Tilda Swinton

Weil Oscarverleihungen, ein reisendes Privatkino und diverse Werbekampagnen offenbar nicht genug sind. Weil sie außerdem im Nebenberuf fashion victim und die einzige Muse ist, auf die sich weltweit so ziemlich alle Modeschaffenden einigen können (auch wenn sie den Begriff Muse nicht schätzt) …

… aus all diesen Gründen ist Tilda Swinton, 51, in diesem Herbst in einem für sie maßgeschneiderten Projekt zu sehen. Ein Gebräu aus Kunst, Mode, Diskurs und Performance, in dessen Zentrum die Schauspielerin mit den androgynen Zügen steht. The Impossible Wardrobe wird im Pariser Palais de Tokyo im Rahmen des Festival d’Automne zu sehen sein und zeigt Tilda Swinton als kühle Archivarin der Mode – also dessen, was Menschen verhüllt und offenbart. Olivier Saillard, der Autor des Stücks, befragte die Schauspielerin über Theorie und Praxis von Mode und Museen.

Olivier Saillard: In der Performance The Impossible Wardrobe spielen Sie das Museum Galliera. Ihre Haare, Ihre Haut und Ihr Kittel sind genauso beige wie die Wände des Museums. Ohne Ihre Mitarbeit hätte diese Arbeit nicht verwirklicht werden können. Sie sind das Podest, auf dem die Mode zu formbaren Skulpturen wird. Die Performance kommt ganz ohne Worte aus – was hat Sie daran gereizt?

Tilda Swinton: Diese Rolle ist für mich nicht ungewöhnlich. Ein bisschen Künstlermodell, ein bisschen Tänzerin, ein bisschen Requisite. Die Arbeit war für mich besonders angenehm: Ich konnte diese wunderbaren Kleidungsstücke vorführen, war in gewisser Weise ihr Dienstmädchen. Eine große Ehre.

Saillard: Wie waren die Proben und die Tage, die Sie tief unten in den Archiven des Museums verbrachten?

Swinton: Das Museum ist eine sehr spezielle Umgebung, eine echte Unterwelt. Labor, Krankenhaus und Friedhof zugleich – ich bin freilich nicht die Erste, die diesen Gedanken äußert … Aber ich stieß dort nicht auf das Jenseits, sondern auf Verspieltheit und Energie. Unter den Baumwolltüchern fand ich Wesen – als solche kamen mir die Kleider vor –, die nur darauf warteten, dass man sich mit ihnen einließ. Wir beschäftigten uns intensiv mit jedem einzelnen Stück und entwickelten jeweils bestimmte Gesten dafür. Als wäre uns eine Geschichte zugeflüstert worden. Als hätten Geister darauf gewartet, dass wir sie aus der Wunderlampe befreien.

Saillard: Könnten Sie sich vorstellen, als Kuratorin zu arbeiten?

Swinton: Ich liebe die kondensierte Energie, die man in Museen findet – und ich liebe es zu kuratieren. Als wir ganz klein waren, hatten mein Bruder und ich unser eigenes kleines Museum voller faszinierender Dinge. Meine Performance The Maybe, die ich 1995 in der Serpentine Gallery und 1996 im Museo Barracco in Rom aufgeführt habe, handelte im Grunde vom Kuratieren – wie man Dinge auswählt und in Glasboxen ausstellt. Kleidung ist besonders geeignet dafür. Sie ist von Geistern für Körper geschaffen, aber wenn man sie ohne diese zeigt, müssen wir in unseren Köpfen diese Abwesenheit überwinden. In dieser Belebung unserer Vorstellungskraft liegt für mich das Wesen eines Museums.

Saillard: Issey Miyake sagte einmal, ein Kleidungsstück sei halb fertig, wenn es die Schneiderei verlässt, und erst wirklich vollendet, wenn es getragen wird. Muss Mode angezogen werden? Besitzen Sie Stücke, die Sie lieben, aber niemals tragen würden?

Swinton: Ich liebe diese Aussage von Miyake! Es kommt dem nahe, weswegen ich mich überhaupt mit Mode beschäftige: der Tatsache, dass Kleidung genäht wird, damit Menschen darin leben. Wobei das Leben das Besondere daran ist, nicht die Erscheinung. Die Bewegung, nicht das statische Gestell. Kleidungsstücke tragen Körper, zudem auch Seelen, sie umhüllen uns, während wir das
Leben leben, und halten Erinnerungen fest. Wenn wir sie ausziehen, bleiben die Geschichten bei ihnen.

Saillard: In The Impossible Wardrobe verkörpern Sie alle Generationen und beide Geschlechter. Was halten Sie von Models? Könnte Sie eine Arbeit erfüllen, die vollkommen ohne Sprache auskommt?

