Christian Jankowski Retrospektive

Christian Jankwoski, 2014
Christian Jankowski: “Ich denke viele Kuratoren täten gut daran, den Künstlern etwas mehr zuzuhören.”
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Der Künstler Christian Jankowski leitet in diesem Jahr nicht nur eine der größten Kunstveranstaltungen des Sommers, sondern blickt auch in einer breit angelegten Retrospektive auf sein Gesamtwerk zurück.

Vor über zwanzig Jahren zog Christian Jankowski aus, um sich mit Pfeil und Bogen über Konsumverhalten und festgefahrene Strukturen zu ermächtigen. Subversiv stellt er seither in Frage, was uns als Gesetz erscheint, mit Vorliebe bringt er den Menschen aus seinem Habitus und noch lieber aus der Fassung. Sein Medium: der Film. Er selbst: Provokateur, Dokumentator, aber vor allem – Mediator. In diesem Jahr vermittelt Jankowski auf ganz großem Parkett, er ist der Kurator der Manifesta 11 und damit der erste Künstler, dem diese Position zukommt. Als wäre das nicht genug der Meilensteine, eröffnet heute bei Contemporary Fine Arts in Berlin seine von Nina Hoss kuratierte Retrospektive. Der ideale Anlass, gemeinsam Bilanz zu ziehen und zu schauen, was aus dem Mann geworden ist, der einst auf Tiefkühlgemüse schoss.

INTERVIEW: Fühlt man sich eigentlich alt, wenn man eine Retrospektive zeigt?

CHRISTIAN JANKOWSKI: Ein bisschen schon, ja. (lacht) Retrospektive klingt immer so nach Abschluss des Lebenswerks. Ich hoffe natürlich nicht, dass ich da bereits angelangt bin, aber ich habe dadurch eine wunderbare Gelegenheit erhalten den Direktoren von CFA, Bruno Brunnet und Nicole Hackert, meine gesamte Arbeit zu zeigen. So konnten diese sich nämlich mit allen Werken befassen und nicht nur mit zwei, dreien. Das ist doch ein guter Anfang für eine Zusammenarbeit mit einer Galerie.

INTERVIEW: Da müssen die dann erst mal tüchtig recherchieren.

JANKOWSKI: Oder? (lacht) Und zugleich kriegt jeder einen guten Zugang zum Gesamtwerk.

INTERVIEW: Ihre Ausstellung bei Contemporary Fine Arts haben Sie kuratieren lassen, und zwar von Nina Hoss – warum?

JANKOWSKI: Normalerweise produziere ich für eine Ausstellung immer ein neues Werk, aber dieses Mal war durch meine Arbeit für die Manifesta einfach keine Zeit. Insofern brauchte die Ausstellung einen Twist, irgendeinen spielerischeren Umgang mit dem Wort „Retrospektive“. Na ja und Nina Hoss, die passte gut – sie hat etwas Allürenfreies, das mir total sympathisch ist und außerdem machte es Sinn einen Schauspieler zu nehmen, da sich dadurch wieder der Bogen zur Filmkunst schlagen lässt, die ja den Kern meiner Arbeit ausmacht.

INTERVIEW: Wusste Nina Hoss denn wer Christian Jankowski ist?

JANKOWSKI: Sie muss sich an einem Wochenende wohl tatsächlich dreißig bis vierzig Videos angeschaut haben, denn als sie bei mir ins Atelier reingelaufen kam, reagierte sie so, wie ich normalerweise auf Schauspieler reagiere – als kenne man sich schon seit Jahren. Ich stand zum Beispiel irgendwann mal in New York auf einer Party, drehte mich um und sagte zu der Frau neben mir: „Hey, ich kenn dich doch!“ Na ja, und das war dann Michelle Pfeiffer.

INTERVIEW: Wie ist Nina Hoss denn so, also als Kuratorin?

JANKOWSKI: Ich sage jetzt nicht, dass es bei einem professionellen Kurator anders ist, aber Nina hatte wirklich keinerlei Berührungsängste, sie ist total offen in ihren Ansätzen und sehr begeisterungsfähig.

INTERVIEW: Weniger Selbstverwirklichungsdrang als bei vielen Kuratoren?

JANKOWSKI: Bestimmt. Sie horcht wirklich hin. Ich denke viele Kuratoren täten gut daran, den Künstlern etwas mehr zuzuhören.

