Simon Porte Jacquemus

Simon Porte Jacquemus hat innerhalb kürzester Zeit alles erreicht, wovon er als Kind träumte. Seit er mit 18 aus Frankreichs Süden nach Paris zog und nach zwei Monaten die Idee des Modestudiums verwarf, baut er sich mit Jacquemus sein eigenes Imperium auf.

Fotos: Kira Bunse, Styling Anna Schiffel

Von: Bianca Heuser

Er ist bekannt für kunstvolle de- und rekonstruierte Hemden, mit denen sich sein Unternehmen ebenso ungewöhnlicherweise finanziert. Der Designer bewahrt sich seinen Hang zu Träumereien, da diese ihn bisher schon weit gebracht haben. Für den kommenden Frühling schwelgt er in Erinnerungen an vergangene Sommer und betitelte die Kollektion „La Bomba“. Im Gespräch entpuppt Jacquemus sich nicht nur als Träumer und Cineast, sondern auch als Familienmensch und Unternehmergeist. Wie es bei Jacquemus auch modisch oft der Fall ist, passt das überraschend gut zusammen.

 

INTERVIEW: Wie fühlt es sich an, mit 27 die Kindheitsträume auszuleben?

JACQUEMUS: Wissen Sie, das war gar nicht so geplant. Als ich 18 war, verlor ich meine Mutter und beschloss, meine Träume in die Tat umzusetzen. Das passierte ganz spontan. Jacquemus war der Mädchenname meiner Mutter, ich habe sie sehr geliebt. Mir war gar nicht klar, dass ich wirklich Mode mache und dass das etwas Besonderes für mein Alter ist.

INTERVIEW: Halten Sie sich für eine intuitive Person?

JACQUEMUS: Ja, ich folge meinen Überzeugungen und versuche die anderer zu ignorieren. Natürlich spiele ich mit Regeln, davon gibt es in der Mode ja viele, aber am Ende des Tages höre ich immer auf mein Gefühl.

INTERVIEW: Ihre Kleider spielen häufig auf Uniformen an, die das Gegenteil dieser Arbeitsweise verkörpern.

JACQUEMUS: Ich glaube, das kommt daher, dass ich aus der Arbeiterklasse stamme, aus einer Bauernfamilie noch dazu. Das Konzept von „Arbeit“ erschien mir im Modezusammenhang sehr abstrakt. Zu Beginn meiner Designkarriere beschäftigte ich mich darum obsessiv mit Uniformen. Ich wollte ausdrücken, dass Mode mit Arbeit zu tun hat, mit unseren Leben, mit etwas Echtem. Es finden sich auch heute noch uniformhafte Züge in meiner Arbeit, aber in früheren Kollektionen sind sie offensichtlicher.

INTERVIEW: Mit Ihrer neuen Kollektion haben Sie sich deutlich davon entfernt. Welche Geschichte steckt hinter „La Bomba“?

JACQUEMUS: Für mich begann alles mit einer sehr besonderen und gleichzeitig simplen Erinnerung: die an meine Mutter, wie sie sich nach einem schönen Strandtag zurechtmacht, um auszugehen, um Keramiken zu kaufen oder einen Pareo. Ich wollte dieses Glück einfangen. Als ich mit der Kollektion anfing, schrieb ich darum nur ein Wort in mein Notizbuch: happy. Ich wollte etwas mit viel Energie und Fröhlichkeit kreieren. Danach kamen viele andere Inspirationen, Almodóvar, Martinique, aber es fing mit dieser Stimmung an, mit dieser glücklichen Frau. Ich weiß nicht, ob sich gerade viele Designer mit dem Glücklichsein beschäftigen. Für mich war es essenziell.

INTERVIEW: Ihre Präsentationen und Kampagnen sind außerdem sehr cineastisch.

JACQUEMUS: Jede Kollektion nahm bislang ihren Anfang mit einem Film, der mich inspiriert hat. „La Bomba“ war meine Geschichte, aber sie hätte auch von Almodóvar sein können.

