"Dramatisches Popcornkino,
das fände ich gut!"

Paula Beer macht keine Umwege. Mit 14 spielte sie ihre erste Hauptrolle im Film Poll, dann spielte sie an der Seite von Sam Riley im Alpenwestern Das finstere Tal. Mit 21 macht sie nun den Schritt – vom Großtalent zur ganz großen Schauspielerin: In Frantz von Frankreichs Starregisseur François Ozon spielt sie die Hauptrolle, eine deutsche Soldatenwitwe kurz nach dem Ers-ten Weltkrieg. Dafür gab es in Venedig die Auszeichnung als beste Nachwuchsschauspielerin – es ist der erste Preis für eine Deutsche seit 13 Jahren. Mit dem Regisseur Christian Schwochow (Der Turm, Paula, NSU: Die Täter – Heute ist nicht alle Tage) dreht Beer jetzt eine Serie über die kalte Welt der Banken. Gut, dass die beiden sich hier schon mal warmlaufen können!

Foto: Maarten Alexander & Sofie Middernacht | Styling: Maarten van der Horst | Look: Prada - Gürtel: Comme des Costumes

Christian Schwochow Du kommst gerade aus dem Urlaub, wo warst du?

Paula Beer In Holland, ich habe segeln gelernt. Nee, nicht segeln, windsurfen!

Schwochow Wie war das?

Beer Es macht richtig Spaß. Wenn du ordentlich Wind be­kommst und irgendwann verstehst, wie man lenkt …

Schwochow Habe ich noch nie gemacht.

Beer Ist cool.

Schwochow Ich bin in Argen­tinien mal gesurft: mit einem Surfbrett auf Rollen durch die Wüste. Auf einem harten Untergrund natürlich.

Beer War das eine Steinwüste?

Schwochow Nicht Stein, das ist wie getrockneter Sand. Lehm. Aber du warst natürlich im Was­ser surfen. Kannst du es jetzt richtig?

Beer Ich kann mich auf dem Brett halten.

Schwochow Immerhin! Hat man da nicht richtige Wellen?

Beer Nee (lacht). Es ist ei­gentlich, als ob du an einem See wärst. Ich war am Velu­wemeer, das ist wie die Ostsee. Nix mit Wellen.

Schwochow Ich bin an der Ostsee geboren und aufgewachsen, die kann schon stürmisch sein.

Beer Das war das Veluwemeer nicht. Es gab viel Regen, aber keinen Sturm.

Schwochow Du bist bei Regen gesurft?

Beer Nee (lacht).

Schwochow Bist du ängstlich bei so was?

Beer Bei Unwetter?

Schwochow Bei solchen Dingen, die gefährlich werden können.

Beer Na ja, beim Windsurfen im Veluwemeer kann, glau­be ich, nicht viel schiefge­hen. Aber sonst … Beim Reiten hatte ich beim Drehen schon manchmal Angst, wenn ich merkte, dass nicht ich die Kon­trolle habe, sondern etwas, das mehr Kraft hat als ich und Sachen mit einem machen kann.

Schwochow Du suchst also kei­ne Situationen, die dir Angst machen?

Beer Nee. Ich bin auch noch nie Achterbahn gefahren.

 

Foto: Maarten Alexander & Sofie Middernacht | Styling: Maarten van der Horst | Look: Miu Miu

Schwochow Wie machst du Urlaub, wenn du nicht surfen gehst?

Beer Ich bin gar nicht so der Urlaubmacher. Ich kann Urlaub nicht, glaube ich. Im März war ich einen Monat in Marseille, aber das ist irgendwie kein Urlaub. Da habe ich die Stadt kennengelernt und ge­schaut, wie die Menschen le­ben. Wenn man in andere Städte kommt, finde ich das auch eher anstrengend, es sei denn, man verbringt mehr Zeit dort. Aber mich langweilt es, gezwungenermaßen zwei Wochen nichts zu machen und am Strand zu liegen.

Schwochow Und rumreisen?

Beer Mag ich, finde ich aber manchmal auch anstrengend. Ich muss mich anschließend vom Reisen erholen können.

