Tisci für alle

Riccardo Tisci, Creative Director von Givenchy, hat für Nike einen Sportschuh gemacht. Wie es zur der Kollaboration mit Nike kam, hat er seiner engen Freundin, dem 33-jährigen Model Mariacarla Bosco, erzählt, die er 1999, während seines Modedesign-Studiums, in London kennenlernte.

Riccardo Tisci ist seit 2005 bei Givenchy und auch für seine Kooperationen mit Musikern bekannt (z. B. mit Madonna), Foto: Ezra Petronio

mariacarla Boscono: Wie kommt es, dass du für Nike einen Sportschuh gemacht hast?

Riccardo Tisci: Nike hat mich gefragt. Und anders als sonst habe ich zugesagt. Normalerweise beantworte ich alle Anfragen zur Zusammenarbeit abschlägig, schon weil meine Arbeit für Givenchy ohnehin sehr viel von meiner Lebenszeit beansprucht, aber vorallem weil ich bei Givenchy das große Glück habe, mich auf vielen verschiedenen Gebieten ausdrücken zu können. Ich mache Frauenmode, Männerkollektionen, Parfüm …

Boscono: Wieso hast du dann bei Nike zugesagt? Weil du Sportschuhe so magst?

tisci: Weil mich Nike an meine Jugend erinnert, an die Zeit, in der ich noch kein Designer, sondern ein Träumer war. Und weil Nike für mich zu dem gehört, was für einen Europäer den Traum von Amerika ausmacht. Wenn du dich fragst, was dir zu Amerika einfällt, wirst du wahrscheinlich an das Sternenbanner denken, an den Präsidenten, aber auch an legendäre Marken wie Marlboro oder McDonald’s – und eben an Nike. Nike ist etwas wirklich Großes, nicht nur Mode oder Sport, sondern ein Lebensstil.

Boscono: Du bist mit vielen Musikern befreundet. Liegt das daran, dass Musik eine große Leidenschaft von dir ist? Und welche Musik magst du besonders?

tisci: Musik ist eine Leidenschaft, ebenso sehr wie Kunst. In Wahrheit gehört meine Leidenschaft allem, was Gefühle ausdrückt. Ich liebe alle möglichen Musiker, Diamanda Galás und Antony and the Johnsons genauso wie Beyoncé, Björk oder Led Zeppelin. Ich nehme mir sogar die Freiheit, einen neuen Song von Shakira toll zu finden. Kann sein, dass dann jemand fragt, wie ich Shakira mögen kann, wo ich doch ein dunkler Designer bin, aber das ist mir egal.

Boscono: Hältst du dich denn selbst auch für dunkel? Fühlst du dich gothic?

tisci: Ja. Das hat einerseits mit meiner Obsession für Religion zu tun, ich bin ja ein überzeugter Katholik. Andererseits sind goth und Dunkelheit für mich nichts Depressives. Dunkelheit ist Nacht, und Nacht ist die Zeit, in der man liebt, Sex hat, Menschen trifft, das Leben feiert. Wie sollte ich mich davon nicht angezogen fühlen?

Boscono: Du hast oft gesagt, wie unglaublich wichtig dir deine Familie ist. Woran liegt das?

tisci: Ich war noch sehr jung, als mein Vater gestorben ist. Danach lebten wir – meine Mutter, meine acht Schwestern und ich – in bitterer Armut. Damals habe ich wahrscheinlich noch nicht wirklich verstanden, wie wichtig meine Familie für mich war, heute weiß ich, dass ich ihr alles zu verdanken habe. Ohne meine Mutter und meine Schwestern wäre ich nicht zu dem Riccardo Tisci geworden, der ich heute bin. Sie gaben mir Liebe und die Freiheit, ich selbst zu sein. Und sie brachten mir bei, wie man sich in der Gesellschaft behauptet.

