Solange by
Beyoncé

Musikerin Solange Knowles spricht mit ihrer großen Schwester Beyoncé über ihr neues Album, geschwisterliche Nähe und Liebe.

Foto: Mikael Jansson | Stylist: Karl Templer | Look: DKNY, Marni & Balenciaga

„Es gibt leichtere und schwerere Schicksale als das, die jüngere Schwester des größten Popstars der Welt zu sein.“  Seit Solange Knowles die ersten Schritte im Musikgeschäft tat, wurde sie als Gegenstück ihrer Schwester Beyoncé verhandelt: Während Beyoncé perfekt choreografierte, glänzende Popgeschichte schrieb, war Solange eher zuständig für hip groovenden Soul. Aufgewachsen in Houston, Texas, war sie früh Teil des Familiengeschäfts: Gemanagt wurde sie vom Vater, als Jugendliche sprang sie gelegentlich bei Destiny’s Child ein. Schlagzeilen machte Solange, als sie Beyoncés Ehemann Jay Z vor laufenden Überwachungskameras eine pfefferte. Nun ist sie mit dem Sensationsalbum „A Seat at the Table“ aus dem Schatten getreten. Mit schwebender Gelassenheit singt sie über die kulturelle Aneignung schwarzer Kultur und darüber, dass man bitte ihre Haare nicht ungefragt anfassen soll. So macht sie das Private politisch und bringt es zum Klingen. Das Album passt perfekt in eine Zeit, in der sich die tektonischen Platten der amerikanischen Kultur und Gesellschaft bedrohlich verschoben haben. Solange lebt mit ihrem Mann, dem Regisseur Alan Ferguson, und ihrem Sohn in New Orleans, war aber gerade auf dem Weg nach New York, als sie für dieses Interview mit ihrer Schwester Beyoncé telefonierte.

Beyoncé Knowles: Bist du erschöpft? Ich habe gehört, dass du gerade vom Elternabend kommst …

Solange Knowles: Ja, und ich musste nach Philadelphia fliegen, weil es keine Flüge nach New York mehr gab. Jetzt fahre ich mit dem Auto von Philly nach New York. Also, ich fahre nicht selbst, aber…

B. K.: Du musst fahren? Von Philly?

S. K.: Ja, ist aber nicht so schlimm. Es dauert nur eine Stunde und 40 Minuten.

B. K.: Oh Gott! Rockstar! Es ist ein bisschen seltsam, dass ich dich interviewe, weil wir Schwestern sind und uns ja ohnehin die ganze Zeit unterhalten. Aber ich freue mich total, weil ich natürlich dein größter Fan und total stolz auf dich bin. Also, lass uns am Anfang anfangen. Du mochtest schon als Kind immer die interessanteste Mode, Musik und Kunst. Du mochtest Alanis Morissette und Minnie Riperton und hast schon Prints getragen, da warst du gerade mal zehn Jahre alt. Mit deinem Drumset und einem Plattenspieler hast du dich in deinem Zimmer eingeschlossen und Songs geschrieben. Erinnerst du dich? Natürlich erinnerst du dich.

S. K.: Das tue ich (beide lachen).

B. K.: Was hat dich sonst als Kind interessiert?

S. K.: Ich erinnere mich, dass ich schon ganz jung ein Gefühl für meine Stimme hatte und wie ich sie benutzen kann. Ich schätze, ich hatte immer den Drang, zu kommunizieren – ich hatte viel zu sagen. Ich bin froh, dass ihr zu Hause so geduldig mit mir wart. Es waren nicht gerade introvertierte, ruhige Phasen.

B. K.: Nein, überhaupt nicht (beide lachen). Ich erinnere mich, dass ich dachte:„Meine kleine Schwester wird etwas total Besonderes sein“, weil du immer zu wissen schienst, was du wolltest. Woher kam das?

S. K.: Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung! Ich wusste immer, was ich wollte. Und wir wissen verdammt genau, dass ich nicht immer richtig lag (beide lachen). Aber ich blieb dabei, ob ich nun recht hatte oder nicht. Ich schätze, zum Teil kam es daher, dass ich die Jüngste in der Familie war und ich mich in einem Haushalt mit fünf Menschen bemerkbar machen musste. Ich hatte aber auch schon ganz jung diese Stimme in mir, die mir sagte, dass ich meinem Bauchgefühl vertrauen soll. Meine Intuition war immer sehr stark. Sie leitet mich. Wenn ich mal nicht auf mein Bauchgefühl gehört habe, ist es meist nicht gut für mich gelaufen. Ich glaube, alle in unserer Familie sind sehr intuitive Menschen. Unsere Mutter ist immer ihrem Bauchgefühl gefolgt, was mich ermutigt hat, das Gleiche zu tun.