Schwochow Du hast jetzt schon ein paarmal „anstrengend“ ge­sagt. Was sagt das über dich?

Beer Wenn ich angestrengt bin, bekomme ich schlechte Laune.

Schwochow Wie muss man sich das vorstellen?

Beer Ich werde dann ungerecht.

Schwochow Ja?

Beer (lacht) Ja.

Schwochow Beschimpfst du deine Mitmenschen dann?

Beer Nee, beschimpfen nicht, aber ich werde launisch. Nicht, dass ich cholerisch bin. Aber manchmal bekommen das eben andere Leute ab, was mir dann oft erst im Nachhinein bewusst wird.

Schwochow Kannst du dich gut entschuldigen?

Beer Ja. Mir tut das dann im­mer sehr leid.

Schwochow Wahrscheinlich weil es auch Leute gibt, die das häufiger abbekommen als andere.

Beer Ja. Es ist ja immer so, dass die Leute, die einem am nächsten sind, auch das meiste entgegengepfeffert bekommen.

Schwochow Und bei der Arbeit?

Beer Ich glaube, da mache ich es eher mit mir selbst aus. Aber ich sage auch da meine Meinung.

Schwochow Dann warne mich doch jetzt mal. Sag mal, worüber ich mir jetzt schon Gedanken machen muss, bevor wir in ein paar Wochen anfangen zu drehen.

Beer Was das Fass zum Über­laufen bringt: wenn nicht mit mir gesprochen wird. Wenn über mich hinweg entschieden wird und ich das Gefühl habe, dass ich überrannt werde. „Du machst das jetzt.“ „Mach ich nicht.“ „Doch.“ „Nein, mach ich nicht.“

Schwochow Okay.

Beer (lacht) Aber das ist mir zum Glück noch nicht oft passiert.

Schwochow Hast du das schon häufiger erlebt, dass Kollegen, vielleicht auch wenn sie etwas älter sind, beim Arbeiten einen großen Zirkus um sich machen?

Beer Manche. Eher Männer. Obwohl, Frauen auch.

Schwochow Und wie gehst du damit um?

Beer Man denkt sich: Na ja, auch nur ein Mensch.

Paula Beer: “Was das Fass zum Über­laufen bringt: wenn nicht mit mir gesprochen wird. ”
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Schwochow Wie alt warst du, als du mit Poll deinen ersten Film gemacht hast?

Beer 14.

Schwochow Ist das achte Klas­se oder neunte? Zehnte?

Beer Neunte auf zehnte.

Schwochow Was war da plötz­lich los in deinem Leben? Der Film war ja sehr aufwendig, ihr habt doch bestimmt drei Monate gedreht, außerhalb von Deutsch­land. Und dann kamst du in die gleiche Klasse zurück. Was war anders?

Beer Nach den Sommerferien haben mich plötzlich auch die Jungs morgens zum Hallo­ sagen umarmt. Ich war völlig irritiert. Meine beste Freun­din hat mir erzählt, dass Leute zu ihr gekommen sind und sie gefragt haben, was ich wohl verdient habe. Es passieren schon komische Sachen. Aber ich glaube, das war maximal einen Monat präsent.

Schwochow Und dann kam der Film ja irgendwann raus. Ich kann mich erinnern, dass es überall in der Stadt Plakate gab.

Beer Ja, der war so eineinhalb, zwei Jahre später im Kino.

Schwochow Hast du das Ge­fühl, dir fehlt ein Teil der Teenagerzeit?

Beer Manchmal denke ich das. Ich war nicht so ein Draufhau­teenie. Ich habe nicht nächtelang durchge­macht oder was man sonst noch so tut. Mit Freundin­nen nach Prag fahren oder so. Ich habe mit 16 angefangen, Schauspielunterricht zu neh­men, und die meisten in die­ sen Klassen waren ab 25 auf­wärts. Und von denen wurde ich quasi dazu aufgefordert, über andere Themen nachzudenken. Ich konnte nichts damit anfangen, wenn in der Schule über weiße Miniröcke diskutiert wurde. Da war ich raus. Ich glaube, ich war eher ernsthaft in dem Sinne, dass ich mir schon früh Sinnfra­gen gestellt habe (lacht).

