NETTA BARZILAI

Mit ihrem kimonoartigen Gewand und Huhngeräuschen ist die Israelin Netta Barzilai schon jetzt eine Kultfigur. Die Siegerin des Eurovision Song Contests überzeugte Europa mit ihrem Song Toy – musikalisch eine Mischung aus K-Pop, Pop und nahöstlichen Klängen.

Foto: © Daniel Kaminsky

TAHIR CHAUDHRY: Hast du dich von dem Trubel der vergangenen Tage und Wochen erholt?

NETTA BARZILAI: Nicht ganz. Das ist eine surreale Erfahrung. Es ist alles ein bisschen viel für mich. Es ist etwas Unglaubliches passiert – für Israel, aber auch andere Länder Europas. Sehr viel positive Energie wurde dadurch ausgestrahlt. Das ist eines der schönste Dinge, die ich mit eigenen Augen gesehen habe. Es ist schwer zu begreifen, dass man selbst das Gesicht von all dem ist.

TC: Kannst du überhaupt noch in Ruhe einkaufen gehen?

NB: Auf gar keinen Fall. Ich brauche jetzt Sicherheitsleute, die mich auf der Straße begleiten. Es fühlt sich jedesmal wie ein Spezialeinsatz an. Ich muss begreifen, dass ich keine Privatperson mehr bin. Es ist so absurd! Vor sechs Monaten war ich noch eine erfolglose Musikerin und heute bin ich als diejenige bekannt, die eine ganze Nation stolz gemacht hat. Die Menschen kommen einem plötzlich ganz nah, umarmen einen ständig, geben einem so viel Liebe…

TC: …und Journalisten stellen in Interviews immer dieselben Fragen. Welche kannst du nicht mehr hören?

NB: Eigentlich nicht, aber zu Beginn war es schon sehr ermüdend für mich, die Frage zu beantworten: “Wie ist das für dich, berühmt zu sein?”. Mittlerweile geht das. Denn immer wenn mir Menschen dieselben Fragen stellen, denke ich über sie aus einem anderen Blickwinkel nach.

TC: Früher bist du auf Hochzeiten und in kleineren Clubs aufgetreten. Beim ESC haben dir fast 200 Millionen zugeschaut.

NB: Das ist unglaublich. Als ich auf die Bühne ging, habe ich mir selbst eingeredet: dieser Auftritt ist nicht anders als eine Hochzeit, nur etwas größer, aber mit derselben Botschaft, derselben Energie und demselben vibe. Also sei so wie du bist und mach deinen Job! Wenn du dir das vor Augen hältst, dann ist es dir egal, ob dir Millionen von Menschen zuhören oder nur 50.

TC: Welche Jobs musstest du früher neben deiner Musik machen, um dich über Wasser zu halten?

NB: Kellnern zum Beispiel. Ich war eine sehr schlechte Kellnerin. Immer wieder habe ich das Geschirr fallen lassen und kaputt gemacht. Trotzdem habe ich viel Trinkgeld bekommen, weil ich den Gästen ganz offen gesagt habe, welches Gericht scheußlich und welches lecker schmeckt. Der Besitzer des Lokals hat mich gehasst (haha). Ich habe auch im Kindergarten gearbeitet. Ich habe oft für die Kinder gesungen. Ich liebe Kinder. Sie sind die reinsten und ehrlichsten Kräfte in dieser Welt. Die Arbeit als Erzieherin hat mir großen Spaß gemacht.

TC: Haben sich deine ehemaligen Kollegen nach deinem Erfolg bei dir gemeldet?

NB: Ja, alle. Natürlich. Du darfst niemals vergessen, wo du herkommst. In der Bar, wo ich vier Jahre lang ausgeschenkt habe, werde ich bald auftreten – nur zum Spaß. Auch wenn ich jetzt bei jedem Event fünfzig mal mehr Menschen erreiche, denke ich noch an meine alten Freunde zurück. Mein Herz ist noch bei ihnen.

TC: Wie hat sich dein Tagesablauf nach deinem ESC-Sieg verändert?

NB: Morgens, nachdem ich aufstehe, rufe ich meinen Stylisten an und frage ihn, was ich heute tragen soll. Das entscheide ich heute nicht mehr selbst. Ich wache nicht einmal mehr selbst auf (haha). Ich habe ein Team von fast 30 Leuten um mich herum, das sich um verschiedene Aufgaben kümmert. Das ist etwas, was ich schon immer gebraucht habe. Ich brauchte unbedingt Hilfe, um mein Leben auf die Reihe zu bekommen. Es fühlt sich einfach gut an, zu sehen, was meine Kunst bewirkt hat. Wie das, was ich denke, sage und erschaffe, bei so vielen Menschen für Brot auf ihre Tische und Freude in ihre Herzen sorgt. Das macht mich so glücklich.

TC: Du warst dein Leben lang eine Außenseiterin. Woran lag das?

NB: Ich bin in Nigeria aufgewachsen, wo mein Vater als Vertreter eines israelischen Unternehmens arbeitete. Dort ging ich auf eine internationale Schule mit Schülern unterschiedlicher Abstammungen. Wir alle waren äußerlich verschieden, unsere Persönlichkeiten standen im Vordergrund. Unter den vierzig Mitschülern stach ich als starke, aufmüpfige Israelin hervor. Ich war anders und das galt als schlecht und beängstigend. Man schob mich beiseite. Ich gehörte keiner Gruppe an. Ich wurde als letztes ausgesucht und dafür ausgelacht, dass ich ich behaart, fett und langsam war. Viele Jahre lang wurde ich so gemobbt.

TC: Wie bist du damit umgegangen?

