„Diktatoren haben keinen Humor“

Sie wurde als Hausbesetzerin verhaftet, mit „Orlando“ machte sie Tilda Swinton zum Star. Nun startet Sally Potters neuer Film „The Party“.

© Pascal Le Segretain / Getty Images

Ein koksender Banker und ein paar Londoner Linksintellektuelle mit Sinn für bürgerliche Einrichtung. Ein lesbisches Paar, das Drillinge erwartet (männlich). Ein deutscher Esoteriker, Sekt, Häppchen, eine Schusswaffe – das sind die Zutaten, aus denen Sally Potters neuer Film The Party gemacht ist. Potter hatte ihren Durchbruch in den frühen Neunzigern mit der monumentalen Virginia Woolf-Verfilmung Orlando. Der Film um einen jungen Adeligen, der durch Jahrhunderte und Geschlechter gleitet, machte nicht nur Potter berühmt, sondern auch Tilda Swinton. In Ginger & Rosa gab Elle Fanning für Potter einen revolutionsbegabten Teenager. Auch in The Party geht es um Politik: Kristin Scott Thomas spielt eine Liberale, die mit ihren nicht mehr ganz so revolutionären Freunden die Ernennung zur Ministerin feiert. Eine Zusammenkunft, die in kleinem Kreise gemütlich beginnt, um irgendwann ziemlich außer Kontrolle zu geraten.

 

Interview: Ms. Potter, Sie drehten gerade The Party, als Großbritannien beschloss, aus der EU auszutreten. Ein Schock?

Sally Potter: Ein sehr, sehr großer Schock. Niemand hatte den Brexit erwartet. Bis auf eine Person hatte jeder am Set dafür gestimmt, in der Europäischen Union zu bleiben. Manche kamen weinend zum Dreh. Wir alle fragten uns, was zum Teufel da gerade passiert war, hatten aber auch das Gefühl, dass das den Film noch relevanter macht. Weil er von einem emotionalen Bürgerkrieg handelt. Der Brexit fühlte sich an wie ein Bürgerkrieg. Plötzlich war das Land in der Mitte gespalten.

Interview: Welcher Krieg wird in Ihrem Film gefochten?

Potter: Es ist ein Machtspiel zwischen Männern und Frauen und zwischen Frauen und Frauen. Und zwischen Älteren und Jüngeren. Da gibt es den Mann, der versucht hat, seiner erfolgreichere Frau ein guter Partner zu sein, aber eine heimliche Rache übt. Den deutschen Esoteriker, dem seine Freundin ständig sagt, er solle die Klappe halten. Und das lesbische Paar, das versucht, politisch korrekt zu sein, sich aber trotzdem ständig anschreien muss. Manchmal muss man rabiat sein, um Menschen zum Lachen zu bringen. Diktatoren lachen nie. Sie haben keinen Sinn für Humor.

Interview: Stimmt ist, dass Sie in den Siebzigern als politische Aktivistin verhaftet wurden?

Potter: Wurde ich, ja! Wo haben Sie das gefunden? Haha.

Interview: Sie haben ein Haus besetzt?

Potter: Viele Häuser! In London gab es eine große Bewegung. Das war in Shoreditch. Wir hatten keine andere Wahl. Ich war eine junge, arme Künstlerin, in meinen Zwanzigern, ohne wirkliches Einkommen. Die Hausbesetzerszene war sehr idealistisch. Und sehr praktisch. Es gab viele leere Häuser. Kennen Sie den Dichter Heathcote Williams? Er trat später in Orlando auf und er ist ein wundervoller Schriftsteller. Er sprayte große Graffiti an die Wände: „Besetzen Sie jetzt, so lange der Vorrat reicht.“

Interview: Es ging Ihnen also nicht bloß um die Geste?

Potter: Wir taten es aus Notwendigkeit! Ich war obdachlos. Ich kam nicht aus einer Familie mit Geld. Es war eine Lösung. Eine Lösung für das Wohnungsproblem.

Interview: Sie haben einmal gesagt, Ihr Vater sei Anarchist gewesen.

Potter: Er war ein sehr idealistischer, allerdings theoretischer Anarchist. Nicht die bombenwerfende Form von Anarchismus, er sah es eher philosophisch. Antiautoritär könnte man sagen. Es ging sehr um die Idee, dass Menschen ihr Leben selbst bestimmen sollten. Das war das Ideal. Ich denke, dieser Sinn für unabhängiges Denken und Selbstverantwortung war ein Geschenk.

Interview: Waren Sie damals in London Teil einer Subkultur?

