Emma Kunz

„Richtkräfte für das 21. Jahrhundert“ – mit diesem Titel führte Kurator Harald Szeemann die Heilerin Emma Kunz in die Kunstwelt ein. Ein ähnlicher Fall wie Hilma af Klint?

Foto: EMMA KUNZ ZENTRUM, ©ANTON C. MEIER

Von: Andreas Ritter

Was folgt, ist eine rührige, rätselhafte und wundersame Geschichte: gerade so wie das Leben von Emma Kunz, geboren 1892 auf dem Land vor den Toren Zürichs, die Eltern Handwebersleute. Der Vater trank und nahm sich 1909 das Leben. In der Schulzeit fing Emma an, ihre Begabungen in Telepathie, Prophetie und als Heilpraktikerin zu nutzen, und begann zu pendeln. 19-jährig reiste sie auf den Spuren ihrer Jugendliebe allein nach Amerika. Sie hat den Mann nicht gefunden. Die Rückkehr war bitter, der Spott der Dorfgemeinschaft hämisch. Man nannte sie nach ihrem Fluchtpunkt „Philadelphia“.

Um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete sie fortan in einer Strickerei, dann als Haushälterin der Familie eines Schweizer Kunstmalers während der Sommermonate. Erst als reife Frau wurde sie sich ihrer eigentlichen Bestimmung bewusst: der Suche und positiven Nutzbarmachung von Kräften und Strahlen. Durch ihre Gabe wurde sie bekannt als Heilerin, sie selbst bezeichnete sich als Forscherin. Mit ihren Ratschlägen und Therapien erzielte sie rasch Erfolge bei den Patienten, die ihren Rat suchten. Sie selbst lehnte indessen strikt ab, das als Wunder zu bezeichnen, sie schrieb sich lediglich die Fähigkeit zu, Kräfte zu nutzen und zu aktivieren, die, wie sie sagte, in jedem Menschen verborgen seien. Emma oder „Penta“, wie Freunde sie jetzt nannten, erkundete energetische Zusammenhänge und konnte dank intuitiv erlangter Messresultate auch prophetische Fähigkeiten nutzen.

Foto: EMMA KUNZ ZENTRUM, ©ANTON C. MEIER
Foto: EMMA KUNZ ZENTRUM, ©ANTON C. MEIER

Ihre Erkenntnisse, die sie mithilfe des Pendels gewann, hielt sie auf Millimeterpapier fest. Entstanden sind so ab 1938 ihre Pendelzeichnungen, fast alle auf großformatigem Papier. Sie verwendete dazu Blei- und Farbstifte, Ölkreide und einen einfachen Holzmaßstab, der in der Mitte eine Vertiefung für ihren Daumen hatte. Mit ihrem Pendel lotete sie die Zeichenfläche aus. Erst wenn vor ihrem inneren Auge die Vision des Bildes entstanden war, setzte sie den ersten Strich. Ein Bild entstand in einem Arbeitsgang, meist ohne Unterbrechung. Sie verzichtete darauf zu essen und arbeitete an manchen Bildern über 24 Stunden, bis sie völlig erschöpft die Zeichnung als vollendet ansah. Die Zeichnungen hängte sie an die Wand, manchmal hingen 10 bis 20 Blätter übereinander. Emma Kunz zeichnete, weil sie Gesetzmäßigkeiten in sich spürte, die sie unter Zuhilfenahme eines Pendels in die Realität umsetzte. Zu Beginn jeder Arbeit stand eine Frage. Dem Energiestrom des Pendels folgend setzte sie Punkte, zog Schwerlinien, die den systematisch vernetzten, planartigen Charakter der Kompositionen bestimmen. Aus dem Netzwerk lassen sich bisweilen Figuren und Symbole herauslesen. Das Modellhafte der Zeichnungen hält Zustände grundlegend wirksamer Prinzipien fest. In der Tat sind die komplexen geometrischen Strukturen Bilder, aus denen die Seherin existenzielle Antworten für die sich ihr anvertrauten Patienten herauslesen konnte. Und doch geht die Bedeutung ihres Werkes weiter, birgt etwas Universelles in sich.

