The XX
"Ich brauche vier Stunden um wach zu werden"

Als Oliver Sim und seine Band The XX ihr minimalistisches Debüt veröffentlichten, klang dies so erfrischend wie ein Schluck Quellwasser nach einer durchfeierten Nacht. Seither reisen The XX mit leichtem Gepäck um die Welt – denn auch auf ihrem zweiten Album hat die Band wieder überflüssige Töne zu Hause gelassen 

© Kai Wiechmann

von Jörg Harlan Rohleder

Interview: Herr Sim, der letzte prominente Gast, der hier im Soho House wohnte, hieß Madonna.

Oliver Sim: Oh mein Gott, wirklich? Hier? In diesem Zimmer? Saß sie auf diesem Sofa?

Interview: Wäre das ein Problem?

Sim: Nein! Aber dann würde ich vielleicht nachher, wenn Sie weg sind, heimlich ein Foto machen.

Interview: Sie könnten ja behaupten, dass sie hier saß.

Sim: Und das Bild schicke ich dann meinem Dad …

Interview: Er wird sich freuen.

Sim: Als ich gestern zum Frühstück nach oben auf die Terrasse gegangen bin, saß dort Patti Smith. Mein letzter Berlin­aufenthalt war jedenfalls nicht so spektakulär. Wir wohnten in einer Jugendherberge und teilten uns zu siebt ein Zimmer. Damals waren wir im Magnet Club, und ich hatte sehr viel getrunken. Das war auch ganz gut, weil man so mit sechs anderen Leuten im Zimmer besser schläft. Jetzt versuche ich, vernünftiger zu sein, fokussierter.

Interview: Auch erwachsener?

Sim: Hm. Das ist gar nicht so einfach, wenn das Leben darin besteht, in einer Band zu spielen mit Freunden, die man seit der Schulzeit kennt. 

Interview: Das erste Lebenszeichen von The xx nach einem Jahr Pause war ein Video auf YouTube: Sie spielten auf einem Festival in Barcelona.

Sim: Ja, der Auftritt war toll. Ich habe mir ebenfalls das Video auf YouTube angesehen.

Interview: Haben Sie auch die Kommentare gelesen?

Sim: Niemals. Das darf man nicht tun. Unter gar keinen Umständen. Ebenso wenig darf man sich googeln, ganz großer Fehler. Aber sagen Sie schon, was stand darunter?

Interview: Die Leute fanden das Lied Fiction toll. Was hätten Sie denn erwartet?

Sim: Na ja.

Interview: Dort stand allerdings auch: „He eye-fucked the audience!“

Sim: Wie bitte?

Interview: You eye-fucked the audience!

Sim: Hab ich gar nicht! Das ist doch eine totale Frechheit! Deshalb gilt für mich die goldene Regel: Lies nie über dich selbst im Internet. Niemals!

Interview: Fiction ist das erste Stück, auf dem nur Sie singen.

Sim: Ja, und auf eine zarte Art bin ich auch stolz da­rauf. Früher konnte ich nur singen, wenn ich wusste, dass Romy mit mir singt.

Interview: Und warum heißt das neue Album trotz dieser wohlwollenden Nähe Coexist?

Sim: Erst sollte es Together heißen. Das fanden wir dann aber zu nett. Coexist hingegen hat eine gewisse Härte, eine gewisse Kälte. Es fühlt sich wirklichkeitsnäher an. Und leerer.

Interview: Mut zur Leere beweisen Sie schon auf dem neuen Album: Es ist noch ruhiger, noch reduzierter, was beinahe unmöglich scheint. Auf einigen Stücken frohlockt unerwarteterweise immerhin ein frischer elektronischer Unterton.

Sim: Es ist aber kein Club-Album!

Interview: Stattdessen ist es ein Album, das man zwischen später Nacht und dem Morgengrauen hören muss. Am besten mit ausgeschaltetem Licht, das Ohr nahe am Lautsprecher.

Sim: Danke! Das klingt gut. Und genau in diesem Zeitraum ist das Album auch entstanden: nachts. Wir sind Morgenmuffel. De facto brauche ich vier Stunden, um überhaupt wach zu werden.

Interview: Der Druck, der auf Ihnen und der Band nach all den Lobpreisungen und Auszeichnungen lastete, scheint die Nachtruhe nicht gestört zu haben.

Sim: Den härtesten Druck haben wir uns selbst gemacht. Wenn ich mir jetzt das Album anhöre, wundere ich mich manchmal, wie ehrlich und offen die Lyrics tatsächlich sind, die ich singe.

Interview: Die englischen Musiklehrer scheinen in den vergangenen zehn Jahren jedenfalls einen guten Job gemacht zu haben.

Sim: Wie kommen Sie denn darauf?

Interview: Burial, Hot Chip, The xx – allesamt Schüler der Elliott School in Putney, im Süden Londons.

