Sie hassen also
Small Talk, Santigold?

Popmusikerin Santigold, 39, leidet unter einer Sozialphobie.

Santigold

INTERVIEW: Sind Sie eigentlich so selbstsicher, wie Sie immer wirken?

SANTIGOLD: Auf der Bühne ist es tatsächlich kein Problem, denn mit Lampenfieber hatte ich nie Schwierigkeiten. Aber ansonsten bin ich schon in den kleinsten Situationen verunsichert. Ich denke, ich habe so etwas wie eine Sozialphobie.

INTERVIEW: Inwiefern?

SANTIGOLD: Ich hasse Small Talk, wirklich – ich hasse es. Allerdings bin ich recht gut darin, meine Ablehnung zu überspielen. Dann stehe ich da, fange aus lauter Beklemmung an, all diese Fragen zu stellen, nur um das Gespräch irgendwie am Laufen zu halten. Derweil rege ich mich darüber auf, dass ich die Unterhaltung, die mir so sinnlos vorkommt, überhaupt führe. Vielleicht sollte ich das besser nicht erwähnen.

INTERVIEW: Zumal dieses Interview als Small Talk deklariert ist.

SANTIGOLD: Oh nein, Sie haben recht. Das klingt bestimmt furchtbar.

INTERVIEW: Eher amüsant.

SANTIGOLD: (lacht) Nein! Es gibt nämlich noch einen Gegenpart zu dem Ganzen. Meine Mutter ist Psychiaterin und war immer sehr interessiert am Leben anderer. Ich denke, dass ich diese Eigenschaften von ihr geerbt habe. Sofern mich mein Gegenüber interessiert, bin ich eine gute Zuhörerin. Entweder ich unterhalte mich mit einem Fremden und finde das Gespräch spannend, oder aber ich finde es schrecklich und fange an zu schwitzen. Bescheuert, oder?

Santigold: “Wenn es zu anstrengend wird, bekomme ich Beklemmungen”
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INTERVIEW: Wahrscheinlich hängt es einfach von der Person ab, mit der Sie sich unterhalten.

SANTIGOLD: Ich glaube, es hat was damit zu tun, wie viel Energie es mich kostet, dieses Gespräch zu führen. Und wenn es zu anstrengend und unnatürlich wird, dann bekomme ich eben Beklemmungen.

INTERVIEW: Das ist doch eine gute Erklärung. Aber wie ist es dann für Sie als Person der Öffentlichkeit? Werden Sie oft erkannt?

SANTIGOLD: Es geht eigentlich, aber ich wohne ja auch in New York. Die Leute hier sind viel zu cool, als dass sie es zeigen würden, wenn sie jemanden auf der Straße erkennen. Aber wenn es doch passiert, dann ist es mir sehr unangenehm. So etwas passiert natürlich auch immer genau dann, wenn man so gar nicht damit rechnet. Neulich wollte ich zum Beispiel nur schnell einen Salat kaufen gehen. In dem Supermarkt lief mein Song im Radio. Man muss dazu wissen, dass ich meine Songs gar nicht mehr wirklich wahrnehme, da sie so sehr Teil von mir geworden sind. Ich stehe also an der Kasse und fange unbewusst an mitzusingen. Der Verkäufer schaut mich an und sagt nur ganz beeindruckt: „Alter, das ist nicht dein Ernst!“ Ich bin natürlich in Grund und Boden versunken und habe nur gedacht, dass der Typ bestimmt denkt, ich wäre unglaublich von mir selbst eingenommen.

INTERVIEW: Was haben Sie dann gemacht?

SANTIGOLD: So peinlich. Er sagt: „Das kann ja nicht wahr sein!“ Und ich sage nur: „Oh, nein!“ und mach mich aus dem Staub. Ohne Salat. Das war total bescheuert.

Santigolds neues Album „99 Cents“ erscheint am 26. Februar

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