SINA MARTENS

Die Schauspielerin Sina Martens fuhr einen halben Tag lang durch Deutschland, um ihre ehemalige Mitbewohnerin Valerie Göhring wiederzusehen. Es geht um Zufallsbekanntschaften, Postkarten und Quantenphysik.

Sina Martens © Christian Werner

VALERIE GÖHRING: Und, wie war deine Fahrt?

SINA MARTENS: Die, zu dir ins Café, oder die von Berlin nach München?

VG: Die von Berlin nach München!

SM: Die von Berlin nach München war sehr lustig. Ich bin von der Probe zum Bahn­hof, habe mir Karotten und Würstchen gekauft. Die Bahn hatte ein bisschen Verspätung, also habe ich mich auf den Koffer gesetzt und die Karotten und die Würstchen gegessen. Ich sah eine Frau vorbeigehen, und ich dachte, die kenne ich doch! Ich guckte ihr hinterher, das sah sie, und in dem Moment fiel mir alles vom Schoß, und sie sagte: „Deine Würstchen sind heruntergefallen.“ Und ich ant­wortete etwas verschämt: „Ich bin’s: Sina.“ Und sie: „Ach, Sina!“ – es war Caroline Peters. Ich bin, glaube ich, rot angelau­fen. Sie ist so eine umwerfende Schau­spielerin. Wir hatten dann eine super­ Zugfahrt zusammen.

VG: Bist du mit dem Sprinter gefahren?

SM: Nein, mit diesem ICE, der fünf Stun­den dauert. Und ich hatte das Gefühl, in eine andere Jahreszeit zu fahren, weil hier das Wetter so schlecht ist, und es in Berlin so sonnig war.

VG: Es ist die ganze Zeit hier so kalt. Und ich dachte: Ich ziehe nach München und kann das warme Klima genießen. Aber es regnet die ganze Zeit. Wie im Oktober in Berlin.

SM: Tja … Caroline hat mir etwas Tolles erzählt: Sie hat in Wien einen Post­kartenladen aufgemacht. Ich liebe Postkarten! Aber ich verschicke keine, weil ich es nie zur Post schaffe.

VG: Ich habe auch nie Briefmarken zu Hause. Und nie weiß ich, wo ich welche kaufen soll.

SM: Ich glaube, bei der Post. Das ist das Problem. Es gibt da also jetzt einen Laden, da gehst du hin und kannst dir eine Post­karte aussuchen. Falls man keinen Text weiß, haben die auch Bücher herumliegen, und dann gibt es im Laden sogar einen Briefkasten. Die küm­mern sich auch um das Porto und alles.

Sina Martens: “Ich sehe mittlerweile alles doppelt.”
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VG: Mega!

SM: Ich finde das eine großartige Idee!

VG: Und wo ist der Laden?

SM: Ich kenne mich in Wien ja nicht so gut aus. Irgendwo halt. Na ja.

VG: Wie läuft’s auf der Probe?

SM: Ach, ganz gut. Ich sehe mittlerweile alles doppelt. Das Stück heißt „Die Parallelwelt“. Man ist auf der Bühne, spielt aber trotzdem auch in einem Film. Damit wird ein Versuch gestartet, sowohl in Dortmund als auch am Berliner Ensemble synchron die gleiche Vorstel­lung zu spielen, und als Schauspieler hat man dann einen Zwil­ling in der jeweils anderen Stadt. Die in Dortmund spielen vom Tod zur Geburt und wir von der Ge­burt bis zum Tod. Man interagiert über Fernseher miteinan­der, hört sich und so weiter.

VG: Ach, cool.

SM: Das Experiment ist echt spannend. Im Zuge dessen habe ich mich mit Quan­tenphysik auseinan­dergesetzt. Also: Auseinandergesetzt ist definitiv zu viel gesagt. Jeder Phy­siker würde mich jetzt auslachen. Be­schäftigt trifft es besser. Die Physik ist viel weiter als wir. Wir sind bei Newton hängen geblieben. Wenn man das, was die Physik schon kann, in unser Denken übernehmen würde, könnten wir viele Dinge anders betrachten. Quanten zum Beispiel können beim Quantensprung ihre Identität komplett ändern. Neulich las ich in einem Text von Natalie Knapp die Formulierung: „Wenn wir bewusst unsere gewohnten Gedankenstruk­turen beiseiteschieben, befinden wir uns in einem Zustand des aufmerksa­men Nicht­-Verstehens.“ Das mochte ich sehr.

VG: Schreibst du auch selbst an den Texten mit?