 

Foto: Maarten Alexander & Sofie Middernacht | Styling: Maarten van der Horst | Pullover: Gosha Rubchinskiy

Schwochow Erzähl mal vom Dreh zu Frantz. Wie sind François Ozon und du zusammengekommen?

Beer Erstmal durch die Cas­terin Simone Bär, die mich zum Vorsprechen eingeladen hat. Ich habe dann gleich die Vorwarnung bekommen, dass François sehr schnell cas­tet. Manche Kollegen kamen schon nach ein paar Minuten wieder raus. Ich dachte nur: oh Gott! Und dann: egal, ent­weder er ist ein cooler Typ oder eben nicht. Aber als ich reinkam, war es echt von An­fang an richtig locker und ent­spannt. François hat mich auf Deutsch begrüßt und gefragt, ob ich das Buch gelesen habe, und ich meinte, nee, ich habe gar kein Buch bekommen. Wir sind die Szenen durchgegangen, und da wurde mir erst klar, wovon der Film ei­gentlich handelt. Ich hatte vorher nur zwei Szenen und eine Kurzsynopsis mit drei Sätzen zur Figur. François hat dann direkt gesagt, dass ich mir jetzt die Haare nicht mehr schneiden darf, und ge­fragt, ob er sie blond färben könnte. Kurz danach haben sie mich angerufen und nach Paris eingeladen, damit ich Pierre (Niney) kennenlerne. Da war ich total überfordert. Sie meinten, wir gucken viel­leicht schon mal ein paar Kos­tüme an, und dann hatte ich zwei Stunden Kostümprobe und eine Stunde Maskenprobe und dann begann das gemein­same Casting.

Schwochow War Pierre schon besetzt?

Beer Ich glaube schon. Drei Tage später rief François an, als ich gerade in der U-Bahn saß, und sagte, dass ich jetzt Anna sei. Dann habe ich das Drehbuch auch bekommen (lacht).

Schwochow Weißt du noch, wo du hingefahren bist, als du in der U-Bahn gesessen hast?

Beer Zu meiner Mama. Das war völlig absurd, ich saß in der U-Bahn und es waren to­tal viele Leute um mich herum und der Empfang war schlecht. Und François so: „Kannst du mich überhaupt hören?“ Und ich: „Ja, ja, ja, ja! Alles gut!“ Ich konnte aber überhaupt nichts mehr sagen, weil ich schon lange nicht mehr so aufgeregt war wegen solch einer Entscheidung oder so euphorisch nach einem Casting.

Schwochow Ihr habt den Film zum Großteil in Deutschland ge­dreht, oder?

Beer Na ja, so halb und halb. Wir waren erst vier Wochen im Harz, dann drei oder vier Wochen in Paris und dann noch einmal in Deutschland.

Schwochow Was ist anders, wenn man einen Film mit Fran­çois Ozon dreht statt mit einem deutschen Regisseur?

Beer Erstmal natürlich die Sprache. Das Drehen war für mich eine größere Heraus­forderung, weil ich mit dem Französischen noch nicht so entspannt bin. Sich die ganze Zeit auf eine andere Sprache zu konzentrieren fordert einfach mehr Energie. Anders ist auch, dass François seine Leute hat, mit denen er seit zehn Jahren Filme macht, die sind ein echt eingespieltes Team. François ist ein schneller Mensch, weil er beim Arbeiten so ein Feuer hat. Deswegen hat er natür­lich den ruhigsten Kamera­mann, den man haben kann. Die Stimmung war immer richtig gut. Das Mittagessen ist bei den Franzosen ja sowie­ so immer eine richtige Fami­lienangelegenheit, da wurde aufgetischt und man konnte auch sein Glas Wein trinken, wenn man mochte. Dementsprechend war das Abschluss­fest, als würde eine Großfa­milie Opas 80. Geburtstag feiern. Man ist ja beim Dreh an Orten wie zum Beispiel Görlitz, wo nicht so viel pas­siert, und sieht seine Familie drei, vier Wochen nicht. Da hat man dann wenigstens eine Ersatzfamilie.