In mancher Hinsicht bin ich noch ein Junge, der seinen Träumen zu folgen versucht

Boscono: Es heißt, dass du das Angebot, Creative Director bei Givenchy zu werden, nur deswegen angenommen hast, damit deine Mutter ihr Haus nicht verkaufen musste. Ist diese Geschichte wahr?

tisci: Ja. Eines Tages erzählte mir meine Mutter, dass sie sich das Haus nicht mehr leisten konnte. Es ist das Haus, das sie zusammen mit meinem Vater gebaut hat, als sie beide noch jung waren, und in dem wir Kinder aufgewachsen sind. Für mich war das eine unerträgliche Vorstellung. Damals war ich 29, ein junger, sehr umstrittener Designer, der gerade sein eigenes Label aufbaute, und wenn es dieses Problem mit dem Haus nicht gegeben hätte, hätte ich den Vertrag mit Givenchy nicht unterzeichnet. Aber mir lag viel daran, dass meine Mutter ihr Leben in dem Haus beenden kann, wo wir alle geboren wurden.

Boscono: Wenn dich jemand fragen würde, wer Riccardo Tisci ist, was würdest du ihm antworten?

tisci: Ein Kind, das nie groß geworden ist – und nie groß werden will. In mancher Hinsicht bin ich immer noch ein Junge, der seinen Träumen zu folgen versucht.

Boscono: War es für dich ein großer Unterschied, mit einem Unternehmen zu arbeiten, das nicht mit Mode in Verbindung steht?

tisci: Ich mochte das. Für Nike zu arbeiten gab mir das Gefühl, einmal nicht im Lager der Mode oder des Luxus zu stehen, sondern für die Straße zu arbeiten. Ich konnte etwas machen, was für jeden zwischen Alaska und Afrika erreichbar ist.

Boscono: War damit nicht auch ein besonderer Erfolgsdruck verbunden?

tisci: Den Druck habe ich mir eher selbst gemacht. Nike selbst gab mir die Freiheit, mit den Schuhen anzustellen, was immer ich wollte. Also nahm ich die Schuhe mit nach Hause, schloss mich ein und habe drei Tage lang entworfen, entworfen, entworfen, und dann sagte ich mir: Du weißt schon, dass das nicht irgendwelche Schuhe sind. Das sind Schuhe, die eine Geschichte haben. Wenn dir jemand die Sixtinische Kapelle überlassen würde und du könntest mit ihr anstellen, was du willst, würdest du sie auch nicht schwarz übermalen, weil das dumm und aggressiv und respektlos wäre. Also habe ich über den Geist dieser Schuhe nachgedacht und versucht, sie zu modernisieren und nur ein wenig zu verändern. Ich habe Details verändert, aber das Leder und den Gummi behalten, alles, wofür diese Schuhe bekannt sind. Wichtig war mir auch, Schuhe zu machen, die nicht nach einer Saison wieder vergessen sind. Und ich wollte etwas machen, das sich Menschen leisten können. Ich kann mich ja noch gut daran erinnern, woher ich komme, und manchmal macht es mich traurig, dass ich Kleider und Schuhe mache, die sich viele Menschen nicht kaufen können.

Boscono: Welche Gefühle hattest du, nachdem du bei Nike unterschrieben hast?

tisci: Es gab diesen einen Augenblick, den ich nie wieder vergessen werde. Ich saß in New York auf dem Flughafen fest, es war Winter, es war kalt, dauernd wurden neue Verspätungen durchgegeben, total nervig. Und dann saßen da am Gate 35 Leute, und 31 von ihnen hatten Nikes
an, und keiner von ihnen war ein Sportler oder ein Mode-Mensch. Das hat mich umgeworfen.

Riccardo Tiscis "Air Force 1"-Familie, Nike + R.T. im Uhrzeigersinn von links: Low Tops um 135 €, Mid Calf um 180 €, Mid Top um 160 €, Foto: Nike

- Mariacarla Boscono

Interviews / Weitere Artikel