Camille Henrot

ist der Shootingstar der französischen Kunstszene – auch wenn man sie nur gelegentlich in Paris antrifft

Foto: Kira Bunse

Wenn Camille Henrot ausstellt, endet das in einer gigantischen Materialschlacht. Gut, dass ihr für die Schau „Days are Dogs“ gleich 13 000 Quadratmeter zur Verfügung stehen: Das Palais de Tokyo im 16. Pariser Arrondissement hat Henrot sein komplettes Museum überlassen.

Spätestens seit ihr Film „Grosse Fatigue“ in Venedig den Goldenen Löwen gewann, ist Camille Henrot, Jahrgang 1978, eine der bedeutendsten Künstlerinnen Frankreichs. Was auch daran liegt, dass ihre Arbeiten elegant aussehen und trotzdem viel zu sagen haben. Henrot verbindet Popkultur und Systemkritik, Internet-Trash und Natur­kunde, obszöne Zeichnun­gen und Mytholo­gie. Neben riesige Bronze­skulp­turen türmt sie papier­sta­pelweise E-Mails, 3-D-Filme zeigen mal voyeuristische Porno­auf­nah­men, mal einen endlosen Nachrichten­stream globaler Katastro­phen. „Le Monde“ nannte sie die „Priesterin des Chaos“. Doch das Chaos hat System. Die bombastische Schau im Palais de Tokyo gliedert Henrot nach dem Wochen­system: je einen Raum für einen Wochentag. Weil es trotzdem viel Arbeit ist, ein gesamtes Museum vollzustellen, hat sie sechs weitere Künstler eingeladen, deren Arbeiten punktuell in der Ausstellung verteilt sind. Eine von ihnen ist die Polin Maria Loboda.

Foto: Kira Bunse

Maria Loboda: Ich wollte mit dir darüber sprechen, wie es ist, so heiter rebellisch zu sein. Und böse! Weißt du noch, wie wir uns vor Jahren vornahmen, so zu sein?

Camille Henrot: Ja!

ML: Es erinnerte mich an Puck aus „Ein Mittsommernachtstraum“: der Schelm in der Kunst. Mir gefiel sehr, wie du damals die Blumen an der Upper East Side gestohlen hast. Machst du so etwas noch?

CH:Da hatte ich gerade mein Projekt „Jewels from the Personal Collection of the Princess Salimah Aga Khan“ begonnen, ungefähr, als wir uns kennenlernten. Oder kurz davor. Ich hatte mich für ein Stipendium beworben, es aber nicht bekommen. Weswegen ich total enttäuscht war und dachte: „Scheiß drauf, ich vermiete meine Wohnung in Paris und ziehe nach New York.“ Bei dem Blumenvorfall war ich seit vier Monaten dort. Ich erinnere mich, wie ich damals die Stadt wahrnahm. Wenn man neu in eine Stadt kommt, empfindet man die soziale Dynamik sehr stark. Man weiß nicht recht, wie man sich darin bewegen soll. In New York erschien mir das so extrem, als befände ich mich in der Wildnis. Wie in Italo Calvinos Roman „Marcovaldo“, in dem ein Fabrikarbeiter durch eine Stadt läuft: Es ist Mitte August, und alle anderen sind im Urlaub. Die Stadt erscheint ihm wie ein Wald. New York hat diese Eigenschaft auch, ist sehr wild, sehr unkontrolliert. Der Kapitalismus ist sehr aggressiv. Die Stadtplanung auch. An der Upper East Side gibt es an jeder Ecke Blumen, die Plätze und private Gebäude einrahmen. Sie sind ein Zeichen von Wohlstand, wirken aber wie eine Mauer.

Foto: Kira Bunse
Foto: Kira Bunse

ML: Es war jedenfalls ein sehr charmanter Anblick: du im Blitzlicht, wie ein Hase vom Fernlicht angestrahlt, während du wie eine Unholdin die Blumen abgeschnitten hast.

CH: Mir gefällt die Idee des Kavalierdelikts. Es ist winzig, aber es hat Konsequenzen.

ML: Wenn du an einer Ausstellung dieser Größe arbeitest – wo fängst du an? Ich vergleiche es manchmal damit, ein Frachtflugzeug zu fliegen. Das ist der Moment, an dem man alles einpackt, an dem man die Reise beginnt. Wie bringst du dich dazu, eine solch komplexe Schau zu organisieren?

CH: Ich erstelle eine Karte. Manchmal ist es ein Raster, manchmal ein Diagramm. Ein wenig wie eine Wirtschaftsgrafik oder ein Statistikdiagramm.

Foto: Kira Bunse

ML: Jetzt erinnere ich mich an die Karte, die du für „Grosse Fatigue“ angefertigt hast. Es schien, als hättest du ein kleines wissenschaftliches Experiment vorbereitet, es war wie Chemie. Wie sieht es mit dem Sex in deinen Arbeiten aus und mit der sexuellen Gewalt? Ist es Gewalt?

CH:Viele meiner Arbeiten haben sexuelle oder pornografische Elemente. Ich habe mich gefragt, ob das in die Ausstellung im Palais de Tokyo passt und ob ich es einbeziehen sollte oder nicht. Dann wurde mir klar, dass Sex überall ist, in allen Kategorien, die ich aufgestellt hatte. Sex steckt in Krieg, also ist er in „Tuesday“, Sex steckt auch in Liebe, also gehört er zu „Friday“. Unsere Be­sessenheit mit Sex entsteht durch Langeweile und Melancholie, also ist er auch ein Teil von „Monday“. Ge­wissermaßen ist Sex auch in „Wednesday“ enthalten, weil unsere Gesellschaft auf einer patriarchalen Familienstruktur basiert, auf Hierarchie, Dominanz und Machtmissbrauch. Sex ist kontami­nierend.

