Oliver Masucci

Nach einer Theaterkarriere wurde er für seinen Dr. Müller-Todt in „HERRliche Zeiten“ für den Deutschen Filmpreis nominiert. Der neue Film von Oskar Roehler läuft seit dem 3. Mai in den deutschen Kinos.

Da spannt die Gesichtshaut: Oliver Masucci als Dr. Müller-Todt

 Von: Joachim Bessing

Oliver Masucci: Mein Magen grummelt.

Joachim Bessing: Mir ist auch schlecht. Gestern war ich bei einem Essen in der Paris Bar, und irgendwie war mir heute Morgen nicht wohl.

OM: Was haben Sie gegessen – Austern?

JB: Nein, Fleisch. Und Bohnen. Vielleicht zu viel Bier.

OM: Bier, ah. Bei mir liegt es am Jump House, da war ich mit meinen Kindern.

JB: Was ist denn das?

OM: Das sind diese Riesenhallen, in denen ohne Ende Trampoline stehen. Auf denen springen die Kinder dann herum. Meine Kinder sind 9 und 13, die wollten, dass ich mitmache. Ich mit meinem Bandscheibenvorfall – immer wieder die Kompression. Da hatte ich nicht nachgedacht. Nach einer Dreiviertelstunde bin ich zusammengebrochen.

JB: Wer kann denn eine Dreiviertelstunde lang hüpfen?!

OM: Die Kinder hüpfen aber ich konnte nicht mehr. Ich hatte solche Schmerzen, und jetzt habe ich heute früh sehr viel Ibuprofen geschluckt.

JB: Oha, da habe ich neulich gelesen, dass Männer nicht viel Ibuprofen einnehmen sollen, weil es zur Gynäkomastie führt, das heißt Busenbildung.

OM: Ach echt? Na ja, ist gar nicht so schlecht, manchmal.

JB: Womit wir beim Thema sind: Mit großer Freude habe ich mir „HERRliche Zeiten“ angeschaut, nachdem Oskar Roehler mir erzählt hatte, dass er Sie besetzt hat. Ich habe zurückgedacht an die Zeit am Schauspielhaus Hannover, wo ich Sie in einem Stück von Moritz von Uslar gesehen hatte. Da spielten Sie den Gajus Sexus.

OM: Gajus Sexus, der Popstar.

JB: Für mich ein legendärer Bühnentod. Ein Selbstmord, der sich ewig hinzog, und Sie sagten: „Sterben. Es ist so geil.“

OM: Dazu lief „Fade to Grey“.

JB: Jaja,genau.Und ich finde, Dr. Müller-Todt, den Sie in diesem Film jetzt spielen, ist ein ähnlicher Typ.

Im Rausch bestellte Sklaven wird man nur schwerlich wieder los. Oliver Masucci in „HERRliche Zeiten“

OM: Ja? Der alternde Gajus.

JB: Das Androgyne hat mich so fasziniert!

OM: Ja, das hat der Dr. Müller-Todt. In der Beziehung zu seiner Frau gibt es auch keinen Sex mehr. Der Gajus hingegen kam nach fünf Jahren Welttournee wieder und hat den Erdball mit seinem Penis abgeklopft. Der war ja noch aktiv. Claus Müller-Todt hat nur noch den Fetisch im Kopf. Sex findet bei ihm in der Beobachtung anderer statt.

JB: Als Angstblüte, wie Martin Walser sagt.

OM: Angst überhaupt:Er igelt sich mit seiner Frau so schön im Haus ein. Nach außen hin ist alles abgeriegelt.

JB: Dabei ist die Gegend dort wunderschön. Wo wurde das gedreht? Müller-Todt spricht ja eine Art rheinischen Dialekt.

OM: Das ist rheinischer Dialekt. Und gedreht haben wir zwischen Köln und Bonn. Das Haus gehörte Heiner Lauterbachs Eltern. Das war lustig, denn ich komme ja aus Bonn. Nach Stuttgart, wo ich geboren wurde, kam ich aus dem einzigen Grund, dass meine Mutter 1968 schwanger war von einem Italiener. Da musste sie aus Bonn weg, weil die Nachbarn …

JB: Was hat ’68 mit einem Italiener zu tun?

OM: Ach, man denkt ja immer, das war eine freie Zeit und die Bewegung ging los.

JB: Nicht in Stuttgart!

OM: In Bonn aber auch nicht. Also wurde meine Mutter aufs Land geschickt, damit die Nachbarn nicht mitkriegen, dass sie unehelich schwanger war. Ihre Schwester hat sie dann nach Stuttgart geholt und ihr dort einen Job besorgt. So bin ich im Exil zur Welt gekommen. Sie hat mich ganz allein zur Welt gebracht, da war sonst keiner.

JB: Auch keine Ärzte?

