RÓISÍN MURPHY
"Ich hatte immer das Gefühl, dass die Leute mich für unecht halten"

© Mark Farrow

Den Bandnamen hatten Róisín MURPHY, 41, und ihr Partner MARK BRYDON bei den Droogs aus Clockwork Orange entliehen, doch irgendwann hatte sie die Schnauze voll von MOLOKO (und von ihrem Ex-Freund Mark sowieso). Mit Hairless Toys veröffentlicht die Irin mit dem Faible für extravagante Mode ihr drittes Solo-Album herausgebracht!



Von: Frauke Fentloh



INTERVIEW: Mrs. Murphy, was war Ihr ausgefallenstes Outfit? Das Gareth-Pugh-Kostüm aus dem Video zu Overpowered?

RÓISÍN MURPHY: Nein, eins von Victor & Rolf! Es war riesig. Im Prinzip ein Kleid, das auf ein Gerüst gespannt war, mit Lichtern dran und einem Soundsystem. Ich trug es für ein Fotoshooting und bin fast darin gestorben.

INTERVIEW: Wieso das?

MURPHY: Es war total schwer und hat sich aufgebläht wie ein Segel, sobald der Wind wehte. Als Victor & Rolf das damals auf dem Laufsteg gezeigt haben, wurde ihnen vorgeworfen, dass sie die Models in Gefahr bringen würden. „Was stellt ihr mit den armen Mädchen an?“ Das war tatsächlich eine ziemlich beängstigende Show. Und dieses Ding auf der Straße zu tragen war verrückt. Man hätte bestimmt leicht darin umkommen können.

INTERVIEW: Das wäre ein bizarres Ende …

MURPHY: Ja, death by fashion! Eine gute Art zu gehen.

INTERVIEW: Haben Sie alle Ihre Kostüme noch?

MURPHY: Ziemlich viele, ja.

INTERVIEW: Und die können Sie zu Hause verstauen?

MURPHY: Das ist tatsächlich einigermaßen schwierig! Ich habe Zeug in jedem Zimmer, unter jedem Bett. Ich bin nicht gut darin, so etwas zu verkaufen. Ich habe echt viele Kleider.

INTERVIEW: Woher kommt Ihr Interesse für Mode?

MURPHY: Meine Mutter hat früher mit Antiquitäten gehandelt, und ich habe viel Zeit mit ihr auf Trödelmärkten verbracht. Als Teenager habe ich von Kopf bis Fuß 60er-Jahre-Klamotten getragen. Ich war die mit dem Hosenanzug und dem roten Plastikhut.

INTERVIEW: Die Vorliebe für Hüte ist offenbar unverändert.

MURPHY: Ach, ich mag Accessoires. Ich liebe es einfach, mit Kleidung zu fantasieren.

INTERVIEW: Ist Kleidung für Sie Performance?

MURPHY: Auf jeden Fall Kommunikation. Das Aussehen ist ja das Erste, was man den Leuten über sich sagt.

INTERVIEW: Und was ist Ihre Botschaft?

MURPHY: Ich will so komplexe Dinge wie möglich sagen, zumindest als Performer. Man kann zum Beispiel sagen, dass man zugleich glücklich und traurig ist. Oder klug und albern. Es geht um diese Widersprüche. Es interessiert mich nicht, wenn jemand sagt: Ich bin genau so und das war’s. Oder: „Ich bin authentisch“ (lacht). Total langweilig! Und eine Lüge. Es stimmt einfach nicht.

INTERVIEW: Das müssen Sie erklären.

MURPHY: Es gibt seit einiger Zeit dieses extreme Streben nach Authentizität. Das ging in den Neunzigern los, plötzlich fühlten sich alle, die keinen Stil und keinen Sinn für Kleidung hatten, bemächtigt zu sagen: „Du machst dir Gedanken um deine Klamotten, du bist nicht authentisch.“ Alle waren grungy und haben so getan, als würden sie sich keine Mühe geben. Das fand ich wieder total unauthentisch. Ihr macht euch doch was vor!

INTERVIEW: Es ist also genau andersherum: Wer sich Gedanken um sein Äußeres macht, hat was zu sagen?

MURPHY: Verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe viele Freunde, die das alles überhaupt nicht interessiert. Auch die meisten meiner Partner haben sich da nicht groß drum gekümmert. Man muss sich nicht herausputzen, um tiefgründig zu sein. Und man muss nicht seicht sein, wenn man es nicht tut. Aber all diese Jahre hatte ich das Gefühl, dass die Leute mich für unecht hielten, weil sie mich mit diesem Bob und dem Make-up und dem Lederkleid und solchen Sachen sahen. Aber ich dachte mir: Wenn schon, denn schon!

