"Ich habe 60 mal Titanic gesehen"

Bei den diesjährigen Filmfestspielen von Cannes gewann er mit seinem neuen Film „Mommy“ den Preis der Jury – und musste ihn sich mit der Kinolegende Jean-Luc Godard teilen. Im Gegensatz zum Altmeister ist der Regisseur und Schauspieler Xavier Dolan jedoch gerade einmal 25 Jahre alt, hat bereits fünf Spielfilme gedreht und wird von Mal zu Mal  besser.

Von
Raha Emami Khansari
Porträt
Shayne Laverdiere



Interview: Ich habe dir unsere aktuelle Ausgabe mitgebracht.
Xavier Dolan: Oh, fantastisch. Ich liebe Jamie Dornan und ich liebe Achseln! Er ist so heiß. Danke für das Geschenk, jetzt weiß ich, was ich heute Abend vorhabe …
Interview: Gern. Wie ich hörte, ist dieses Hotel ohnehin nicht gut, da darfst du ruhig ein schmuddeliger Gast sein.
Dolan: Es ist nicht schlecht, es tut nur so, als sei es exzellent, weil es fünf Sterne hat, dabei ist der Service furchtbar. (Fängt an, in gebrochenem Deutsch im Magazin zu lesen) „Christian Grey ist jemand, der obson wiel …“ (Ich fange an, ihn zu korrigieren: „Obszön viel.“ Das Ganze geht eine Weile.)
Interview: Jetzt fühle ich mich, als seien wir bereits mitten in deinem Film, wenn die Nachbarin deiner Hauptfigur Nachhilfestunden gibt. Ich habe ihn gestern Abend geschaut, und er hat mich ziemlich fertiggemacht. Zwischendurch habe ich dich fast ein wenig dafür gehasst.
Dolan: Das klingt gut. Dabei ist es im Grunde ein sehr fröhlicher Film – bis er es nicht mehr ist. Wenn der Sturm ausbricht und alles nur noch den Bach runtergeht.
Interview: Wie bei deinem Lieblingsfilm Titanic, den du 35-mal geschaut haben sollst.
Dolan: Ich glaube, es war 60-mal.
Interview: Das heißt, du könntest mir den gesamten Film vorsprechen?
Dolan: „Es ist über 84 Jahre her … und ich rieche immer noch die frische Farbe. Das Geschirr war noch völlig unbenutzt. Noch nie hatte jemand in den Betten geschlafen. Die Titanic wurde auch das ‚Schiff der Träume‘ genannt. Das war sie auch. Das war sie wirklich.“
Interview: Hast du inzwischen Angst davor, Schiff zu fahren?
Dolan: Nein, überhaupt nicht. Allerdings halte ich die Eisbergszene nicht aus, daher schaue ich sie mir nie an. Ich meine vor allem den Moment, wenn sie den Eisberg sehen und diese furchterregende Musik einsetzt. (Holt aus der Hosentasche sein iPhone heraus und sucht nach der richtigen Stelle in der Filmmusik aus der besagten Szene) Einen Moment, bitte.
Interview: Als ich heute im Zug hierher saß, habe ich mir Born to Die von Lana del Rey angehört, weil es das letzte Lied in deinem Film Mommy ist und ich mich noch mal in die richtige Stimmung für das Interview versetzen wollte. Da musste ich schon wieder weinen.
Dolan: Klasse, das freut mich zu hören! (Die Titelmusik von „Titanic“ setzt ein) Hier ist noch alles gut. Sie hatten gerade Sex, laufen auf das Deck des Schiffes, lachen schallend, und sie sagt: „Wenn das Schiff in New York anlegt, werde ich mit dir von Bord gehen.“ Und er sagt: „Das ist verrückt, Rose.“ Und sie sagt: „Ich weiß. Deshalb vertraue ich dem Gefühl.“ Dann küssen sie sich, und ganz langsam kippt die Musik ins Düstere, weil gleich der Eisberg kommt. Alles um sie herum ist schwarz, der Himmel und der Ozean: Dieses Bild ist mein Albtraum. Das ist schlimmer, als lebendig begraben zu werden. Oh Gott, können wir bitte über etwas Schöneres reden? Ich bekomme gerade richtig viel Angst.
Interview: Aber natürlich. Vielleicht darüber, dass du dieses Jahr in Cannes den Preis der Jury für Mommy bekommen hast? Gratulation, auch wenn du ihn dir mit Jean-Luc Godard teilen musstest.
Dolan: Ehrlich gesagt kenne ich seine Filme kaum, und er hatte nur verachtende Worte für meinen Film übrig.
Interview: Tatsächlich? Was hat er denn gesagt?
Dolan: Er meinte, er schaue ihn sich nicht an, weil er ohnehin wisse, worum es geht, und im Grunde sei es sowieso nur ein Fernsehfilm. Für mich ist Jean-Luc Godard aber auch nur ein alter, verrückter Mann, der in der Schweiz lebt. Aber ich möchte nichts Schlechtes über Kollegen sagen, das habe ich in der Vergangenheit zur Genüge getan, und es ist uncharmant. Aber jeder hat nun mal seinen eigenen Geschmack, und es wird immer Leute geben, die dich nicht leiden können.
Interview: Dich können auch ziemlich viele Leute nicht leiden, oder?
Dolan: Oh ja, unendlich viele. So viel Zeit hast du gar nicht.
Interview: Allerdings habe ich den Eindruck, dass mit Mommy die kritischen Stimmen leiser geworden sind. Ich habe keinen einzigen Verriss gefunden, im Gegenteil.