Foto: Mikael Jansson | Styling: Karl Templer

B. K.: Du schreibst deine eigenen Texte, du koproduzierst deine eigenen Tracks, du schreibst die Konzepte für deine Videos, du inszenierst alle deine Auftritte, jede Choreografie … Woher nimmst du deine Inspiration?

S. K.: Das ist unterschiedlich. Zum einen hatte ich ja eine gute Schule, in einem Haushalt mit dir aufzuwachsen hat definitiv nicht geschadet. Und seit ich mich erinnern kann, hat uns unsere Mutter gelehrt, die Kontrolle über unsere Stimme und unsere Körper und unsere Arbeit zu haben. Das hat sie uns vorgemacht. Wenn sie an einer Idee arbeitete, gab es kein Element, bei dem sie nicht die Hände im Spiel hatte. Sie überließ das niemand anderem. Es war eine interessante Erfahrung, das selbst auszuprobieren und auch zu beobachten, wie du es tust, in allen Aspekten deiner Arbeit. Die Gesellschaft nennt dich einen Kontrollfreak oder eine Besessene. Oder jemanden, der seinem Team nicht vertraut oder anderen keine Verantwortung überlassen will, was komplett unwahr ist. Es ist unmöglich, ohne ein Team erfolgreich zu sein. Aber – und ich habe keine Angst, das zu sagen – ich habe eine sehr klare Vision davon, wie ich mich und meinen Körper und meine Stimme und meine Sicht präsentieren will. Und wer ist besser geeignet, diese Geschichte zu erzählen, als ich selbst? Dieses Album begann wirklich damit, dass ich ein paar Wahrheiten und Unwahrheiten entwirren wollte. Es gab Dinge, die schon seit einiger Zeit schwer auf mir lasteten. Also habe ich mich sozusagen in ein loch zurückgezogen und versucht, einige dieser Dinge durchzuarbeiten, um ein besseres Selbst und eine bessere Mutter für Julez und eine bessere Frau und eine bessere Freundin und eine bessere Schwester zu werden. Deswegen wollte ich auch, dass du mich interviewst. Das Album fühlt sich wirklich an wie unsere Geschichte und die unserer Familie und unserer Herkunft. Mom und Dad sind ja auf dem Album zu hören. Es sind auch die Geschichten meiner Freunde – jeden Tag schreiben wir uns SMS über die kleinen Aggressionen, mit denen wir konfrontiert werden. Die Inspiration für das Album lag in all diesen Stimmen, als Kollektiv. Ich bin so froh, dass ich mir dafür viel Zeit lassen konnte. Das Endresultat fühlt sich sehr gut an.

B. K.: Ich hatte Tränen in den Augen, als ich unsere Eltern über ihre Erfahrungen sprechen hörte. Wie kamst du darauf, Master P auf dem Album zu Wort kommen zu lassen?

S. K.: Nun, ich habe eine Menge Gemeinsamkeiten zwischen Master P und unserem Vater entdeckt.

B. K.: Ich auch (lacht).

Solange: “Ich muss permanent dagegen ankämpfen, mich arrogant zu fühlen, wenn ich sage, dass ich alle Songtexte auf dem Album geschrieben habe”
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S. K.: In den Gesprächen mit Dad hat mich ein Ereignis besonders berührt. Er wurde von seiner Gemeinde ausgesucht [als einer der ersten schwarzen Schüler eine vormals weiße Schule zu besuchen]. Und dafür das Gesicht zu sein, der Kämpfer zu sein bedeutete für ihn einen unglaublichen Druck. Ich erinnere mich, dass ich Dinge über Master P las, die mich sehr an Dads Kindheit erinnerten. Außerdem haben sie große Zuneigung und Respekt füreinander. Ich wollte eine Stimme auf dem Album, die für Ermächtigung und Unabhängigkeit steht, die Stimme von jemandem, der nie aufgegeben hat, jemandem, der sich für schwarze Menschen einsetzt, für unsere Gemeinschaft und unsere Geschichte. Du und ich wurden dazu erzogen, unsere eigenen Plattformen und Räume zu schaffen, wenn es keine gab. Und er ist dafür ein wunderbares Beispiel.

