Pierre-Ange, kein Engel

Pierre-Ange Carlotti ist in vieler Munde – wenngleich nicht physisch, aber in der Modebranche verzehrt man sich nach seinen Fotos, die auf den Betrachter so ähnlich wirken wie er selbst: intensiv.

Porträt: JEAn-BAPtistE Mondino

von Boris Bergmann

Erste Zigarette. Die Nacht ist noch jung. Ich sitze in einem Taxi, das mich Richtung Norden fährt, ins 9. Arrondissement. Es gibt einen neuen Club in Pigalle. Er heißt Le Carrousel und ist im Prinzip ein ehemaliger Stripteaseschuppen komplett mit den billigen Huren und halbseidenen Typen, bloß dass man dort jetzt halt auch normal tanzen kann.

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Zweite Zigarette. Die Nacht ist immer noch jung, aber jetzt ist es kalt. Der Herbst ist endlich angekommen, und es fühlt sich an, als hielte die ganze Stadt den Atem an und bliebe noch gern unter der Decke versteckt. Es ist sehr still draußen. Angeblich ist heute Samstag – was ist denn los? Paris hat sich sehr verändert. Pigalle war früher ein übler Ort. Jetzt gibt es überall Cocktail-Lounges, und alle Restaurants haben Burger und Bò bún auf der Karte. Gähn.

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Dritte Zigarette. Hier bin ich also, stehe in meinen Docs vor dem Le Carrousel, gehe irgendwann rein und am Türsteher vorbei, als sei ich willkommen. Es ist Mitternacht, die Tanzfläche ist leer.

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Komisch. Irgendwas läuft schief. Ich trinke meinen ersten Wodka Tonic. Der Drink hilft mir, auf die richtigen Ideen zu kommen: Wer legt hier eigentlich auf?

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Omaima Salem, eine der jüngsten und süßesten Stylistinnen Frankreichs. Ich kenne sie nicht wirklich, aber wen kümmert es seit Instagram denn noch groß, wen man in Wirklichkeit kennt? Der dort drüben, der dünne Torpedo mit dem braunen Haar, ist Paul Hameline. It-Boy des Jahres. Ich mag seinen Stil. Very Punk. Er trägt eine Jacke von Vetements, die er wahrscheinlich nach seinem letzten Fotoshooting einfach anbehalten hat. Er tanzt wie das „Bateau ivre“ von Arthur Rimbaud.

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Wodka Nummer zwei. Gaspar Noé legt jetzt auf. Wenn in Paris nachts etwas los ist, fehlt Gaspar beinahe nie, es sei denn, er ist krank. Oder verreist.

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Wodka Nummer drei. Der letzte war zu schnell weg. Jetzt tanze ich. Der Club ist immer noch leer. N’importe quoi. Neben mir tanzt noch jemand. Ich kenne ihn. Wir kennen uns. Alle hier kennen ihn: Pierre-Ange.

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Pierre-Ange Carlotti, der Fotograf à la mode. Er ist das Auge und Gedächtnis der jungen kreativen Crew, die den Pariser Nächten endlich wieder Energie und Wahnsinn in die Schläuche gepumpt hat. Pierre-Ange ist süß. Er sieht eigentlich ähnlich aus wie Gaspar Noé – auch Glatze, auch schwarze Bomberjacke, auch Lächeln. Aber seine dunklen Augen sind sanfter als die von Gaspar. Wir fangen eine Unterhaltung an. Über Paris. Über die Nacht. Über die neuen Clubs und die neuen Drogen und den neuen Sound und die neuen Klamotten. Über die Jungs, die er mag. Über die Mädchen, die ich mag. Über die Modeindustrie, die Kunstindustrie und die Industrieindustrie.