Róisín Murphy: “Murphy’s Law: Je öfter man etwas versucht und je öfter es schiefgeht, desto näher kommt man dem Punkt, an dem es klappt”
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INTERVIEW: Waren Sie als Kind auch schon so extrovertiert?

MURPHY: Ich war schon ziemlich unterhaltsam! Aber bis ich zehn war, wusste ich gar nicht, dass ich singen kann. Da habe ich irgendwas für meine Familie gesungen, und alle waren total schockiert: Sie kann singen! Von da an musste ich immer die Flucht antreten, sobald sie einen Drink hatten, denn dann wollten immer alle, dass ich singe. Was mir echt auf die Nerven gegangen ist.

INTERVIEW: Wie sind Sie aufgewachsen?

MURPHY: Erst in einer kleinen Stadt in Irland. Als ich zwölf war, sind wir nach Manchester gezogen. Ich habe die Stadt geliebt, aber meine Familie ist dort auseinandergebrochen. Meine Mutter ist zurück nach Irland, mein Vater ist auch weggezogen. Ich bin allein geblieben.

INTERVIEW: Wie alt waren Sie da?

MURPHY: 15 oder 16. Bis dahin waren meine Eltern fantastische Eltern, und später auch wieder. Aber zu dem Zeitpunkt hatten sie beide eine schwere Zeit. Und ich hatte eine kleine Gemeinschaft von Freunden gefunden, was sich beständiger anfühlte, als bei meinen Eltern zu bleiben. Außerdem hatte ich gerade die Musik entdeckt und bin viel in Clubs unterwegs gewesen. Die Vorstellung, zurück in diese irische Kleinstadt zu gehen, wo alle auf AC/DC standen – keine Chance! (lacht)

INTERVIEW: Welche Stadt konnte damals schon mit Manchester mithalten?

MURPHY: Es war eine großartige Zeit in Manchester! Ich habe in den späten Achtzigern angefangen, auf Konzerte und in Clubs zu gehen und mit den Leuten abzuhängen, die sich für Musik interessierten. Das waren aber vor allem HipHop-Clubs, R ’n’ B, Soul, Funk. Rave hat mich erst mal gar nicht interessiert.

INTERVIEW: Ach.

MURPHY: Ich bin zwar mal ins Hacienda gegangen. Das war irgendwie nicht mein Ding, Tausende Leute mit den Händen in der Luft, ich dachte nur: Tausende Deppen. Es war alles sehr homogen und sehr weiß und wurde von irgendwelchen Typen gemacht, die auf Ibiza gewesen waren. Erst als ich nach Sheffield gezogen bin, habe ich angefangen, elektronische Musik zu mögen und als richtige Musik zu verstehen.

INTERVIEW: Nicht nur boom, boom, boom?

MURPHY: Nicht nur boom, boom, boom – genau.

INTERVIEW: Stimmt es eigentlich, dass sie bei einem Auftritt in Russland mal fast erblindet sind?

MURPHY: Ja, in Moskau. Ich bin mit dem Gesicht auf einer Stuhlkante gelandet, sozusagen in ein Stück Holz geheadbangt. Die haben mich gleich nach Hause geflogen, das musste Hautschicht für Hautschicht genäht werden.

INTERVIEW: Also nicht death by fashion …

MURPHY: … sondern blinded by passion! Es ist ganz okay geworden, aber man kann es noch ein bisschen sehen. Die Russen meinten zu mir: Fahren Sie nach Hause, und rufen Sie Ihren plastischen Chirurgen an. Und ich: Na klar, mache ich, den habe auf speed dial (lacht).

INTERVIEW: Wollen eigentlich viele Leute mit Ihnen über Murphy’s Law sprechen?

MURPHY: Nein, das passiert komischerweise nie!

INTERVIEW: Kennen Sie es?

MURPHY: Ja, ich habe sogar mal einen Song mit dem Namen Murphy’s Law geschrieben!

INTERVIEW: Ach, wirklich? Ich dachte, dass es den geben müsste, habe aber nichts dazu gefunden.

MURPHY: Der ist auch noch nicht veröffentlicht worden. Ich habe das alles mal nachgelesen. Wenn die Möglichkeit besteht, dass ein Fehler passiert, kann man annehmen, dass er passiert. Ich glaube, es ging um Raketenexperimente der NASA.

INTERVIEW: Haben Sie Ihr eigenes Murphy’sches Gesetz?

MURPHY: Irgendwie schon. Je öfter man etwas versucht und je öfter es schiefgeht, desto näher kommt man dem Punkt, an dem es klappt. Man probiert es einfach ein bisschen anders, kali­briert. Früher oder später muss es klappen.

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