MIKE SHINODA

Vor etwa einem Jahr nahm sich Chester Bennington, der Frontmann von “Linkin Park”, das Leben. Auf dem neuen Album seines Bandkollegen Mike Shinoda dreht sich alles um diesen Verlust. Mit “Post Traumatic” verarbeitet der 41-jährige Rapper seine dunkelsten Stunden mit sich selbst und seinen Weg aus der Sinnkrise.

TAHIR CHAUDHRY: Wie geht es dir?

MIKE SHINODA: Mir geht es gut, habe nur einen Jet-Lag.

TC: Wann hast du aufgehört einfach nur mit “I’m fine” zu antworten?

MS: Diesen bullshit gebe ich spontan immer noch von mir. Aber die Realität ist… Wenn du und ich ein Gespräch führen wollen, dann wäre das Erste, was ich tun würde, dir mitzuteilen, dass ich guten Mutes bin, auch wenn sehr müde. Und du könntest mir erzählen, dass dein Zwillingsbruder sehr krank ist, gerade im Krankenhaus liegt und du dich um ihn sorgst. Das würde sich auf meine Fähigkeit auswirken, Mitleid zu empfinden und verständnisvoll zu sein. Deshalb hatten wir als Band vor ein paar Jahren damit angefangen, jede Studiosession und Besprechung mit einem Check-In darüber einzuleiten, wie es jedem Einzelnen in der Runde wirklich geht. Das war sehr hilfreich für den Umgang untereinander.

TC: Wie offen gehst du auch im Alltag mit deinen Gedanken und Gefühlen um?

MS: In dem Maße offen, wie es angemessen ist (haha). Ich möchte anderen Menschen gegenüber fair sein. Aber manchmal sind meine Gedanken und Gefühle nicht fair. Erst letztens hat mir mein Manager eine E-Mail mit all den unbearbeiteten Punkten geschickt, die sich zwischenzeitlich verkompliziert hatten. Meine emotionale Reaktion war: “Das stresst mich! Sag mir das nicht!” (haha). Ich finde, dass viele negativen Dinge darauf basieren, dass etwas außerhalb unserer Kontrolle liegt. Dann fängt es an, unangenehm zu werden. Mein neues Album ist nichts anderes als der Versuch, das, was geschieht, kontrollierbar und vorhersehbar zu machen.

TC: Apropos vorhersehbar. Heute ist Promo-Tag und du gibst schon stundenlang Interviews. Warum machst du das?

MS: Vieles ist tatsächlich derselbe Kram, aber das gehört dazu, wenn man Presse macht. Deshalb habe ich mich im Vorfeld auch gefragt: kann ich ein Album machen und es nicht promoten? Sicher, aber dann würden die Leute noch neugieriger darüber sein, was los ist und annehmen, etwas würde nicht stimmen. Ich mache Interviews seit 15 Jahren und ich kann jetzt nicht einfach still sein.

TC: Reden wir über deine Fans, speziell über die jüngeren unter ihnen. Gibt es etwas, was dir in Bezug auf ihre Lebensrealität Sorgen bereitet?

MS: Es muss derzeit sehr bedrückend für sie sein, die Nachrichten zu lesen und so miteinander verbunden zu sein, wie alle heutzutage nunmal sind – gerade wenn sich ihr Bewusstsein noch entwickelt. Ich erinnere mich daran, als ich ein junger Teenager war und zu realisieren begann, wie groß die Welt war, wie die Politik funktionierte und die Verzwickungen kleiner Elitegruppen in den Entscheidungsprozessen über das Schicksal des ganzen Planeten… das ist eine schreckliche Sache! Diese Dinge werden sehr lebendig, ungeschnitten und manchmal überdramatisiert durch die sozialen Medien an die jungen Menschen herangetragen. Es ist heute leichter an Informationen zu kommen, weil alles viel transparenter als zuvor ist. Das muss sehr hart für sie sein, besonders wenn sie hormonelle Veränderungen durchmachen. Ich beneide sie nicht.

TC: In unserer medialen Welt sind wir ständig mit Bildern konfrontiert, die uns zeigen, welche großartigen Dinge wir nicht haben oder tun. Wir haben Angst davor, in der sozialen Irrelevanz zu enden. Das macht krank.

MS: Und deshalb müssen wir mehr über mentale Gesundheit sprechen. Ich hoffe, dass die jungen Leute wissen, dass es hilft, darüber zu reden und ehrlich mit den eigenen Gefühlen umzugehen. Manchmal hilft es schon, einfach zu akzeptieren, dass man sich negativ und depressiv fühlt. Wenn man das thematisiert, zerrt man den Dämon aus der Dunkelheit ins Licht und merkt, dass er kleiner als gedacht ist.