NB: Ich glaubte, dass das was über mich behauptet wurde, stimmte. Nämlich, dass ich es nicht verdiente, frei und glücklich zu sein. Man sagte mir, was ich zu denken, wie ich mich zu verhalten und zu kleiden hatte. Über eine lange Zeit hinweg beugte ich mich diesem Diktat. Das einzige, was mir Anerkennung und Freude brachte, war die Musik. Trotzdem war ich unzufrieden. Ich machte unzählige Diäten, was alles ruinierte, das in meinem Körper war. Erst dann wurde mir bewusst, dass ich da nicht mehr mitmachen wollte und einfach ich selbst sein wollte. Heute ist alles anders. Ich fühle mich frei.

TC: Dein Song “Toy” zählt knapp 60 Millionen Klicks auf Youtube. Alles, was du dazu brauchtest war eine feministische Hymne mit Huhngeräuschen. Woher kam die Inspiration dafür?

NB: Ich hatte an einer israelischen Reality-Show teilgenommen, wo es darum ging, einen Vertreter für den Eurovision Songcontest zu wählen. Damals war ich noch ein richtiger Underdog. Als ich dort mit meinem Looper [Ein Gerät, in das Sounds einspielt und in Endlosschleife wiedergegeben werden können] aufkreuzte, war es mir sehr wichtig, dass niemand sich in meine Kunst einmischt. Aber dann kamen zwei Songschreiber mit einem Text auf mich zu, der durch meine Art von Kunst inspiriert war. Es war ein Text zur #MeToo-Bewegung. Dieser wurde dann beim Entscheidungskomitee eingereicht.

TC: Siehst du dich als Stimme einer Bewegung?

NB: Nein, ich bin die Stimme von niemandem und das Gesicht von niemandem außer mir selbst. Ich habe den Text nie nur als Hymne des Empowerment für Frauen angesehen, sondern als Hymne der Emanzipation für alle Menschen, den man einredet, sie seien nicht schön, stark oder schlau genug, um ihre Träume zu verwirklichen. Der Sound von “Toy” ist auch sehr speziell. Er ist funky, selbstbewusst und gleichzeitig ängstlich, was durch die Huhngeräusche symbolisiert wird. Es ist die Angst vor dem, was anders ist.

Netta Barzilai: “Die durchschnittliche Kleidergröße bei Frauen in der Welt liegt bei 42. Und trotzdem gibt es in vielen Geschäften keine Kleider in dieser Größe. Das macht Frauen depressiv.”
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TC: Deine Fans loben dich dafür, dass du für Andersartigkeit, Authentizität und Freiheit wirbst. Warum ist es deiner Meinung nach wichtig, diese Werte gerade in diesen Zeiten zu betonen?

NB: Wow. Das ist eine großartige Frage. Als ich ein Kind war… ein sehr unglückliches Kind, sah ich in Zeitschriften und im Fernsehen nur eine Art von Idolen: dünn, schön, eintönig. Es gab keine echte Diversität. Ich bin überzeugt, dass wir uns als Spezies nicht weiterentwickeln können, solange wir uns nicht ändern. Die durchschnittliche Kleidergröße bei Frauen in der Welt liegt bei 42. Und trotzdem gibt es in vielen Geschäften keine Kleider in dieser Größe. Das macht Frauen depressiv. Deshalb ist es mir wichtig, dagegen zu protestieren und frei zu sein.

TC: Aber die Selbstdarstellung als andersartiger, authentischer und freier Mensch ist doch ein Widerspruch in sich. Denn an einem gewissen Punkt wirst du Gefangene des Images sein, das Leute von dir haben. Wie kannst du garantieren, dass du weiterhin frei in deiner Kunst bleibst?

NB: (haha) Wir müssen immer…immer…immer versuchen uns aus den Gefängnissen unserer Selbst zu befreien. Es gibt immer selbstauferlegte Gesetze, die es zu brechen gibt. Ich werde ständig mein eigenes Image zerstören müssen. Das wird eine große Herausforderung sein, denn ich bin bekannt für die Art, wie ich mich bisher gezeigt habe. Beyoncé hat mal schön gesagt, dass sie versucht, sich immer wieder anders zu entwickeln und neu zu erfinden. Kunst ist nichts anderes als die Schubladen, in denen wir stecken, zu zerstören. Mein Plan ist es, mich mein ganzes Leben lang zu verändern. Die Erfahrungen, die ich gemacht habe, sind die unglaublichsten, die man machen kann. Wir hören nie damit auf, uns selbst ins Staunen zu versetzen, wenn wir uns dafür entscheiden.

TC: Viele Kommentatoren haben geschrieben, dass dein Erfolg in einer Zeit kam, die schwer für dein Land war. Sorgst du dich darum, dass deine Kunst für politische Zwecke missbraucht werden könnte?

NB: Ich fühle mich stark genug, um das nicht zuzulassen. Ich möchte, dass niemand meine Musik antastet, die so viele Herzen berührt hat. Sie soll rein bleiben. Natürlich kann ich über Politik sprechen, aber jede Positionierung würde meine Musik für einen Teil der Hörerschaft ruinieren. Ich möchte, dass meine Musik so viele Menschen wie möglich erreicht.

TC: Neben den vielen positiven Reaktionen, die deine Musik hervorgerufen hat, gab es auch viel Gegenwind. Welche Darstellung deiner Person hat dich am meisten verletzt?

NB: Mich verletzt es, wenn Menschen mich politisch nehmen, obwohl ich als Künstlerin offensichtlich nichts damit zu tun habe. Und wenn Menschen, meine Absichten nicht verstehen. Es ist okay, wenn man sagt, dass ich fett und hässlich bin, aber mich mit etwas in Verbindung zu bringen, was ich nicht bin, das schmerzt.