Schwochow Wobei Görlitz ja eigentlich schön ist, ich habe da auch mal gedreht.

Beer Schön ist es schon.

Schwochow Da habe ich eines der besten Steaks Deutschlands gegessen.

Beer In diesem Steakhaus am Platz?

Schwochow Ganz genau. Wie hieß das nochmal? Dieses Restaurant da am Platz passt über­haupt nicht an diesen Ort. Aber der Besitzer macht dort wunder­bare amerikanische Steaks und hat auch ganz stolz von seinem Gasgrill erzählt, den er auf 1000 Grad bekommt.

Beer Bäm! Mega-Steak! Da werden auch ganz oft Film­-Abschlussfeste gefeiert. Unser Fahrer hat mir da viel berich­tet, es gab wohl schon mehre­re Partys gleichzeitig auf ver­schiedenen Etagen und so viel zu trinken, dass manche es dann nicht mehr nach oben geschafft haben.

Schwochow Wir drehen ja lei­der nicht in Görlitz, sondern eher in Frankfurt und Luxem­burg, ich kriege aber gerade wie­der richtig Lust, wenn ich daran zurückdenke.

Beer In Luxemburg gibt’s das bestimmt auch. Machen die eigentlich Flammkuchen? Oder ist das Elsass?

Schwochow Das ist Elsass, Lu­xemburg hat eher französische Küche.

Beer Ist gut?

Schwochow Finde ich sehr gut, man kann da fantastisch essen. Also, ich weiß noch, als ich dich angerufen habe, um dir die Rolle zuzusagen, da habe ich gerade …

Beer Da warst du in Luxemburg?

Schwochow Da war ich in Lu­xemburg und habe gerade sehr guten Spargel gegessen.

Beer Oh.

Schwochow Und sehr guten Wein getrunken, denn die Lu­xemburger trinken viel. Die fah­ren auch immer Auto, nachdem sie getrunken haben. Immer.

Beer Auch wenn die richtig viel getrunken haben?

Schwochow Ich würde mal sa­gen: Ja! Ich finde, das ist ein sehr trinkfestes Volk. Und auch zum Mittagessen wird in der Regel Wein gereicht.

Beer Wie bei den Franzosen.

Schwochow Die zweite Tages­hälfte spielen die Schauspieler da immer mit einer Fahne, glaube ich. Muss man wissen.

Beer Ich glaube, ich könn­te nicht trinken beim Drehen. Ich vertrage dann auch keinen Kaffee.

Foto: Maarten Alexander & Sofie Middernacht | Styling: Maarten van der Horst | Look: Prada - Tasche: Louis Vuitton - Kragen: Privat

 Schwochow Nochmal zu Frantz: Deinen Spielpartner Pierre Ni­ney habe ich mal in einem Café getroffen, vor eineinhalb Jahren, und wir haben uns ein bisschen unterhalten. Und man merk­te schon bei dieser einen Stunde, dass er in Frankreich ein richti­ger Superstar ist. Er ist unheim­lich bekannt, seit er Yves Saint Laurent gespielt hat. Und Fran­çois Ozon ist ja auch ein wirklich Großer im europäischen Kino, hat dich das eingeschüchtert?

Beer Nee. Ich weiß nicht, ob das ignorant ist, aber mich beeindruckt Starrummel nicht. Wenn ich Tilda Swin­ton an der Rezeption sehe, bin ich schon aufgeregt, da bin ich dann auch so: Huah, guck mal! Aber sonst behandle ich Stars nicht anders. Wenn ich sie cool finde, finde ich sie cool, und wenn ich sie nicht cool finde, dann nicht. Als wir in Quedlinburg waren, wur­de Pierre von zwei aufgereg­ten Pariserinnen erkannt, das war total absurd. Die wollten sofort ein Foto machen, und ich sollte es aufnehmen. Es ist schon verrückt, das zu se­hen. Aber es beeinflusst mich nicht in der Art, wie ich ihm begegne.