B. K.: Es hat drei Jahre gedauert, „A Seat at the Table“ aufzunehmen. Du hast dir Zeit genommen, und ich finde es immer noch faszinierend, wie viel du für dieses Album selbst produziert hast, die live-Instrumentierung, mit dir selbst an Klavier und Drums, du hast nicht nur gesungen, sondern auch die Tracks koproduziert. Das sollte gerühmt werden, dass eine junge Frau solch eine starke Produzentin ist und zugleich eine Singer-Songwriterin und Künstlerin.

S. K.: Danke! Eins meiner größten Vorbilder in puncto weibliche Produzenten ist Missy. Ich erinnere mich, wie ich euch beide zusammenarbeiten sah und entzückt von der Idee war, dass auch ich mehr von mir einbringen könnte als meine Stimme und Texte. Auf den früheren Alben habe ich zwar hier und da mal etwas zur Produktion beigesteuert, aber ich hatte immer Angst davor, richtig einzusteigen. Ich schätze, ich hatte nicht wirklich Angst, aber ich fühlte mich einfach sehr wohl damit, die Songs zu schreiben. Ich hatte das Gefühl, das mein Beitrag als Produzentin damit getan war. Aber als ich begann, an diesem Album zu arbeiten, wurde mir klar, dass ich eine sehr spezielle Klangwelt entwerfen musste, um die Geschichte zu erzählen. Wir hatten Jamsessions, aber es gab Lücken, die niemand anderes für mich füllen konnte. Da ging es um etwas, was ich nicht ausdrücken oder jemandem übertragen konnte. Was wirklich beängstigend war. Oft war ich frustriert von mir und fühlte mich unsicher, weil diese Art der Arbeit neu für mich war, und auch deswegen, weil ich in meinem Alter vor allen diesen Menschen etwas Neues lernte. Aber ich bin so dankbar und begeistert, dass ich diese neue Phase als Künstlerin erobert habe.

Foto: Mikael Jansson | Styling: Karl Templer

B.K.: Was hat der Songtitel „Cranes in the Sky“ zu bedeuten?

S. K.: „Cranes in the Sky“ ist ein Lied, das ich schon vor acht Jahren schrieb. Es ist der einzige Song, der unabhängig vom Album entstand, zu einer ziemlich harten Zeit. Ich kam gerade aus der Beziehung mit Julez’ Vater. Wir waren seit der Junior-Highschool ein Liebespaar gewesen. In der Junior-High definiert man sich ja stark darüber, mit wem man zusammen ist. Ich sah meine Welt durch die linse der Dinge, mit denen ich mich damals identifiziert hatte und mit denen ich identifiziert wurde. Um all die Emotionen zu verarbeiten, die ich während dieses Übergangs fühlte, musste ich mir über mich selbst klar werden, außerhalb meiner Rolle als Mutter und Ehefrau. Ich arbeitete mich in den verschiedensten Bereichen meines Lebens durch neue Herausforderungen und durch eine Menge Selbstzweifel und Selbstmitleid. Ich denke, jede Frau in ihren Zwanzigern hat das erlebt – man bemüht sich, eine Sache hinter sich zu lassen, die einem nicht guttut, und hat dennoch das Gefühl, dass nichts diese Lücke schließen kann. Ich habe damals oft in Miami geschrieben und aufgenommen. Das war zu Zeiten des Immobilienbooms in Amerika, als überall neue Gebäude gebaut wurden. Alle drei Meter wurde ein neues Wohnhaus hochgezogen. Du warst ja damals auch oft dort im Studio, und ich glaube, wir hatten Miami immer als Ort der Ruhe und als Zufluchtsort erlebt. Wir waren nicht dort, um Party zu machen. Aber ich erinnere mich, wie ich dann hochschaute und all die Kräne im Himmel sah. Sie waren so massig und solch ein Schand eck und überhaupt nicht das, was ich mit Frieden und Zuflucht verband. Ich verstand das als Analogie für den Übergang in meinem Leben – die Idee, exzessiv immer höher, höher, höher zu bauen, statt sich mit den Problemen zu beschäftigen, die direkt vor einem liegen. Wir wissen ja alle, wie das ausgegangen ist. Es war eine Katastrophe. Der Titel kam mir in den Sinn, weil mir das so bezeichnend schien für das, was in meinem leben vorging. Und jetzt, acht Jahre später, sind wir wieder an dem Punkt, an dem wir nicht sehen, was in unserem land geschieht. Wir setzen uns nicht mit den hässlichen Dinge auseinander, die uns ins Gesicht starren.

