Geschichte und Kultur homosexueller Identität_en

Homage to Benglis, part of the larger body of work CUTS: A Traditional Sculpture, a six month durational performance, © Heather Cassils and Robin Black 2011

In Berlin ist jetzt erstmals eine umfassende Schau zu sehen, die die Geschichte, Politik und Kultur von geschlechtlichen Identitäten der vergangenen 150 Jahre thematisiert. Die Doppelausstellung beleuchtet die Komplexität von Homosexualität_en aus historischer Perspektive, greift aber auch aktuelle Debatten um alternative Lebensentwürfe auf.

Halb Berlin ist zur Zeit mit dem Plakat zur Ausstellung beklebt. Darauf zu sehen: die kanadische Künstlerin und Bodybuilderin Heather Cassils. Sie posiert mit aufgepumpten Muskeln, lediglich mit einem weißen Slip bekleidet und mit knallrot geschminkten Lippen vor neutralem Grund. Das Motiv ist äußerst klug gewählt, denn es stellt tradierte Darstellungen und Inszenierungen von Weiblichkeit infrage – eine Thematik, die auch in Homosexualität_en aufgegriffen wird.

Mit der Ausstellung Homosexualität_en präsentieren das Deutsche Historische Museum und das Schwule Museum zwischen dem 26. Juni und 1. Dezember 2015 eine umfassende Schau zur Geschichte von gleichgeschlechtlicher Liebe und nonkonformen Geschlechtsidentitäten. Auf insgesamt 1600 Quadratmetern wird der gesellschaftliche Umgang mit Homosexualität hinterfragt und diskutiert. In insgesamt zehn Sektionen wird im Deutschen Historischen Museum die Geschichte von Homosexualität erzählt – von ihrer Kriminalisierung durch die Gesetzgebung, über die Pathologisierung durch die Medizin bis hin zur gesellschaftlichen Ausgrenzung. Anhand von bekannt gewordenen Einzelfällen, etwa Oscar Wilde, Alan Turing oder Philipp Graf zu Eulenburg, wird die lang anhaltende Diskriminierung und Verfolgung von homosexuellen Menschen durch Staat, Kirche und Gesellschaft aufgezeigt. Mitverantwortlich dafür war in großen Teilen der § 175, der 1872 eingeführt, durch das NS-Regime nochmals drastisch verschärft und erst 1994 endgültig abgeschafft wurde. Neben der rechtlichen Entwicklung fasst die Ausstellung aber auch die schrittweise einsetzende Gleichberechtigung auf, stellt viel Material aus, das die Emanzipationsbewegungen von lesbischen, schwulen und transidentischen Menschen insbesondere seit den 1960er Jahren zeigt. Videos, Fotografien, Flugblätter und Plakate dokumentieren diese Zeit sehr lebhaft. Auch Positionen von Wissenschaftler_innen wie Judith Butler, Karl Heinrich Ulrichs oder Magnus Hirschfeld, die sich vehement für ein Verständnis und eine umfassende Akzeptanz von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt einsetzen, werden angeführt.

Aber das Ausstellungsprojekt, das übrigens die erste Zusammenarbeit der beiden Museumsinstitutionen ist, will mehr. Sie rückt auch weitere Geschlechtsidentitäten in den Brennpunkt: „Während die öffentliche Diskussion ihren Blick weitgehend auf männliche und weibliche Homosexualität richtet, war und ist die Lebenswelt vieler Menschen komplexer: Die international geläufige Abkürzung LGBTIQ (lesbisch, gay/schwul, bisexuell, transidentifiziert, intersexuell, queer) steht für Vielfalt der Lebensweisen und bricht mit einer Geschlechterordnung, die von Kategorien Mann und Frau ausgeht„, erklärt Dr. Birgit Bosold, Projektleiterin der Ausstellung und Vorstand des Schwulen Museums.

Das Ziel besteht vor allem auch darin gegenwärtige Debatten aufzugreifen und nach der Zukunft von Geschlechterordnung und vielfältigen Sexualitäten zu fragen. Dafür werden ausgewählte künstlerische Positionen präsentiert, die das aktuelle Verhältnis von Körper und Geschlecht, zwischen gesellschaftlichen Konventionen und ihren Überschreitungen, thematisieren. U.a. sind Arbeiten von Monica Bonvicini, Julian Rosefeldt und Andy Warhol zu sehen. Schließlich will es der Ausstellung gelingen neue Blickwinkel und Standpunkte aufzuzeigen, um so eine Offenheit für die Vielschichtigkeit von Geschlechtsidentitäten zu entwickeln und die Thematiken in der Mitte der Gesellschaft zu verankern.

Homosexualität_en  

26.06. – 01.12.2015

im Deutschen Historischen Museum sowie im Schwulen Museum, Berlin.