TC: Metal und Indie haben schon immer ins Düstere und Verstörende tendiert. Heute sehen wir, dass diese Elemente auch in das Rap- oder Pop-Genre wandern.

MS: Die Indie Musik, mit der ich aufgewachsen bin, war tatsächlich immer sehr depressiv, aber Metal hatte immer verschiedene Ausdrucksformen. Aber klar, heute gibt es unter neuen Metal-Bands den Trend, sich kaputt, depressiv und traurig zu zeigen. Die neue Bewegung der R&B und Pop-Musiker, die über depressives Zeug singen, sagt so einiges aus. Es spiegelt die Entwicklungen der Statistiken über Depressionen und Selbstmord wieder. Als der Indie-Garage-Rock durch Vertreter wie “The Strokes” oder “Franz Ferdinand” wiederkam, habe ich mich viele Jahre darüber gewundert, dass es keine gefühlvolle Musik war, die Leute waren eher ein bisschen in Feierlaune. Die Leute haben nicht das thematisiert, was sich in ihren Köpfen abspielte und Metal war fast am Aussterben. Und ich fragte mich, was mit all den Jugendlichen ist, die sehr starke Emotionen haben. Was werden sie mit diesen jetzt anstellen? Aber heute scheinen die ja viele Optionen dafür zu haben.

TC: Optionen wie Pop-Punk oder beispielsweise Emo-Rap mit Rappern XXXTentacion, Lil’ Xan or Lil’ Peep, die ihre Selbstzerstörung öffentlich zelebrierten. Warum wirkt das so anziehend auf die junge Generation?

MS: Ich denke, weil sie sich danach fühlen. Vielleicht ist das eine überzeichnete Version dessen wie sie sich gerade fühlen, aber eventuell auch nicht. Mich überrascht es nicht. Das ist wieder Emo im Gewand eines neuen Genres. Ich denke, die Songtexte sind etwas übertrieben, glaube aber, dass sie einem echten Gefühl entspringen. Am Anfang unserer Karriere mit Linkin Park gab es Orte, an denen man Angst davor hatte, uns live spielen zu lassen. Sie hatten die Sorge, dass ein Song wie „One Step Closer“ mit “Shut up when I’m talking to you” oder “I’m about to break” schlecht für die Jugendlichen sein könnten. Aber wir haben ihnen gezeigt, dass unsere Herangehensweise anders war. Es ging uns darum, den Frust rauszulassen und daraus eine positive Erfahrung zu machen, die Menschen mit einem besseren Gefühl entlässt.

TC: Dein neues Album heißt “Post Traumatic”. Ich denke jeder würde gerne traumatisch Erfahrungen vergessen wollen. Versuchst du mit diesem Album, deine Traumata sozusagen in dein Leben zu integrieren?

MS: Nein, das ist nur eine Reaktion auf die bestehende Realität. “Post Traumatic” bezieht auf den Stress, mit dem ich zu kämpfen hatte und es bezieht sich auch auf meine Reise aus der Finsternis heraus. Für mich endet diese Reise nicht mit dem Ende des Albums. Sie endet nie. Es ist ein Weg ohne gute oder schlechte Konnotation. In der Geschichte meiner Karriere ist vor einem Jahr etwas sehr Schlimmes geschehen. Das verlangt nach einem neuen Kapitel.

TC: Warum war es dir wichtig, dein neues Album selbst aufzunehmen, zu produzieren und visuell zu gestalten?

MS: Weil es ein persönliches Thema ist. Es hat sich nur richtig angefühlt, es Solo zu machen. Denn meine Gedanken sind meine Gedanken, die können sich von anderen unterscheiden. Wenn du meinen Bandkollegen fragen würdest, wie er sich fühlt und er “Mir geht’s gut” antwortet, aber du mich fragst, der daneben sitzt und sich schlecht fühlt, dann würde seine Antwort nicht meine Realität widerspiegeln. Es ist eine komplexe Angelegenheit, sich mit einer Gruppe auseinanderzusetzen, wenn es um den Gefühlszustand und Entscheidungsfindung geht. Mit diesem Album wollte ich hinaus in die Welt und spontan sein, damit die Dinge weiterlaufen zu lassen.

 

Mike Shinoda: “Chester zu verlieren ist vielleicht so, als würde man ein Körperteil verlieren. Ich habe zwar nie noch einen Arm oder ein Bein verloren, aber man erwartet, dass sie da sind. Es ist Teil deines Wesens. ”
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TC: Früher hast du Songs über die inneren Kämpfe von deinem Bandkollegen Chester Bennington geschrieben und er mochte sie. Wie warst du in der Lage diese Gefühle so genau nachzuzeichnen?

