MINIMUM?
MAXIMUM!

Die BILD-Zeitung hält ihn für den mutigsten Schauspieler Berlins. Max Riemelt fragt sich: Wieso mutig? Begegnung mit dem Star von Sense8, dessen neuer Film Lichtgestalten Donnerstag in die Kinos kommt.

Text: Harald Peters

Fotografie: Michael Hauptman

Styling: Eve Sand

 

Max Riemelt zeigt auf sein verwaschenes T-Shirt: „Schau mal!“ Darauf steht in weißer Schrift eat, drink, fuck … Er sagt: „Genau wie in der Serie.“ Freunde hätten ihm das Shirt geschenkt, in prophetischer Vorahnung gewissermaßen, da habe er noch gar nicht gewusst, dass er in der Netflix-Produktion Sense8 eine der Hauptrollen spielen würde. Unter der Regie der Wachowskis (Matrix) ist Riemelt darin als der Berliner Panzerknacker Wolfgang zu sehen, der plötzlich mental mit sieben Fremden aus aller Welt verbunden ist, was zu allerlei Verwicklungen führt, während er nebenbei einen erheblichen Vaterkomplex mit sich herumschleppt, der vor allem darin besteht, dass er als Kind seinen Vater getötet hat.

Der neigte nicht nur zu durchaus gewalttätigen Erziehungsmethoden, sondern pflegte auch stets zu sagen: „Im Leben geht es nur um fünf Dinge: Essen, trinken, scheißen, ficken und dann um mehr kämpfen.“ Obwohl, eigentlich sagt er es auf Englisch, Sense8 ist ja eine amerikanische Produktion. Im Kontext der Serie macht so ein Shirt natürlich Sinn, davon losgelöst wirkt es an Riemelt allerdings ein wenig zu grob. Andererseits ist der Schriftzug auf dem Shirt auch einigermaßen klein.

Max Riemelt, 31 Jahre alt, geboren und aufgewachsen in Berlin-Mitte, Vater einer Tochter, steht vor der Kamera, seit er 13 ist. Er sagt, er habe über einen Freund der Mutter zur Schauspielerei gefunden. Warum? „Um nicht auf der Straße herumzuhängen.“ Weil es anfangs mit den Rollen nicht so recht klappt, legt er sich bei Vorsprechterminen bald eine Scheißegal-Haltung zu, die eines Tages dann genau dem entspricht, wonach der Regisseur eines ZDF-Zweiteilers sucht.

Riemelt bekommt in Eine Familie zum Küssen seine erste Rolle und hört seither nicht mehr mit dem Arbeiten auf. Seine Filmografie zählt mittlerweile 60 Einträge, wobei Sense8 in Sachen Außenwirkung der vorläufige Höhepunkt ist.

INTERVIEW: Verstehen Sie die Handlung mittlerweile?

RIEMELT: Ja.

INTERVIEW: Sie wissen also, um was es bei der Serie geht?

RIEMELT: Ja, aber nur auf Grundlage des Drehbuchs. Ohne es gesehen zu haben, war es wirklich schwer zu ermessen, wie es funktionieren soll, in der Realität der anderen aufzutauchen.

INTERVIEW: Sie meinen, was es inhaltlich bedeutet?

RIEMELT: Ja, und wie es aussieht. Das habe ich die Wachowskis auch gefragt, als ich sie das erste Mal getroffen habe: Wird man wie bei Star Trek in eine Szene hineingebeamt? Die wussten das zu dem Zeitpunkt aber selber noch nicht.

Max Riemelt: “Dass den Leuten mein Körper gefällt, damit habe ich kein Problem”
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Nun verlangt die Serie den Zuschauern nicht nur in intellektueller Hinsicht einiges ab – auf welche Weise sind die acht Fremden miteinander verbunden, wer jagt sie und warum, und was hat eigentlich Daryl Hannah als transzendentale Sense8-Übermutter mit all dem zu tun? Sense8 setzt auch in Sachen lebensweltlicher Vielfalt Maßstäbe. Es gibt eine transsexuelle Hackerin, die mit ihrer Freundin gleich in der ersten Folge einen regenbogenfarbenen Umschnalldildo zum Einsatz bringt; einen schwulen Schauspieler, der mit einem Mann und einer Frau in einer Dreierbeziehung lebt, wobei die Frau ihren Kick daraus zieht, den beiden beim Sex zuzuschauen; es gibt, da ja alle miteinander verbunden sind und problemlos Zugriff aufeinander haben, eine bezaubernde Crossover-Orgie, bei der sexuelle Vorlieben keine Rolle mehr spielen.

Schon mit dem Drama Freier Fall (2013) hatte sich Riemelt ein internationales Publikum erarbeitet. Darin war er als charismatischer Bulle zu sehen, der das Leben seines Kollegen (Hanno Koffler) gründlich durcheinanderbringt, als er eine Affäre mit dem verheirateten Familienvater anfängt. Der Film, eine kleine Produktion, fand Fans in den entlegensten Winkeln der Welt und machte Riemelt und Koffler zu einer Art Traumpaar des deutschen Films. Eine Crowdfunding-Kampagne für die Fortsetzung soll bald starten, auch die zweite Staffel der Netflix-Serie ist bereits in Planung.

RIEMELT: Dass es viel nackte Haut gibt, auch von mir, freut die Leute natürlich. Was ich nicht schlimm finde. Obwohl ich schon oft darüber nachdenke, ob man mit solchen Szenen etwas preisgibt, das man nicht unter Kontrolle hat.

INTERVIEW: Wie meinen Sie das?

RIEMELT: Na ja, es kommt halt darauf an, in welchem Kontext so eine Szene eingesetzt wird. Wie wird die Figur dargestellt? Wird eine Nacktszene benutzt, um etwas vordergründig interessanter zu machen? Aber so ist es hier ja nicht. Schon als ich die Beschreibung der Figur gelesen habe, war mir klar, dass die Szenen sein müssen, um die Figur zu charakterisieren. Also gibt es die Szene mit freiem Oberkörper in der Disco, also gibt es die Schwimmbadszene. Dadurch erklärt sich die Einstellung meiner Figur zu ihrem Körper. Man muss sie dann nicht extra verbal thematisieren. Und dass die Leute davon angesprochen werden, ist dann natürlich eine andere Sache. Aber dass denen mein Körper gefällt, damit habe ich kein Problem.

INTERVIEW: Andersrum wäre es ja auch blöder.

RIEMELT: Genau.

INTERVIEW: In welchem Schwimmbad wurde überhaupt gedreht?

RIEMELT: Im Stadtbad Neukölln. Mir hat jemand gesagt, dass in dem Pool, in dem wir die Orgie haben, auch David Bowie mal gefilmt hat.

INTERVIEW: Ja, die Orgie war auf jeden Fall auch ein …

RIEMELT: Highlight! (lacht)

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