SOPHIE TURNER
“In meinem Dorf bin ich irgendeine Tussi”

Von der Schulbank in die Seven Kingdoms: Die 19-jährige Britin Sophie Turner kämpft in Game of Thrones um die Ehre des Hauses Stark – wir haben mit ihr gesprochen. Hail to the Queen!

 

INTERVIEW: „Rytsas“, Sophie!

SOPHIE TURNER: Wie bitte?

INTERVIEW: Das heißt „Hallo“ auf High Valyrian.

TURNER: Wirklich? Ich bin beeindruckt.

INTERVIEW: Echte Fans der Serie lernen die Fantasiesprachen Dothraki und High Valyrian, Cosplayer schlüpfen bei der weltgrößten Comicmesse Comic-Con in die Kostüme der Figuren: Finden Sie das auch verrückt?

TURNER: Oh ja. Wir haben die Comic-Con sogar besucht! Das war ganz schön gruselig. Sehr merkwürdig, sich selbst dort zu sehen. ­Allerdings mussten die Verantwortlichen den Stand nach ein paar Minuten schon schließen, weil der Andrang zu groß war. Es war verrückt, wie viele Menschen kamen. Das nennt man wohl echte Hingabe. Irgendwie ist es auch beeindruckend: Fantasy ist eben inzwischen ein Massenphänomen.

INTERVIEW: Das müssen Sie erklären.

TURNER: Vor ein paar Jahren noch waren es ausschließlich Nerds, die so etwas interessierte. Aber Game of Thrones ist einfach keine typische Mittelaltersaga mit tollen Kostümen, Drachen und Zwergen. Es hat viele verschiedene Handlungsstränge, viel Sex, eine schwule Geschichte, viel Verrat. Vielleicht sogar zu viel Verrat. Jedenfalls ist für jeden etwas dabei.

INTERVIEW: Ihre minderjährige Schwester Arya ist eine virtuose Schwertkämpferin, die Drachenkönigin Daenerys spricht Dothraki und High Valyrian: Obwohl Sansa keine besonderen Talente hat, ist sie die heimliche Königin der Zuschauerherzen.

TURNER: Oh, ich bin so froh, dass ich kein High Valyrian lernen musste! Zumal ich es mir megakompliziert vorstelle, Emotionen in einer Fantasiesprache auszudrücken. Aber ich musste dafür sehr viel weinen – vielleicht bin ich deshalb so beliebt. Die Zuschauer haben Mitleid mit mir. Denn Sie haben recht. Ich hatte eigentlich einen easy Job. Alles, was ich bis zur fünften Staffel können musste, war, herumzusitzen und deprimiert auszusehen.

 

INTERVIEW: Wie weint man auf Knopfdruck?

TURNER: Ich bin einfach eine geborene Heulsuse. Meine Mutter weint bei jedem kleinen bisschen. „Oh, die Couch ist aber schön!“ Schon kullern die Tränen. Das habe ich wohl von ihr geerbt. Als ich kürzlich mit meinen Freunden beim Glastonbury Festival war – ich war zugegeben etwas angetrunken –, stand dort ein Tipi. Der Anblick war so wunderschön, dass ich sofort in Tränen ausgebrochen bin. Ich weine wirklich wegen jedem Scheiß.

INTERVIEW: Viele Schauspieler berichten, sie müssten an etwas furchtbar Trauriges denken.

TURNER: Keine Ahnung. Meine Rolle ist schon allein so dermaßen traurig, dass es schwerfällt, nicht ständig zu weinen. Mir fällt es echt leicht. Ich hasse es, wenn andere Schauspieler behaupten, dass sie bloß in ihre Rolle eintauchen müssen, dann kommt das schon von allein. Das klingt immer so prätentiös. Aber irgendwie stimmt es doch. Ich bin mit diesem Mädchen aufgewachsen, habe meine ganze Jugend mit ihr verbracht. Es ist leicht, mich in sie hineinzuversetzen. Die Scheiße, die ihr widerfahren ist, hat mich mindestens genauso mitgenommen wie sie.

INTERVIEW: Sie mussten mit ansehen, wie Ihr Vater geköpft wird, wurden mehrfach beinahe vergewaltigt, haben Ihre Tante in den Tod stürzen sehen. Um Sie herum wird gemordet und gevögelt: Als Sie mit 14 Jahren bei Game of Thrones anfingen, hätten Sie die Serie offiziell noch nicht einmal schauen dürfen.

