursachte, als die Tarnung aufflog). Vacth spielt Chloé, eine junge Frau, die sich in ihren Psychologen verliebt und obendrein eine Affäre mit seinem entschieden unsympathischen Zwillingsbruder beginnt. Auch der ist, praktischer- und komplizierterweise, Therapeut. Chloé leidet unter mysteriösen Schmerzen, und ihr Leiden wird nun mit zweierlei Methoden angegangen. Während der eine Zwilling, ein Heuchler vor dem Herrn, durch freundliche Gesprächsanalyse an die Wurzel des Übels vorzudringen sucht, setzt der böse Bruder auf Verhaltenstherapie im praxiseigenen Schlafzimmer. Wie der Film „Lies of the Twins“, der den Roman bereits 1991 mit Isabella Rossellini ins Kino brachte, oder David Cronenbergs „Die Unzertrennlichen“, in dem Jeremy Irons als janusgesichtiger Arzt sein Unwesen treibt, seziert Ozon den Glamour des Perversen: glatte Oberflächen, schöne Möbel, schöne Frauen, verdrehte Vorlieben.

Sexszenen gibt es entsprechend reichlich. In einer bearbeitet Vacth ihren Filmpartner Jérémie Renier in der Designküche mit einem Strap-on. Eine andere Szene zeigt eine gynäkologische Untersuchung. Zunächst ist eine diffuse, rosa glänzende Masse zu sehen, schließlich zoomt die Kamera aus einer Vagina heraus und blendet über in das weinende Auge von Marine Vacth. Man könnte es für eine riskante Einstellung halten. Vacth ist das egal.

FF: Sie haben keine Sekunde gezögert, diese Szenen zu drehen?

MV: Es ist nicht mal meine Vagina! Ich habe alles getan, aber das nicht.

FF: Und der Strap-on?

MV: Das war ich, haha.

FF: Machten Sie sich Sorgen, wie man darauf reagieren würde?

MV: Das kümmert mich nicht. Es ist ein Film. Wenn die Menschen denken, das sei ich – bon. Das bedeutet dann wohl, dass François seinen Job gut gemacht hat. Ich weiß, was ich tue und was ich nicht tue. Und jeder sieht das, was er sehen will.

FF: Sind Sie immer so selbstbewusst?

MV: Ich weiß nicht, ob ich es für einen anderen Regisseur getan hätte. Bei Ozon wusste ich, dass er mir nichts stehlen würde, das ich nicht zu geben bereit war.

Marine Vacth wuchs in einem Vorort südlich von Paris auf. Ihr Vater, ein Kraftfahrer, benannte sein Fuhrunternehmen nach der Tochter. Die Stimmung zu Hause, sagte sie einmal, sei beklemmend gewesen. Man sollte zumindest annehmen, dass jemand mit Vacths Aussehen als Teenager zu den Stars der Schule gehörte. Das Gegenteil war der Fall. „Ich habe mich in der Schule unwohl gefühlt. Ich war sehr introvertiert und hatte keine Lust aufzufallen. Ich habe immer Abstand gehalten.“ Sie lacht. „Leben unter dem Radar.“

FF: Wann merkten Sie, dass Sie schön sind?

MV: Ich sehe es immer noch nicht. Ich fühle mich nicht hässlich. Aber wenn man sich selbst im Spiegel betrachtet, sieht man doch immer die Dinge, die falsch erscheinen.

FF: Jeder Artikel, den man über Sie findet, erwähnt mindestens zweimal, wie atemberaubend schön Sie sind.

MV: Es ist schon ein bisschen viel, oder? Das sind bloß Worte.

Natürlich kümmerten sich trotzdem viele um Vacths außergewöhnliche Schönheit. Als 14-Jährige wurde sie von einer Modelagentin entdeckt, sie posierte für große Marken wie Chanel und Miu Miu und löste Kate Moss als Gesicht des Yves-Saint-Laurent- Parfums „Parisienne“ ab. Im Werbespot sieht man Vacth über die Pariser Brücke Alexandre III schlendern und im Gehen geübt Lippenstift und Parfum auftragen. In einer Kampagne für einen Luxusjuwelier hatte sie einen eigenen Doppelgängermoment: Marine Vacth, behängt mit teurem Schmuck, umarmt darin ihr eigenes Ebenbild und setzt zum Kuss an. Die doch recht harmlose Szene versetzte die Bewohner von Le Pecq, eines Ortes bei Versailles, in Aufruhr. Das Bild zweier sich küssender Frauen, eigentlich eine Version des Narziss-Mythos, schockierte dort derart, dass die Stadt die Plakate wieder abhängen ließ. Wenn Marine Vacth heute im Supermarkt einkauft oder zu Fuß durch Paris läuft (sie würde nie mit dem Auto in der Stadt fahren – zu viel Verkehr), verursacht sie weniger Aufsehen. Die Pariser sind höflich genug, Abstand zu halten.

