Aus der Asche von Edith Piaf

Ein Essay von Annabel Fernandes über die verschiedenen Facetten des Pariser Stadtteils Belleville mit Fotos von Jack Pierson.

Foto: Jack Pierson

Seit ich 2010 aus London nach Paris zog, habe ich in acht verschiedenen Bezirken gewohnt. Gibt es einen besseren Weg, eine Stadt kennenzulernen, als ihre verschiedenen Gegenden zu erkunden? Das ganze Umziehen bescherte mir über die Zeit meine Freundschaft mit Papi Camion, Paris’ bestem „man with a van“. Angefangen am Porte d’Orléans im 14. Bezirk, dessen Métro-Station das einstmalige Ende der Linie 4 darstellt, habe ich mich in den folgenden Jahren in einer Zickzacklinie gen Norden vorgearbeitet.

Ich habe mich kurz im 15. bei La Motte-Picquet – Grenelle niedergelassen, einen Katzensprung vom Eiffelturm entfernt und nur einen kurzen Spaziergang nach Montparnasse im 14. Die älteren Herren, die in den ruhigen Parks um die Rue du Commerce zusammen Boule spielen, wärmten mein Herz, aber das familienorientierte Leben dieser Gegend war nicht, was ich mir als 21-Jährige erträumte. Ich stellte fest, dass ich den Großteil meiner Zeit – Tag oder Nacht – eh im Norden verbrachte, und verabschiedete mich ganz vom Rive Gauche.

Dann verweilte ich kurz in Villiers an der Grenze vom 8. zum 17., bevor ich mich ins Herz von Sentier im 2. Bezirk begab. Das einstmalige Modeviertel verwandelte sich in das von der „New York Times“ sogenannte Silicon Sentier, einen Knotenpunkt für technologische und unternehmerische Innovation. In ihrem Louvre-Marais-Sandwich ist die Gegend gelinde ausgedrückt begehrenswert. Aber so ähnlich wie in unserer Partnerstadt San Francisco stiegen auch Sentiers Lebenskosten ins Inflationäre. Seine Straßen, auf denen Autos verboten sind, beherbergen Bars, die ausschließlich kunstvolle Cocktails verkaufen, spezialisierte Burgerläden, einen überteuerten Obst- und Gemüsemarkt und einen in den Himmel schießenden Mietdurchschnitt. Obwohl ich gern hier wohnte, war es mir zu teuer und auch nicht so kosmopolitisch, wie ich es mir wünschte. Da ich in London geboren wurde, sehne ich mich in jeder anderen Stadt nach einer vergleichbaren kulturellen Vielfalt. In den Folgejahren wohnte ich dann in verschiedenen Ecken um Gambetta im 20., danach zwischen dem 9. und 18. Arrondissement in Pigalle und später in La Chapelle.

In La Chapelle wohnte ich an der Grenze vom 10. zum 18. in einer lebendigen Nachbarschaft, deren Bewohner zum Großteil sri-lankischer oder südindischer Abstammung sind. Da ich selbst indischer Abstammung bin, fühlte ich mich hier zu Hause und unbeschwert. Die Miete war günstig, das Essen dank des Marché Barbès – dem Freiluftmarkt unter den Hochbahnschienen des Boulevard de la Chapelle – noch günstiger. So konnte ich es mir leisten, die angenehmen Seiten des Lebens zu genießen. Ein fünfminütiger Spaziergang führte mich zum Gare du Nord und von dort aus nach einer nur zweieinhalbstündigen Reise nach London St. Pancras. Aber nach zwei Jahren fühlte sich das Gewimmel der Nachbarschaft bedrückend an: Ohne Park in Sicht fand ich meine Wohnung eingezwängt zwischen hektischen Straßen und lärmenden Métro-Schienen nach Gare de l’Est. Ich war 27 und sehnte mich nach Ruhe. Noch wichtiger aber: Ich war endlich bereit, mir meine erste Wohnung in der Hauptstadt zu kaufen.

Nach einem Dutzend fruchtloser Besichtigungen in Goutte d’Or, einer quirligen Gegend im 18. Bezirk, die Immobilienmakler gern als „up and coming“ beschreiben, konzentrierte ich meine Suche auf Belleville. Das Viertel, das die Grenze des 19. und 20. Arrondissements umschließt, ist das Pariser Zentrum für Immigranten und die Arbeiterklasse. Wie viele andere, die es in die Nachbarschaft zieht, wollte ich in Belleville wohnen, weil der Großteil meiner Freunde dort lebte, weil es nahe dem schönen Parc des Buttes-Chaumont liegt und weil man in den asiatischen Restaurants der Gegend, die ich bereits kannte, auf preiswerte Weise verköstigt wird.