Dolan: Es ist fast so, als ob ich mir mit meinem letzten Film endlich den Respekt der Kritiker verdient hätte. Natürlich hatte ich über die Jahre längst ihre Aufmerksamkeit und ihr Interesse erregt, aber ich hatte bei jeder Kritik, die ich mir durchlas, das Gefühl, sie tun mir einen Gefallen. Sie bewerteten meinen Film ungefähr so … (Er steht auf und tätschelt meinen Kopf.) Siehst du, wie demütigend das ist, was ich gerade getan habe?
Interview: Ähm, ja.
Dolan: So waren die letzten fünf Jahre für mich: „Glückwunsch, mein Kind, das ist eine Drei plus!“ Als wenn sie meine Hausaufgaben korrigiert hätten. Irgendwann müssen sie aber anfangen, über mein verdammtes Alter hinwegzukommen. Denn rate mal, was nächstes Jahr passieren wird? Ich werde 26. Und weißt du was, ich habe noch eine Sensation parat: Das Jahr darauf werde ich sogar 27.
Interview: Das ist beeindruckend. Wie machst du das bloß?
Dolan: Nicht wahr? Mathe war schon immer eines meiner Steckenpferde, haha. Ich frage mich bloß, wann ich endlich aufhören kann zu zählen. Vielleicht wenn ich 30 bin?
Interview: Wenn du dann deinen Filmen immer noch so niedliche Namen wie Mommy gibst, wird es schwierig.
Dolan: Du hast recht, ich schmeiße auch noch Holz ins Feuer. (Die Presseagentin kommt herein und gibt ein Zeichen, dass wir aufhören müssen.) Wir brauchen mehr Zeit! Wie viele Minuten haben wir denn noch?
Presseagentin: Eine.
Dolan: Eine? Dann müssen es fünf werden. Tut mir leid!
Presseagentin: Kein Problem. (Sie geht wieder.)
Interview: Fällt es dir leicht zu dirigieren?
Dolan: Wenn du damit Regieführen meinst, ja. Sobald ich am Set bin, fühlt sich das alles sehr natürlich an, da muss ich nicht drüber nachdenken. Es ist aber nicht so, dass ich alles selbst mache. Mir ist klar, wenn ich nicht die richtige Person für einen gewissen Bereich bin, und ich übergebe es dann gern an andere Leute, die was davon verstehen. Einen Film denkt man sich zwar allein aus, aber ausgeführt wird er kollektiv. Und das tun wir tatsächlich, schließlich haben wir die ganze Zeit auch Unmengen schlechter Ideen, und da ist es ganz gut, wenn einem jemand sagt: „Nee, das ist doof.“
Interview: Ist Mommy eigentlich so was wie die Versöhnung mit deinem ersten Film I Killed My Mother?
Dolan: Ich wollte diesen Film nicht gegen meinen ersten ausspielen. Es gibt natürlich gewisse Parallelen: Der Film ist von mir, Anne Dorval spielt wieder die Mutter und es geht um eine schwierige Mutter-Sohn-Dynamik. I Killed My Mother handelte aber von einer typischen Teenager-Krise, machte sich über die Mutterfigur lustig und blieb in gewisser Weise anekdotenhaft. Mommy hingegen handelt von einer existenziellen Krise und nimmt die Mutter dabei viel stärker in den Blick. Man könnte sagen, I Killed My Mother war die Rache an der Mutter und Mommy ist jetzt die Rache der Mutter.
Interview: Im Grunde sind alle deine Filme die Rache der Mutter.
Dolan: Ja, am Ende sind es immer die Mütter, die recht behalten.
Interview: Und wie hältst du es mit deiner Mutter?
Dolan: Sie ist eine stolze Person, deshalb dis­tanziert sie sich von den Mutterfiguren in meinen Filmen. Und natürlich sind diese Figuren auch nicht sie. Trotzdem sind sie das Naheste, was an den Charakter meiner Mutter herankommt. Das ist sie und das bin ich auf der Leinwand. Die Personen, die wir waren, und die, die wir jetzt sind. Allerdings ist es nicht mehr ganz so schlimm. Dass wir nicht mehr zusammen­leben, hebt unsere Inkompatibilität enorm auf.

Xavier Dolan: “Am Ende sind es immer die Mütter, die recht behalten.”
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Der Film „Mommy“ startet am 13. November.

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12.11.2014 | Kategorie Interviews | Tags , , ,

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