TURNER: Ja, normalerweise hätte ich so etwas in dem Alter nie sehen dürfen. Da waren meine Eltern sehr strikt. Ich durfte nicht einmal die Bücher lesen. Aber als die Serie herauskam, durfte ich sie schon schauen. Es war das Krasseste, was ich bis dahin gesehen hatte. Es war für die ganze Familie eine merkwürdige Situation. Für mich aber ganz besonders. Sich selbst auf dem Bildschirm zu sehen war superpeinlich. Deswegen musste ich sie immer ganz allein anschauen, sonst hätte ich das nicht ertragen. Und dann diese ganzen nackten Brüste, die ständig aufblitzen. Es wäre der Horror gewesen, das mit meinen Eltern im Raum anzusehen. Schlimm war auch, dass ich die Personen ja auch kannte! Sie sind wie Geschwister für mich, und dann siehst du sie plötzlich nackt. Das wollte ich echt nicht sehen. Aber man gewöhnt sich daran. Wir sollten uns künftig alle nackt ausziehen und unsere Genitalien zeigen, wenn ein neuer Darsteller ans Set kommt. Sollten wir wirklich.

INTERVIEW: Waren Sie vor der Serie bereits aufgeklärt?

TURNER: Zum Glück. Mit 13 wusste ich, was Sex ist und wo anatomisch welche Dinge hingehören. Aber ich wusste von all den anderen Sachen nichts, was ein Vorspiel ist oder so. Das war dann doch ein ziemlicher Schock, als ich das in der Sendung zum ersten Mal sah. Im Sexualkundeunterricht lernt man so was ja nicht.

INTERVIEW: Sie sind praktisch mit der Serie aufgewachsen. Hatten Sie dort Ihren ersten Kuss? TURNER: Nein, den bekam ich, als ich elf war. Das ist schon Jahre her. Aber generell ist es für mich schwierig, einen festen Freund zu haben, das will ich gar nicht auf die Serie schieben. Meine Freunde sagen, ich sei ein Trampel, weil ich laut und immer gut gelaunt bin. Sie sagen mir ständig, dass etwas nicht mit mir stimmen würde. Sie verstehen nicht, wie ausgerechnet jemand wie ich so eine Rolle spielen kann. Sie behaupten, ich sei schizophren oder so.

Sophie Turner: “Ich bin in meinem Leben häufiger Sansa genannt worden als Sophie. Vielleicht sollte ich mich umtaufen lassen.

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INTERVIEW: Es heißt, Ihre Kollegin Emilia Clarke hätte sich als Drachenkönigin Daenerys für die kommende Staffel vertraglich ausgehandelt, weniger oft nackt zu sein.

TURNER: Davon weiß ich nichts. Aber jetzt, wo Sie es sagen. Stimmt, in letzter Zeit habe ich sie nicht mehr so oft nackt gesehen. Aber ich habe wirklich keine Ahnung, ob das was mit ihrem Vertrag zu tun hat. Ich respektiere ihre Entscheidung so oder so. Das arme Ding war in der ersten Staffel ja mehr oder weniger immer nackt.

INTERVIEW: Wird sich Sansa oben ohne zeigen? TURNER: Ich weiß nicht, ob ich das überhaupt sagen darf, aber es gibt keinen Grund für Sansa, sich auszuziehen. Sie hat andere Mittel, Männer zu manipulieren. Aber falls es für eine Szene jemals notwendig sein sollte, wäre das okay für mich. Wenn es nur darum ginge, die Titten für ein paar mehr Zuschauer herauszuholen, würde ich es nicht machen. Sonst mache ich aber alles, was die Serie von mir verlangt.

INTERVIEW: Es gibt auch eine zensierte Version von Game of ­Thrones. Sie ist ab 13, ohne Sex, Schimpfwörter …

TURNER: Die ungefähr zwei Minuten lang ist.

INTERVIEW: Nicht ganz: die Gewaltszenen, von denen die Serie strotzt, wurden nicht rausgeschnitten. Wie schütteln Sie diese ­Brutalität ab?

TURNER: Erinnern Sie sich an die Folge, als dieser bisexuelle Typ gegen das Monster in den Ring steigt? Und ihm das Gesicht mit bloßer Hand eingedrückt wird? Ich habe fast gekotzt, als ich das gesehen habe. Aber die Gewalt, die Sansa widerfährt, kann ich so abschütteln. Ich bin das längst gewöhnt und muss mich da nicht mehr emotional vorbereiten. Außerdem ist die Stimmung am Set total angenehm. In der einen Minute spuckt dir King Joffrey ins Gesicht, in der nächsten kommt ein kleiner irischer Junge, der nichts mit diesem Ungeheuer gemein hat, auf dich zu, der vollkommen harmlos ist und sich dafür entschuldigt. Es hat wirklich was mit der Crew zu tun, dass alle ganz wunderbar nett sind, dass man die Gewalt erträgt.