Ich lernte Belleville schon in meinen frühen Pariser Tagen kennen, als ich einige französische Freunde in einer überfüllten Bar namens Aux Folies traf. Als ich aus der Métro kam, tauchte ich in die Realität der Nachbarschaft ein. Der Boulevard de Belleville ist trotz seines Namens nicht schön. Es ist schwer, den chinesischen Sexarbeiterinnen aus dem Weg zu gehen, die auf der Suche nach Kunden den Boulevard scannen, der an der Achse zwischen vier Vierteln – dem 10., 11., 19. und 20. – über der Métro verläuft. Man nennt sie die „marcheuses“, also die Spaziergängerinnen, von Belleville. Sie kleiden sich weniger glamourös als die Sexarbeiterinnen der Rue Saint-Denis, die ich auf meinem Heimweg nach Sentier passierte. Sie sind auch nicht so laut und stehen weit weniger im Weg herum. Hier laufen die Frauen bescheiden auf der Suche nach Kunden auf und ab, um überleben und ihren Familien in China Geld schicken zu können. Diese Frauen gehören zum Charakter des Viertels, und von dem, was ich höre, besteht in ihnen auch einer der Gründe, dass Belleville früher als zwielichtig und dreckig galt. Der Makler, der mir vor ein paar Jahren mein Apartment in La Chapelle vermittelte, verglich die beiden Gegenden unablässig und befand Belleville als die gefährlichere Option. Ich kann nicht sagen, dass Belleville ungefährlich ist, weil sich manche Männer hier den Frauen gegenüber unangebracht verhalten, deren Weg sie im Dunkel der Nacht kreuzen. Nicht nur den „marcheuses“. Daran hat sich nichts geändert. Wenn man es schafft, ihre Avancen zu ignorieren, und Richtung Norden schaut, findet man viele tolle Schätze, Altes und Neues.

Vor dem Aux Folies strömte die lärmende Menge auf die Straße. In ihr fand ich eine Mischung, die ich im Pariser Zentrum bislang vergeblich gesucht hatte. Meine Freunde erklärten mir, dass Edith Piaf in diesem Art-déco-Relikt zu Beginn ihrer Karriere von den Liebhabern, Dieben und Vagabunden sang, die sie in der Umgebung kennenlernte. Belleville war ihre Wiege. Der Legende nach wurde sie auf den Stufen der 72 Rue de Belleville geboren, nur wenige Schritte vom Aux Folies entfernt. Über der Haustür des Gebäudes findet man eine Plakette, auf der steht: „Auf den Stufen dieses Hauses wurde am 19. Dezember 1915 in größter Armut Edith Piaf geboren, deren Stimme die Welt auf den Kopf stellen würde.“

Im Aux Folies überkam mich – überkommt mich noch immer – ein Staunen. Die Café-Bar hat sich ihr rotes Neonlicht bewahren können, das kubistische Mosaik, ihren Zinktresen und die Flugblätter, die an den Eisensäulen klebend die bis in die 20er-Jahre zurückdatierenden Shows bewerben. Beim Trinken kann man sich von den graffitiüberzogenen Wänden der um die Ecke gelegenen Rue Dénoyez bezaubern lassen. Über die Straße wurde in letzter Zeit viel berichtet, weil sie nun Le Grand Bain beherbergt, das neue Restaurant des vormaligen Au-Passage-Kochs Edward Delling-Williams. Hier offeriert er ein allabendlich wechselndes Angebot kleiner Gerichte, begleitet von Naturweinen.

Trotz Gentrifizierung behielt das Viertel über die Jahre sein Dorfgefühl. Das ist dem Fakt zu verdanken, dass Belleville einmal eine eigenständige Kommune war; eine Hügelsiedlung, umgeben von Bauernhöfen und Weinbergen benachbarter Abteien, die deutlich außerhalb der Stadtmauer lag. Belleville war bekannt für seine Guinguettes: Lokale, in denen Pariser aßen, tranken und tanzten. Die Arbeiterklasse bewohnte bereits einen Großteil der Gegend, als Baron Georges-Eugène Haussmann seine Stadtplanung mit dem Abriss der innerstädtischen Elendsviertel begann. 1860 war Belleville die letzte von vier Gemeinden, die Paris sich gänzlich einverleibte. Im 20. Jahrhundert stellte sie für Generationen von Immigranten ein Tor zur Stadt dar, von den Griechen und Armeniern in den Zwanzigern über jüdische Flüchtlinge aus Osteuropa in den Dreißigern und später für Afrikaner und Asiaten aus ehemaligen französischen Kolonien.

„Belleville! Wir sind am vielfältigsten Ort der Welt“, verkündet Anwohner und Schauspieler Vincent Cassel, den man gern als „das Kind von Belleville“ bezeichnet, seinem Interviewer in einer Laube auf dem Belvédère über dem Parc de Belleville. Hier kann man die Schönheit der Stadt dank einer einzigartigen Aussicht auf die Pariser Skyline von Ost nach West einfangen. „Im Nordosten von Paris leben 177 Gemeinschaften auf engstem Raum, und das ist auf der ganzen Welt einzigartig“, fährt Cassel in einem Fernsehinterview für „Le Gros Journal“ (Canal+) fort. Er hat recht. Belleville fühlt sich wie ein Dutzend Städte in einer an. Seine historischen Wurzeln bekommt man noch heute an jeder Ecke zu spüren.