Christian Jankowski: “Der rote Faden in meinem Werk ist sicherlich, Menschen in eine ihnen unbekannte Situation zu bringen und dann die Reaktionen zu testen.”
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INTERVIEW: Für die Manifesta 11, die im Sommer in Zürich startet, haben Sie vorab Künstler in verschiedene Berufsgruppen eingeschleust. Eine Idee, die rückblickend gesehen auch schon Geschichte hat.

JANKOWSKI: Absolut. Da gab es damals die Ausstellung Dienstbesprechung im Kunstmuseum Stuttgart, bei der es um den kompletten Wechsel aller Berufsgruppen innerhalb des Museums ging. Da hat plötzlich der Sicherheitsmann die gesamte Show kuratiert.

INTERVIEW: Haben sich die Angestellten gefreut, ihre Berufe zu wechseln?

JANKOWSKI: Manche sehr, manche nicht so sehr. Das hat natürlich ganz neue Probleme aufgeworfen. Zum Beispiel haben die Kuratorin und die Person von der Buchhaltung, die mit dem Sicherheitsdienst tauschen mussten, es nicht geschafft, das Gebäude scharf zu schalten. Daraufhin habe ich vorgeschlagen, den Haupteingang zu schließen und die Besucher durch den Personaleingang in die Ausstellung zu schleusen – der Teil ließ sich nämlich leichter scharf schalten. Aber da hatte die Geschäftsführung Sorge, dass keine Besucher mehr kommen. Ich hätte das super gefunden, denn da hätte sich dann wiederum die neue Abteilung der Öffentlichkeitsarbeit Gedanken machen müssen, wie man das Publikum da hinten reinbekommt. In meinen Augen wäre das phänomenal gewesen: Eine Umdeutung des gesamten Museums als Skulptur.

INTERVIEW: Das ganze wurde von einem Dokumentarfilmteam aufgezeichnet.

JANKOWSKI: Im Endeffekt war es sehr hilfreich, das Kamerateam dabei gehabt zu haben. Zum Beispiel als der Haustechniker in seiner neuen Rolle als Finanzchef zu Hugo Boss ging, um nach mehr Sponsorengeld zu fragen. Da trägt so ein Kamerateam schon mal zur Glaubwürdigkeit bei.

INTERVIEW: Ihre Arbeiten haben viel mit Spontaneität zu tun, hängen viel von anderen Menschen ab. Wann ist ein Werk ein Erfolg?

JANKOWSKI: Eigentlich bin ich immer dann froh, wenn der Zufall etwas dazu bringt, was man nicht richtig planen kann. Der rote Faden in meinem Werk ist sicherlich, Menschen in eine ihnen unbekannte Situation zu bringen und dann die Reaktionen zu testen.

INTERVIEW: Erinnern Sie sich noch an eines der ersten Projekte dieser Art?

JANKOWSKI: Das war 1992 der Schamkasten. Damals lebte ich in Hamburg in einer Ladenwohnung und habe Leute gefragt, sich in mein Schaufenster zu setzten. Jeder sollte ein Schild hochhalten, auf dem stand, wofür er sich schämt. Davor lief das normale Straßenpublikum entlang, welches aus jeder Situation etwas anderes gemacht hat. Wenn dort eine junge Frau saß und gesagt hat, sie fühle sich zu dünn, dann signalisierte ihr eine andere Frau im doppelten Alter: „Du spinnst jawohl.“ Besonders interessant war die Tiefe der Dimension, für was sich da geschämt wurde. Bei dem einen war es die Art, wie er seine Kinder vernachlässigt hat, der andere schämte sich für seine Umschulung zum Real Estate Agent und wieder eine andere dafür, dass sie gerne Seifenopern sieht. Bei den verschiedenen Dimensionen des Schämens hatte das doch immer etwas sehr Persönliches und Offenbarendes von diesen Menschen gezeigt.

INTERVIEW: Was stand denn auf Ihrem Schild im Schamkasten?

JANKOWSKI: Ich war zu feige.

INTERVIEW: Das stand drauf?

JANKOWSKI: Nein. (lacht) Ich habe mir lange überlegt, ob ich mich da rein setze und habe es dann aber doch nicht gemacht. Vielleicht, weil ich mich bei jedem Zweiten dazu hätte setzen können. Ich bin generell schon bei vielen meiner Arbeiten auch dabei, aber manchmal tut es einfach nicht gut. Irgendwie nimmt der Künstler in seinem eigenen Werk eine Sonderposition ein, die nicht förderlich ist.

INTERVIEW: 2008 haben Sie auf der Art Cologne die Arbeit Kunstmarkt TV produziert, bei der ein Teleshopping-Kanal live von der Messe Kunst versteigert hat. War das ihr Durchbruch?

