Flashback Interview:
Philip Seymour Hoffman

Vor vier Jahren starb der Schauspieler Philip Seymour Hoffman auf tragische Weise. In zwei Interview-Auszügen aus dem Jahr 1999 sprach er mit Inter/VIEW über seine Vorstellung von Männlichkeit.

Philip Seymour Hoffman | Februar 1999 (Auszug)

 

Patrick Giles: Ich finde ja, dass jeder Mann, egal ob hetero-, homo- oder bisexuell, einmal in seinem Leben High Heels und Make-Up tragen sollte. Da würde er einiges lernen.

Philip Seymour Hoffmann: (lacht) Habe ich ausprobiert. Sie hätten sich mal die Kommentare anhören sollen, die ich bekam, als ich roten Lippenstift auftrug. Die ganzen Drag Queens meinten, „Oh, du siehst super aus.“ Wenn ich mich nicht als Drag Queen kleide, sagt nie jemand, „Oh Phil, dein Shirt steht dir wirklich ausgezeichnet.“

Giles: Wirklich nicht?

Hoffman: Nie. Diese ganze Beautywelt gehört eindeutig den Frauen.

Giles: Welche Beauty-Tipps haben Sie während den Dreharbeiten zu Makellos denn bekommen? Gibt es welche, die Sie mit unseren Lesern teilen möchten – vielleicht besonders mit denen, die der etwas fülligere Typ sind?

Hoffman: (lacht) Ich habe gelernt, dass sehr weite und tief aufgeknöpfte Blusen einfach wunderbar aussehen. Wenn sie aus einem sehr leichten Stoff und ein bisschen durchsichtig sind, und du sie dann mit einer schwarzen Hose und schwarzen Loafers kombinierst, dann sieht das echt nett aus. Was man auf gar keinen Fall tragen sollte, sind hohe Plastiksandalen. Die schneiden dir die Zehen ab.

Giles: Ich nehme an, dass Sie heterosexuell sind?

Hoffman: Ja, bin ich.

Giles: Hatte ich mir schon gedacht.

Hoffman: (lacht) Das liegt an meinem schlaksigen Gang.

Giles: Das Männerbild, beziehungsweise wie wir es sehen, und auch wie sich ein Mann zu verhalten hat, hat sich über die Jahre ziemlich verändert. Haben Sie diese Veränderungen in Ihrem Erwachsenwerden denn beeinflusst?

Hoffman: Meine Mutter ist eine überzeugte Feministin, ich wurde also schon früh mit einer sehr feministischen Meinung konfrontiert. In meinen Jugendjahren hab ich mich dann oft mit ihr angelegt, auch, weil mein Männerbild einfach ein bisschen verzerrt war.

Giles: Männer waren für Sie also chauvinistische Schweine?

Hoffman: Genau. Ich habe zu der Sorte von Menschen gehört, die einfach nichts wirklich konnten. Besonders im College wurde mir dann klar, dass Machos in der liberalen Welt nicht angesehen waren, ganz besonders in der künstlerischen Welt, und für die hatte ich mich schließlich entschieden. Das war schon nicht so einfach für mich. Ich wollte stolz darauf sein ein Mann zu sein, aber ich mich einfach nicht besonders männlich gefühlt.

Giles: Männer scheinen eine wahre Identitätskrise zu durchleben, in etwa so wie die Frauen in den 1969er Jahren. Finden Sie das auch?

Hoffman: Auf jeden Fall. Die Männer, die ich kenne, besaufen sich, gucken Football, bumsen sich durch die Weltgeschichte und betrügen ihre Freundinnen. Dass sie sich so die Chance auf Intimität und auf eine gewisse bedeutungsvolle Verbindung verwehren, ist ihnen gar nicht klar. Und dann gibt es natürlich noch die totalen Puritaner. Erstere sind aber die Art von Typen, die du am liebsten schütteln möchtest und sagen, „Na los! Steh auf. Benimm dich wie ein Mann. Du machst dich doch komplett zum Affen.“

Giles: Bewegen sich Männer nach Vorne oder nach Hinten?

