Innenräume der Nacht

Das VITRA DESIGN MUSEUM widmet sich mit einer opulenten Retrospektive der Diskothekenarchäologie

Diskothek Flash Back, Borgo San Dalmazzo, ca. 1972. Gestaltung: Studio65. Foto: © Paolo Mussat Sartor

Von: JOACHIM BESSING

Mein erster Rave fand statt auf einer Streuobstwiese gleich hinter der Stadt. Es war Nacht, dann wurde es Tag, dann wieder Nacht. Es gab ein Soundsystem und ein Stroboskop. Musik natürlich, powered by Mitsubishi. Steve Terry, aufgewachsen in England, hat zu dieser Zeit in London ganz Ähnliches erlebt. Steve Terry hat aus dieser Zeit eine umfangreiche Sammlung an Relikten zusammengetragen, die ab dem 16. März im Rahmen der von Jochen Eisenbrand kuratierten und von Konstantin Grcic gestalteten Ausstellung „Night Fever“ im Vitra Design Museum in Weil am Rhein gezeigt wird. Außerdem: Discomode von Dior, Halston, Vivienne Westwood und W< Discointerieurs aus Italien, England und den USA, Discomöbel und, und, und: natürlich auch Musik. Doch vorab ein paar Fragen an Steve Terry, den Archivar der Flyerkultur, durch dessen Sammlung sich die Modeschöpfer Martine Rose, Marc Jacobs und Jeremy Scott für ihre Kollektionen im Stile der 90er- Jahre inspirieren ließen.

Gäste im Studio 54, New York, 1979. Foto: © Bill Bernstein, David Hill Gallery, London

JOACHIM BESSING: Herr Terry, wie sind Sie auf die Idee gekommen, Flyer und andere Souvenirs aus dem Nachtleben zu sammeln?

STEVE TERRY: Das fing bei mir an wie bei allen anderen aus meiner Generation auch. Ich habe in den 80er-Jahren viele Platten gekauft, und damals lagen in den Läden die Flyer stapelweise aus. Vor den Lagerhallen, in denen die Raves veranstaltet wurden, standen die Promoter und verteilten Flyer für die Raves des nächsten Wochenendes. So sammelte sich Papier an wie Strandgut. Nach einigen Jahren stellte ich fest, dass ich eine schöne Sammlung beisammenhatte.

JB: Wie hieß die erste Diskothek, in der Sie waren?

ST: Die hatte keinen Namen. Das war eine leer stehende Lagerhalle im Londoner Osten.

JB: Wann wurden aus den Diskotheken sogenannte Clubs?

ST: Die Party „Disco Demolition Night“ in der Diskothek Comiskey Park in Chicago ist hier als Wendepunkt zu sehen. Das war 1979. Also eigentlich auf dem absoluten Höhepunkt der Disco-Ära. Jedenfalls auf dem Höhepunkt bei kommerzieller Sichtweise. Die Hipster waren freilich längst weitergezogen – in die Clubs. Der Mainstream bringt die Subversion hervor. Es gab einen Underground. Das waren die Clubs. Mitte der 80er-Jahre waren Diskotheken passé.

JB: Was war Ihrer Meinung nach die beste Diskothek der Welt?

ST: Wow, das ist echt schwer zu sagen! Die „Body & Soul“-Nächte im Club Vinyl in New York waren fabelhaft. In London haben wir uns extrem gut amüsiert im Ministry of Sound – in den Anfangsjahren. Und die ersten Raves in London waren einfach bloß noch magisch! Heute geht nichts über das Berghain und die Panorama Bar. Und es gibt hier und da ein paar Privatclubs, wo man gut tanzen kann, aber die sind der Öffentlichkeit unbekannt.

Palladium, New York, 1985. Architekt: Arata Isozaki, Wandbild von Keith Haring. Foto: © Timothy Hursley, Garvey|Simon Gallery New York
“Ich würde gern ein Soundsystem entwickeln mit Richard Long & Associates, die die Anlage für die Paradise Garage gebaut haben”
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DJ Larry Levan in der Paradise Garage, New York, 1979. Foto: © Bill Bernstein, David Hill Gallery, London

JB: Tanzen Sie in einer Disco?

ST: Jedes Mal!

JB: Waren Sie Deck-Shark, als noch mit Platten aufgelegt wurde?

ST: Total. Ich habe ja selbst mehr als 20 Jahre lang aufgelegt. Hin und wieder tue ich das immer noch.

JB: Ein Video im Stile von „Dani California“, bloß halt mit DJs: Wer müsste da mitspielen?

ST: Haha! Nehmen wir mal Frankie Knuckles, Paul Trouble Anderson, Robbie Leslie und Tony Humphries und schauen dann, was passiert.

JB: Hier in Berlin heißt der neueste Club Internet Explorer – was gibt es aus Ihrer Sicht zur Evolution der Clubnamen zu sagen?

Nachtclub Les Bains Douches, Paris, 1990er Jahre. Gestaltung: Philippe Starck. © Foto: Foc Kan
“Die Clubs, die von Keith Haring dekoriert wurden, sahen spitze aus”
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ST: Super Name! Ein Freund von mir veranstaltet jetzt Partys unter dem Namen „Trip Advisor“! Aber ob es da wirklich eine Evolution gibt? Zumindest kann man anhand dieser beiden Namen feststellen, dass der Name eines Clubs auch immer die Zeit reflektieren sollte, in der er existiert.

JB: Malcolm McLaren hat mir kurz vor seinem Tode noch gesagt: „Gallery Openings are the night clubs of the 21st century“ – finden Sie das auch?

ST: Ich liebe Vernissagen! Da herrscht ein durchaus mit dem Geschehen ringsum eine Tanzfläche verwandter Frisson. Außerdem hat es sich mittlerweile eingebürgert, dass die In- Crowd danach noch auf eine Party weitergeleitet wird, die bis in die Morgenstunden geht.

Steve Terry betreibt eine Website, auf der seine Sammlung sowie die von ihm verlegten Bildbände präsentiert werden: wildlifearchive.org. Unter @wildlifearchive postet er auf Instagram.