Schwochow Hast du den Mäd­chen gesagt, ich bin übrigens Paula Beer?

Beer Nö. Ich stand eher dane­ben und habe zugeguckt. Aber vielleicht sehen sie den Film und denken sich dann, ach, die stand ja daneben.

Schwochow Das ist schön, dass dich das überhaupt nicht beein­druckt oder einschüchtert.

Beer Also, mich schüchtert es bei anderen nicht ein. Das sind ja auch nur Menschen. Mich schüchtert es eher ein, wenn ich merke, dass ich die Aufmerksamkeit der Presse bekomme.

Schwochow Merkst du denn, dass es jetzt einen Unterschied gibt zwischen deinem letzten Ki­nofilm und jetzt bei einem Film wie Frantz?

Beer Klar, 4 Könige war ein Debütfilm und Frantz ist der ich weiß nicht wievielte Film von François Ozon.

Schwochow Aber merkst du, dass da jetzt eine Welle auf dich zurollt, die anders ist als bei ei­nem deutschen Film? Der Film läuft in Venedig.

Beer Also, ich merke, dass Film bei den Franzosen echt noch etwas anderes bedeutet. Ich war jetzt drei Tage in Paris und hatte da den Pressesprecher an meiner Seite, der mit mir von Termin zu Termin zu Termin gefahren ist. Man wird in einem schicken schwarzen Auto durch die Stadt kutschiert und steigt mal da und mal dort aus. Das ist schon ein anderes Programm. Unbewusst stresst mich das, ich weiß gar nicht, warum genau. Ich glaube, weil ich das Gefühl habe, da wird mehr von mir erwartet. Die Leute wollen dann Paula Beer sehen, auch wenn ich mich gerade fühle wie eine Paula, die sich lieber unter der Decke verstecken würde.

Paula Beer: “Ich weiß nicht, ob das ignorant ist, aber mich beeindruckt Starrummel nicht.”
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Schwochow Und was, meinst du, wird von dir erwartet? Das Bild eines Stars?

Beer Ja, die machen einen zu jemandem. Ich hatte das vorher noch nie, dass ich zu einem Fotoshoot gehe und eine dicke Tüte mit Sachen bekomme. Die Franzosen sagen dann, das ist ein kleines Präsent von dem und dem Markenhaus. Oder irgendeine Kosmetik. Und wenn man über einen riesigen roten Teppich läuft – das ist ja für mich auch nicht Alltag. Aber man wird behandelt, als ob man das nur machen würde. 

Schwochow Glaubst du, dass dir das immer fremd bleiben wird?

Beer Ich glaube, man kann sich dran gewöhnen und entspannter damit umgehen. Aber es bleibt eine andere Welt.

Schwochow Venedig hat, glaube ich, einen großen Teppich.

Beer (lacht) Ich glaube auch. Ich bin da ja zum Glück nicht allein.

Schwochow Hast du den Film selbst schon fertig gesehen?

Beer Ja, als ich diese Pressetage in Paris hatte. Da saß ich dann in einer Vorführung, wusste aber gar nicht, dass das ein Journalisten-Screening ist. Das wurde mir erst klar, als ich schon drinsaß. Und dann dachte ich: Oh Gott, wenn die sich hier über den Film auslassen, bekomme ich einen kompletten Nervenzusammenbruch. Das Gute war natürlich, dass ich nicht verstanden habe, was die vor sich hin murmelten. Die wussten aber auch nicht, dass ich drinsaß, und haben sich dann richtig gefreut, mich zu sehen. Das war schon mal ein angenehmes Feedback. Denn als ich den Film das erste Mal im Rohschnitt gesehen habe, war ich völlig überfordert. Mir war nicht bewusst, dass ich praktisch die ganze Zeit zu sehen sein würde. 

Schwochow Das ist jetzt so eine Klischeefrage, ich bekomme die nämlich auch immer gestellt, weil ich eher dramatisch erzähle. Aber hast du auch mal Lust, wirklich witzig zu sein?

