Peter Marino

Gemessen an seinem spektakulären Œuvre hat sich der Architekt Peter Marino dieses Mal selbst eine Krone aufgesetzt: mit einem Kaufhaus für Louis Vuitton am Place Vendôme.

Foto: Getty iMAGes

Selbst wenn es nicht das erste Mal ist, dass man Peter Marino persönlich begegnet, bleibt der erwünschte Wow-Effekt über die Jahre nicht aus. Das liegt an dem Gesamtkunstwerk, das er aus sich selbst gemacht hat – immerhin ist dieser Mann ein Architekt; und Architekten, das ist bekannt, pflegen für gewöhnlich einen zurückhaltenden, wenngleich geschmackvollen Kleidungsstil. Nicht so Herr Marino, ein italienischstämmiger New Yorker, der im Kontext der megateuer eingerichteten Flagshipstores, auf die er sich neben megateuren Privathäusern weltweit spezialisiert hat, grotesk deplatziert wirkt. Zumindest fällt er dort extrem auf.

Man erwartet einen Rüpel, man wartet eigentlich darauf, dass er sich ein Sixpack Dosenbier bringen lässt, aber der Meister spricht mit leiser Stimme. Und auf dem niedrigen Sofatischchen vor ihm, dessen Platte aus einer kostbaren Versteinerung geschliffen wurde, ist eine Etagere mit dünn aufgeschnittenen Früchten platziert. Auch Himbeeren darunter, aber der Snack wird von ihm nicht angerührt. Wer Hunderttausende von Flugmeilen anhäuft im Verlauf jedes Jahres braucht zwar Stamina, aber vor allem auch Disziplin. Die Baustellen seiner Projekte sind über den ganzen Globus verteilt. Es sind immer gleich mehrere. Allesamt Großprojekte. Aktuell sind es in Paris allein schon wieder zwei.



JOACHIM BESSING: Schön, Sie wiederzusehen, Mister Marino.

PETER MARINO: Ja, wo war das gleich beim letzten Mal?

JB: In London. Das war bei der Eröffnung des Louis Vuitton Flagships dort in der New Bond Street vor ein paar Jahren.

PM: Richtig. Und wissen Sie was? ich habe vorhin erst mit Herrn Arnault geredet. Er will, dass ich gleich morgen nach London gehe, um den Laden zu renovieren. Seit er dies hier gesehen hat, kommt ihm der andere schon beinahe schäbig vor. ich bin übrigens ein enger Freund von Bob Colacello, der in Andy Warhols Zeit das interview Magazine gemacht hat. Später kam dann Ingrid Sischy dazu, auch eine Freundin, aber die Ärmste starb vor einiger Zeit. Und was haben Sie in der Zwischenzeit gemacht?

JB: Ich habe eine Weile in Afrika gelebt. Unter anderem.

PM: Oh. Na ja. Das war sicher unangenehm. Ich kenne einen Künstler, der hat sich ein Haus bauen lassen in Nordafrika, und das ist auch sehr schön geworden, aber er ist dann nie wieder hingefahren, weil es dort einfach nur schrecklich war.

JB: Wo in Nordafrika?

PM: In der lebensfeindlichsten Gegend, die Sie sich vorstellen können. An der südlichen Grenze zu Libyen. Dort ging es derart gefährlich zur Sache, dass er nur einmal dort war. Aber er sagte mir: „Die Baukosten beliefen sich lediglich auf 10 000 Dollar.“ Na ja, aber das bringt halt auch nichts, wenn man das Haus nicht bewohnen kann. ich fand das exotisch zumindest.

JB: Es gibt ja einige Künstler, die Häuser in Afrika haben. Carsten Höller zum Beispiel. Und dann Ugo Rondinone, der hat eines, das heißt „House for a Sculptor“, und es sieht aus wie eine Treppe in den Himmel, an dem der Vollmond steht.

PM: Ach, genauso sieht das Haus von Not Vital aus.