 

INTERVIEW: Wie viel Sansa Stark steckt in Sophie Turner?

TURNER: Ich wünschte, ich hätte Eigenschaften von ihr übernommen. Wir sind uns leider überhaupt nicht ähnlich. Ich bewundere, wie stark sie ist. Sie ist durch diese ganze Scheiße gegangen, und am Ende wird sie dadurch auch noch zu einem besseren Menschen. Ich habe so etwas ja noch nie durchgemacht und weiß also gar nicht, wie einen so etwas prägt. Sie behält in jeder Situation diesen unschuldigen Gesichtsausdruck. Sie weiß, dass sie nicht die Kraft hat, mit einem Schwert zu kämpfen wie ihre Schwester Arya. Sie bewahrt sich einen unschuldigen, gleichmütigen Gesichtsausdruck, selbst wenn sie innerlich vor Wut kocht und am liebsten alle umbringen möchte für das, was sie ihrer Familie angetan haben. Drei Jahre in Gefangenschaft und sie bleibt so tapfer – das finde ich großartig.

INTERVIEW: Wie oft werden Sie auf der Straße mit Sansa ange­sprochen?

TURNER: Zu oft. Ich glaube, ich bin in meinem Leben häufiger ­Sansa genannt worden als Sophie. Verstehen Sie mich nicht falsch, es ist ein wunderschöner Name. Vielleicht sollte ich mich umtaufen? Vielleicht aber auch nicht. Ich habe schon jetzt das Gefühl, dass ich nach der Show nur noch auf die Rolle der Sansa Stark abonniert bin.

INTERVIEW: Stresst Sie Ihr neuer Status als Promi?

TURNER: Es ist merkwürdig. Ich sehe mich gar nicht als Promi. Ich glaube wirklich nicht, dass ich einer bin. Es liegt wohl daran, dass die Show nicht über Nacht erfolgreich wurde und ich von einer komplett Unbekannten plötzlich zum Darling der Öffentlichkeit wurde. Der Erfolg hat sich langsam, Stück für Stück entwickelt. So konnte ich mich von Staffel zu Staffel daran gewöhnen, dass die Leute mich auf der Straße erkannten. Das klingt komisch, oder? Aber so ist es wirklich. Es fühlt sich vollkommen normal an, wenn ich von wildfremden Menschen angesprochen werde. In meinem Heimatdorf interessiert es allerdings niemanden, dass ich dieser Serienstar bin. Für die bin ich irgendeine Tussi.

Sophie Turner: “Das war das Erste, was sie mir beim Vorsprechen in Los Angeles gesagt haben: ,Wir mögen dich, aber jetzt speckst du erst einmal zehn Kilo ab.'

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INTERVIEW: Gefallen Sie sich inzwischen besser, wenn Sie sich selbst im Fernsehen sehen?

TURNER: Oh ja. Ich persönlich hasse 13-jährige Mädchen. Hasse sie einfach. Ich kann Kinder nicht ausstehen. Sie sind so naiv, dass es mich fertigmacht. Als ich bei der Serie anfing, war ich selbst auch noch ein Kind. Also macht es Sinn, dass sich Sansa wie ein kleines Biest aufführt. Aber ich glaube nicht, dass sie bewusst böse war. Sie wollte niemanden verletzen, sie hat keine bösen Gene. Sie dachte immer, sie würde das Richtige tun. In dieser einen Szene etwa, wenn sie King Joffrey anfleht, ihren Vater nicht köpfen zu lassen – war er da eigentlich schon König? Egal, jedenfalls will sie das Leben ihres Vaters retten, und er verspricht es ihr. Und sie glaubt, sie habe ihn überzeugt, und dann lässt er ihn doch töten. Wenn ich mir das jetzt anschaue, denke ich: „Meine Güte, warst du ein Idiot, so naiv.“ Aber als ich es spielte, dachte ich: „Gut gemacht, gute Entscheidung, Sansa.“

INTERVIEW: Zum Ende von Staffel vier sehen wir eine selbstbewusste Sansa, die statt rothaarig plötzlich brünett ist. Dunkle Haare, dunkle Persönlichkeit?

