"Das ist unser aller Haus"

Der Künstler Ryan Mendoza hat das Haus der schwarzen Bürgerrechts-Ikone Rosa Parks aus Detroit nach Berlin-Wedding verschifft. Anlässlich des Gallery Weekends ist es jetzt zu besichtigen.

Foto: Courtesy of Fabia Mendoza

Betritt man den Hof hinter dem breiten Tor, ist es ein wenig so, als würde man eine andere Welt hineinwandeln: ein Häuschen amerikanischer Machart, zweistöckig und mit verwitterter schwarz-weißer Holzfassade. Davor steht ein Mann mit Cowboyhut und farbbekleckster Jacke. Es handelt sich um den amerikanischen Künstler Ryan Mendoza, 46. In dem Haus, das jetzt auf dem Grundstück steht, das der Künstler zusammen mit seiner Familie im Berliner Stadtteil Wedding bewohnt, lebte von 19 1957 bis 1959 Rosa Parks in Detroit. Sie hatte ein paar Jahre zuvor die schwarze Bürgerrechtsbewegung ausgelöst, weil sie sich weigerte, ihren Sitzplatz im Bus für einen Weißen zu räumen. Ryan Mendoza bespielt das Haus mit einer Live-Soundinstallation, für die er Superhelden-Filmmelodien mit Originalaufnahmen von Interview mit Rosa Parks mischt; seine Frau Fabia Mendoza hat mit „The White House Documentary“ einen Film über die Aktion und über Detroit gedreht, sie kommt zum Interview dazu.

Ryan Mendoza & Rosa Parks | Foto: Copyright Fabia Mendoza

Anne Waak: Wie kommt das Haus, in dem die amerikanischen Bürgerrechts-Ikone Rosa Parks in Detroit lebte, in ihren Hof im Berliner Stadtteil Wedding?

Ryan Mendoza: Wir hatten keine andere Möglichkeit. Unser Hof hier war der einzige Ort, an dem wir es einfach aufstellen konnten. In Detroit stand es auf der Liste der Häuser, die abgerissen werden sollten.

AW: Wie das denn?

RM: Das muss man den Bürgermeister von Detroit fragen. Wie konnte das passieren? Wer hat das erlaubt? Was sagen Sie jetzt, da es in Berlin steht? Ich habe wirklich keine Ahnung, was er dazu sagen könnte. Alles, außer sich des Kommentars zu enthalten, würde ihn selbst belasten.

AW: Die Besitzerin des Hauses ist die Nichte von Rosa Parks, Rhea McCauley. Sie bat Sie um Hilfe.

RM: Rhea ist die wahre Heldin dieser Geschichte, weil sie die 500 Dollar ihres eigenen Geldes dafür aufgebracht hat, das Haus von der Abrissliste der Stadt zu retten. Sie ist Lehrerin und hält öffentliche Reden. In den Schulen, in denen sie arbeitet, bittet sie darum, mit den schwierigsten Schülern arbeiten zu dürfen – mit denen, um die alle anderen aufgegeben haben. Das bringt mich zum Weinen, wenn ich nur darüber spreche. Sie sieht sie nicht als Problemkinder, sondern als besonders unglücklich mit den Verhältnissen, in denen sie leben. Und wenn die keine Jobs finden, entsteht daraus irgendwann Kriminalität.

Fabia Mendoza: Rhea McCauley und die Herkunftsfamilie von Rosa Parks ist arm. Man würde denken, dass die Angehörigen dieser Ikone der Bürgerrechtsbewegung ein wenig Unterstützung vom Staat bekämen, aber dem ist nicht so. Seit wir Rhea auf Vermittlung von zwei Journalisten des lokalen Fernsehsenders Pulsebeat.tv in einem Restaurant in Detroit trafen, ist gerade mal ein Jahr vergangen. Wir verliebten uns sofort in sie. Rhea ist wirklich cool. Sie bat uns, das Haus ihrer Tante außer Landes zu schaffen, weil sich da niemand für ihr Vermächtnis interessiert. Sie sagte: Erst wenn das Haus weg ist, werden sie merken, was sie verloren haben. Es war uns eine Ehre.

Fabia & Ryan Mendoza | Foto: Copyright Annemarie Drez

AW: Sie haben das Haus dann innerhalb von zwei Tagen abgebaut, verschifft und hier wieder hingestellt.