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Wodka Nummer vier. Dazu zwei Shots. Einer ist für Pierre-Ange, der andere – für mich. Jetzt ist der Club voll. Gaspar Noé spielt diese französische Band aus den 80ern, Niagara. Der Song handelt von einem Mädchen, das kurz davor ist, mit einem Mann Sex zu haben, aber genau vor dem kritischen Moment in die Nacht entschwindet. Als der Refrain durch den Club hallt, drehen alle durch, springen und schreien rum. Pierre-Ange ist plötzlich neben mir und flüstert in mein Ohr: „Weißt du, für mich, diese Band, das waren die letzten Romantiker.“

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Wodka Nummer fünf. Ich bin an der Bar, weit weg von den chaotischen Körpern, die auf der Tanzfläche eins sind. Ich denke über Romantik und Pierre-Anges Bilder nach. Manche Leute finden sie zu provokativ, weil er nackte Hintern zeigt. Ich finde das Gegenteil. Pierre-Ange hat einen unbestechlichen Blick. Er will Zeugnis ablegen von der Schönheit der Jugend. Einer Jugend in Paris.

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Wodka Nummer sechs. Jetzt läuft Musik von La Femme. Ich habe Pierre-Ange verloren, aber das ist okay, weil wir uns bereits an einem viel ruhigeren Ort verabredet haben, um all das hier zu besprechen. All das hier? All das. Sein Leben. Seine Arbeit. Seine Bilder. Die Renaissance des Pariser Underground. Der Einfluss der schwulen und queeren Subszene. Der Unterwelt. La Femme singt, sie wäre gerne Unisex. Die Tanzfläche sieht aus wie ein einziger riesiger menschlicher Organismus mit sämtlichen Geschlechtern an Bord. Sieht natürlich fantastisch aus. Zeit, ins Bett zu gehen.

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Eine Woche später, nach dem Kater, erwartet Pierre-Ange Carlotti mich in seiner Wohnung an der Place de la Bastille.

Foto: PiErrE-AngE CArlotti

BORIS BERGMANN: Also, Pierre-Ange, wo kommst du her?

PIERRE-ANGE CARLOTTI: Ich wurde in Bastia geboren, auf Korsika. Am 17. Juni 1989.

BB: Weit weg von Paris…

PC: Total. Korsika ist ein besonderer Ort, wo die Berge abrupt auf das Mittelmeer treffen. Diese besondere Beziehung zur Natur erklärt den wahren Charakter der korsischen Bevölkerung: Korsen sind stolz auf ihr Land, manchmal geben sie sich schroff oder sogar ungestüm. Meine Familie kommt aus einem kleinen Dorf zwischen Bastia und Porto Vecchio. Meine Großmutter hat dort noch immer ihr Restaurant. Sie ist 90 Jahre alt, aber sie arbeitet mehr denn je.

BB: Wie war deine Kindheit?

PC: Meine Eltern haben sich vor Ewigkeiten getrennt. Mein Vater ist Hirte, und um ehrlich zu sein haben wir seit meinem achten Lebensjahr nicht mehr viel miteinander gesprochen. Es ist so viel Zeit vergangen, und ich glaube, wir sind mitlerweile zu verschieden, um uns noch verstehen zu können. Mit meiner Mutter ist es ganz anders. Sie ist wirklich meine Verbündete. Sie versteht mich. Sie half mir nach Paris zu ziehen. Ich erinnere mich an ihre CDs im Wohnzimmer: Tina Turner und Jamiroquai. Musik ist essenziell für Kinder. Mit 15 sagte ich meiner Mutter, dass ich schwul bin. Sie unterstützte mich total.

BB: Wie lief das Coming-out unter Korsen?

PC: Es ist überall schwer. Es ist vor allem überall auf dem Land schwer. Aber ich glaube, dass mir mein korsisches Temperament dabei geholfen hat. Ich erinnere mich an drei Typen, die mich in der Schule ärgern wollten. Die sagten, ich wäre halb Mädchen, halb Junge und all so einen Scheiß. Eines Tages, nachdem ich mir noch eine Beleidigung anhören musste, ging ich auf den größeren Typen zu und schlug ihm ins Gesicht. Okay, er hat mich dann zurückgeschlagen, aber danach hörten die Kommentare auf. Dann gab es nur noch böse Blicke. Aber die konnte ich ignorieren.