INTERVIEW: Haben Sie einen französischen Lieblingsfilm?

JACQUEMUS: Natürlich! Er heißt „L’été meurtrier“. Isabelle Adjani spielt mit, und er wurde in der Provence gedreht. Isabelle Adjani ist „La Bomba“ in diesem Film. Dieser Film zog eine ganze Generation in seinen Bann. Für die Franzosen ist er sehr wichtig.

INTERVIEW: Was reizt Sie an den übergroßen Hüten, die Sie so oft zeigen?

JACQUEMUS: Ich weiß es nicht! Es sind nicht nur die Hüte, ich versuche immer alles zu groß zu machen. Ich wollte von Anfang an naive Kleider machen, und übergroße Details und Accessoires passen gut dazu. Wissen Sie, meine erste Erinnerung ist, wie ich die Sachen meiner Mutter anprobiere. Zu große Sachen zu tragen weckt in mir ein sehr spezielles Gefühl.

INTERVIEW: Wie kamen Sie dazu, im Musée Picasso zu zeigen?

JACQUEMUS: Ich kann immer noch nicht fassen, dass wir die Ersten waren. Das ist etwas wirklich Besonderes. Die Show sollte eigentlich draußen stattfinden, aber bei unserem Besuch habe ich mich komplett in das Gebäude verliebt. Es ist perfekt. Ich fühlte mich wie in Südfrankreich in diesem riesigen, schönen Haus mit seinen großen, schönen Treppen. Der Direktor mochte meine Arbeit und stand unseren Ideen sehr offen gegenüber. Dann machte er sie zur Realität. Das war aus Sicherheitsgründen nicht einfach, weil ja all diese Picassos im Museum hängen und man die natürlich entfernen musste. Zwei Wochen vor dem Defilee war noch nichts sicher, aber wir haben es geschafft, und ich schätze mich sehr glücklich. Es gibt kaum einen Künstler, dem ich mich näher fühle. Ich kenne Picasso seit meiner Kindheit und lerne immer noch mehr über ihn, zum Beispiel über seine Keramiken. Man könnte sein ganzes Leben damit verbringen, Picassos Werk zu erforschen.

INTERVIEW: Sie haben ihn schon öfter als Einfluss genannt.

JACQUEMUS: Unbedingt. Diese Kollektion war mehr Matisse in ihren Farben, ihrer sanften und sinnlichen Vorstellung von Frauen. Es war lustig, sie im Musée Picasso zu zeigen. Wäre die Kollektion auch noch von ihm inspiriert, wäre das zu viel gewesen. Es passierte also zur richtigen Zeit. Trotzdem war Picasso überall: In den Taschen, Schuhen, der Form aller Dinge, sehr naiv und verspielt – man findet ihn immer in meinen Kollektionen.

INTERVIEW: Einer Ihrer Onkel kannte ihn, stimmt das?

JACQUEMUS: Ich bin mit dieser Idee aufgewachsen, dass ich diesen Onkel habe, der in Frankreich und Spanien ein berühmter Torero ist. Er war mit Picasso und Jean Cocteau befreundet. Es gibt sogar ein Video, in dem er den beiden und Yves Saint Laurent seine Stierkämpfertricks zeigt. Ich sah ihn nur ein paar mal im Jahr und war zu jung, um ihn gut zu kennen, aber für mich stellte er eine Verbindung zu etwas außerhalb meines Landlebens dar. Als Kind im Süden Frankreichs gab es mir Hoffnung, zu wissen, dass ein Mitglied meiner Familie in den Sechzigern mit all diesen Leuten befreundet war. Zu wissen, dass er Christian Lacroix kannte, half mir, an mich zu glauben, wissen Sie? Ich dachte: Vielleicht ist es möglich.

INTERVIEW: Wer vom Land kommt, kennt dieses Staunen. Wie bewahren Sie sich Ihre Naivität?