JB: Dann habe ich die beiden verwechselt. Sind ja beide Schweizer.

PM: Und sie sind alle dort in Afrika. Es ist verrückt.

JB: Landschaft und Licht sind von erstklassiger Qualität in Afrika.

PM: Und es ist sehr billig! Na ja, wenn man dort schreiben kann – mir fällt das Schreiben sehr schwer. ich bin Architekt, ich kann zeichnen. Aber schreiben? Dafür müsste ich meine Gedanken ordnen können.

JB: Dafür haben Sie ein räumliches Vorstellungsvermögen. Schreiben Sie Tagebuch?

PM: Nein. ich schreibe überhaupt gar nichts auf. ich bin kein Mann der Worte.

JB: Aber Sie gärtnern. ich habe viel gelesen über ihren Garten, der muss fabelhaft sein.

PM: Wo ist das Gartenbuch? Gebt ihm ein Exemplar des Gartenbuchs, bitte.

JB: Seit wann interessieren Sie sich für Gartenarchitektur?

Peter Marino: “ich bin jetzt auch imker. Die Bienen sammeln den Blütenstaub meiner Pfirsichbäume. Der honig schmeckt einzigartig”
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PM: Mein ganzes Leben schon.

JB: Ich dachte, Sie sind ein Stadtmensch!

PM: Hier ist das Gartenbuch. Das schenke ich ihnen, weil Sie für mich eine Reise auf sich genommen haben. Es zeigt die Bilder meines Landsitzes an der Ostküste von Long Island. Den besitze ich schon seit 25 Jahren. Jeden Freitag setze ich mich auf mein Motorrad und fahre dort hinaus. Am Sonntag komme ich dann nach Manhattan zurück. ich fahre direkt zu meinem Büro und arbeite dort bis tief in die Nacht. Dann gelingen mir die besten Arbeiten. Weil ich erfrischt bin von der Gartenarbeit. Die Luft dort ist sehr gut. Das merkt man sofort, wenn man ansonsten bloß Stadtluft geatmet hat. Mir kommt es so vor, dass ich dort besser denken kann. Der hohe Sauerstoffgehalt wirkt direkt lebensverlängernd. Dazu kommt die Fahrt auf dem Motorrad. Sobald ich da draufsitze, fühle ich mich doppelt lebendig. ich bin ja klaustrophobisch veranlagt. Autos mag ich nicht. Sie sehen, der Garten spielt eine große Rolle in meinem Leben. Ich bin jetzt auch Imker. Wir haben viele Bienenvölker dort angesiedelt. Die Bienen sammeln den Blütenstaub meiner Pfirsichbäume. Der Honig schmeckt einzigartig. in diesem August haben wir sieben Liter ernten können.

JB: Interessant! ich liebe Bienen. Gleich in der nächsten Woche ist in Berlin ein Kongress des Imkerverbands. Ich freue mich schon.

PM: Hören Sie auf! Dann hinterlassen Sie doch bitte bei meinem Assistenten ihre Adresse, und ich lasse ihnen von meinem Honig schicken.

JB: Das hätte ich nicht für möglich gehalten – ich hatte geglaubt, der Garten ist für Sie nur ein Dekorationsobjekt.

PM: Ich bin so wahnsinnig viel unterwegs. Deshalb brauche ich die Erholung auf dem Land.

JB: Können Sie sich noch an ihre erste Reise nach Paris erinnern?

PM: Puh – also ich nehme an, dass ich so um die 18, 19 Jahre alt gewesen sein werde. Mein Zimmergenosse an der Kunstschule stammte aus Paris. in den Sommerferien hat er mich in sein Elternhaus hierher eingeladen. Ich hatte ja auch Verwandte hier. Meine Tanten Anna und Julia lebten beide in Paris.

JB: Und später, dienstlich?

Foto: Alisa Vornehm

PM: Daran kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Ich denke, dass ich dann bei der Familie Wertheimer zu Gast war, denen Chanel gehört. Das muss 1982 gewesen sein. Die Agnellis haben mich mit denen zusammengebracht. Und seitdem bin ich öfter in der Stadt. Sehr oft.