Hoffman: Ich habe in letzter Zeit ziemlich viel gelesen – beispielsweise Joseph Campbell – und das hat mir gezeigt, dass die Menschen in der heutigen Kultur, insbesondere der liberalen Welt, oft nach Feinden oder Hindernissen suchen. Es ist so, als müssten wir ständig irgendeinen Hügel erklimmen oder irgendetwas finden, gegen das wir rebellieren können, und wenn wir das nicht tun, dann fühlen wir uns nutzlos und so als würden wir nichts zur Welt beitragen. Ich bin auch so, genau wie meine Mutter. Wir sagen selten „Hey, die Dinge werden besser, oder nicht?“ oder „Wow, was ich da letzt gesehen habe, war echt super.“ Und wenn wir es dann doch einmal sagen, dann kommt wieder die Allgemeinheit an und meckert oder gibt irgendetwas Zynisches von sich. Das ist OK, weil es uns auf dem Boden hält, aber wir sollten unsere Erfolge nicht ständig niedermachen.

 

Das vollständige Interview ist in der Februar ’99-Ausgabe des amerikanischen INTERVIEW Magazins erschienen.

Philip Seymour Hoffman | Dezember 1999 (Auszug)

 

Elizabeth Weitzman: Wenn ich mir Ihre Filme so anschaue, dann wird schnell klar, dass es für Sie gar nicht unbedingt nur ein einziges Männerbild gibt. Geht es Ihnen im echten Leben auch so? Sind Sie sich sicher, dass sie niemanden von ihrer Männlichkeit überzeugen müssen?

Philip Seymour Hoffman: Doch klar! Das muss doch jeder. Das ist völlig normal. Haben Sie nicht das Gefühl, dass Sie die Leute von Ihrer Femininität überzeugen müssen?

Weitzman: Hmm, ich weiß nicht…Eigentlich nicht.

Hoffman: Nie? Waren Sie nie mit einem Mann zusammen und hatten das Gefühl, dass Sie ihm nicht feminin genug sind? Glauben Sie immer, dass Sie genau so viel Frau sind, wie es sich gehört? Erzählen Sie mir doch nichts.

Weitzman: Es gab sicher auch Zeiten, in denen das nicht der Fall sagt.

Hoffman: Jeder der sagt, dass er dieses Gefühl nie hat, redet Müll! Es gibt doch immer Momente im Leben, in denen man gerne mehr wäre als man ist. Und dann gibt es wiederum auch welche, in denen man fast schon mehr Mann ist, als man jemals sein wollte.

Weitzman: Warum wollten Sie eigentlich Schauspieler werden?

Hoffman: In der Schule habe ich mich während dem Wrestling verletzt. Also habe ich mich für das Schultheater beworben und da waren ziemlich süße Mädels dabei. Die Entscheidung fiel mir also einfach.

Weitzman: Glauben Sie nicht, dass Ihnen die Schauspielerei damals etwas gegeben hat, was Ihnen andere Dinge nicht hätten geben können?

Hoffman: Ja, klar, meine Katze war gerade gestorben. Nein, im Ernst. Es war einfach etwas, das ich gemacht habe. Hat es irgendwelche Bedürfnisse erfüllt? Meine Güte, haben Sie heute morgen etwa Ihren Termin beim Psychologen verpasst?

Weitzman: Gut, letzte Frage: Was bereitet Ihnen momentan eigentlich am meisten Sorge?

Hoffman: Mir ist egal, was Leute über mich denken, aber ich will niemanden auf die Füße treten, außer natürlich es ist meiner Meinung nach nötig. Wenn das der Fall ist, dann mache ich das natürlich. Sie können jeden Fragen, den ich kenne. Und das ist nicht immer gut. Das bereitet mir ein wenig Sorge, weil ich noch viele dieser Sorte Interviews geben werde, jetzt wo ich immer bekannter werde und die Leute sich für meine Person interessieren zu beginnen. Das muss ich echt so vorsichtig sein, wie ich nur kann.

 

Das vollständige Interview ist in der Dezember ’99-Ausgabe des amerikanischen INTERVIEW Magazins erschienen.

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