Olga Scheps

Die Konzertpianistin Olga Scheps, über deren Chopin-Interpretationen der verstorbene Joachim Kaiser schrieb, dass selbst er ”Chopin so noch nie gehört“ habe, hat ein Album aufgenommen mit Variationen und Interpretationen von Werken der Band Scooter. Das Gespräch fand nach ihrem Konzert „100% Scooter“ in Berlin statt.

Foto: Peter Rigaud

JOACHIM BESSING: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, das Repertoire von Scooter zu interpretieren?

OLGA SCHEPS: Die Band feiert in diesem Jahr ihren 25. Geburtstag.

JB: Na gut, aber als Konzertpianistin kennt man doch diese Band eigentlich nicht.

OS: Das ist ein Vorurteil. Ich bin generell an Musik interessiert.

JB: Aber bei Scooter wird doch eigentlich nur eine einzige Taste wiederholt gedrückt.

OS: Nicht ganz. Es gibt verschiedene Musik. Auch innerhalb der klassischen Musik gibt es viele verschiedene Stile. Scooter war in meiner Generation immer schon da. Ich gehe ja nicht nur in klassische Konzerte. Ich gehe auch auf Partys. Man kriegt diese Musik also mit. Dann wurde ich angerufen und gefragt, ob ich Lust hätte, bei diesem Projekt mitzumachen. Die Arrangements, Bearbeitungen und Variationen wurden von Sven Helbig geschrieben, zusammen mit dem Komponisten Clemens Pötzsch – die Mitwirkung dieser beiden war dann auch aussschlaggebend dafür, dass ich mich dazu entschlossen habe, mitzumachen. Die Botschaft war: Es soll ein reines Klavieralbum entstehen, aber es herrscht künstlerische Freiheit. Das gibt es in der Klassik selten. Dabei waren Variationen und Bearbeitungen über die Jahrhunderte eine gängige Art, Musik zu machen. Beethoven hat das schon gemacht. Chopin hat das gemacht. Rachmaninov ganz viel. Das Tolle an diesem Projekt war dann auch, wie Sven Helbig die Melodien von Scooter umgesetzt hat.

JB: Wie nennt sich das unter Pianisten, wenn, wie hier am Anfang von „How Much is The Fish“ dieses melancholische Tröpfeln erklingt?

OS: Das Tröpfeln nennt man entweder Staccato oder man schreibt einfach Piano, Pianissimo. Die Spielweise ergibt sich aus dem Charakter des Projekts. Bei 100% Scooter ging es nicht darum, die Stücke nachzuspielen, sondern neu zu erschaffen. Die Klavierstücke haben teilweise einen musikalischen Charakter, der mit der urspünglichen Idee von Scooter beinahe nichts mehr zu tun hat. „How Much is The Fish“ ist ja eigentlich ein energetisches Stück, das gute Vibes verbreiten soll.

JB: Auch stumpfe.

OS: Ich empfand es nicht als stumpf. Was Sven und ich gemacht haben, waren neue Skizzen, neue Moods, inspiriert von unterschiedlichen Musikrichtungen. Das Stück „Maria, I Like it Loud“, das ich heute als zweites Solostück gespielt habe, war inspiriert durch eine Fuge von Johann Sebastian Bach. Das erste hingegen, „How Much is The Fish“ erinnert mich sehr an Ludovico Einaudi.

Olga Scheps: “Ich weiß nicht, ob man mich Medium nennen kann. Eine Bekannte von mir ist zu einem Medium gegangen, um sich die Zukunft vorhersagen zu lassen.”
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JB: Glauben Sie, dass Sie so eine Art Medium sind?

