Ist das Kunst oder kann das weg?

Eine Galerie in Hamburg stellt Instagram-Fotografie von Amateuren und Profis aus. Zu Recht?

Maria Moldes/@mariamoldes "Scenes of Radioactive Life"

Heute besitzt jeder ein Smartphone, nutzt Facebook und Instagram. Allein auf der letzt genannten Fotosharing-Plattform werden täglich rund 80 Millionen Bilder hochgeladen und in der Community geteilt. Gute Fotos zu erstellen gleicht quasi einem Kinderspiel, denn um einen Filter über das Bild zu legen, sowie hier und da ein wenig am Kontrast zu schrauben, braucht es nicht viel Know-How. Ein äußerst demokratisches Prinzip eigentlich.

Das Medium Fotografie und der Umgang mit ihr hat sich allerdings nicht erst seit dem Bestehen von Instagram (wie man in Anbetracht mancher Behauptungen und hitzigen Diskussionen vermuten könnte) verändert, sondern schon im Laufe des 20. Jahrhunderts stark demokratisiert. War es früher noch dem Berufsfotografen vorbehalten eine Kamera zu bedienen, ist dies dank der konsequenten Weiterentwicklung der Technik (Kompaktkameras, Digitalisierung etc.) heute jedem möglich. Eine Frage, die daher vor allem und gerne in der Kunstszene seit Jahrzehnten immer wieder diskutiert wird: Kann die Kunst, und im speziellen die Fotografie, im Zuge dieser Entwicklung überhaupt noch einen Kunstanspruch für sich erheben?

Nicht nur Walter Benjamin wies in seinem viel zitierten Aufsatz von 1935 (!) Das Kunstwerk im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit darauf hin, dass dem Kunstwerk durch die schier unendliche Reproduzierbarkeit eine gewisse Aura verloren ginge und damit auch die soziale Funktion der Medien verändert würde.

Dear Hamburg: “Instagram is square, small, and boring—nothing but selfies, foodies, and sunsets. Or so the prejudice goes.”
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Die App Instagram genießt unter Kreativen gerade aus dieser Argumentationssicht gemeinhin einen schlechten Ruf, da ihr eben die Beliebigkeit und Entwertung des Kunstwerks vorgeworfen wird. Darf das Massenprodukt Instagram-Fotografie überhaupt als Kunst betrachtet werden? Dieser Frage stellt sich jetzt auch eine neue Schau in der Hamburger Galerie Dear Photography. Ausgestellt werden dort rund 70 Fotografien von sieben bekannten Instagram-Nutzern, die Anika Meier und Daniela Hinrichs ausgewählt haben. Sie wollen aufzeigen, welche (professionellen) Potenziale Instagram-Fotografie entfalten kann – nämlich mehr als die bloße laienhafte Abbildung von beiläufigen Banalitäten des Alltags, die unter passenden Hashtags (#foodporn #sunset #selfie) versammelt werden. Selbstbewusst setellen sie die Fragen: Wertet Instagram die Fotografie per se ab oder verändert die Plattform das Medium der Fotografie und die Art, wie wir mit Bildern agieren, eigentlich nur?

Matthias Heiderich/@massju

Für viele Künstler fungiert Instagram mittlerweile als Karrieresprungbrett: Sie sammeln Follower, Likes, Kommentare und können so in rasantem Tempo und einfacher als je zuvor auf sich aufmerksam machen. Das kleine Format, die Kombination von Text und Bild ermöglicht ihnen im Handumdrehen ein ansprechendes Portfolio ihrer Kunst zu erstellen. Anerkannte Künstler wie Stephen Shore oder Ryan McGinley haben die App längst für sich entdeckt und präsentieren ihre Arbeit dort regelmäßig. Instagram kann Raum für artifizielle Kommunikation und spielerische Experimente sein oder als Dokumentationsfläche für visuelle Tagebücher dienen. Das zeigen auch die jetzt ausgestellten Arbeiten von Instagram-Fotografen wie Tekla Evelina Seberin aus Stockholm, Piero Percoco aus Bari, Dolly Brown aus London, Tom Skipp aus London, Matthias Heidereich aus Berlin, Maria Moldes aus Alicante oder Sinziana Velicescu aus Los Angeles.

Gemeinsam ist allen Teilnehmern, dass sie überhaupt erst über ihr öffentliches Instagram-Profil bekannt geworden sind und ihre Arbeiten nun zum Teil das erste Mal als haptisch fassbare Kunstobjekte, ausgedruckt auf Fotopapier, in einer Galerie bewundern dürfen. Einige unter ihnen sind Profis, beruflich als Fotograf oder Designer ausgebildet. Doch den Kuratorinnen war auch daran gelegen, die andere Seite von Instagram zu zeigen. Wie selbstverständlich werden auch in dieser Ausstellung Aufnahmen von Amateuren neben die von Profis gesetzt, eben ein weiteres Mal die Grenzen verwischt. Denn dass der Schnappschuss auch künstlerische Strategie sein kann, steht nicht erst seit Instagram fest.

Vor Beginn des Projektes starteten Meier und Hinrichs eine „Call for Works“ unter dem Hashtag #DearHamburg, in dem Hamburger Instagrammer aufgerufen wurden ihre Fotos der Hansestadt einzureichen. Die besten werden hier ebenfalls ausgestellt. Zu Recht.

 #DearHamburg

Kunstraum Dear Photography, Hamburg

bis Ende März

Von: Insa Grüning

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