Swinton: Als Darstellerin verlasse ich mich oft geradezu fundamental darauf, nicht zu sprechen. Ich finde Sprache in vielen Fällen maßlos überbewertet, wenn es darum geht, Notwendiges zu vermitteln. Ich schätze die Stille sehr. Und sie steht mir gut. Was Models angeht, denke ich, dass häufig ihre eigentliche Leistung gar nicht gewürdigt wird: das, was unter den Klamotten liegt, jenseits des Körperbaus, der Geist, den sie verkörpern, die Atmosphäre, die Gesten. Models sind Darsteller und Erzähler. Sie verkörpern, was sich der Designer vorgestellt hat. Und das ist ein ziemlich besonderer Beitrag.

Saillard: Sie scheinen mit jedem neuen Film Ihr Aussehen zu wechseln. Jede Rolle verlangt ein anderes Kostüm. Haben Sie einige behalten – und gibt es auch Kostüme, an die Sie sich ungern erinnern?

Swinton: Einer der interessantesten Aspekte meiner Arbeit ist die äußerliche Erscheinung der Figuren, die ich spiele. Ihre Körperform, ihre Körperhaltung und ihre Haltung zur Welt. Ihre grundsätzliche körperliche Ausstattung und – natürlich – die Entscheidungen, was sie anziehen. So gesehen, kann man Kleidung als eine Geheimsprache verstehen, die es zu entschlüsseln gilt. Wie mit den Regisseuren arbeite ich auch immer sehr eng mit den Kostümbildnern meiner Filme. Und meistens behalte ich ein Outfit zur Erinnerung. Es wäre allerdings ein bisschen komisch, das im Alltag zu tragen. Schlechte Erinnerungen habe ich keine. Jedes einzelne Stück ist wie ein Kollege, dem ich mich zutiefst verbunden fühle. Saillard: Sie scheinen ständig neue Abenteuer und Eindrücke zu suchen. Wie geht es bei Ihnen weiter?

Swinton: Mit einem neugierigen Herzen und einem offenen Tagebuch.

Saillard: Sie sind eine der wenigen Frauen, die von anderen Frauen geliebt werden, weil sie sich von Ihrer Schönheit nicht bedroht fühlen. Männer sind von Ihren herben Zügen ebenso fasziniert. Hatten Sie als Kind mehr Mädchen- oder mehr Jungensachen an?

Swinton: Ich war das dritte Kind in einer Familie voller Jungs. Deswegen habe ich beides getragen – wobei die Mädchenklamotten neu und nur für mich genäht wurden; die Sachen für Jungs bekam ich von den großen Brüdern weitergereicht. Mir fällt es jedoch schwer, ein Kleidungsstück per se einem Geschlecht vorzuenthalten, das ist so eine Verschwendung.

Saillard: Haben Sie als Kind davon geträumt, wie eine bestimmte Person auszusehen?

Swinton: Ich weiß auch heute, bei vollem Bewusstsein, dass ich Teil einer Familie bin und auch so aussehe. Am ehesten wie mein Vater – allerdings ohne Schnurrbart.

Saillard: Was ist für Sie der Unterschied zwischen Mode und Kleidung?

Swinton: In meinen Augen sind Mode und Kleidung dasselbe.

Saillard: Was ist Ihre allererste Erinnerung, die mit Kleidung zu tun hat?

Swinton: Vielleicht, wie ich meine Schnürsenkel falsch gebunden hatte. Ich war mit meinem Kindermädchen und meinem kleinen Bruder im Park und hatte es eilig, weil ich sie einholen musste. Bis heute habe ich es nicht gelernt, sie richtig zu binden.

Saillard: Tragen Sie gelegentlich die Kleidung von anderen Menschen?

Swinton: Ziemlich oft sogar. Genauer gesagt: von meinem Vater, meinem Großvater und meinem Sohn. Auf eine merkwürdige Art sind wir uns dabei sehr nahe. Das mag auch daran liegen, dass unsere Knochen gleich lang sind.

Saillard: Welche Kleidung hassen Sie? Und warum?

Swinton: Eigentlich hasse ich gar nichts. Mich fasziniert jede Art von Innovation – und die Umstände, die dazu geführt haben. Nehmen wir etwa die Strumpfhosen ohne Fußteile und wie sie vom Ballettsaal in die Shoppingmall geraten sind. Ich selbst würde sie nicht unbedingt tragen wollen, aber …

Saillard: Welches Teil in Ihrer Garderobe verkörpert Ihre Person besonders gut?

Swinton: Ich habe eine ganze Reihe von Kilts, die ich getragen habe, seit ich ein Teenager war. Sie sind ein fester Bestandteil meines Lebens und wie ich es führe. Ich fühle mich darin frei und angezogen zugleich. Sie wärmen mich, und trotzdem kann ich die Beine bewegen. In ihnen bin ich für jede Situation gewappnet, unabhängig von Tagesform und Alter. Ich habe die Kilts überall getragen, von Schottland bis zum Himalaja. Und allem, was dazwischenliegt. Sie kennen keine Grenzen. Sind unabhängig von Geschlecht, Jahrhundert oder Klimazone.

Saillard: Haben Sie je darüber nachgedacht, in welchem Kleidungsstück Sie begraben sein wollen?

Swinton: Na klar. In meinem Zeitmaschinenkilt.