Oliver Masucci: “Eigentlich wollte ich mich für
den Dreh botoxen lassen. Wir haben uns dann für
la Mer entschieden”
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OM: Doch, die Ärzte waren da, die Hebamme soll gesagt haben: „Bloß nicht stillen, das ist schlecht“, damals war das so, die Hebammen wurden von Milupa bezahlt dafür, dass sie das sagten. Tja, und dann kam irgendwann die Bonner Familie und fand das Baby so süß, also mich, und so durften wir wieder zurück nach Bonn.

JB: Wie war das, in Bonn aufzuwachsen?

OM: Behütet. Im pubertierenden Alter, wenn man marodierend durch die Straßen lief, ein paar Kölsch dabei trank, ist man spät am Abend, um Viertel nach 12, zu einem Polizeiauto gegangen, die Straßen waren ja gepflastert mit Polizei, weil die die Politiker bewacht hat, und hat gesagt: „Ich bin minderjährig, kein Geld für ein Taxi, ich muss heim.“ Dann haben die einen nach Hause gefahren.

JB: Nein!

OM: Ja, das war toll. Es war schön, in Bonn aufzuwachsen.

JB: Ich war neulich erst dort. Da musste ich Pizza bestellen, weil es in dem Hotel keinen Zimmerservice gab. Und der Pizzabote kam dann aus Bad Godesberg angefahren. Am nächsten Morgen hieß es, nach Bad Godesberg könne man sich mittlerweile nicht mehr hinwagen. Bad Godesberg sei zum Ghetto verkommen.

OM: Das habe ich auch schon über Bad Godesberg gehört. Früher waren dort die Internate. Es gab das Schlösschen, die Redoute – man feiert ja immer so schön am Rhein. Meine Eltern hatten dort Gastronomie, die hatten angefangen im Tennisclub, Schwarz-Weiss Bonn auf dem Venusberg. Dann haben sie sich selbstständig gemacht mit zwei Restaurants.

JB: Das lief doch bestimmt super mit italienischen Restaurants in dieser Zeit.

OM: Ja. Viele Politiker waren da.

JB: Kohl auch?

OM: Kohl war auch da. Rita Süssmuth.

JB: War eins davon dieses legendär gewordene Restaurant, in dem Kohl die Fettuccine Alfredo gelobt hat?

OM: Das weiß ich nicht. Das Restaurant war gegenüber der Oper. Ich habe dort gearbeitet als Kellner, als Spüler, bevor wir eine Maschine bekamen, und ich habe dort oft die Leute von der Oper bedient. Dem Intendanten, Jean-Claude Riber hieß der, durfte ich damals die erste Weinflasche meines Lebens öffnen; an seinem Tisch stehend, zitternd. Die kamen alle erst immer abends um 11, wenn wir eigentlich zumachten. Künstlervolk halt.

JB: Und da sind Sie angefixt worden.

OM: Irgendwann dachte ich, es wäre besser, die Seiten zu wechseln: lieber bis 2 Uhr morgens trinken als bis 2 Uhr morgens arbeiten. Mein Vater hat von morgens früh bis 15 Uhr gearbeitet und dann abends gleich wieder. Als ich endlich ans Theater kam, hatte ich die gleichen Arbeitszeiten.

JB: Warum ist es eigentlich in italienischen Restaurants so, dass dort so geizig umgegangen wird mit der Pfeffer- mühle? Fragt man nach Pfeffer, will der Kellner die Mühle nicht gern aus der Hand geben. Aber er selbst pfeffert nur spärlich. Mich macht der Pfeffergeiz rasend!

OM: Ja, der Kellner des Italieners gibt nur wenig Pfeffer, weil die Deutschen nicht so pfeffrig sind. Man befürchtet, den Deutschen zu viel Pfeffer zuzumuten. Mich macht das auch rasend. Ich brauche viel Pfeffer. Ich lasse ihn lange an der Mühle schrauben. Dann will er immer schon aufhören. Dann gucke ich ihn an.

JB: Genau.

OM: Er guckt mich an, fragend: Noch weiter?

JB: Ja. Vorwurfsvoll guckt er auch schon.

OM: Wir hatten auch so eine große Pfeffermühle. Das Restaurant hieß Pinocchio.

JB: Ach Mann, herrliches Bonn. Wo leben Sie heute?

Oliver Masucci: “Die Schweizer Natur vermisse ich sehr. Wenn ich in den Volkspark Friedrichshain gehe: Das ist doch keine Natur!”
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OM: Mittlerweile in Berlin. Ich war ja lange in Wien und habe am Burgtheater gespielt. Für zwei Jahre bin ich an den Mondsee gezogen, in die Berge, weil ich das ausprobieren wollte in der Natur. In Bonn haben wir damals auch auf dem Venusberg gewohnt. Da war ich viel im Wald, im Kottenforst, der damals noch das größte zusammenhängende Waldgebiet in Europa war.

JB: Das vermissen Sie hier wohl.