B. K.: In der Woche vor der Veröffentlichung war ich mit dir zusammen. Das ist ja ohnehin die angespannteste Zeit für einen Musiker, aber du warst besonders nervös.

S. K.: Ja. Ich bin durchgedreht. Ich konnte nicht still sitzen, es war entsetzlich. Ich wusste, dass die Menschen mich aus nächster Nähe und sehr intim und direkt sehen und hören würden. Es war die eine Sache, das Album aufzunehmen, aber eine andere, es zu beenden und tatsächlich mit anderen zu teilen. Ich bin so glücklich und dankbar, dass die Menschen sich damit identifizieren konnten. Die größte Honorierung, die ich mir vorstellen kann, ist, wenn Frauen, und vor allem schwarze Frauen, mir sagen, welchen Trost ihnen das Album gegeben hat.

Foto: Mikael Jansson | Styling: Karl Templer | Look: Bottega Veneta & Chloé

B. K.: Deine Stimme und die Arrangements auf dem Album klingen sehr verletzlich und sanft und ehrlich. Warum hast du dich entschieden, auf diese Art zu singen?

S. K.: Es war eine sehr bewusste Entscheidung, dass ich als Frau sang, die Herrin der Lage ist. Denn ich habe das Gefühl, das schwarze Frauen, die bestimmte Dinge ansprechen, nicht als beherrschte, emotional stabile Frauen dargestellt werden, die harte Konversationen führen können, ohne die Kontrolle zu verlieren. Ich hatte mein Falsett zuvor noch nicht so stark ausprobiert. Wie du gesagt hast, mochte ich Minnie Riperton immer sehr. Und auch Syreeta Wright. Einige ihrer Songs mit Stevie Wonder haben mich wirklich beeindruckt. Sie spricht ein paar sehr harte Dinge aus, aber der Klang ihrer Stimme ist so sanft, dass man sie ganz klar hören kann. Ich wollte ein fröhliches Medium finden und direkt und klar sprechen und Herrin der Lage sein – fähig, den Moment zu erleben und abzuwägen, ohne zu schreien und zu kämpfen. Davon hatte ich in meinem leben genug. Davon wollte ich mich klar abheben. Aaliyah war auch ein großer Einfluss, schon immer. Ihre stimmlichen Arrangements mit Static Major sind einige meiner liebsten auf der Welt.

B. K.: Ich bin so froh, dass wir in Houston aufgewachsen sind. Die Stadt ist eine solch große Inspiration für uns alle, dich, mich, unsere Mutter, unseren Vater… für jeden, der dort lebt. Wie würdest du unser Aufwachsen in Parkwood beschreiben, und was hast du aus deiner Heimatstadt mitgenommen?

S.K.: In Parkwood aufzuwachsen war deswegen inspirierend, weil wir von allem etwas zu sehen bekommen haben. Wir sind in der gleichen Nachbarschaft aufgewachsen, die Scarface, Debbie Allen und Phylicia Rashad hervorgebracht hat. Kulturell war es so reichhaltig wie nur möglich. Die Menschen waren herzlich. Sie waren nett. Aber was ich vor allem von dort mitgenommen habe, war das Geschichtenerzählen. Die Menschen sind lebhafte Geschichtenerzähler. Beim Friseur oder in der Schlange im Lebensmittelgeschäft gab es nie einen langweiligen Moment. Ich bin so froh, dass ich an einem Ort groß geworden bin, wo man die Frau des Pastors, eine Anwältin oder im Nebenberuf Stripperin oder Lehrerin sein konnte – wir haben so viele unterschiedliche Frauen gesehen, denen allen gemein war, dass sie ihre Sache gut machen und noch besser werden wollten. Das hat uns wirklich zu Feministinnen gemacht. Was ich von dort mitgenommen habe, ist die Bereitschaft, raus in die Welt zu gehen und mit den unterschiedlichsten Frauen ins Gespräch zu kommen. Ich habe mich gerade mit jemandem über The Real Housewives of Atlanta unterhalten und gesagt, wie sehr ich die Sendung liebe und dass ich sie brillant finde, weil sie Frauen zeigt, wie ich sie aus meiner Kindheit in Houston kenne. Es fühlt sich wie zu Hause an.