BB: Hast du auf Korsika angefangen mit der Fotografie?

PC: Ja. Ich hatte viele Freundinnen, die meisten älter als ich. Sie nahmen mich mit in Clubs
und auf Partys. Ich war erst zwölf, aber das Maskottchen der Gang. Da ging es lustig her, auch wild!
Clubs in Korsika sind natürlich anders als hier in Paris, aber die korsischen Partys sind riesig, besonders im Sommer mit all den Touristen vom Festland. Wir blieben immer die ganze Nacht wach und chillten nach Sonnenaufgang am Strand. Ich erinnere mich nicht mehr genau, wie das kam, aber eine meiner Freundinnen schenkte mir dann eine Wegwerfkamera. Damit fing ich an, unsere Ausflüge ins Innere
der Nacht zu fotografieren. Ich liebte das sofort. Besonders wenn ich am nächsten Tag zum Laden
bei mir um die Ecke ging, um die Bilder entwickeln zu lassen — man wusste ja nie, was man aufgenommen hatte! Das ist bis heute ein aufregender Moment geblieben. Dann wartete ich eine Stunde und – bam! Eine verdrängte Erinnerung, ein Lächeln, ein Tanz, ein Kuss, eine Faust, ein Hintern, ein Gesicht, zwei Augen, ein Verlangen, Liebe, Sex … Dieser Überraschungseffekt ist für meine Arbeit bis heute zentral. Ich benutze eigentlich nie Digitalkameras. Vor Kurzem habe ich zum ersten Mal eine ausprobiert, als ich in kürzester Zeit einen Katalog fotografieren musste. Es war so einfach! Aber halt auch anders.

BB: Wie hast du den Absprung von Korsika geschafft?

 

Foto: PiErrE-AngE CArlotti

PC: Wie so viele Leute meiner Generation: durch das Internet. Für mich war es ein Zaubermittel. Über MySpace konnte man Freundschaften mit Leuten schließen, die Hunderte von Kilometern entfernt lebten, aber denselben Geschmack hatten bezüglich Musik und Klamotten. Und auch in Sachen Sex. Der MSN-Messenger war ein tolles Instrument: Damit fing man an jedem Abend nach der Schule an, mit seinen Freunden zu chatten. Ich höre immer noch diesen „whizz“-Sound, den man geschickt bekam, wenn man zu langsam antwortete. Bevor ich überhaupt einen Fuß nach Paris setzte, hatte ich dort Freunde, die sehnsüchtig auf mich warteten. Ich machte einen Deal mit meiner Mutter: gute Noten in der Schule gegen einen Solotrip in die Hauptstadt. Schon während meiner Schulzeit fuhr ich ein paar Mal allein nach Paris, traf meine virtuellen Freunde und besuchte all die durch die Chats vertrauten Orte, die ich nun zum ersten Mal in der Wirklichkeit betrat. Noir Kennedy zum Beispiel, ein berühmter Laden im Marais, wo die Jeans von Cheap Monday und Stiefel von Dr. Martens verkauft wurden. Diese Parisreisen waren auch deshalb immens wichtig, weil ich in Paris auf schwule Jungs traf. In Korsika gibt es nicht eine einzige Schwulenbar. Das war unheimlich frustrierend. In Paris konnte ich Männer auf der Straße ansprechen oder in eine Schwulenbar gehen. In Paris konnte ich mich so kleiden, wie ich wollte. Zum ersten Mal war ich dort genau so, wie ich mich auf Korsika nur gefühlt hatte.

BB: Es muss hart gewesen sein, heim nach Korsika zu gehen.

PC: Ich wusste ja, dass ich nicht für immer dort bleiben würde. Nach dem Schulabschluss bin ich ganz nach Paris gezogen. Meine Mutter hatte etwas Angst um mich allein in der großen Stadt. Also suchte ich mir eine Wohnung in Saint-Germain- des-Prés, einer bourgeoisen und touristischen Gegend.