JACQUEMUS: Dazu brauche ich keine Rituale. Ich versuche mit der Gegenwart glücklich zu sein. Ich denke immer an die Zukunft, aber bin dankbar für alles, was ich habe. Ich wache auf und fahre mit dem Fahrrad zu meinem Studio, wo mir meine Mitarbeiter helfen, meine Vision zu realisieren. Vielleicht ist das ein Ritual: hin und wieder festzustellen, was für ein Glück man hat.

INTERVIEW: Fahren Sie oft zurück aufs Land?

JACQUEMUS: Ja, sehr oft.

INTERVIEW: Wie oft?

JACQUEMUS: So zweimal im Monat? Im Frühling und Sommer fuhr ich jedes Wochenende nach Südfrankreich.

INTERVIEW: Was vermissen Sie davon in Paris?

JACQUEMUS: Die Sonne. Die Energie, die mit dem Licht und der Sonne kommt. Nicht die Hitze, sondern das Licht ist sehr besonders in Marseille und der Provence.

INTERVIEW: Wie hat die Stadt Sie verändert?

JACQUEMUS: Wissen Sie, ich bin mit 18 nach Paris gekommen, und jetzt bin ich 27. Ich glaube, ich bin erwachsen geworden. Meine Mode ist mit mir gewachsen. Ich verhalte mich erwachsener in allen Lebenslagen, verantwortungsvoller und so. Das kann man auch in meinen Kleidern lesen: Sie sind präziser, weiblicher und erwachsener, aber immer noch sehr simpel.

INTERVIEW: Jacquemus’ geschäftliche Seite schien von Anfang an sehr durchdacht. Was ist für junge Designer heutzutage wichtig?

JACQUEMUS: Eines ist sehr wichtig: Wenn du kein Geld hast und deine erste Kollektion entwirfst, musst du sie verkaufen, um deine zweite Kollektion zu finanzieren. Für mich geht es in der Mode darum, Kleider zu verkaufen. Man kann sie mit Poesie verkaufen, mit vielen anderen Dingen, aber am Ende des Tages muss man sie verkaufen. Ich widme mich obsessiv unserer Produktion, den Preisen und den Stoffen, die wir benutzen. Ich stehe auf beiden Seiten, Mode und Geschäft. Für mich sind sie unzertrennlich, man muss immer beides im Kopf haben. Immer, immer, immer.

INTERVIEW: Was ist Ihnen außer der Arbeit wichtig?

JACQUEMUS: Im Leben? Antiquitäten. Ich bin von Keramik bis zu Möbeln ein großer Antiquitätenliebhaber. Es macht mich glücklich, sie anzuschauen. Ich kaufe sie nicht mal immer, aber Antiquitäten anzuschauen ist so … ein müdes Klischee für einen Modedesigner! Als Kind verkaufte ich samstags mit meiner Familie Gemüse am Straßenrand und ging sonntags auf Flohmärkte. So gesehen hat sich mein Leben nicht groß verändert. Unter der Woche verkleidete ich mich. Es war schon immer relativ klar, was in meinem Leben passieren würde.

INTERVIEW: Haben Sie einen Lieblingsort in Paris?

JACQUEMUS: Ja, den marché aux Puces de Saint-ouen. Der Flohmarkt ist nur zehn Minuten von Paris entfernt, aber fühlt sich weit weg an. Es fahren keine Autos, und man kann den ganzen Tag da verbringen, selbst ohne Geld. Wenn Sie mich in Paris suchen, schauen Sie zuerst dort. Ich bin jedes Wochenende da.

INTERVIEW: Was machen Sie sonst noch gern in Ihrer raren Freizeit in Paris?

JACQUEMUS: Wenn ich Freizeit habe, bin ich nicht in Paris. Nein, das ist mein liebster Zeitvertreib. An der Seine entlangzugehen ist auch nett.

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