"Ich bereue nichts"
Pat Cleveland im Interview

© Charles Tracy

Sie war eines der ersten afro-amerikanischen Models auf einem Vogue-Cover, posierte für Salvador Dalí und hat angeblich Mick Jagger gedated: Pat Cleveland, das Supermodel der 60er und 70er Jahre. Jetzt hat die Modeikone die Autobiografie „Walking with the Muses“ veröffentlicht, in der von ihrem Aufstieg zum gefragten Fotomodell und wilden Jet-Set-Leben der Disco-Ära zwischen New York und Paris erzählt. Wir haben sie in Berlin getroffen – gut gelaunt und tiefenentspannt!

INTERVIEW: Was tun Sie da gerade?

PAT CLEVELAND: Das ist eine Atemübung – machen Sie mit.

INTERVIEW: Warum nicht. Was muss ich tun?

CLEVELAND: Legen Sie die Hände auf ihren Bauch, schließen die Augen und atmen tief ein. Versuchen sie es mal. Es ist faszinierend, wie entspannend das wirkt. Wenn Sie gestresst sind, können sie das jeder Zeit machen. Glauben Sie mir, es hilft! Ich muss berufsbedingt sehr viel reden, auch vor Publikum. Vorher atme ich immer einmal tief durch.

INTERVIEW: Was ist schwieriger: Als Model oder Autorin zu arbeiten?

CLEVELAND: Wissen Sie, eigentlich ist beides nicht schwierig für mich. Das hat etwas mit der inneren Einstellung den Dingen gegenüber zu tun. Bei allem, was ich tue, begreife ich den Weg als Ziel. Ich interessiere mich für Prozesse, für das, was um mich herum passiert. Mit dem Schreiben ist für mich ein Traum wahr geworden. Es hat etwas sehr meditatives.

INTERVIEW: Ist Ihnen Meditation wichtig?

CLEVELAND: Ja, sehr. Ich mache viel Yoga – immer und überall. Ich beziehe es in fast alles, was ich tue, ein. Das Modeln ist schon sehr anstrengend. Man braucht einen inneren Rückzugsort, damit man zwischendurch auch mal relaxen kann.

INTERVIEW: Warum haben Sie sich dazu entschieden, ein Buch über ihr Leben zu schreiben?

CLEVELAND: Ich wollte vor allem herausfinden, wer ich bin und wo ich herkomme. Ich war hungrig nach Wörtern, nach meiner Geschichte. Also habe ich es irgendwann einfach gemacht. Natürlich habe ich das Buch auch für meine Freunde geschrieben. Ohne Sie wäre mein Leben nicht dasselbe gewesen.

INTERVIEW: Führen Sie Tagebuch?

CLEVELAND: Ja, das tue ich tatsächlich, schon immer. Es hilft mir dabei, mein Leben zu organisieren. Ich kann genau nachlesen, was ich wann erlebt habe – Positives wie Negatives.

INTERVIEW: Wie lange haben Sie an dem Buch gearbeitet?

CLEVELAND: Von dem Moment an, als ich meinen Agenten gefunden hatte, hat es ziemlich genau zwei Jahre gedauert. Fast ein Jahr lang habe ich nur geschrieben. Zwischendurch musste ich mich immer wieder neu organisieren und sammeln, Dinge wieder um- oder ganz rausschmeißen.

INTERVIEW: Sie haben also immer noch ein paar Geheimnisse übrig?

CLEVELAND: Ja, ich werde noch eine Menge Bücher schreiben können (lacht). Dieses ist mein erstes Baby und ich habe hart daran gearbeitet.

Pat Cleveland: “Andy hat Superstars aus den Menschen gemacht, auf die die Welt herabgeschaut hat”
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INTERVIEW: Sie schreiben, dass Sie im Laufe ihrer Karriere immer wieder mit Rassismus konfrontiert wurden. Wie sind Sie damit umgegangen?

CLEVELAND: Heute kann ich sagen: „Liebe deinen Feind“. Aber das war nicht immer so einfach für mich. Es gab einige komplizierte Situationen, die nicht leicht zu meistern waren. Dennoch glaube ich nach wie vor an das Gute im Menschen. Daran, dass auch aggressive oder hasserfüllte Menschen etwas Gutes in sich tragen.

INTERVIEW: Ich finde es bewundernswert, dass Sie das so sehen können.

CLEVELAND: Es gibt so viele Menschen, die weitaus Schlimmeres als ich erlebt haben. Meine Großmutter arbeitete als Sklavin. Leider habe ich sie nicht mehr kennenlernen dürfen, aber ich weiß, dass sie sehr gelitten hat. Obwohl sie schwarz war, hat sie später sogar studiert – und das war in den 1920er und 1930er Jahren ein seltenes Privileg. Schwarze Frauen und Frauen generell hatten damals keine Chancen. Oder nehmen wir meine Eltern, die hatten es als Liebespaar auch nicht leicht. Meine Mutter lebte in New York, mein Vater war Schwede. Heute ist das alles einfacher. Wir können reisen, alles ist viel internationaler geworden. Wir haben die Möglichkeit, andere Kulturen kennenzulernen und zu verstehen. Ich glaube, Rassismus entsteht immer aus einem Mangel an Aufklärung.

INTERVIEW: Sie haben so viele kreative Persönlichkeiten getroffen. Für wen haben Sie besonders gern gearbeitet?