ML: Ich glaube, deine Arbeit beinhaltet immer ein subversives Element und ein Spiel mit Macht. Zu einem gewissen Grad auch Demütigung.

CH: Mir gefällt es, mit Dingen zu arbeiten, die mir unangenehm sind oder die mich wütend machen. Sex ist wohl für jeden Menschen unbewältigt, also ist er ein interessantes Thema. Aber ich empfinde auch den positiven Aspekt von Sex, wenn ich zeichne. Es fällt mir sehr schwer, Zeichnungen anzufertigen, die nicht sexuell sind. Eigentlich schlimm.

ML: Das ist dein Laster.

Foto: Kira Bunse
FOTO: COURTESY OF THE ARTIST AND SILEX FILMS © ADAGP, PARIS 2017

CH: Die Zeichnungen haben etwas Abstoßendes. Die ersten dieser Art habe ich 2010 für die Serie „Tropics of Love“ ange­fertigt. Ich wachte morgens auf und zeichnete diese grotesken Bilder. Ich fand sie eklig. Aber dann gefielen sie mir auch, mich inte­ressierte ihre abstoßende Ästhetik. Ich arbeite gern mit dieser Figur, dem obszönen Kerl mit dem dicken Bauch. Weil ich wütend auf ihn bin. Das ist etwas, was ich für die patriarchale Gesellschaft empfinde. Ihre Libidinösität ist schwer zu ertragen. Weil dieses Gefühl von Ungerech­tigkeit schmerzhaft ist, entwickelt sich die Figur in die Ambiguität. Sie hat zwei große Brüste. Irgendwie kann ich mich mit ihr auch identifizieren, mit diesem Wolf, halb Mann, halb Frau. Sexualität ist der Ort, an dem Rollen definiert werden. Dort treten biologische Rollen zutage, aber sie werden auch umgekehrt. In Fantasie und Erotik können Dinge verschoben werden, darüber hat Genet viel geschrieben. Mich interessiert, wie Erotik alles untergraben kann.

ML:Das ist ein sehr anarchisches Feld. Als ich deine sexuellen Zeichnungen zum ersten Mal sah, war ich geschockt!

CH: Aber du machst doch auch sexuelle Arbeiten!

ML: Ich habe aber noch nie einen Schwanz gezeichnet. Es gibt kein klares sexuelles Element. Findest du sie sexuell? Vielleicht hast du recht.

COURTESY OF THE ARTIST AND METRO PICTURES (NEW YORK) © ADAGP, PARIS 2017. Foto: AURÉLIEN MOLE

CH: Irgendwie finde ich einen Schwanz nicht unbedingt in erster Linie sexuell.

ML: Nein.

CH: Für mich ist der Phallus auch ein Zeichen von Freude und ein Zeichen von Rebellion. Wie ein ausgestreckter Mittelfinger. Ein Zeichen von Glück. Wie ein Hasenfuß oder ein Haifischzahn. Die Zeichnung „Sad Dad“ zeigt einen depressiven Vater mit einer Erektion, der mit seiner Tochter an der Hand am Strand entlangläuft. Er ist auch ein Zeichen für die Dinge, denen man unterworfen ist, die Sehnsucht nach den Dingen, die man nicht bekommen kann. Für mich ist der „Sad Dad“ Madame Bovary. Der Phallus hat in diesem Sinne kein Geschlecht, er ist ein Attribut. Ich verwende ihn auf ähnliche Weise, wie die alten Griechen oder Römer ihn als Zeichen benutzten.

ML: Wie einen Glücksbringer.

Foto: Kira Bunse

CH:Genau, ein wenig wie einen Talisman. Ein Zeichen von Opulenz. Ich zeichne auch gern große Brüste. Oft haben meine Figuren große Brüste, einen dicken Bauch und einen großen Schwanz – wie ein schwangerer Shemale. Das sind Bilder exzessiver Begierde und Macht.

ML: Ich wollte dich eigentlich auch noch zu Nicki Minaj und Jiu-Jitsu befragen, zu bedrohten Tierarten, Hunden … Liebe Grüße übrigens an deinen Teufelshund.

CH: Es ist witzig, du und mein Hund, ihr habt das gleiche Temperament. Das wurde mir sofort klar, als ich euch zum ersten Mal zusammen gesehen habe.

ML: Wie bitte?

CH: Ihr seid beide sehr aufgedreht, wie ein Wirbel­sturm. Wenn du da bist oder Nami da ist, kann man fühlen, wie sich die Atmosphäre auflädt.

ML: Ich beiße aber niemanden!

Foto: Kira Bunse

CH: Es hat etwas mit Rhythmus zu tun, ihr habt beide diesen stürmischen Rhythmus. Es ist ja bekannt, dass Shibas schwer erziehbar sind, und ich fürchte, mein     Shiba ist sogar für einen Shiba ein schwieriger Fall.

ML: Ich würde sagen, sie ist dein persönlicher Unruhestifter. Eine Erscheinungsform dessen, worüber wir gerade gesprochen haben.

CH: Der Hundetrainer hat jedenfalls gesagt: „Ich habe noch nie eine Hündin gesehen, die ein derartiges Alphatier ist.“

ML: Ein Alphaweibchen. Das ist doch ein sehr schönes Ende. /

Foto: Kira Bunse
FOTO: COURTESY OF THE ARTIST AND SILEX FILMS © ADAGP, PARIS 2017


Die Ausstellung „Days Are Dogs“ ist bis zum 7. Januar 2018 im Palais de Tokyo zu sehen.