Alles Tutti

Mit Throbbing Gristle erfand sie die Industrial Music, ihre Porno-Kunst schockierte England. Nun hat Cosey Fanni Tutti ein Buch geschrieben.

Courtesy of Faber & Faber

Man kann nicht behaupten, dass Cosey Fanni Tutti mit Liebe überschüttet wurde, zumindest nicht in den, sagen wir, ersten Jahrzehnten ihres Lebens. Der cholerische Vater verbot ihr das Kunststudium und schmiss sie aus dem Haus, die Polizei hatte sie wegen Unsittlichkeit im Visier, ihr Langzeitfreund Genesis P-Orridge betrachtete sie als Privatbesitz. Konservative Politiker prophezeiten gar, Tutti und P-Orridge würden mit ihrem Künstlerkollektiv den Untergang der Zivilisation besiegeln. Es kam anders, heute hängt ihre Kunst in der Londoner Tate.

Im nordenglischen Hull, wo Tutti aufwächst (unter dem etwas profaneren Namen Christine Newby), wird sie Ende der Sechziger Teil der Hippieszene. Bei einem akademisch beschirmten LSD-Experiment lernt sie den Studienabbrecher P-Orridge kennen, der ihr auf der Stelle den neuen Namen verpasst. Ein paar Wochen später zieht sie in seine psychedelisch dekorierte, ansonsten eher abbruchreife Kommune ein. Als Kunstkollektiv COUM Transmissions klügeln die Bewohner, inspiriert von William Burroughs und Aleister Crowley, absurde Kunstaktionen aus. Ihre Performances sind derart transgressiv, dass sich selbst gestandene Freunde transgressiver Performances ekeln. Fast immer sind Blut, Urin und Sex involviert.

Cosey Fanni Tutti 3 Day Performance Hayward Gallery, London, 1979

Da Gegenkultur und revolutionäres Gedankengut nicht vor Chauvinismus schützen, wurde Tutti von der Gruppe nicht nur mit dem Geldverdienen betraut (sie hatte als Einzige einen Bürojob), sondern auch mit sämtlichen Hausarbeiten. Während ihre männlichen Kollegen sich von der Muse küssen ließen, kochte Tutti Bohneneintopf. Ihre eigene Kunst entstand nachts. Die Beziehung zu P-Orridge, der heute genderneutral als He/She in New York lebt und in Marc-Jacobs-Kampagnen posiert, lässt sich obendrein als echte Odyssee zwischenmenschlicher Unschönheiten beschreiben. Als Tutti ihn endlich verließ, versuchte P-Orridge, sie zu erwürgen. Zum Glück trat dann Bandkollege Chris Carter in ihr Leben und alles wurde gut.

Cosey Fanni Tutti "Couming of Age" Oval House, London, 1974

In all dem Chaos ist es beachtlich, dass die Gruppe unter dem Namen Throbbing Gristle gleich ein neues Musikgenre erfand. Als erste Band experimentierte sie derart dissonant mit elektronischen Geräten, das hinten eine bezaubernde Mischung aus Musique concrète, Flugzeuggeräuschen und Punk herauskam. Sie bekam den Namen verpasst, den das Label von Throbbing Gristle trug: Industrial.

„ART SEX MUSIC“ ist auf Englisch bei Faber & Faber erschienen.