TURNER: Es ist einfach eine vollkommen neue Mentalität. Sie wechselt nicht zwangsläufig auf die dunkle Seite der Macht. Mich haben schon einige Leute gefragt: Wird Sansa jetzt böse? So ein Quatsch. Nur weil die jetzt dunkle Haare hat, heißt das nicht, dass sie durchdreht. Es gibt einen ganz einfachen Grund: Sie will sich von den Wurzeln der Stark-Familie emanzipieren. Ihre Mutter hatte rote Haare wie sie, und nachdem fast die ganze Familie ausgelöscht wurde, wollte sie sich neu erfinden, ihr eigenes Königshaus gründen. Aber nicht nur das. Auch ihr Kleidungsstil erinnert an nichts, was man aus Winterfell, King’s Landing oder Highgarden kennt, also all den Orten, in denen sie gedemütigt und gefoltert worden ist. Sie hat sich ihren eigenen Stil erschaffen. Sie ist jetzt unabhängig, stärker.

INTERVIEW: Das heißt, in Staffel sechs wird es ein weiteres Königshaus geben, das um die Krone kämpft?

TURNER: Wer weiß. Die Dreharbeiten gehen ja erst im Juli wieder los. Vielleicht lassen mich die Drehbuchschreiber auch sterben? Sansa wird in der fünften Staffel ihren dramaturgischen Höhepunkt erreicht haben. Danach bleibt nicht mehr viel übrig für sie. Deshalb glaube ich, sie werden mich sterben lassen. Das ist leider das Unberechenbare in dieser Sendung. Selbst wenn Charaktere in den Büchern eigentlich überleben, heißt das nicht, dass das auch für uns gilt. Wir scherzen schon immer nach den Dreharbeiten: „Hey, ich hoffe, wir sehen uns beim nächsten Mal wieder.“ Man weiß wirklich nie, was passiert.

INTERVIEW: Die Serie hat die Bücher von George R. R. Martin fast eingeholt. Dort findet man auch keine Hinweise mehr.

TURNER: Stimmt. Das ist tatsächlich ein Problem. Am Ende der vierten Staffel hat Sansa den Handlungsstrang aus den Büchern eingeholt. Eigentlich gab es über sie in der fünften Staffel nichts mehr zu erzählen. Sie haben eine vollkommen neue Geschichte für sie geschrieben. Ich glaube, der Plan ist, dass sich die Serie von den Büchern wegentwickelt. Damit gibt es dann auch keinen „Spoiler-Alarm“ mehr, von denen es im Internet ja nur so wimmelt, und die Serie kommt vielleicht doch zum selben Ergebnis.

 

INTERVIEW: Die Mehrheit der Zuschauer sind Frauen. Überrascht Sie das?

TURNER: Ach wirklich? Das ist eine Überraschung. Ich hätte schwören können, wir hätten vor allem männliche Zuschauer. Bei all den nackten Brüsten in der Sendung. Und der Traum eines jeden Jungen ist es doch, mit dem Schwert zu kämpfen. Aber okay, vielleicht liegt es daran, dass es in der Serie so viele starke Frauen gibt wie Cersei, Arya, Brienne oder Daenerys. In anderen Fantasy-Sendungen, die in diesem mittelalterlichen Genre spielen, werden Frauen immer noch sehr typisch für diese Zeit dargestellt, ohne Macht und irgendeinen Einfluss auf die Gesellschaft. Bei uns ist das anders. Wir haben superstarke Heldinnen wie eben Daenerys, die ganze Städte befreit.

INTERVIEW: Sind Sie Feministin?

TURNER: Es wäre falsch zu sagen, dass ich keine Feministin bin. Emma Watsons UN-Rede zur Gleichberechtigung letzten September war unglaublich! Davon brauchen wir mehr. Wenn ich Frauen sagen höre „Ich bin definitiv keine Feministin“ und „Ich glaube, dass der Mann arbeiten gehen und die Frau zu Hause bei den Kindern bleiben sollte“ denke ich immer: „Nein, wir sollten alle dieselben politischen, wirtschaftlichen und sozialen Rechte haben.“ Leute, die sagen, sie seien nicht feministisch, haben doch eine Meise. Für mich ist das selbstverständlich. Ich habe an meiner Schule gelernt, so zu denken.

INTERVIEW: Erzählen Sie.

TURNER: Ich war auf einer Mädchenschule. Jede Schulversammlung hatte die Gleichberechtigung zum Thema. Das hat uns alle bestärkt, selbstbewusste Frauen zu sein. Aber auch dass meine Mutter ihre eigene Karriere hatte und nicht Hausfrau war, hat mich geprägt. Sie hat Krankenschwestern ausgebildet und hat genauso finanziell für uns gesorgt wie mein Vater. Aber wegen Game of Thrones hat sie dann ihren Job gekündigt. Weil ich noch minderjährig war, brauchte ich eine Betreuungsperson. Ich musste für die Dreharbeiten sehr viel reisen. Die Innenaufnahmen und Aufnahmen in Winterfell waren in Belfast. King’s Landing war in Kroatien. Ich bin heilfroh, dass ich nie nördlich der Mauer spielen musste. Das wurde in Island gedreht. Den Schnee hätte ich nicht ertragen.