Foto: EMMA KUNZ ZENTRUM, ©ANTON C. MEIER
Foto: EMMA KUNZ ZENTRUM, ©ANTON C. MEIER
Foto: EMMA KUNZ ZENTRUM, ©ANTON C. MEIER

Emma Kunz selbst hat sich freilich nie als Künstlerin verstanden. Ihre Zeichnungen waren für sie nicht Kunst, sondern Mittel zum Zweck, deren Schönheit nur ein Nebenprodukt ihrer intensiven Suche nach Erkenntnis. „Alles geschieht nach einer bestimmten Gesetzmäßigkeit, die ich in mir fühle und die mich nie zur Ruhe kommen lässt“, sagte Emma Kunz, und zeichnend suchte sie nach Mustern, Verbindungen, Vernetzungen, nach der Weltformel vielleicht. Und fügte an: „Die Zeit wird kommen, in der man meine Bilder versteht.“

Zehn Jahre nach ihrem Tod begann Emma Kunz’ erstaunliche zweite Karriere als Künstlerin: 1973 wurden ihre Zeichnungen im Aargauer Kunsthaus ein erstes Mal ausgestellt. Vor allem aber zeigte der wohl berühmteste Schweizer Kurator, Harald Szeemann, Emma Kunz in seiner viel beachteten Ausstellung „Richtkräfte für das 21. Jahrhundert“ zusammen mit Joseph Beuys und Rudolf Steiner. Auch die andere große Schweizer Kuratorin, Bice Curiger, war immer vom Werkschafen Emma Kunz’ berührt, zeigte sie früh im Kontext zeitgenössischer Kunst und bescherte der Künstlerin einen großen Auftritt an der von ihr ausgerichteten Kunstbiennale in Venedig im Jahre 2011.

Foto: EMMA KUNZ ZENTRUM, ©ANTON C. MEIER

Und auch Massimiliano Gioni schuf für sie Platz in der Biennale-Ausgabe von 2013. Im internationalen Museumskontext wurde Emma Kunz etwa zusammen mit Hilma af Klint und Agnes Martin 2005 im Drawing Center in New York gezeigt. Weitere Ausstellungen in erstklassigen Häusern der zeitgenössischen Kunst sind in Planung. „Mein Bildwerk ist für das 21. Jahrhundert bestimmt“, sagte Emma Kunz, und sie sollte recht behalten.

Deutungen von Emma Kunz’ komplexen Bildern sind nur mündlich überliefert. Entsprechend rätselhaft ist ihr Werk bis heute geblieben, was schon lange auch zeitgenössische Künstler fasziniert. So hat etwa Thomas Hirschhorn vor einigen Jahren großräumige Installationen geschaffen, die er als Hommage an Emma Kunz verstand und in die er Faksimiles ihrer Zeichnungen integrierte. Und es ist leicht vorstellbar, dass sich das Werk einer Tauba Auerbach, einer Tomma Abts oder eines Bernd Ribbeck an Kunz’ Werk ausrichtet. Bewusst oder unbewusst.

Foto: EMMA KUNZ ZENTRUM, ©ANTON C. MEIER
Foto: EMMA KUNZ ZENTRUM, ©ANTON C. MEIER

Im Kunstmarkt hingegen ist das Werk von Emma Kunz nie angekommen. Ganz einfach weil es keinen Markt gibt. In einem verspukt und verborgen gelegenen Römersteinbruch in Würenlos bei Zürich wird seit den 80er-Jahren eine Begegnungsstätte betrieben, um die Erkenntnisse und Forschungsergebnisse sowie das Bildwerk von Emma Kunz zu erhalten. Ihr fast vollständiges Werk von rund 400 Zeichnungen ist dort verwahrt und ausgestellt. Und auch zum Abschluss wieder eine rührselige Note:

Die Emma Kunz Grotte in Würenlos

Gründer und Förderer des Zentrums war Anton C. Meier aus einer Dynastie von Landeigentümern im Kanton Aargau, die einen Steinbruch betrieb. Als Kind an Kinderlähmung erkrankt, wurde er von der um Rat gefragten Emma Kunz geheilt. Mit Heilerde, die sie, herbeigerufen von der Familie, im Steinbruch in einer Grotte entdeckte und an der sie eine außergewöhnliche Energie auspendelte. Als Dank schloss Meier den Steinbruch und gründete das Emma Kunz Zentrum. Fahren Sie hin, sehen Sie sich die zauberhaften Werke an, vor allem aber lassen Sie sich an der Rezeption einen Schlüssel geben und verweilen Sie eine halbe Stunde ganz allein mit Ihren Gedanken in der Grotte. Danach werden Sie die Bilder nochmals sehen wollen. Und immer wieder. Unsere heutige Welt braucht solche Geschichten und solche Kunst.