Sim: Bei uns war das Interesse an Musik jedoch nicht das Verdienst der Lehrer, sondern deren Schuld: Wir wurden nachmittags einfach ständig allein gelassen, was uns dann als kreativer Freiraum verkauft wurde. Es gab einfach nichts zu tun – außer im Proberaum rumzulärmen oder vor der Tür zu rauchen.

Interview: Was nicht das Schlechteste sein muss.

Sim: Andererseits ist es nicht einfach, ein kreatives Fach sinnvoll zu unterrichten. Am schlimmsten war der Kunstunterricht: Da bin ich glatt durchgefallen.

Oliver Sim: “„Während unserer Show beim Coachella-Festival schaute ich in den Fotografengraben –
und da sind Beyoncé und Jay-Z und tanzen zu unserer Musik. Ich hätte vor Schreck beinahe aufgehört zu singen””
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Interview: Warum? Haben Sie zwei weiße Kreuze auf Schwarz gemalt?

Sim: Sehr lustig. Aber jetzt im Ernst: Man malt ein Bild, findet es super – und dann soll man jeden Pinsel­strich erklären, jeden Einfluss benennen, sonst gibt es Punktabzug. Das geht bei Kunst nicht, das killt jede Spontaneität, jeden Impuls. Und eine überbordende Erklärung und Einordnung ist meiner Meinung nach auch nicht Sinn und Zweck von Kunst. Aber googeln Sie mal die BRIT School. Da ist die Liste der Abgänger wirklich beeindruckend: Amy Winehouse, Adele, Jamie Woon, Katie Melua …

Interview: Wie muss man sich Oliver Sim als Schüler vorstellen?

Sim: Ich war selten da (lacht). 

Interview: Wie bitte?

Sim: Wir haben immer zu dritt geschwänzt, Jamie, Romy und ich. Wir sind einfach im Bus sitzen geblieben und bis zum Soho Square weitergefahren. Dort hingen wir dann rum. Aber wenn wir in die Schule gegangen sind, waren wir ziemlich gut.

Romy Madley Croft betritt den Raum.

Sim: Ich erzähle gerade, dass wir in der sechsten Klasse beinahe von der Schule geflogen wären, weil wir nie da waren.

Romy Madley Croft: Toll.

Sie verdreht die Augen, verlässt das Zimmer.

Interview: Was würde wohl der 16-jährige Oliver über den Mann sagen, der heute hier sitzt?

Sim: Er wäre geschockt, ernsthaft geschockt.

Interview: Warum?

Sim: Weil er nicht glauben könnte, dass er die Eier haben würde, vor Tausenden Menschen zu singen.

Interview: Und jetzt fährt er sogar mit dem Bullet­train durch Japan während der Welttournee …

Sim: Das war toll. Aber wilder ging es im Mittleren Westen Amerikas zu – das war so merkwürdig. Zumal ich nie gedacht hätte, dass unsere Musik in diese Winkel der Welt vordringen könnte. 

Interview: Warum denn nicht?

Sim: Na ja, es ist ja nicht gerade Countrymusik.

Interview: Das stimmt.

Sim: Ja, und auf einmal spielten wir bei Willie Nelson’s Truck Stop Festival in Texas. Da lief einer unserer Songs sogar im gift shop, einfach nur surreal.

Interview: Es heißt, die Joints von Willie Nelson seien besonders stark.

Sim: Wirklich?

Interview: Das behauptet Norah Jones.

Sim: Der alte Willie übt ja schon ein paar Jahre …

Interview: Haben Sie unterwegs eigentlich auch Courtney Love getroffen? Die Dame scheint ja ein solch glühender Fan von The xx zu sein, dass sie Ihre ganze MySpace-Seite vollschreiben musste.

Sim: Als wir in New York spielten, lag sie plötzlich backstage auf einem Sofa rum und wartete auf mich.

Interview: Angezogen oder nackt?

Sim: Angezogen! (lacht) Früher hingen in meinem Zimmer Poster dieser Frau – dann liegt sie einfach so da. Es war wirklich surreal. Auch wenn wir etliche solcher Momente hatten in den vergangenen drei Jahren.

Interview: Welcher war der beste?

Sim: Während unserer Show beim Coachella-Festival 2010 schaute ich in den Fotografengraben – und da sind Beyoncé und Jay-Z und tanzen zu unserer Musik. Ich hätte vor Schreck beinahe aufgehört zu singen. Ach, ich freue mich, dass der ganze Zirkus wieder losgeht.

Interview: Was sind denn die nächsten Stationen?

Sim: Morgen fliegen wir nach Finnland, dann Australien. Und davor gehen wir noch in die Panoramabar.

Interview: Dann verpassen Sie den Flieger.

Sim: Nein, der geht ziemlich früh. Ich werde direkt um sieben Uhr aus dem Berghain zum Flughafen fahren.

Interview: Mit all Ihrem Gepäck?

Sim: Ich reise nur mit Handgepäck – und kaufe mir dafür in jedem Land neue Klamotten.

30.12.2016 | Kategorien Interviews, Musik | Tags , , , , ,