OS: Ich weiß nicht, ob man mich Medium nennen kann, aber generell bin ich durchlässig. Eine musikalische Idee geht durch mich hindurch und dann weiter an die Zuhörer. Ich interpretiere – das ist wie Schauspielerei. Ich versetze mich in eine Rolle, die es irgendwie schon gibt. Ich interpretiere sie auf meine Art. Oftmals spiele ich Stücke von Komponisten, die längst von uns gegangen sind. Für mich ist es wichtig, mich damit zu beschäftigen, was in dem Leben des Komponisten vorgegangen ist, während er dieses Stück geschrieben haben wird. Es klingt vielleicht ein bisschen flach, aber mir geht es darum, Gefühle und Gedanken zu vermitteln. Deshalb muss man verstehen, was der Komponist mit dem Stück bezwecken wollte. Wollte er vielleicht sogar seiner Realität entfliehen? Etwas Märchenhaftes erschaffen, wie Tschaikowsky das in seiner Nussknackersuite gemacht hat. Bei Sergej Prokoviev finden Sie das auch ganz stark, seine Flucht in märchenhafte Welten. Das alles muss ich versuchen zu verstehen. Auf meine Art gebe ich es dann wieder – wie definiert man ein Medium?

JB: Für mich ist ein Medium wie ein Kaffeefilter. Das Problem des Kaffeefilters ist dann, das etwas in ihm zurückbleibt durch den Prozess.

OS: So gesehen nehme ich auch etwas auf. Ich kenne den Begriff des Mediums aus einem anderen Zusammenhang: Eine Bekannte von mir ist zu einem Medium gegangen, um sich die Zukunft vorhersagen zu lassen.

JB: Gibt es schlechte Musik?

OS: Das ist Geschmackssache.

JB: Es gibt ja nicht wenige Leute, die behaupten, Scooter macht schlechte Musik.

OS: Aber auf dem Klavier dargestellt haben wir andere Klangmöglichkeiten. Das Klavier ist ein akkustisches Instrument. Es gibt kein Playback, keine Bühnenshow, nur das Instrument, den Saal und das Publikum. Ein Scooter-Konzert ist, glaube ich, etwas vollkommen anderes.

JB: Es fehlt bei Ihnen ja auch das Schlagwerk. Wird es einen Scooter-Remix Ihrer Interpretationen geben?

OS: Nein, das war von Anfang an gar nicht geplant. Das hätte ich dann auch nicht gemacht. Ich finde es nicht interessant, wenn man ein Stück nimmt und einen Beat unterlegt.

JB: Hat HP Baxxter Ihnen mitgeteilt, ob ihm Ihre Interpretationen gefallen?

OS: Da müsste man ihn direkt fragen. Seine Mutter ist Klassikfan. Er kennt auch erstaunlich viele klassische Stücke.

JB: Sie selbst sind ja eher Chopin-Spezialistin, wenn ich nicht irre.

OS: Ja.

JB: Gibt es denn irgendeine Verbindung zu Chopin, die sie in den Kompositionen von Scooter erkennen konnten?

OS: Frédéric Chopin ist vom Charakter, vom Inhalt seiner Musik sehr selten. Es sind eindeutig verschiedene Stile. Aber die Botschaft der Musik ist sehr ähnlich. Musik wird von uns Menschen erschaffen, jeder drückt auf seine Weise aus, was in uns vorgehen kann. Die Musik von HP Baxxter schätze ich als vom extrovertierten Typus ein. Als sehr gradlinigen Typ. Ich glaube Chopin war vom Typ ganz anders. Er war introvertiert, hat überwiegend für Klavier komponiert und nur einige wenige Kammermusikstücke, zwei Klavierkonzerte und eine Cellosonate geschrieben. Aber in dieser Cellosonate spielt das Cello nur einen Ton, während das Klavier dreißigtausend Töne spielt. Chopin war aufs Klavier fixiert und das war seine Art, es auszuleben. Er hat seine Stücke auch selbst interpretiert. Er lebte zurückgezogen. Ein sensibler Mensch.

JB: Hat die Arbeit an diesen Interpretationen für Sie auch Entspannung bedeutet; mal etwas anderes zu spielen als die Partituren der klassischen Komponisten?

OS: Nein. Ich habe mich genau so ins Spiel hineinbegeben wie sonst auch. Und es war ja insgesamt eine neue Welt für mich. Das Studio, in dem wir aufgenommen haben, hat eine sehr trockene Akkustik. Chilly Gonzales hat dort aufgenommen. Bei Jazzern ist es auch beliebt. Klassik würde man dort normalerweise nicht aufnehmen.

16.05.2018 | Kategorien Interviews, Musik | Tags , , , , , ,