BB: Wie hast du dich über Wasser gehalten?

PC: Das ist jetzt zehn Jahre her. Damals war ich ein bisschen verloren. Ich hatte keine Ahnung, wie mein Leben aussehen sollte. Ich wollte alles machen und glaube, das geht den meisten kreativen Teenagern so. Zuerst studierte ich französische Literatur an der Sorbonne. Ich wollte Schriftsteller werden. Ich ging viel aus. Einige Zeitschriften baten mich, kleine Artikel über alles zu schreiben. was so los war. Ich kannte die Schwulenszene, die geheimen Partys und Geschichten aus den Hinterzimmern in- und auswendig. Es war anders als heute: Schwule und Heteros haben nicht wirklich zusammen gefeiert, besonders nicht der Underground. Darum brauchten diese Magazine mein Wissen. Leser interessiert immer, was in einer Welt los ist, die sie nicht verstehen. Ich hatte meine Kamera immer dabei, meine Bilder aber nie veröffentlicht. Ich fing auch an über Mode zu schreiben.

BB: Kanntest du dich damit aus?

PC: Für mich ist Mode wie Fotografie: Ich lerne alles im Feld. Und dank des Internets hat das Feld keine Grenzen. Man kann eine Kampagne von Issey Miyake aus den 90ern finden oder einen Artikel der vergessenen französischen Zeitschrift „Façade“. Man kann sich ein eigenes Vokabular aufbauen, ohne dabei vom Sofa aufzustehen. Zu der Zeit habe ich mit meiner Freundin Clara 3000 zusammengewohnt. Sie ist DJ, jung und erfolgreich, und legte so gut wie überall auf, als ich nach Paris kam, von schmuddeligen Warehouse- Partys bis hin zu schicken Fashion- Week-Events. Die Energie zwischen uns war perfekt. Noch wichtiger: Sie gab mir meine erste richtige Kamera, eine Contax. Ich arbeite noch immer mit diesem Modell. Als wir das erste Mal nach New York flogen, sagte sie zu mir: „Pierre-Ange, du fotografierst immer. Jetzt mach es richtig.“

BB: Und dann kam der Durchbruch.

PC : Ich denke, es war meine Kollaboration mit Jacquemus. Ich kenne Simon, den Designer, seit vielen Jahren. Er kommt wie ich aus Südfrankreich. Marseille, wo er aufwuchs, ist der wichtigste Anlaufpunkt für die korsische Diaspora. Ich half Simon dabei, die Models für seine ersten Schauen zu casten. Daraufhin bat er mich, eine Zeitschriftengeschichte zu fotografieren, bei der er für das Styling zuständig war. Wir fotografierten sechs Mädchen oben ohne in Sachen aus seiner Kollektion „La Piscine“. Er war damals erst 23, ein Baby. Und hatte unglaublichen Erfolg. Vor Jacquemus kreierten junge Leute selten selbst etwas, oder es scherte sich niemand darum. Jacquemus öffnete die Tür für viele junge Kreative wie das Kollektiv von Vetements oder die Crew von „Marfa Journal“.

BB: In den Zeitraum fand ja dann auch deine erste Einzelausstellung statt.

Foto: PiErrE-AngE CArlotti

PC: Instagram hat mir dabei geholfen. Heute braucht ein junger Fotograf keine Galerie mehr, sondern kann der Welt seine Arbeit aus eigener Kraft vor Augen führen. Viele Follower können einem viele Aufträge und noch mehr Aufmerksamkeit einbringen. Instagram ist die neue Galerie. Aber ich wollte Fotos ausstellen, die ich von meinen Freunden gemacht hatte. Die hatte ich noch nie gezeigt, weil ich dafür zu schüchtern war. Meine Freunde hatte ich in einem Ritual fotografiert: Ich bat sie zu tragen, was ihnen gefällt, aber je weniger, desto besser. Am Ende waren sie immer so gut wie nackt. Daher kam meine erste Idee: „Naked“. Dann musste ich etwas von mir selbst in die Ausstellung einbringen, und so wurde ihr Titel „Bored and Naked“.