INTERVIEW: Das heißt, dann hätten Sie nicht für eine Rolle vor­gesprochen?

TURNER: Doch, doch. Natürlich. Aber ich wusste nicht einmal, um welche Rolle es geht, als ich beim Casting war. Sie haben damals angefangen, alle Schulen in meiner Gegend nach Kinderdarstellern durchzucasten, weil sie Schwierigkeiten hatten, welche zu finden. Mein Lehrer, bei dem ich auch in der Schauspielgruppe war, erzählte mir davon und fragte, ob ich Lust dazu hätte. Als ich zum Vorsprechen ging, habe ich die Veranstaltung total verarscht. Ich habe die ganze Zeit Blödsinn gemacht, weil ich eh dachte, dass ich die Rolle niemals im Leben bekommen würde. Und weil ich mir dann hätte leichter sagen können: „Kein Wunder, dass es nicht geklappt hat, du hast dich auch wirklich blöd angestellt.“ Mein Lehrer war total sauer und sagte mir, dass ich den Job vergessen könne. Ein paar Wochen später kam die Zusage.

INTERVIEW: Und all die anderen Bewerber von Ihrer Schule haben Sie ab dem Moment vermutlich geschnitten.

TURNER: Nein, nein. Viele der Mädchen, die vorgespielt haben, sind meine Freundinnen. Sie hatten nicht wirklich ernsthaftes Interesse, Schauspielerinnen zu werden, sondern wollten nur die Kohle.

INTERVIEW: Was wäre Ihr Plan B gewesen, wenn es mit Game of Thrones nicht geklappt hätte?

TURNER: Ich wollte immer Schauspielerin werden, und als sich die Chance, bei Game of Thrones mitzuspielen, bot, hatte ich bereits einige Castings hinter mir. Alle führten zu nichts. Also dachte ich auch hier: „Scheiß drauf. Du wirst es eh wieder vermasseln.“ Wenn es dann ­wieder nicht geklappt hätte, würde ich jetzt wohl Psychologie und Geschichte studieren – und die ganze Zeit feiern.

INTERVIEW: Dafür haben Sie bald noch weniger Zeit: Sie werden demnächst das Alien Jean in X-Men spielen. Wieder eine Fantasy-Heldin.

TURNER: Ja, aber sie ist anders Fantasy als Sansa. Game of Thrones ist mittelalterlich, und X-Men ist Science-Fiction. Ich entdecke schon Gemeinsamkeiten der Figuren, ihre Stärke zum Beispiel. Aber ansonsten sind sie sich nicht sehr ähnlich. Sansa wirkt sehr unschuldig, Jean darf richtig draufhauen. Aber auch optisch sind sie unterschiedlich. Sansa trägt schwere, lange Kleider, Jean einen Bodysuit.

INTERVIEW: Jennifer Lawrence und Channing Tatum spielen auch mit. Wie fühlt es sich an, zur A-Liga Hollywoods aufzuschließen?

TURNER: Zuerst einmal bedeutet es, dass ich vor den Dreharbeiten auf Diät gesetzt werde. Ich muss einfach irgendwie in diesen super­engen Bodysuit passen. Das war das Erste, was sie mir beim ­Vorsprechen in Los Angeles gesagt haben: „Wir mögen dich, aber jetzt speckst du erst einmal zehn Kilo ab.“

INTERVIEW: Das steckt man als 19-Jährige nicht so leicht weg, oder?

TURNER: Ach was. Ich bin Schauspielerin, das gehört dazu. Ich würde ja auch für eine Rolle zunehmen – allerdings fiele mir das bedeutend leichter.

INTERVIEW: Haben Sie sich schon für eine Diät entschieden?

TURNER: Nee, alles der totale Albtraum. Ich muss jetzt mehrmals die Woche mit einem Personal Trainer Sport machen und auf meine Ernährung achten. Außer an meinem 19. Geburtstag: Ein ordentliches Stück Kuchen und einen Drink habe ich mir gegönnt. Das musste einfach sein.

 

Von: Nils Binnberg

 

Erschienen im INTERVIEW Magazin, April 2015
Alle Fotos: Stefan Heinrichs, Styling: Andreas Peter Krings