Der schwarze Sog des ANISH KAPOOR

Anish Kapoor hat sich erneut seiner Faszination für Räumlichkeit und deren Aufhebung gewidmet. Entstanden ist ein schwarzer Sog der Tiefe.

Ein düsteres Loch hat sich aufgetan, mitten im Ausstellungsraum. Eingelassen in den Holzboden eines ehemaligen Kinos zieht ein starker Sog schwarzes schäumendes Wasser in eine unbekannte Tiefe.

Anish Kapoor ist ein Meister darin, Orte mit Atmosphäre zu füllen, seine Kunst optisch, aber auch körperlich an die emotionale Ebene des Zuschauers heranzuführen. Material, Form und Raum spielen hierbei die zentrale Rolle. In Paris füllte 2011 sein gigantisches Ballon Ungetüm Leviathan die Glashaus Architektur des Grand Palais und erst zwei Jahre ist es her, dass in Berlin knallende Kanonen blutrotes Wachs durch die Hallen des Martin Gropius Baus schossen.

Sein jüngstes Projekt in der Galleria Continua, in dem pittoresken italienischen Ort San Giminiano, widmet sich nun einem anderen Material, oder vielmehr Element: dem Wasser. Bereits Anfang des Jahres hatte Kapoor eine weitere Version der Arbeit Descension im Rahmen den Kochi-Muziris Biennale in Indien gezeigt.

Anish Kapoor: Descension, Galleria Continua, San Giminiano, 2015
Anish Kapoor: Descension, Kochi-Muziris Biennale, 2015

Während der indische Strudel noch mit einem Geländer ausgestattet ist, wirkt das italienische Gewässer ohne Begrenzung direkter und düsterer auf den Besucher ein. In einer schier endlosen Spirale scheinen die Wassermassen im Erdboden zu versinken und man kann nicht umhin, neben Faszination auch Unbehagen zu verspüren.

Die Angst vor dem dunklen Nichts, vor dem schwarzen Loch – ein altbekanntes Phänomen?

Kapoor erklärt:

All my life I have reflected and worked on the concept that there is more space than can be seen, that there are void spaces, or, as it were, that there is a vaster horizon. The odd thing about removing content, in making space, is that we, as human beings, find it very hard to deal with the absence of content. It’s the horror vacui. This Platonic concept lies at the origin of the myth of the cave, the one from which humans look towards the outside world. But here there is also a kind of Freudian opposite image, that of the back of the cave, which is the dark and empty back of being. Your greatest poet, Dante, also ventured into a place like that. It is the place of the void, which paradoxically is full – of fear, of darkness. Whether you represent it with a mirror or with a dark form, it is always the “back”, the point that attracts my interest and triggers my creativity. (Anish Kapoor, 2015)

ANISH KAPOOR – ‚Descension‘

Bis zum 05. September 2015

Galleria Continua

Via del Castello 11
53037 San Gimignano (SI)

http://www.galleriacontinua.com/

 

von: Anneli Botz