BB: Warum denn gelangweilt?

PC: Ich habe eine schwer depressive Phase hinter mir, weil ich meine Miete einige Monate nicht zahlen konnte. Junge Fotografen werden leider nicht pünktlich bezahlt. Das ist lästig, aber auch langweilig. Es langweilte mich bis zur Erschöpfung. Und diese Gelangweiltheit wollte ich abschütteln. Ich fand zur Galerie von Antonine Catzéflis, einer sehr bourgeoisen Exzentrikerin. Ich erinnere mich noch, wie sie zu mir meinte: „Das ist großartig! Hier kommen überall Schwänze hin.“ Carte blanche. Sie überließ mir sogar einen Schlüssel, damit ich meinen Leuten die Ausstellung zu jeder Tages- und Nachtzeit zeigen konnte. Die Vernissage war fantastisch, weil alle meine Freunde gekommen waren: Modeleute, Schwule, Musiker, Schauspieler und so weiter. Diese Ausstellung hat mich etabliert. Danach fing ich an für größere Magazine wie „Purple“ zu arbeiten. Und mit denen arbeite ich noch heute! Für mein letztes Editorial fotografierte ich zwei gute Freundinnen von mir, die Models Mica Argañaraz und Jamie Bochert. Ich mache ja keinen Unterschied zwischen Fotos für Magazine und denen für meine Ausstellungen.

BB: Wie würdest du deinen Stil beschreiben?

PC: Mit meinen Bildern suche ich Intimität. Ich versuche den Menschen, mit denen ich arbeite, näherzukommen. Sie sollen mich vergessen, wenn sie nackt sind; wenn sie sich küssen, sogar wenn sie Sex haben. Drogen nehmen. Manche Leute finden meine Bilder provokant. Trashig. Sie sind halt ungekünstelt. Sie zeigen Menschen. Und ihre Wirklichkeit. Die Wirklichkeit kann auch lustig, naiv und süß sein. Selbst wenn man einen nackten Hintern zeigt.

BB: Gibt es Einflüsse?

PC: Robert Mapplethorpe. Für mich ein echter, klassischer Meister der Fotografie. Terry Richardson war auch wichtig für mich – seine Beziehung zum Trash, zur Sexualität, die er mit einem brutalen und direkten Blitz erfasst, ohne Filter und ohne Moral. Filme können auch sehr wichtig für Fotografen sein. Du weißt ja von meiner Liebe zu Gaspar Noé. Ich nenne ihn Daddy und halte ihn für den Paten der Pariser Jugend. Er versteht die innere Widersprüchlichkeit unseres Daseins, ohne uns dafür zu verurteilen.

BB: Nach „Bored und Naked“ konntest du mit Vetements arbeiten.

PC: Das war ein großer Schritt für mich. Ich kannte Lotta [Volkova] schon lange, hatte aber noch nie mit ihr gearbeitet. Schließlich sprach Demna [Gvasalia] mich an. Er ist vom Typus her Guru — auf seine Entscheidungen kann man keinerlei Einfluss nehmen. Nun sollte ich gleich das erste Lookbook schießen. Aber unter infernalischen Bedingungen! Ich musste 70 Looks pro Tag fotografieren, in einer riesigen Wohnung, in der es vor Assistenten und Freunden nur so wimmelte. Ich hatte circa zwei Minuten für ein Bild. Ich glaube, Demna hat sich für mich entschieden, weil er meinen Stil mag, aber auch weil er wusste, dass sonst niemand diese Arbeitsbedingungen aushalten würde. Es war das Gegenteil einer klassischen Modekampagne. Am Ende des Tages fand Demna, wir sollten ein Buch mit dem Titel „Work in Progress“ machen. Und dieses Buch erzählt im Prinzip das ganze Abenteuer [der Spring/Summer 2016-Präsentation] von den Fittings bis zur Aftershow.