CLEVELAND: Ich danke Gott dafür, dass ich so viele tolle Menschen kennenlernen durfte. Stephen Burrows, Halston, Moschino…um nur ein paar zu nennen. Viele von Ihnen leben leider nicht mehr. Aber auch heute treffe ich immer noch wahnsinnig tolle Designer und Künstler, die mich inspirieren. Zac Posen oder die wundervolle Missoni-Familie zum Beispiel.

INTERVIEW: Sie haben auch Andy Warhol persönlich kennengelernt….

CLEVELAND: Ja, für mich ist er einer der größten Underground-Künstler, die es je gab. Obwohl damals jeder dachte, dieser Typ sei komplett verrückt, weil er ständig mit seiner Entourage im Schlepptau unterwegs war – eine große Schar von Schauspielern, Musikern, Künstlern und Transvestiten. Er hat Menschen um sich versammelt, auf die die Gesellschaft damals herab geschaut hat. Aber Andy hat Superstars aus Ihnen gemacht.

Photographer Unknown

INTERVIEW: Finden Sie auch, dass diese Truppe eine ganz besondere Aura versprüht hat?

CLEVELAND: Oh ja, absolut. Ich glaube, ihnen ging es so gut, weil sie so eng zusammen gelebt und gemeinsam Dinge erschaffen hat – es ist soviel Kunst entstanden. Denken Sie nur an die ganzen Filme. Die Einstellung zum Leben und zur Liebe in den 70er Jahren war eine andere als heute. Aber es bestanden auch weniger Gefahren oder Bedrohungen von außen, die sie davon abhalten konnten, eine gute Zeit zu haben. Es gab noch kein Aids, keinen Terror und so weiter. Dafür sind viele von Ihnen schon sehr früh gestorben – vielleicht auch, weil sie so intensiv gelebt haben. Ich halte es da ja etwas anders. Ich möchte noch sehr lange auf diesem Planeten bleiben. (lacht) Für mich war es eine Ehre, Andy Warhol zu treffen, er hat mir eine Plattform zum Arbeiten gegeben, und er hat mir beigebracht: „Wer an sich glaubt, kann auch ein Superstar werden.“

INTERVIEW: Wo haben Sie sich getroffen?

CLEVELAND: Ich war einmal mit in seinem Haus auf Long Island, in den Hamptons. Wir haben auf dem Fußboden gesessen, Spaghetti gegessen und zusammen Videos geschaut. Andy hatte haufenweise Monster-Filme und lauter verrückte B-Movies angeschleppt. Wir haben echt viel gelacht und uns einfach nur darüber gefreut, dass wir mal für ein Wochenende aus New York rauskamen.

INTERVIEW: Gibt es jemanden, den Sie heute mit ihm vergleichen würden?

CLEVELAND: Definitiv Karl Lagerfeld, er ist so großartig. Und er gehört ja quasi zu den letzten Überlebenden aus dieser Zeit. Auch er hat Andy Warhol noch kennenlernen dürfen und mit ihm gearbeitet. Wir sollten ihn wirklich schätzen.

INTERVIEW: Was haben Sie von Karl Lagerfeld gelernt?

CLEVELAND: Dass man sein Gepäck nicht selbst tragen muss, dass man alte Freunde schätzen sollte und immer nach vorne schauen muss.

INTERVIEW: Lesen Sie, was über Sie und ihr Buch geschrieben wird? Wenn ja – wie gehen Sie mit negativen Kritiken um?

CLEVELAND: Sie sind wie in einer Jukebox alle in meinem Kopf sortiert. Ich erinnere mich an jedes einzelne Interview, auch an die Journalisten. Sie tun ja im Grunde dasselbe wie ich. Sie gehen raus, dürfen großartige Menschen treffen und haben die Möglichkeit, das zu sagen, was sie wollen. Das ist doch ein tolles Geschenk, nicht wahr? Ich finde es großartig. Ob sie jetzt etwas Gutes oder Schlechtes schreiben, ist mir letztendlich egal. So sehen sie eben die Welt. Es ist wichtig, dass es journalistische Freiheit gibt. Einer ist eben immer der Bösewicht und einer der Gute.

INTERVIEW: Was sagen Sie einem jungen Mädchen, das heute Model werden will?

CLEVELAND: Ich würde ihr sagen, dass sie sich für Mode interessieren soll. Sie soll sich mit den Designern beschäftigen, wissen, wer diese Leute sind und was sie machen. Zeig’ Interesse an dem, was du tun willst und achte nicht nur auf dein Aussehen. Denn das bedeutet nichts, es gibt unzählige schöne Mädchen da draußen. Was wirklich etwas bedeutet ist, dass man sich für das interessiert, was man tut.

INTERVIEW: Was halten Sie von Modelcasting-Shows?

CLEVELAND: Das finde ich toll. Ich saß auch schon mal in der Jury und habe genau das Mädchen ausgewählt, das anschließend auch gewonnen hat. Es macht mich stolz, wenn die Mädchen ihren Job anschließend gut machen und Erfolg haben. Generell finde ich es sehr wichtig, junge Mädchen zu inspirieren und sie bei der Realisierung ihrer Träume zu unterstützen.

INTERVIEW: Bereuen Sie irgendetwas in ihrem Leben?

CLEVELAND: Nein, absolut gar nichts!

Das Interview haben wir im Rahmen der Veranstaltungsreihe Fashion for Lunch im Restaurant Cecconi’s im Soho House Berlin geführt. Die Autobiografie „Walking with the Muses“ ist bei Simon and Schuster erschienen und exklusiv bei The Store erhältlich.

Von: Insa Grüning

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