JB: Was ist das Besondere an Paris?

PM: Das Licht ist einmalig. Himmlisch. Und dann die Atmosphäre, vor allem die Architektur. Diese Einheitlichkeit, die Georges-Eugène Haussmann geschaffen hat. Das ist das eigentlich Besondere an der Stadt. Die Leute finden Paris wunderschön. Aber warum ist Paris wunderschön? Schauen Sie sich im Vergleich zu Paris das ästhetische Chaos der meisten Großstädte an. Hier sind die Gebäude aus Savonnières, einem hellen Kalkstein, gefügt und zusammen mit dem speziellen Licht ergibt sich der magische Effekt. In anderen Städten finden Sie selten zwei Fassaden nebeneinander, die aus demselben Material gemauert wurden. Mich macht das wahnsinnig.

JB: So sind die Franzosen: bourgeois an der Fassade, und innen treiben sie es wild.

PM: Weiß ich nicht, ob die Franzosen es wild treiben.

JB: Na, aber sicher!

PM: Vielleicht, wenn sie italienische Mütter hatten. Aber was diesen Stein angeht: ich habe ihn hier in der Boutique überall auch innen verwendet. Na ja, überhaupt: Wann gab es das schon einmal hier in Paris, dass eine komplette Straßenecke überarbeitet wurde? Das hat vor mir noch kein Architekt gemacht.

JB: Als ich heute früh auf den Place Vendôme zuging, sah ich diese gigantische Sonne zum ersten Mal, und ich war – nun ja: geflasht, haha.

PM: Es war einer der größten Aufträge meines Lebens.

© Louis VuittoN MALLetier, stéPhANe MurAte

JB: Ah ja?

PM: Was die Bedeutung für das Stadtbild angeht, auf jeden Fall. Also bitte: am Place Vendôme, dem Unveränderlichen. Und das seit 1712!

JB: Herrlich auch die Proportionen dieser Räume. Die Durchgänge hier drüben sind doch mindestens fünf Meter hoch.

PM: Diesen Raum gab es ja vorher nicht. Das gesamte innenleben dieses Häuserblocks wurde von mir neu geschaffen. Um das gewünschte Flächenmaß einhalten zu können, habe ich ein Zwischengeschoss eingezogen. Teile des alten Innenhofs habe ich zurückerobert, indem ich den Gebäudegrundriss nach hinten hinaus erweitert habe. Ursprünglich gab es das alles hier nicht. Auch nicht diese Verkleidung mit dem herrlichen Kalkstein – das war alles konventionell aus Ziegeln gemauert. Aber dieser Stein gibt dem Ganzen hier erst seine Frenchness. Zurzeit von Ludwig dem XiV. gab es hinter den Fassaden sowieso nichts. Er hat die Fassaden errichten lassen, damit es nach einer schönen Stadt aussieht, der Rest sollte später gebaut werden. Nach seiner Party. Das finde ich schon ziemlich – interessant!

JB: Er war ein interessanter Mann.

PM: Das sagt auch viel aus über die Franzosen: erst mal die Fassade, und die richtig schön, der Inhalt kommt später. Eventuell.

JB: Was tragen Sie eigentlich bei der Gartenarbeit?

PM: Ganz kurze Hosen aus Leder.

JB: Schürze auch?

PM: Ja, aber eine ganz kleine.

JB: Ihr erster Auftraggeber war das Modekaufhaus Barneys – haben sich die Budgets seitdem verdreifacht, verzehnfacht, oder geht es um noch mehr?

PM: Das kann ich gar nicht mehr vergleichen. Ich habe 1989 den Auftrag bekommen, ein Schuhgeschäft auf der Madison Avenue auszubauen. Das Budget war 1 Million Dollar. Ich bin beinahe ohnmächtig geworden – so viel Geld!



Interview: Joachim Bessing

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