JANKOWSKI: Nein, aber es war doch ein ganz guter Zeitpunkt. Ich hatte zuvor in New York gelebt, und das war nach langer Zeit meine erste Arbeit auf Deutsch. Vorher hatte ich monatelang an Projekten gearbeitet, die total aufwendig waren, aber nicht richtig gezündet hatten. Diese Teleshopping Sache hat fast nichts gekostet, wurde an einem Nachmittag abgedreht und war ein Kracher. Aber wenn der Moderater nicht so genial gewesen wäre, hätte das sicherlich nicht so gut geklappt. Der hatte einfach keinerlei Berührungsängste mit der Kunst, was sehr erfrischend war. Ich hatte ihm vorab die Werkliste der zu versteigernden Arbeiten gegeben, da war auch ein Jeff Koons dabei. Der Teleshopping Mann bat mich dann um die Telefonnummern der einzelnen Künstler, um sich mit denen abzusprechen und ein paar Informationen einzuholen. Dass man Jeff Koons privat eher schlecht erreicht, war dem gar nicht in den Sinn gekommen. Das fand ich super.

INTERVIEW: Im letzten Jahr wurde in Berlin Ihre Arbeit The Eye of Dubai ausgestellt. Das Video zeigt, wie Sie mit ihrem eigenen Kamerateam nach Dubai fliegen. Der Twist an der Sache ist, dass Sie und Ihr Team während der gesamten Reise eine Blindenmaske aufhaben, also nichts sehen können. Begleitet wurde das Ganze wiederum von einem Kamerateam der BBC.

JANKOWSKI: Die Ursprungsidee stammt von BBC, die eine Collaborative Culture-Serie ins Leben gerufen haben. Dort werden zwei „Kreative“ von unterschiedlichen Kontinenten zusammengebracht, in meinem Fall ging es eben nach Dubai, um dort eine Person aus der Kunstszene zu treffen. Mein Plan war ja, das BBC-Team blind zu machen und mit denen so runter zu fahren, aber da hat BBC leider abgelehnt. Deswegen sind wir dann mit zwei Teams zusammen dorthin gefahren und haben auch zwei Videos gedreht.

INTERVIEW: Der ganze Film wirkt auf eine bestimmte Weise intim.

JANKOWSKI: Es war etwas extrem Persönliches, so auf andere Leute angewiesen zu sein, ständig deren Hände zu spüren und immerzu auf Tuchfühlung mit allen zu sein. Wir wurden fünf Tage lang zu verschiedenen Orten geführt und natürlich gab es auch ein wachendes Auge über uns, aber dennoch war das von der blinden Erfahrung untereinander etwas Außerordentliches. Zudem wusste man nie, wann man von dem anderen Kamerateam gefilmt wird. Insofern war das Ganze eine recht fragile Angelegenheit.

INTERVIEW: In einer Abschlussszene sitzen Sie mit einem Falken in der Wüste. Sie tragen die Blindenmaske, der Falke seine Haube.

JANKOWSKI: Genau. Der Falke kriegt von mir die Story von Joseph Beuys und dem Kojoten erzählt – zumindest, so gut ich mich noch daran erinnern konnte. Und dann gab es noch ein zweites Filmende, nämlich die Filmpremiere in Dubai, wo wir auch endlich die Masken abnehmen konnten.

INTERVIEW: Sie waren tatsächlich die ganze Zeit blind?

JANKOWSKI: Ja, sogar beim Schnitt. Es war schon lustig, die Menschen, die einen die ganze Zeit umgeben haben, dann auch plötzlich mal live zu sehen.

Christian Jankowski: “Wenn man den Instinkt hat, dass es nicht klappt, dann klappt es meistens auch nicht. Man muss eine gute Balance finden, bei der man noch genug Herzklopfen kriegt. ”
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INTERVIEW: Was sind die wichtigsten Fragen, die man sich im Bezug auf das eigene Kunstwerk stellt?

JANKOWSKI: Gute Idee? Schaffe ich es, das zu realisieren? Dann die erste Begegnung mit dem Werk: Ist es schön? Wie wird das Publikum reagieren? Und habe ich mich durch den Schaffensprozess selber so bereichert, dass ich dadurch in das nächste Werk gebracht werde?

INTERVIEW: Haben Sie noch die Angst, zu versagen? Angst davor, dass ein Kunstwerk nicht „funktionieren“ könnte?

