Erwin Wurm
im Interview

Erwin Wurm ist ein Künstler, der sich traut, lustig zu sein. Der Österreicher setzt Häuser verkehrt herum auf Museumsdächer, steckt Menschen Stifte in Nase und Ohren und porträtiert sich selbst in Form von Essiggurken. Jetzt baut er sein geschrumpftes Elternhaus in Berlin auf. Was soll das alles?

„Narrow House“, Pilane, 2015

INTERVIEW: In der Berlinischen Galerie ist derzeit Ihr Narrow House zu sehen. Was muss man bedenken, wenn man ein so schmales Haus baut?

ERWIN WURM: Man glaubt es kaum, aber das ist ein irrer Aufwand. Länge und Höhe sind ja wie bei meinem Elternhaus auch, also 20 Meter lang und neun Meter hoch. Nur die Räume und Möbel sind eben auf einen Meter gequetscht.

INTERVIEW: Was ist denn da alles drin?

WURM: Telefone, Toilettenpapier, Vasen – diese Dinge eignen sich übrigens hervorragend als Souvenir. Ständig klauen die Leute etwas. Aber da immer nur eine Person reinpasst, kann man das schlecht kontrollieren. Für Aufpasser ist kein Platz.

INTERVIEW: Warum musste es denn ausgerechnet ein so schmales Haus sein?

WURM: Das hat viel mit der Zeit meiner Kindheit und Jugend zu tun. Denn rückblickend erschien mir die Zeit der 60er-, 70er-Jahre stets als sehr restriktiv. Was Politik, Demokratie und Geisteshaltung in Österreich anging, war die Nachkriegszeit immer noch zu spüren. Wenn man das Narrow House betritt, ist man gleich in einer gewissen Klaustrophobie gefangen. Diese spiegelt die geistige Enge der Gesellschaft wider, zu deren Zeit das Originalhaus konstruiert wurde. Ich kritisiere also nicht mein Elternhaus als solches, sondern vielmehr den gesellschaftlichen Zustand von damals.

INTERVIEW: Verstehen die Menschen Ihre Arbeiten immer auf Anhieb?

WURM: Die Kritik, die ich über meine Kunst äußere, wird oft durch den Humor gelindert. Ob man den tieferen Sinn des jeweiligen Werkes erkennt, hängt daher sehr vom Erfahrungszustand jedes Einzelnen ab. Man muss schon über sich lachen können und selbst zur Kritik fähig sein, damit sich einem das Kunstwerk voll erschließt.

INTERVIEW: Das erinnert an den Spruch von Helmut Dietl: „Humor hat viel mit Verstand zu tun.“

WURM: Ich bin in einer Zeit aufgewachsen, in der in der Kunst sehr viel Pathos herrschte, in der man die großen Fragen des Lebens mit ebenso großen Skulpturen behandelte. Mit den monumentalen Arbeiten eines Richard Serra beispielsweise. Ich glaube aber, dass das Pathos den Menschen eher kleinmacht. Man kann existenzielle Themen viel besser mit ganz belanglosen Verschiebungen verdeutlichen. Und da bieten sich Humor und Zynismus als Mittel einfach an, denn Lachen befreit. Nur wer auch über sich selbst und unsere zum Teil krankhaften Gesellschaftsformen lachen kann, ist in der Lage, Kritik zu ertragen und wiederum wichtige Kritik anzubringen.

 

Erwin Wurm: “„Man kann die dumme auf den Pimmel bezogene Eitelkeit des Mannes nie genug konterkarieren“ ”
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INTERVIEW: Berühmt geworden sind Sie mit der Performance-Reihe One Minute Sculptures. Für die Dauer einer Minute nehmen Sie oder eine von Ihnen angeleitete Person eine ungewohnte Position ein. Stimmt es, dass diese Performances in einer Lebensphase entstanden, in der Sie sich mit Ihrer Kunst eigentlich sehr unsicher waren?

WURM: Ich habe es immer vehement abgelehnt, an diese romantische Idee zu glauben, dass der Künstler durch Leid gehen muss, um Großes zu schaffen. Dummerweise war es dann aber ausgerechnet so, dass ich selbst eine schwierige Zeit erlebte und aufgrund einer Depression eineinhalb Jahre lang überhaupt nicht arbeiten konnte. Da war mir zum Ende hin dann vieles ziemlich wurscht. Das Einzige, was mich noch interessierte, war, eine Form zu finden, mit der ich meinen psychischen Zustand ausdrücken konnte – auch um mir da irgendwie rauszuhelfen. So kamen dann die One Minute Sculptures zustande.

INTERVIEW: Als One Minute Sculpture inszenierten Sie auch Claudia Schiffer für die Vogue.

WURM: Ich habe schon öfter mit Magazinen zusammengearbeitet, denn meiner Meinung nach ist der Medienraum ebenso ein Ort für Kunst wie auch der öffentliche Raum. Damals rief also die Vogue mit einer Anfrage für eine Fotoserie an. „Wenn, dann mit einer Ikone!“, habe ich geantwortet. Denn der Begriff der Ikone interessierte mich schon allein vom Bildhauerischen her. Auf die Frage, wer denn in meinen Augen eine Ikone wäre, sagte ich: „Kate Moss oder Claudia Schiffer.“ So kam das.

INTERVIEW: War Claudia denn eine gute One Minute Sculpture?

WURM: Ja! Sie war superprofessionell und cool, ihr Office hingegen ein pain in the ass.

INTERVIEW: In der Schirn waren Sie kürzlich bei einer Ausstellung dabei, bei der es um Selbstporträts ging. Sich selbst zeigten Sie in Form von 50 Essiggurken. Ist die Gurke der neue Erwin Wurm?

WURM: Ich habe mich vor über 30 Jahren dazu entschieden, Materialien aus meinem Umfeld in meine Kunst reinzulassen. Das ist superspannend, denn es ergeben sich ständig neue Möglichkeiten. Was mich an der Essiggurke interessiert, ist vor allem ihre einfache Form. Jede Gurke unterscheidet sich von der anderen, und trotzdem sieht man sofort: Das ist eine Gurke – ähnlich eigentlich wie beim Menschen. Oder philosophisch betrachtet: die Vielheit des Einzelnen und das Einzelne in der Vielheit. Natürlich kommt bei der Gurke auch noch hinzu, dass sie wie ein Penis aussieht. Für mich als Künstler ist es quasi ein Muss, damit dann auch noch rumzuhantieren. Man kann die dumme auf den Pimmel bezogene Eitelkeit des Mannes nie genug konterkarieren.

ERWIN WURM: „BEI MUTTI“

15. April bis 22. August 2016

Berlinische Galerie

Von: Anneli Botz