Potter: Ich war meine eigene Szene. Eine Szene für eine Person, haha. Ich fühlte mich eigentlich immer außerhalb von allem. Und dann kam plötzlich der riesige Erfolg mit Orlando. Jeder hatte gesagt, die Idee, Virginia Woolfs Buch zu verfilmen, tauge nichts.

Interview: Mit dem Film verhalfen Sie Tilda Swinton zum Durchbruch.

Potter: Ich war damals mit dem Filmemacher Derek Jarman befreundet, daher kannte ich Tilda. Ich wusste sofort, dass sie diejenige ist, nach der ich gesucht hatte. Ich war mir absolut sicher. Also bot ich ihr die Rolle an, wobei ich dachte, dass wir ein paar Monate später drehen würde. Es wurden aber ein paar Jahre. Also lernten wir uns in der Zwischenzeit extrem gut kennen. Wir sind zusammen gereist und haben versucht, Geld für den Film zu beschaffen. Es war ein langes gemeinsames Abenteuer.

Interview: Wieso haben Sie damals in Russland gedreht?

Potter: Der Film spielt ja zum Teil auf der zugefrorenen Themse, und damals waren digitale Spezialeffekte nicht gerade verbreitet. Also mussten wir irgendwo hin, wo es sehr kalt war. Ich bin bestimmt dreißig Mal in die Sowjetunion gereist, um nach Drehorten zu suchen.

Interview: Wie war das?

Potter: Beängstigend. In demselben zehnwöchigen Dreh mussten wir auch noch Sommer und Herbst in England drehen und Hitze in der Wüste, was wir dann in Usbekistan taten. Aber die Schneeszenen kam zuerst.

Interview: Sie sind mit einem riesigen Set, opulenten Kostümen und Pferdewagen in die ehemalige Sowjetunion gereist?

Potter: Ich weiß nicht, wie wir das geschafft haben. Ich hatte eine große Mannschaft, ich habe diverse Designteams verschlissen, weil alles so lange dauerte. Die Leute kamen und gingen. Ich habe eigentlich nie geschlafen. Zwei Stunden pro Nacht. Ich habe einen Ordner angelegt mit den Menschen, die mir sagten, dass es unmöglich sei, Orlando zu verfilmen. Ich dachte mir: you fuckers! Ich wusste, dass ich es schaffen würde. Ich hatte den fertigen Film im Kopf.

Interview: Einen Kostümfilm mit Dance-Musik und dem New-Romantic-Style der Achtziger.

Potter: Am Ende, richtig. Der ganze Verdienst geht trotzdem an Virginia Woolf. Ich habe das Buch so heftig untersucht, das können Sie sich nicht vorstellen. Ich las alle ihre Tagebücher um zu ergründen, was sie im Sinn hatte, als sie Orlando schrieb. Woolf wollte in den Tiefen der Geschichte beginnen und am Ende in ihrer Zeit herauskommen. Als sie den Stift aus der Hand legte, war das auch das letzte Datum im Buch. Logischerweise musste der Film dann mit meiner Gegenwart enden.

Szene aus "Orlando" (Screenshot)

Interview: Ihre alternde Renaissance-Königin Elisabeth haben Sie von Quentin Crisp spielen lassen, dem berühmten schwulen Autor und Exzentriker.

Potter: Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wie ich ihn kontaktierte, aber er war ja berühmt dafür, dass sein Name im Telefonbuch stand. Wir trafen uns in New York und ich fragte ihn, ob er für mich spielen würde. Und er sagte: „Ja, Liebes. Ich glaube, das würde ich sehr gerne tun.“ Diese Transgender-Angelegenheiten waren aber alle schon vorher in der Geschichte angelegt. Elisabeth schrieb ihn ihren Briefen, dass sie den Geist eines Mannes und den Körper einer Frau besäße. Die Anhaltspunkte waren alle da, ich musste sie nicht erfinden, nur interpretieren.

Interview: Wie weit sind wir beim Thema gender fluidity seitdem gekommen?

Potter: Es ist sehr viel akzeptierter, ein Fragezeichen hinter die Frage zu setzen, was es bedeutet, ein Mann oder eine Frau zu sein. Das hat sich in meiner Lebenszeit viel verändert. Gleichzeitig ist es gefährlich, sich darauf auszuruhen. Ich habe den Eindruck, dass diese Fortschritte jederzeit rückgängig gemacht werden könnten. Wie die Reproduktionsrechte in den USA unter Donald Trump leiden, das ist ein riesiger Rückschritt. Wir können es uns nicht leisten, allzu selbstsicher zu sein. All diese Dinge müssen unaufhörlich erkämpft werden, um nicht in einem einzigen Moment zerstört zu werden.

 

Von: Frauke Fentloh



The Party läuft bereits im Kino.