B. K.: Welche Irrglauben gibt es über starke Frauen?

S. K.: Oh mein Gott, die Liste ist endlos! (lacht) Ich muss permanent dagegen ankämpfen, mich arrogant zu fühlen, wenn ich sage, dass ich alle Songtexte auf dem Album geschrieben habe. Ich kann das eigentlich immer noch nicht sagen. Das war jetzt tatsächlich das erste Mal, dass ich es getan habe, wegen all der Dinge, mit denen wir konfrontiert werden, wenn wir unsere Arbeit und unsere Erfolge feiern. Ich erinnere mich, dass Björk einmal sagte, dass sie das Gefühl hätte, dass sobald ein Mann an etwas beteiligt war, das sie gemacht hat, man ihm das Verdienst zuschreibt. Und leider scheint das immer noch wahr zu sein. Von dir habe ich viel darüber gelernt, mein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Das sollte selbstverständlich sein und nichts, wofür man um Erlaubnis bitten muss. Ich glaube, ich werde besser darin, mir nicht so einen Kopf darüber zu machen, sondern einfach aufzustehen und zu sagen: „Nein, damit fühle ich mich unwohl.“ Ich bin wirklich froh, dass du und Mom mir das vorgemacht haben: über die eigenen Erfolge zu sprechen, über die man sich freuen sollte, ohne sich deswegen zu schämen.

Foto: Mikael Jansson | Styling: Karl Templer | Look: David Hart & Miu Miu

B. K.: Du hast die Fähigkeit, Trends zu erkennen, bevor sie passieren. Das habe ich noch bei niemandem so sehr festgestellt wie bei dir. Du kennst die interessanten Musiker immer schon zwei Jahre, bevor sie groß herauskommen. Oder die neuen DJs oder Produzenten oder Modelabels … Wie machst du das?

S. K.: Ich verbringe wahrscheinlich mehr Zeit im Internet, als ich sollte (beide lachen). Ich weiß nicht. Ich liebe es, Leute zu vernetzen. Ich liebe es, Menschen mit anderen Menschen bekannt zu machen, die unglaublich gute Arbeit leisten.

B. K.: Du und Alan – dein Mann – habt zusammen die Bildsprache für dieses Projekt entwickelt, und ihr habt euch damit wirklich selbst übertroffen. Wie ist das abgelaufen?

S. K.: Das war eine Erfahrung, an die ich mich den Rest meines Lebens erinnern werde. Ich weiß noch, dass ich dir schon vor Jahren sagte, dass ich gern mit ihm arbeiten würde. Aber ich hatte auch Angst davor, weil unsere Beziehung die eine Sache ist, bei der ich mich völlig darauf verlassen kann, dass sie intakt und stabil ist. Ich weiß, dass ich raus in die Welt gehen und dann nach Hause kommen und Frieden bei ihm finden kann. Ich wollte keine Variable da reinbringen, die das stören könnte. Aber du hast mich ermutigt und gesagt: „Ihr bekommt das schon hin und werdet wahrscheinlich die beste Arbeit machen, die ihr je gemacht habt, weil ihr euch und die Vision des anderen liebt und respektiert.“ Als ich das Album aufgenommen habe, war ich immer völlig ausgelaugt, wenn ich aus dem Studio nach Hause kam. Und Alan war derjenige, der mich dann wieder aufrichtete und mir eine Motivationsrede hielt und mich ermutigte, am nächsten Tag wieder ins Studio zu gehen. Also kannte er diese Geschichten besser als jeder andere. Und als es dann Zeit wurde, über die visuellen Aspekte des Albums zu sprechen, wusste ich ohne den leisesten Zweifel, dass er die Person sein würde, die diese Vision zum leben erwecken kann. Und er hat es durchgezogen. Nur ein Mensch, der mich liebt, konnte zustimmen, 21 Szenen in einer Woche zu drehen und mit einer Millionen-Dollar-Ausrüstung auf dem Rücken auf Berge zu klettern und Wasserfälle zu überqueren. Wir haben mit großen Ideen und einem beträchtlichen Team begonnen. Mit zwei Wohnmobilen fuhren wir von New Orleans nach New Mexico, unterwegs haben wir zehn bis fünfzehn Stationen eingelegt. Am Ende waren alle sehr erschöpft, und das zu Recht. Sie waren schlecht drauf und wollten nach Hause, und das zu Recht. Und Alan und ich dachten: „Wir fangen doch gerade erst richtig an!“ Wir hatten vielleicht ein Viertel von dem geschafft, was wir schaffen wollten. Und nur eine Person, die dich liebt, würde sagen: „Lass uns zurück nach New Orleans fliegen, ein Auto mieten und zu zweit die ganze Tour noch einmal machen.“ Ich war so froh, einen Komplizen wie ihn zu haben, weil die Bildsprache für meine Projekte ein solch wichtiger Aspekt ist, vielleicht sogar der wichtigste. Wenn ich mir Konzepte überlege, ist das für mich wie Meditation. Dass ist eine der wenigen Gelegenheiten, wenn ich mein Gehirn sozusagen dicht machen kann. Und dann war Alan da, um zu sagen: „Hey, das licht nimmt ab. Alle sagen uns, dass wir Schluss machen müssen. Aber ich glaube, dass das licht jetzt gerade richtig wird. Das ist die Farbe, die der Himmel haben sollte.“