RM: Es dauerte mehrere Monate, um es hier wieder aufzubauen. Das Abbauen haben wir mit Freunden und Freiwilligen organisiert, den Wiederaufbau habe ich zu 99 Prozent selbst geleistet. Ein großer Teil der verbauten Materialien war nicht wiederverwertbar, außerdem musste ich die innere Struktur praktisch neu bauen, weil sie zu fragil geworden war – hier ist jetzt die Original-Fassade, von der Teile übrigens ohne Vorwarnung zusammen gebrochen waren, als wir sie auseinanderbauten. Das Verschiffen nach Europa hatte zwei Effekte: Das Haus musste deswegen gesäubert werden – es war voller Materialien, für die es keine Verwendung mehr gab. Falsch eingebaute {er sagt das Wort auf Deutsch} Rigipsplatten zum Beispiel.

AW: So problemlos, wie es jetzt klingt, war es aber nicht, das Vertrauen der Detroiter zu gewinnen und das Haus für Kosten von knapp 13.000 Dollar verschiffen zu können.

RM: Rosa Parks’ Vermächtnis ist so wichtig für die Detroiter Stadtgemeinschaft, dass sich die Frage stellt, warum sie einem weißen Künstler gestatten sollten, da mitzumischen. Für viele schwarze Detroiter herrschte und herrscht ein Gefühl von Wir gegen die Weißen. Wir haben diese Chance nur bekommen, weil sonst niemand da war, der in dieser Sache helfen wollte. Das hier ist kein Luxusprojekt, sondern eines, das aus einer Notwendigkeit heraus entstanden ist. Wir haben einfach getan, was wir tun konnten.

FB: Wegen dieses Abriss-Programms wird mittlerweile gegen die Stadt ermittelt wird – von Seiten des Staates Michigan. Eines ist mir wichtig zu erwähnen: Detroit ist eine wunderbare Stadt, die nicht auf ihre Ruinen beschränkt werden darf. Es herrscht dort ein unglaubliches musikalisches Erbe. Jeder dort ist ein Talent. Vom Kind bis zum Greis: alle sind unfassbar talentierte Menschen. Und ich rede nicht von Talent in Anführungszeichen. Die Last Poets stammen aus Detroit, sind Pioniere des Hiphop, sehr radikal. Und ein großer Teil unseres deutschen musikalischen Erbes, Techno, basiert auf dem, was Mitte der Achtziger in Detroit entstand.

AW: Wie reagieren die Menschen hier im migrantischen und teils gentrifizierten Wedding auf das Haus?

RM: Die Leute hier sind sehr liebevoll, überrascht und interessiert. Das Haus sticht heraus. Wenn die Weddinger vorher noch nie von Rosa Parks gehört hatten, haben sie es jetzt. Ein Herr, ein schwarzer Musiker aus den Vereinigten Staaten – bestimmt 1,95 groß, – umarmte mich und weinte. Er kam vorbei mit 25 ausgedruckten Exemplaren des Wikipedia-Eintrags über Rosa Parks und verteilte sie an die Leute. Und die verstehen, dass das nicht mein Haus ist. Es ist unser aller Haus. Es ist wichtig für Schwarze und es ist auch wichtig für Weiße, die sich von ihren rassistischen Ahnen abgrenzen wollen. Wenn es im Boden verankerte Erinnerungen wie diese nicht gibt, ist das fast so schlimm als würde man sagen, Rassentrennung sei okay. Und wenn Rassentrennung in Ordnung ist, warum nicht auch Sklaverei?

FM: Rhea kommt im Juni noch einmal nach Berlin und organisiert Projektwochen mit Grundschulen.

AW: Was wird langfristig mit dem Haus passieren? Sie haben an anderer Stelle gesagt, das Ziel sei, es zu verkaufen und das Geld der Stiftung der Familie von Rosa Parks zugute kommen zu lassen.

RM: Ein Freund von mir ist ein Freund eines Freundes von Jay-Z. Wir sind also drei Ecken von der Möglichkeit entfernt, dass der das Haus kauft und so die Kassen der Rosa Parks Family Foundation füllt. Oder Michelle Obama wird die Botschafterin dieses Projekts und sie überzeugt Donald Trump davon, dass es vor dem Weißen Haus in Washington neu aufgebaut wird. Ja, das ist es, was passieren wird.

 

Rosa Parks’ Haus steht bis auf weiteres in der Wriezener Str. 19, 13357 in Berlin-Wedding.

Anlässlich des Gallery Weekends ist es am 28. und 29. April von 14 bis 22 Uhr zu besichtigen, am Samstag findet von 14 bis 18 Uhr ein „Tribute to Rosa Parks“ statt, mit Open Mike und Auftritten von Musikern wie Jocelyn B. Smith, Loomis Green, in Ryan Mendozas Studio wird der Film gezeigt.

 

von Anne Waak