MS: Wir verbrachten Unmengen an Zeit zusammen. Wir sind immer gemeinsam zu unseren Shows gereist. Wenn wir fuhren oder flogen und wenn wir im Studio waren, redeten wir andauernd über die Themen unserer Songs, die wir schrieben oder schreiben wollten. Wir sprachen über tatsächliche Begebenheiten, an die uns ein bestimmter Songtext erinnerte.

TC: Wie lief das ab?

MS: Eine bewährte Technik ist, dass wenn du einen Song schreiben willst und dafür mehr Material brauchst, dann sage ich zum Beispiel: “Dieser Song ist über das, was dir und deinem Freund letzte Woche passiert ist, als er dich anrief. Er schrie dich an und du wusstest nicht einmal, warum er so wütend und so unhöflich war”. Dann würdest du sagen: “Ich weiß, er hat mich so angepisst. Was weiß er schon? Er ruft mich nur an, um mich anzuschreien, weil er traurig war, aber das ist doch nicht mein Fehler”. Solange du reden würdest, würde ich alle interessanten Dinge mitschreiben. Fast wie in einer Therapie-Sitzung.

TC: Bis jetzt habe ich glücklicherweise niemanden verloren, der mir so nahe stand wie dir Chester. Ich kann mir nicht vorstellen, wie es sich anfühlt, einen so engen Freund zu verlieren. Kannst du das beschreiben?

MS: Nein, ich kann das nicht. Weil meine Situation zum Beispiel nicht vergleichbar ist mit der von Leuten, die deren Zwillingsbruder oder -schwester verlieren. Ich kann mir nicht vorstellen wie das ist. Und genauso ist meine gesamte professionelle Karriere mit ein und derselben Gruppe von Leuten verbunden. Alles baute darauf auf. Ich konnte in so vielen verschiedenen Stilen schreiben, wohlwissend, dass Chester das wundervolle Talent besaß, diese perfekt rüberzubringen. Dass mir das weggenommen wurde, war einfach… schrecklich.

TC: Ich verstehe.

MS: Vielleicht ist es so als würde man ein Körperteil verlieren. Ich weiß auch nicht wie sich das anfühlt. Ich habe zwar nie noch einen Arm oder ein Bein verloren, aber man erwartet, dass sie da sind. Du nutzt sie und vertraust auf ihre Verfügbarkeit. Es ist Teil deines Wesens. Vielleicht wird auch das, was ich gerade gesagt habe, mir in einer Woche dumm erscheinen (haha). Vielleicht auch nicht.

Mit Chester Bennington bei der Comic-Con International 2014 | Foto: © Kevin Winter / Getty Images

TC: In deinem Song “Place to start” geht es auch um dieses neue unbekannte Gefühl nach einem Verlust. Du rappst: Feeling like I’m living in a story already written / Am I part of a vision made by somebody else?. Was meinst du damit?

MS: Am Anfang meines Albums habe ich Dinge gesagt, die sich in den jeweiligen Momenten richtig anfühlten. Das war die Zeit als ich alles in Frage gestellt habe. Ich hatte keine Antworten. Deshalb enden viele der Aussagen mit einem Fragezeichen. Ich fragte mich zum Beispiel: “Ist meine Karriere vorbei?” und ich hatte diese schrecklichen Selbstzweifel wie “Bin ich überhaupt gut?”. Das oben genannte Zitat behandelt das Gefühl, das aufkommt, wenn man zu Beginn eines Filmes schon weiß, wie er enden wird. Es gibt Filme, die damit spielen. Im Film “Arrival” verlieben sich zwei Menschen ineinander und sie weiß, dass es mit ihm am Ende furchtbar sein würde. Sie weiß das und will dennoch all die schönen Jahre dazwischen erleben. Genau deshalb gehört unser Song „In the End“ zu meinem aktuellen Tour-Set.

TC: Wenn du dein Leben als eine große Geschichte betrachtest, wie würde ihre Moral lauten?

MS: Sie ist noch unvollendet. Als mein neues Album fertig wurde, wusste ich, dass es nur ein Teil meiner Wikipedia-Seite sein würde. Ich habe nicht die Absicht etwas zu erzwingen. Ich will mich nicht unbedingt treiben lassen, aber ich will die Wellen reiten, um zu sehen, wohin sie mich führen und was danach kommt. Und während das geschieht, weiß ich auch, dass Gemeinschaft und Austausch ein wichtiger Teil dessen sind. Wenn ich ein bestimmtes Gefühl oder einen Gedanken habe und auf eine gegensätzliche Meinung stoße, dann versuche ich mich höflich und respektvoll damit auseinanderzusetzen. Das ist eine wichtige Erkenntnis für mich.

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