B. K.: Okay, jetzt gehe ich mal zu den Spontanfragen über. Welchen Film magst du lieber: „lady Sings the Blues“ oder „Mahogany“?

S. K.: „Mahogany“! Ohne Zweifel. Das war der erste Film, den Alan und ich zusammen gesehen haben. Das war unser erstes of zielles Date.

B. K.: Das weiß ich. Wann fühlst du dich am freiesten?

S. K.: In einer musikalischen Meditation.

B. K.: Was ist die lustigste SMS, die du diese Woche von unserer Mutter bekommen hast? (beide lachen) Ach, das ist zu persönlich, das lassen wir. Mama Tina muss man einfach lieben. Wie fühlt es sich an, das coolste Hochzeitsfoto aller Zeiten zu haben?

S. K.: Oh Gott, das ist aber subjektiv betrachtet!

B. K.: Worüber lachst du am meisten?

S. K.: The Real Housewives of Atlanta, keine Frage.

B. K.: Wirklich? Das wusste ich nicht.

S. K.: Das schaue ich sozusagen religiös, und ich kann mich kaum halten vor lachen.

B. K.: Einer meiner stolzesten Momente als deine große Schwester war ja, als ich dir Nas vorstellen konnte, einen deiner Helden, und du geheult und dich zum Affen gemacht hast. Ich war so überrascht, dass Mrs. Zu-cool-für-Alles derart durchdrehte. Gibt es einen anderen Menschen, der solch eine Reaktion bei dir erzeugen würde, wenn du ihn oder sie treffen würdest?

S. K.: Diana Ross. Auf jeden Fall. Ich bin ausgeflippt, als ich zu ihrem Konzert gegangen bin. Alan meinte nur: „Uh, du drehst ja völlig durch, beruhig dich.“

B. K.: Und jetzt mal ehrlich, wie habe ich mich im Rückblick als große Schwester gemacht?

S. K.: Du hast verdammt gute Arbeit geleistet. Du warst die geduldigste, liebevollste, wunderbarste Schwester überhaupt. Aneinandergeraten sind wir in den 30 Jahren, die wir uns kennen, vielleicht … Das kann man an einer Hand abzählen.

B. K.: Ich hatte gedacht, du würdest jetzt etwas Witziges sagen, aber das nehme ich gern an. Danke.

 

von Beyoncé

Übrigens können Sie online bei uns auch das Original-Interview in englischer Sprache lesen. Die Interview-Jubiläumsausgabe mit Solange auf dem Cover können Sie ausschließlich in unserem Tictail-Store bestellen (Limitierte Auflage!).




Credits

Haare: Chuck Amos mit Produkten von Pantene/Jump | Make-Up: Mark Carrasquillo/Art Partner Maniküre: Megum Yamamoto mit Produkten von Chanel Le Vernis/Susan Price NYC | Set Design: Gerard Santos/ Streeters London | Produktion: Caroline Stridfeldt/ Lola Production | Produktionsmanager: Greg Jaroszewski/ Lola Production | Produktionskoordinator: Natalie Pfister / Lola Production | Digital Operator: Remi Pujol, Lauren Loncar | Vielen Dank an Highline Stages

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