JANKOWSKI: Die Angst vor dem Versagen, die gibt es immer. Trotzdem bringt das kollaborative Arbeiten, das ich verfolge, auch immer eine Teilschuld für den anderen mit sich. (lacht)

INTERVIEW: Und was macht man, wenn man merkt, dass es nicht klappt? Wenn zum Beispiel keine Pointe entsteht…

JANKOWSKI: Wenn man den Instinkt hat, dass es nicht klappt, dann klappt es meistens auch nicht. Dann sollte man schauen, ob man da nicht eine Wendung reinbekommt. Wenn man auf der anderen Seite gar keine Angst vor dem Scheitern hat, dann ist das auch nicht gut, sondern oft langweilig. Man muss eine gute Balance finden, bei der man noch Herzklopfen kriegt. Und das kann natürlich auch nach hinten los gehen.

INTERVIEW: Ein Beispiel bitte.

JANKOWSKI: Mein erstes Buch habe ich über einen Zeitraum von sechs Wochen im Frankfurter Portikus geschrieben. Jede Woche widmete ich einem anderen Genre. Na und dann saß ich da im Ausstellungszeitraum und immer wenn Besucher hereinkamen hat das Aufsichtspersonal „Psst! Der Künstler konzentriert sich!“ gesagt. Als ich mir das im Vorfeld vorgestellt habe, habe ich Tränen gelacht. Aber als ich dann final dasaß, war es die Kreuzschlagung schlechthin. Dann wurde es ziemlich heftig, die ganze Zeit dazusitzen und das noch durchzuziehen.

Mein Erstes Buch | 1998 | Installation view, Portikus, Frankfurt am Main © courtesy of the artist
Christian Jankowski: “Wenn ich jetzt in meinem Alter durch den Supermarkt ziehen würde, um Obst und Gemüse aus dem Regalen zu schießen, dann würde das die falsche Message senden.”
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INTERVIEW: Gibt es Dinge, die Ihnen im Bezug auf Ihre Kunst heutzutage leichter fallen, als zu Beginn Ihrer Karriere?

JANKOWSKI: Ich kann die Menschen heute anders erreichen, habe ein viel größeres Support System hinter mir. Wenn ich sage, dass ich Michel Houellebecq gerne in Paris treffen möchte, dann macht der Direktor vom Centre Pompidou das möglich. Und wenn es sich nur um einen kurzen Besuch handelt.

INTERVIEW: Und wie war das?

JANKOWSKI: Gut! Ich war sogar bei ihm in der Wohnung. (lacht) Insofern werden mir heutzutage viele Türen geöffnet. Auf der anderen Seite bedeuten Erfolg, Alter und Bekanntheit auch eine gewisse Einschränkung. Manche Sachen lassen sich in jungen Jahren einfach anders umsetzen als später.

INTERVIEW: Als Sie Anfang zwanzig waren zogen Sie in Die Jagd mit Pfeil und Bogen durch den Supermarkt um Gemüse zu erlegen.

JANKOWSKI: Eben! Dass ist ein tolles Anfangswerk, welches zu einem späteren Zeitpunkt so wahrscheinlich nicht mehr funktioniert hätte. Wenn ich jetzt in meinem Alter durch den Supermarkt ziehen würde, um Obst und Gemüse aus dem Regalen zu schießen, dann würde das eine andere Message senden.

INTERVIEW: In diesem Jahr Sommer findet in Zürich die Manifesta 11 statt und zum ersten Mal ist ein Künstler der Kurator. Was macht den Unterschied?

JANKOWSKI: Das weiß ich natürlich nicht genau, aber im Grunde bin ich die Manifesta so angegangen, wie jedes andere Kunstprojekt auch. Im Vordergrund steht auch hier die Kommunikation mit anderen Menschen.

INTERVIEW: Hat die Schweiz Sie überrascht?

JANKOWSKI: Im Vorfeld wurde ich vielfach davor gewarnt, dass die Mühlen in der Schweiz sehr viel langsamer mahlen würden. Aber um ehrlich zu sein, kann ich mich über den Enthusiasmus der Leute und Politik vor Ort überhaupt nicht beschweren. Was mich ebenfalls sehr überrascht hat war, wie groß die Institution der Manifesta ist. Da kommt jedes einzelne Amt aus einem anderen Land und alle treffen sich in Zürich. Das erschien mir am Anfang sehr unökonomisch, bis ich dann realisiert habe, das der tolle Gedanke einer europäischen Utopie dahinter steckt. Dass wir da alle miteinander zu tun haben müssen, ist trotz des aufwendigen Systems wie eine Zwangsbeglückung.