SM: Ja, und das ist sehr schön. Wie in einer Schreibwerkstatt.

Sina Martens: “Manchmal stehe ich im Probe­raum und denke, ich würde so gern die Wände hinaufgehen können.”
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VG: Ich arbeite auch gerade an einem Riesenprojekt. Ein zehnstündiges Antikeprojekt. Gerade versuchen wir uns vorzustellen, wie unsere Zeit in 2500 Jahren gesehen werden wird. Wenn die Menschen, die dann leben, die Münchner Kammerspiele ausgraben. Auch so Dinge wie: Der erste Mensch, der 150 Jahre alt werden soll, ist anscheinend schon geboren.

SM: Moment – ist das bewiesen?

VG: Das kannst du nicht beweisen! Aber Forscher haben herausgefunden, dass der erste Mensch, der vermutlich, weil der technische Fortschritt sich rasant fortentwickelt, 150 Jahre alt werden kann, heute schon lebt. Kann auch sein, dass der erst eins ist oder so.

SM: Ist das irre.

VG: Total. Ich finde es interessant, archäologisch an Texte heranzugehen und sich vorzustellen, wie das im Nachhinein wirkt, was wir heute so reden und sagen. Gerade lese ich von Donna Haraway „Unruhig bleiben“. Da geht es um die Zeit nach dem Anthropozän, in der der Mensch sich nicht mehr fortpflanzen sollte, weil es schon zu viele gibt. Stattdessen sollte er neue Beziehungen eingehen zu anderen Lebewesen, auch Pflanzen.

SM: Wie genau meint sie das?

VG: Ich bin erst am Anfang. Sie ist eine Vertreterin des spekulativen Feminismus, die viel über Cyborgs geschrieben hat. Sie macht krasse Beispiele von Menschen, die sich irgendwie mit Schmetterlingen kreuzen – sehr, sehr spannend.

SM: Ich habe mich vor Kurzem mit einem Physiker getroffen. Der hat mir erklärt, dass in einer Parallelwelt zu unserer auch unsere Naturgesetze herrschen müssten. Es könnte physikalisch gesehen aber auch Multiversen geben, das heißt andere Universen. Und es könnte theoretisch sein, dass dort auch andere Naturgesetze herrschen. Das ist ja eine große Sehnsucht von mir. Manchmal stehe ich im Probe­raum und denke, ich würde so gern die Wände hinaufgehen können. Dann fühle ich mich gefangen in den Gren­zen meines Körpers. Aber man weiß natürlich nicht, was da noch so alles passiert in den nächsten Jahren!

Sina Martens: “Ich hätte schon einen Namen für mein Alter Ego.”
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VG: Kennst du von Anni Ernaux „Die Jahre“? Das habe ich gerade gelesen. Eine autobiografische Erzählung, die um die 68er kreist. In einer sprachlich unglaublich schönen Form. Ich kann es dir total empfehlen.

SM: Du hast ja ein Buch bei mir liegen gelassen, das ich jetzt kenne …

VG: Welches?

SM: „Die gleißende Welt“ von Siri Hustvedt!

VG: Ah! Das ist auch so toll!

SM: Ich liebe es!

VG: Ich hatte das von meinem Freund geklaut.

SM: Es lag in der Küche, und ich dachte mir: Das nehme ich mal – ich bin ausgeras­tet! Diese ersten Seiten! Sie erschafft sich ein männliches Alter Ego nicht nur, um auf frauenfeindliche Tendenzen in der Kunstwelt aufmerksam zu ma­chen, sondern stellt die These auf, dass sich der Charakter der Kunst selbst da­durch verändern lässt. Das ist ja auch etwas, mit dem ich mich beschäftige: Dieser Gedanke, sich ein Alter Ego …

VG: … als Schauspieler macht man das ja.

SM: Ich meine aber, wenn man das ganz aus sich schöpft und konsequent weiter­ denkt … Ich hätte schon einen Namen für mein Alter Ego – den ich nicht ver­raten werde –, und ich weiß auch noch nicht genau, was ich mit meinem Alter Ego machen will. Aber – du musst schon wieder los?

VG: Ich muss los. Ich muss jetzt den Sprinter nehmen nach Berlin. In die entgegengesetzte Richtung – leider

 

Dieser Artikel ist zuerst in unserer September-Ausgabe erschienen. Die Simultanaufführung „Die Parallelwelt“ zwischen dem Berliner Ensemble und dem Schauspiel Dortmund feiert am 15. September 2018 seine Premiere.

14.09.2018 | Kategorien Interviews, Theater | Tags , , ,

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