Foto: Jamie Morgan, Styling: Tamara Rothstein I Mantel: Martine Rose, Strumpfhose: ITEM m6, Stiefel: Chanel

2013 jedoch reichten 95 Minuten Film aus, um Marine Vacths Leben von Grund auf durchzurütteln. „Jeune & Jolie“ katapultierte sie in die Schlagzeilen und zu den Filmfestspielen nach Cannes. Da war sie gerade 22 geworden. Frankreich hatte einen neuen Star gefunden, sehr französisch, sehr geheimnisvoll, sehr „je ne sais quoi“. Es hagelte Vergleiche mit Catherine Deneuve und Brigitte Bardot. Vacth nahm es mit der ihr eigenen Mischung aus Zurückhaltung und freundlicher Verwunderung. Natürlich, sagt sie, sei sie glücklich darüber gewesen, nach Cannes geladen worden zu sein. „Aber ich war überrascht von der Schwärmerei und dem Enthu- siasmus, den man mir entgegenbrachte.“ Lange Stille. „Die Menschen waren sehr nett zu mir. Doch ehrlich gesagt habe ich nicht so recht verstanden, warum.“

Gleich danach wurde sie schwanger. Auf den großen Durchbruch folgten zwei Jahre Pause vom Film. Mit dem Fotografen Paul Schmidt hat sie den fast vierjährigen Sohn Henri. Vielleicht betrachtet sie ihren Erfolg deswegen so nüchtern, weil er nie Teil ihres Plans gewesen ist. Marine Vacth wollte nie Schauspielerin werden, sie hatte noch nicht mal ein besonderes Interesse am Kino. Ihre erste Rolle, in einem Film von Cédric Klapisch, übernahm sie eher beiläufig. Sie ging zu Castings, ganz wohl war ihr dabei nicht. „Ich hatte nie davon geträumt, Kino zu machen. Es ist mir einfach zugestoßen. Es war keine Leidenschaft oder irgendetwas, an das ich bloß auch nur gedacht hätte.“ François Ozon, den Filme wie „8 Frauen“ (mit Catherine Deneuve, Isabelle Huppert und Emmanuelle Béart) und „Swimming Pool“ (mit Charlotte Rampling) berühmt machten, sah Vacth auf einem Magazincover. Ihr gefiel Ozons Methode: schnelle Abläufe, präzise Anweisungen. „Ich fühlte mich wie eine Laborarbeiterin.“ Die Sexszenen ähnelten akribisch geplanten Choreografien. Man sieht es ihnen nicht an, Vacth scheint unverschämt entspannt. „Es ist nicht so, dass ich mich nackt besonders wohlfühle“, sagt sie. „Aber Nacktheit ist für mich ein Kostüm. Diese Szenen sind kein Selbstzweck, sie erzählen etwas über die Figur. Sie zeigen nicht meine Nacktheit, es ist die Nacktheit der Figur. Etwas, das nicht zu mir gehört. Es ist fast, als sei es nicht mein Körper.“

Für „L’Amant Double“ mussten immerhin die echten Haare dran glauben. Erst sollte Chloé blond sein, doch glücklicherweise fiel die Entscheidung gegen Wasser- stoffperoxid. Vacth ist ekstatisch ob der neuen Frisur, die alte hatte schon länger genervt. „Es war ein will- kommener Anlass, sie endlich loszuwerden. Jetzt fasse ich mir nicht mehr die ganze Zeit ins Haar. Es fühlt sich leichter an.“

Gerade hat sie einen Film mit Gael García Bernal gedreht. Erneut spielt sie eine Frau, der es nicht besonders gut geht.

Die Haare lässt sie wieder wachsen.

 

L’Amant Double“ läuft ab dem 18. Januar 2018 im Kino.





Interview: Frauke Fentloh
Fotos: Jamie Morgan, Styling: Tamara Rothstein, Haare: Karim Belghiran/Artlist Paris, Make-up: Sandrine Cano Bock/Open Talent Paris mit Produkten von Chanel, Produktion: Serlin Associates, Produktionskoordination: Luisa Bonsen, Foto-Assistenz: Tom Ayerst / Scott Hobson-Jones, Styling-Assistenz: Camille Marchand, Studio-Assistenz: Dean Hoy / Emilia Boateng / Hilda Raina, Retusche: Shoemakers Elves London

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