INTERVIEW: Und dabei sind doch gerade Systeme ein Kern Ihrer Arbeit.

JANKOWSKI: Ganz genau. Ob das nun bei der Jagd der Supermarkt ist, der am Ende an der Kasse abrechnet, oder eben die Manifesta – es geht immer um Systeme, die sich selbst thematisieren.

INTERVIEW: Bei der Manifesta haben Sie es sich zur Aufgabe gemacht, alltägliche Berufswelten zu durchleuchten.

JANKOWSKI: Genau, unter anderem haben wir Künstler einzelne Berufsfelder zugeteilt, mit denen sie dann in irgendeiner Form zusammenarbeiten sollten.

INTERVIEW: Wie war das Feedback in der Bevölkerung?

JANKOWSKI: Wir hatten sehr viel Glück. Ich bin der größte Fan der Kantonspolizei Zürich, die sind unglaublich gut.

INTERVIEW: Was haben die gemacht?

JANKOWSKI: Der zuständige Künstler hat ihnen Brunuels Würgeengel vorgeführt und das haben sie dann gemeinsam in einer neuen Version nachgespielt. Im Original Würgeengel kann die High Society in Madrid ihr Gebäude nicht mehr verlassen. Und in Zürich waren es eben die Polizisten, die im Gebäude der Kantonspolizei festsitzen, die ein Bankett vor sich haben und diskutieren – das ist eigentlich wie Method acting gewesen. Die hatten Fantasiekostüme an und haben das alles mit einem Stolz durchgespielt – Wahnsinn! Dahinter steckt ja vor allem ein Freiheitsgedanke und die Frage danach wie Freiheit möglich ist; auch innerhalb einer Institution. Entstanden ist ein sehr vielschichtiges Werk, welches jetzt auch in der lokalen Polizeizeitung ausführlich besprochen wird.

INTERVIEW: In der Retrospektive gibt es eine Arbeit, die neu ist – sie heißt Ungläubiges Glück.

JANKOWSKI: Ja, Ungläubiges Glück – das hat mit dem 25-jährigen Jubiläum der Deichtorhallen zu tun. Und zwar eröffnete Harald Szeeman 1989 gerade in Hamburg die Ausstellung „Einleuchten“, als am selben Abend die Mauer fiel und die ersten Trabis auf die Reeperbahn fuhren. Als ich dann dazu eingeladen wurde, etwas zum 25-jährigen Jubiläum der Deichtorhallen zu machen, kam ich dort an und stellte fest, dass die Renovierungsarbeiten, die noch in vollem Gange waren, bis zur Eröffnung nicht abgeschlossen sein würden. Der Bauzaun, der um eine der beiden Hallen ging, würde also bleiben. Und als ich da stand, hatte ich auf einmal fast ein Déjà-vu und dachte mir: „Das ist ja wie, als würde die Mauer die beiden Hallen trennen.“

INTERVIEW: Was haben Sie dann daraus gemacht?

JANKOWSKI: Ich habe Menschen, die etwas mit der Deichtorhalle zu tun hatten, also Künstler, Kuratoren, Journalisten und Mitarbeiter im Keller der Deichtorhallen vor die Kamera gebeten, um über diesen besagten Eröffnungsabend zu sprechen. Nur haben die in ihren Aussagen immer Wörter wie „den Mauerfall“ durch „die Deichtorhallen“ ersetzt.

Dann heißt es so: „Ja, und plötzlich stehe ich da und höre: „Habt ihr schon gehört? Die Deichtorhallen sind offen. Und das kann ich nicht glauben. Schalte den Fernseher ein und da tanzen die Leute auf der Deichtorhalle.“ Und der nächste erzählt: „Ja, mein Vater hat ja immer gesagt, die Deichtorhalle muss früher oder später öffnen, die ist ja bankrott.“

INTERVIEW: Wie war die Wirkung?

JANKOWSKI: Die ganze Hoffnung danach, was Kunst bewegen kann wird natürlich extrem mit Pathos aufgeladen, aber dahinter steckt eben eine echte Erregtheit der Menschen, für die das ein hoch emotionales Erlebnis war. Die Menschen haben es damals ja gar nicht erst glauben können – insofern auch der Titel „Ungläubiges Glück“. Und diese Arbeit findet sich, samt Bauzaun auch in der Ausstellung bei CFA – quasi ein retrospektivisches Werk in sich.

Ungläubiges Glück, 2014 © courtesy of the artist
Christian Jankowski – RETROSPEKTIVE
Contemporary Fine Arts, 15.01. – 05.03.2016