PETRA COLLINS
"Feminismus ist längst Teil der Popkultur"

Sie ist 21 und steht an der Spitze einer neuen Girlpower-Bewegung. Mit ihren Lo-Fi-Fotos läuft Petra Collins Sturm gegen den Zwang zu perfekten Körpern.

© Jody Rogac


Von: Frauke Fentloh



Petra Collins, aufgewachsen in Toronto, hält nicht viel von der Vorstellung, dass Mädchen zwar süß und sexy, aber bitte nicht widerspenstig sein sollen. Stattdessen will sie den weiblichen Körper ohne Pose und Airbrush zeigen. Bekannt wurde die Fotografin, als Instagram sie rauswarf – weil sie ein Bild postete, auf dem ein paar Schamhaare zu sehen waren. Mit ihrer Freundin, dem Blog-Wunderkind Tavi Gevinson, hat Collins in New York und im Netz eine Clique junger Künstlerinnen um sich geschart. Dazu zählen Harley Weir, Jenny Zhang oder Karley Sciortino, die – neben vielen anderen – mit ihren Arbeiten an Collins‘ Bildband Babe mitwirkten.



INTERVIEW: Frau Collins, sind Sie Feministin?

PETRA COLLINS: Oh ja, auf jeden Fall.

INTERVIEW: Der Begriff galt lange als uncool.

COLLINS: Ja, er war ein echtes Tabu. Aber ich glaube, das ändert sich gerade. Er ist in den Mainstream-Medien angekommen. Selbst Beyoncé bezeichnet sich als Feministin.

INTERVIEW: Sie würden sagen, Feminismus ist heute Teil der Popkultur?

COLLINS: Unbedingt, und das ist wichtig. Es geht natürlich um mehr als darum, sich Feministin zu nennen. Ich sehe die Welt sozusagen durch eine feministische Linse. Gleichberechtigung sollte eine normale Sache sein.

INTERVIEW: Mit Babe haben Sie gerade so etwas wie das Poster-Book des New Wave Feminism herausgebracht. Wie haben Sie und die anderen Künstlerinnen zusammengefunden?

COLLINS: Wir haben uns alle übers Internet getroffen. Ich durchforste seit Jahren das Netz nach tollen Künstlerinnen, schreibe sie an und frage, ob sie Teil meines Kollektivs werden wollen.

INTERVIEW: Sie arbeiten im Kollektiv?

COLLINS: Vielleicht sollte ich besser Netzwerk sagen. Manche der Künstlerinnen in Babe habe ich nie persönlich getroffen, was verrückt ist, weil ich sie seit Jahren kenne. Alexandra Marzella zum Beispiel habe ich über Instagram kennengelernt. Sie fotografiert sich selbst auf sehr ungeschönte Weise und zeigt eine Seite, die man als Mädchen eigentlich vor der Öffentlichkeit versteckt. Oder Nakeya Brown, die mit vielen Tabus arbeitet und diese irgendwie ekligen Haarbilder macht. Sie stoßen einen ab, weil es so normale Objekte sind.

INTERVIEW: Die sehen wirklich etwas eklig aus.

COLLINS: Das kann ich schon nachvollziehen. Viele dieser Fotografien zeigen ja auch sehr Privates. Aber für mich geht es um Sichtbarkeit: Unsere Kultur ist so visuell, wenn man sich da nicht repräsentiert sieht, bekommt man das Gefühl, als stimme mit einem etwas nicht. You can’t be what you can’t see. Ich habe damals halb aus Spaß, halb aus Frustration mit dem Fotografieren angefangen. Als Teenager war ich ziemlich verwirrt. Ich habe Bilder aufgenommen, weil ich musste. Es war fast therapeutisch für mich.

INTERVIEW: Trotzdem haben Ihre Fotografien diesen etwas klischeehaften Pastell-Look, Sie zeigen junge Mädchen in rosafarbenen Schlafzimmern oder beim Schminken vor dem Spiegel.

COLLINS: Sie haben aber immer eine dunkle Seite. Das ist ein Konstrukt, das ich sehr interessant finde: die Vorstellungen, die mir und anderen jungen Frauen als Norm vorgesetzt werden, zu verwenden und hoffentlich zu untergraben.

INTERVIEW: Auch den Titel des Buchs, Babe, könnte man missverstehen.