Beer Ja, voll! Aber ich glaube, du bist der Erste, der glaubt, dass ich das auch kann (lacht). Ich finde es schade, dass es in Deutschland oft so ist, dass es entweder leicht ist, aber dann auch leicht albern, oder schwer und düster und megadramatisch. Das können die Amerikaner so gut verbinden. Da hat man einen Film, der richtig unter die Haut geht, bei dem man aber auch Tränen lachen kann. Ich habe auf beides Lust. Ich will nicht nur Filme machen, in denen ich leicht depressive Figuren spiele. Ich finde es schade, wenn es ­immer nur das eine oder das andere ist. Dramatisches Popcornkino, das fände ich gut. 

Schwochow Ich würde sagen, dann nehmen wir uns ein bisschen dramatisches Popcorn vor.

Beer Ja, da freue ich mich drauf.

Foto: Maarten Alexander & Sofie Middernacht | Styling: Maarten van der Horst | Mütze: Prada - Kleid: Christopher Kane

Schwochow Wie oft gehst du ins Kino?

Beer Unterschiedlich, manchmal fünfmal die Woche, manchmal gar nicht. Gerade eher gar nicht.

Schwochow Du hast ja auch viel gedreht.

Beer Ja, seit April bin ich eigentlich nur unterwegs gewesen.

Schwochow Das ist ja auch kein Geheimnis mehr, du spielst bei Florian Henckel von Donnersmarck die weibliche Hauptrolle.

Beer Joa.

Schwochow Joa? Ja?

Beer Ja. Ich habe auch beim Finsteren Tal gedacht, ich spiele die kleinste Nebenrolle. Ich bin manchmal schlecht da­rin zu erkennen, dass ich eine Hauptrolle spiele.

Schwochow Und der Dreh ist abgeschlossen?

Beer Nein, noch nicht ganz. Aber ich kann noch nicht viel dazu sagen.

Schwochow Okay, dann sagt auch das was. Schade, da wäre ich natürlich neugierig gewesen.

Beer Das erzähle ich dir dann in zwei Jahren. Nein, ich weiß nicht, warum genau. Es soll einfach noch nicht so viel verraten werden.

Schwochow Ich hatte das bei Mitten in Deutschland, unserem Film über die NSU, auch. Da wurde nicht mal der Dreh bekannt gegeben. 

Beer Was war da der Grund?

Schwochow Der Film handelte ja in erster Linie vom Leben von Beate Zschäpe, die immer noch vor Gericht steht. Wir wollten nicht in einen laufenden Prozess eingreifen. Es gab auch große Befürchtungen, dass die Dreharbeiten gestoppt werden könnten, wenn jemand etwas davon mitbekommt. 

Beer Wie waren denn die Reaktionen, als es ausgestrahlt wurde?

Schwochow Du meinst aus der rechten Szene?

Beer Ja.

Schwochow Die war seltsam still. Ich bin relativ viel unterwegs in deren sozialen Netzwerken, und natürlich haben sie sich ein bisschen lustig gemacht. Aber gleichzeitig haben sie, glaube ich, schon gemerkt, dass das ein Film ist, der sie sehr genau beobachtet. Ich wollte einen Film machen, der sie in einer gewissen Art und Weise ernst nimmt. Die lange Recherche hat dann ja auch gebracht, dass wir wirklich viel wussten, selbst ein paar Dinge, die in diesem Verfahren gar keine Rolle spielen. Wir haben bestimmte Mechanismen gezeigt, die sonst nicht gezeigt werden. Normalerweise feiern sie sich ja als die Unverstandenen und diejenigen, die als Einzige wissen, wie die Dinge wirklich sind. Deswegen ist der Film auch gefährlich für sie. Weil er Dinge entzaubert. Das ist zumindest mein Wunsch.

Foto: Maarten Alexander & Sofie Middernacht | Styling: Maarten van der Horst | Look: Prada - Buttons: Andreas Kronthaler for Vivienne Westwood - Kopftuch: Privat

Beer Weil er weder mystifiziert noch glorifiziert.