OM: Berlin ist, aus Österreich kommend, keine grüne Stadt. Davor war ich ja lange in der Schweiz – eigentlich war ich lange im Exil und bin bloß zurückgekommen, weil wir hier angefangen haben, „Dark“ zu drehen. Also den freien Blick auf Natur vermisse ich hier sehr. Wenn ich in den Volkspark Friedrichshain gehe: Das ist doch keine Natur! Berge sind für mich Natur. So bin ich ursprünglich in der Schweiz gelandet. Damals war ich nämlich kurz davor, in den Grunewald zu ziehen. Aber dann kam das Angebot aus Zürich, ans Theater. Und da hat mir die Schweiz total gutgetan. Für mich war das wie Legoland. Die Schweiz ist eine DDR mit Geld. Das Leben war geordnet. Ich wurde relativ schnell erzogen und habe so mein Leben relativ gut auf die Kette gekriegt. Weil mir die Schweiz einen guten Rahmen gegeben hat. Ich habe sehr gut dort gelebt. Man hat eine unglaubliche Kaufkraft, weil man mit Deutschland verglichen nur sehr wenig Steuern zahlt. Das war alles sehr schön, bis ich irgendwann gemerkt habe, dass die Schweizer einen nicht mögen, weil man Deutscher ist. Dass das ein Problem bleibt. Nirgendwo habe ich mich so sehr als Ausländer gefühlt wie in Zürich. Hinter dem Mantel der Freundlichkeit verdeckt liest man das zuerst anders.

Plausch in der Pause mit Regisseur Roehler
Oliver Masucci: “Ich hatte solchen Spaß an dem Spiel – und Oskar auch. Deshalb freut mich jetzt auch die Nominierung für den Filmpreis!”
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JB: Hatten Sie Freunde dort?

OM: Ja, gute auch. Die Weltbereisten. Meine Ex-Ex-Frau und der Schwiegervater sind Schweizer. Aber es gibt eine Sprachbarriere. Und es hassen sich alle gegenseitig. Alle 20 Kilometer gibt es einen neuen Dialekt. Das heißt: Die Ausgrenzung findet permanent statt. Aber die Berge liebe ich sehr. Zwei meiner Kinder sind in Kilchberg geboren, wo Thomas Mann begraben liegt.

JB: Jetzt mal zu Roehler: Wie war die Arbeit mit diesem Wahnsinnigen?

OM: Wahnsinnig toll.

JB: Haben Sie sich ergänzt?

OM: Wir haben uns gegenseitig gleich gut gefunden. Das fing schon damit an, wie er mir das Projekt vorgestellt hat. Ich traf mich mit ihm und Katja Riemann anlässlich der Berlinale vor zwei Jahren. Roehler war der Erste, der mir nach „Er ist wieder da“ ein Angebot machen wollte. Wir saßen im Westen in einem Restaurant, und ich fand vor allem ihn toll, wie er erzählte. Am nächsten Morgen habe ich zugesagt. Die Rolle war redaktionsseitig als Intellektueller angelegt, aber ich habe dann zur Recherche einem Schönheitschirurgen beim Fettabsaugen assistiert. Mein Dr. Claus Müller-Todt hat Geld, er kann sich das alles leisten, aber er ist ein neureicher Assi. So kam das mit dem rheinischen Dialekt. Auch weil es dann hieß: „Das kann man im Kino nicht machen.“ Wir haben uns die Frage gestellt: „Warum nicht?“ Darauf gab es keine Antwort. Nach fünf Drehtagen wurde es schwierig. Wir mussten überlegen, ob wir überhaupt so weitermachen durften.

Oliver Masucci: “In der Schweiz hassen sich alle gegenseitig.
alle 20 Kilometer gibt es einen neuen Dialekt. Das heißt: Die Ausgrenzung findet permanent statt”
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JB: Was wurde schwierig?

OM: Der Dialekt. Die anderen dachten, das wird ganz schlimm. Aber ich hatte solchen Spaß an dem Spiel – und Oskar auch. Deshalb freut mich jetzt auch die Nominierung für den Filmpreis! Das war schon Risiko, diese Rolle so zu spielen.

JB: Auch in diesem Kostüm! Dass Dr. Müller-Todt stets in kurzen Hosen herumläuft. Und dazu trompetengold’ne Haare.

OM: Wie ein Knallbonbon. Ich habe mir ohne Ende La Mer ins Gesicht gecremt. Eigentlich wollte ich mich für den Dreh botoxen lassen. Dann haben wir uns aber für La Mer entschieden. Ursprünglich wollte ich ihn so anlegen, dass sich in seinem Gesicht überhaupt nichts mehr bewegt.

JB: Herrlich. Ist Oskar Roehler ein Glücksfall für Sie?

OM: Ja. Er ist ein theatraler Kinokünstler. Bei ihm ist die Überhöhung das Prinzip. Das ist in Deutschland einzigartig. Fellini soll einmal zu einem Ausstatter gesagt haben: „Mach mir ein Meer, das so ausschaut wie Meer, aber kein Meer ist.“ So ungefähr läuft das bei ihm. Ich spiele demnächst die Hauptrolle in der Verfilmung seines Romans, der bekanntlich „Selbstverfickung“ heißt. Der Film wird heißen „Achteinviertel“. Roehler ist vielleicht der letzte große Kinokünstler, den wir haben.

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