COLLINS: Ich mag es, Worte zu nehmen und in ihr Gegenteil zu verkehren. Für mich hat der Begriff „Babe“ seinen Kontext total geändert, es hat nichts Herabwürdigendes mehr. In der Internet Girl Culture nennen sich Mädchen übrigens schon lange gegenseitig so.

INTERVIEW: Was ist heute ein Babe?

COLLINS: Ein Mädchen, das sehr stark ist. Eine kreative, selbstbewusste und kluge Frau.

Petra Collins: “Unsere Kultur ist so
visuell, wenn man sich da
nicht repräsentiert sieht, bekommt man das Gefühl, mit einem stimme etwas nicht”
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INTERVIEW: Sie werden selbst extrem oft fotografiert – etwa von Ryan McGinley. Auf welcher Seite der Kamera fühlen Sie sich wohler?

COLLINS: Ganz ehrlich, ich bin lieber hinter der Kamera. Weil ich dort die Kontrolle habe, die Bilder zu machen, die ich möchte. Es macht gelegentlich wirklich Spaß, fotografiert zu werden, aber letztendlich geht es dabei nicht um deine Vision, sondern um die des Fotografen.

INTERVIEW: Wie haben Sie McGinley getroffen?

COLLINS: Das ist eine komische Geschichte, wir waren vor ein paar Jahren auf der gleichen Party. Dort haben wir uns unterhalten, und er hat mich nach meiner Nummer gefragt. Am nächsten Tag hatte ich eine Ausstellung. Auf der hat er ein Foto geschossen und mich anschließend darin getaggt. Ich wusste nicht mal, dass er dort war. Aber ihm haben meine Arbeiten gefallen, und er hat mich auf eine Tour eingeladen.

INTERVIEW: Sie sind auf einen Roadtrip gegangen?

COLLINS: Ja, das war die verrückteste Erfahrung meines Lebens. Es war wirklich extrem. Ich habe einige Dinge gemacht, vor denen ich wirklich Angst hatte, wir sind von Häusern gesprungen und haben Rafting gemacht. Dabei habe ich viel über meinen Körper gelernt. Man bekommt auch ein anderes Verhältnis zur Natur, weil man mittendrin ist und nur der Körper einen schützt.

INTERVIEW: Sind Sie einfach von New York nach Westen gefahren?

COLLINS: Ja, von New York in die Appalachen und dann durch Texas.

INTERVIEW: Wie lange waren Sie unterwegs?

COLLINS: Drei Wochen. Ich würde es auch jederzeit wieder machen, es war eine großartige Erfahrung. Und Ryan behandelt seine Modelle wirklich gut, wir waren Subjekte, keine Objekte.

INTERVIEW: Macht es für Sie einen Unterschied, ob ein Mann oder eine Frau fotografiert?

COLLINS: Auf jeden Fall. Aber wichtig sind auch die Absichten des Fotografen, der Kontext, also wie wohl sich das Modell fühlt. Das beeinflusst, wie man ein Foto macht und wie dieses Foto aussehen wird. Vor allem in der Vergangenheit gab es natürlich diese klassisch männliche Fotografie, in der Frauen bloß Objekte waren. Ich glaube aber, dass sich das gerade ein bisschen auflöst.

INTERVIEW: Machen wir uns inzwischen nicht selbst ein wenig zu Objekten? Wenn wir pausenlos vor dem Smartphone posieren, um bestimmte Bilder zu erzeugen?

COLLINS: Social Media hat auf jeden Fall verändert, wie wir uns verhalten. Darum finde ich Instagram auch so interessant. Es ist ein wirklich tolles Werkzeug, aber man bekommt diese Tendenz, die eigene Identität daran anzupassen und sein Leben anders darzustellen, als es wirklich ist. Und nicht die Realität zu zeigen.

INTERVIEW: Machen Sie trotzdem Selfies?

COLLINS: Ja, allerdings! (lacht) Nicht sehr oft, aber ich mache sie. Ich bin aber nicht besonders gut darin. Eigentlich bin ich sogar ziemlich schlecht.

INTERVIEW: Wie viele Versuche brauchen Sie für ein akzeptables Bild?

COLLINS: Oh Gott, so viele. Meine Freunde und ich nennen es „nach dem richtigen Foto graben“. Wenn wir die Handys der anderen durchgehen, sind da ungefähr eine Million Versuche drauf.

 

Babe“ ist im Prestel Verlag erschienen

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