Schwochow Genau, das Mystische nimmt er ihnen. Das ist ja eigentlich ähnlich wie bei dem Projekt, das wir vorhaben und in dem es um die Bankenwelt gehen wird. Es wäre leicht, Banker-­Bashing zu betreiben, aber dann begreift man diese Welt nicht. Wir nehmen Menschen ernst, die im Finanzsektor arbeiten, und versuchen herauszufinden, was sie antreibt.

Beer Ja, genau, warum sind die so und warum wollen die so sein? Ich habe mal ein Interview mit dir über den Crystal-Meth-Tatort gelesen … Da haben wir uns ja auch schon mal getroffen beim Casting.

Schwochow Stimmt, da haben wir schon mal ein Casting gemacht. Das war sehr viel weniger gut als das für unsere Serie. Da warst du, glaube ich, an diesem Tag einfach fremd für das, was ich da wollte. Kann man ja einfach mal so sagen drei Jahre später. Das passte nicht so. Und jetzt warst du wie die absolute Erlösung. Ich war echt ver­zweifelt, bis du kamst. Und du warst auch noch die Allerletzte, die vorgesprochen hat. Ich weiß gar nicht, was wir sonst gemacht hätten.

Beer Und dann habe ich erst gesagt, ich komme nicht (lacht). Aber das finde ich super, dass es manchmal null passt und manchmal stimmt es einfach. Ich frage mich auch immer, wie wichtig Verwandlungen beim Spielen sind. Geht es um eine Metamorphose oder darum, eine Wahrheit zu zeigen?

Schwochow Toll ist, wenn beides geht. In Deutschland spielen die Leute zweimal den Tatort-Kommissar, der ein festgelegtes Outfit hat oder eine festgelegte Haarlänge, Bart oder so. Dann machst du noch den Fernsehfilm und vielleicht noch einen Kinofilm und zwei Theaterproduktionen. Es gibt einige, die spielen gar nicht, und andere, die spielen sechs, sieben Rollen im Jahr. Und weil sich alles parallel abspielt, ist es gar nicht möglich, wirk­liche Veränderungen vorzunehmen. Es gibt Kollegen, die sehen in jedem Film gleich aus.

Beer Dann sagt man, guck mal, da spielt Sherlock ­Holmes mit. Ist ja auch blöd.

Paula Beer: “Ich frage mich auch immer, wie wichtig Verwandlungen beim Spielen sind. Geht es um eine Metamorphose oder darum, eine Wahrheit zu zeigen?”
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Schwochow Das ist blöd, ja. Lass uns doch mal darüber reden, ob wir dir die Haare blond färben, jetzt wo François Ozon das ja wohl doch nicht gemacht hat.

Beer Oder rot. Oder abrasieren.

Schwochow Genau, abrasieren und ein ganz großes Tattoo überm Ohr.

Beer Die Bankerin schlechthin.

Schwochow Ein heimliches Tattoo. Können wir drüber nachdenken. Das ist natürlich toll, wenn man eine Wahrheit über eine Metamorphose finden kann. Es geht ja nicht ums Verkleiden.

Beer So kurze Locken … Aber ich sehe Banker irgendwie blond. Und langhaarig. Aber ich weiß nicht, ob mir blond so richtig steht. François war ja der Meinung, das steht mir nicht, deswegen haben sie sie wieder braun gefärbt.

Schwochow Hast du Fotos davon?

Beer Ja.

Schwochow Die musst du mir mal schicken.

Beer Aber das war eher so gelb-blond, ich finde, das war auch kein gutes Blond. Aber wir können mir auch erst mal eine Perücke aufsetzen.

Foto: Maarten Alexander & Sofie Middernacht | Styling: Maarten van der Horst | Kleid: Christopher Kane - Hemd: Gosha Rubchinskiy

„Frantz“ läuft bereits in den deutschen Kinos. Christian Schwochows Film „Paula“ startet am 15. Dezember. Auf der Website zum Film erfahren Sie mehr.


Haare: Kalle Eklund / Lund Lund | Make-Up: Rebecca Wordingham/ Saint Luke Artists | Produktion: Claude Gerber | On-Set-Produktion: Sarah Khiabani | Foto-Assistenz: Alex Craddock | Styling-Assistenz: Philip Diep, Marie-Therese Haustein

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