BB: Vetements haben die Szene in Paris verändert.

PC: Seitdem ist die Stadt endlich wieder für ihre Kreativen bekannt. Die Ideen für die Kollektionen von Vetements stammen ja größtenteils aus Paris. Demna sah beispielsweise am Flughafen Charles de Gaulle einen Sicherheitsbeamten, der seine Jacke auf eine ganz bestimmte Art zugeknöpft trug, und dachte sich, genau so sollte so eine Jacke auch getragen werden. Die Energien der Nacht, von den Partys hier, fließt ebenso in die Arbeit ein. Paris hat sich enorm verändert. Als ich vor zehn Jahren hier ankam, nannte man sie die Museumsstadt, weil alles eingeschlafen war. Natürlich gab es Le Baron, aber das ist ein posher und irgendwie auch arroganter Laden. Und zudem extrem hetero. Jetzt gibt es hier Läden, deren Betreiber sich eher an den Clubs in Berlin oder Manchester orientieren. Die Tendenz geht zum Punk. Leute tragen ihr Haar kürzer, nicht mehr sobourgeoisundpariserisch.Vetements haben diese Energie in die Szene injiziert. Ihre dritte Kollektion zeigten sie im Le Dépôt, dem berühmtesten Schwulenclub von Paris. Modeleute an diesen Ort bitten zu können, der ihnen komplett fremd schien – das war dreist. Das wurde ein unerwarteter Erfolg. Wir sind ein Team – Vetements sind für die Kleidung zuständig, ich für die Bilder, Kids wie Paul Hameline für die Posen, neue Zeitschriften wie „Marfa Journal“ gehören ebenfalls dazu. Die ganze Familie hat ein gemeinsames Ziel: Die Energie der Straßen, es sind unsere Straßen, mit unserer Kunst auf die anderen zu übertragen.

BB: Woran hast du zuletzt gearbeitet?

PC: Am einer neuen Ausstellung! Die hieß „Bachelor“. Ich bin jetzt 27 und stelle fest, dass ich noch keine Liebespartnerschaft erlebt habe. Ich habe heftige Leidenschaften erlebt, aber noch keine Zweisamkeit. Ich bin der wahre Junggeselle. Meine Freunde sind langsam alle in Beziehungen. Also beschloss ich, diese Paare mit meiner Kamera einzufangen und mich selbst allein außen vor zu stellen. Es gibt diesen gesellschaftlichen Druck, dass Menschen nur in Zweiergruppen vorkommen sollen. Wenn eine alte Frau alleine stirbt, nennt man sie alte Jungfer – selbst wenn sie in ihrem Leben vor dem Tod eine Millionen Abenteuer erlebt hatte. Ich möchte zeigen, was die Hintergründe für ein Leben als Paar sein können: manchmal Liebe, aber manchmal auch Angst vor der Einsamkeit. Und es gibt Streitigkeiten, es gibt Sex…

BB: Wovon träumst du?

PC: Ich möchte mit Rihanna zusammenarbeiten – ich finde sie phänomenal. Eine der letzten Diven. Und ich möchte einen Film drehen. Ich möchte mich in meinen Ausdrucksmitteln nicht beschränken müssen á la „Du sollst Kunst machen, nicht Mode. Du kannst als Fotograf keinen Film drehen. Du solltest für ein großes Magazin arbeiten und nicht für diese Underground- Blätter …“ Das ist alles Bullshit. Der wahre Vorteil unserer Generation ist, dass wir alles machen wollen, was wir können. Fangen wir an.

Boris Bergmann ist Schriftsteller. Er lebt in Paris. Zuletzt ist von ihm im Verlag Calmann-Lévy der Roman „Déserteur“ erscheinen.

19.01.2018 | Kategorien Interviews, Magazin | Tags , , ,