Bei einem Rendezvous in einer seiner vielen Bars stolpert man über eine polyglotte Gemeinschaft. „Hier wohnen armenische Juden, Griechen, Algerier, Tunesier, Chinesen, Franzosen, Jung und Alt. Alle an einem Ort“, prahlt Anchene, Besitzer der günstigen und schmucklosen Bar relais de Belleville. „Ich habe die Bar 1997 nach dem Tod meines Bruders übernommen. Heute steht sie hier unverändert.“ Ein Stammgast neben uns verweist auf die später eingeführte Terrasse und die verlängerten Öffnungszeiten von 21 bis 2 Uhr nachts. Die Atmosphäre ist entspannt, obwohl Trinker unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Herkunft auf die Straße drängen. Hier werden viele Geburtstage verbracht, unter anderem meiner. An Samstagen gibt es hier sogar Livemusik. Dank Bier für nur drei Euro bietet die Bar ein Königreich für uns alle. „Die Energie hier ist richtig gut. Die Werte und DNA der Nachbarschaft stimmen total mit unserer Mentalität überein“, sagt Mathieu Missiaen. Der Creative-Director und Mitgründer von Cinqfruits zog vor fünf Jahren her und trinkt regelmäßig im Relais de Belleville. „Man muss sich nicht besonders kleiden, die Bars sind schlicht und günstig, jede kann sie selbst sein, ohne Spiele zu spielen. Ich schätze, das macht es für Leute unserer Generation sehr attraktiv.“

Nach ein paar Monaten Suche fand ich die Wohnung, die ich jetzt mein Zuhause nenne. Fünf meiner Freunde und ich wohnen in derselben Straße. Läuft man sie etwas hinab, findet man Atlas Studios, das Aufnahmestudio des französischen Duos Air. Ich wohne in einem Art-déco-Gebäude ein paar Hundert Meter vom Parc des Buttes-Chaumont entfernt. Weit oben in Belleville ist er die Hauptattraktion des 19. Arrondissements, umgeben von vier Métro-Stationen.

Baron Haussmann beauftragte Jean-Charles Alphand mit der Transformation von 61 Morgen Gipsbruch und Müllhalde in einen großen Park. 1867 eröffnete der Park mit üppigen Hügeln und einem künstlichen See. Auf dessen Insel, zu der man über zwei Hängebrücken gelangt, steht der berühmte, dem Tempel der Vesta in Tivoli nachempfundene Temple de la Sibylle. Sieht man genauer hin, entdeckt man mysteriöse Grotten, Wasserfälle und die aus dem 19. Jahrhundert stammenden Schienen der stillgelegten Bahnlinie La Petite Ceinture, die zu ihrer Zeit Paris umkreiste.

Der künstliche Park bot einen theatralischen Ort zum Erkunden und Promenieren. Als solchen nutzte ihn der Schriftsteller Louis Aragon für seine nächtlichen Exkursionen mit dem Surrealisten André Breton. In seinem Buch „Le Paysan de Paris“ beschreibt er die Illusion, die der Name Buttes-Chaumont allein in ihm beschwor, und nannte den Park „eine Oase in einer düsteren Arbeiterklassennachbarschaft“. Düster würde ich Belleville nicht nennen, aber dank der urbanen Oase kann man dem Lärm der wuseligen Rue de Belleville tatsächlich entkommen.

Im Sommer verbringen die Pariser viele oder sogar jeden Sonntag hier. Vom 1. Juli bis zum 3. September ist Buttes- Chaumont einer von 16 durchgängig geöffneten städtischen Parks. Erkundet man ihn auf einem Spaziergang, kann man Leute beim Tai-Chi, Capoeira oder Boxen genauso wie vom Puppentheater verzauberte Kinder sehen; man kann dabei zuschauen, wie Schwule einander scannen, während andere auf den Hügelspitzen Bierflaschen öffnen, und wieder andere nehmen ihren typisch französischen Apéro.

Die Hänge des Buttes-Chaumont eignen sich perfekt zum Cruisen, bevor man im Rosa Bonheur tatsächlich etwas wagt. Der unprätentiöse Biergarten liegt im Park versteckt und nennt seit 2008 auch eine Tanzhalle sein eigen. Am besten kommt man sonntags her, aber nicht zu spät, denn die Pariser Mode- und Kunstszene steht schon ab 17 Uhr Schlange.

In der Nähe des Parks, abseits der Avenue Simon Bolivar, findet man eine schmale Treppe. Ein Freund, der sie des Nachts bestieg, fand, sie ähnelte den Stufen in „Der Exorzist“, aber er übertreibt. Dieser entzückende Weg führt zu einem der am besten gehüteten Geheimnisse Bellevilles, vermutlich sogar von ganz Paris: die vergleichsweise isolierte Anhöhe Butte Bergeyre. An ihrer Spitze findet man Kopfsteinpflasterpfade, die zu einem kleinen Weinberg führen. Der wirft im Jahr 100 Liter Clos des Chaufourniers ab und verweist auf Bellevilles Vergangenheit als wichtiger Winzerort. An der Ecke der Rue Georges Lardennois und Rue Rémy de Gourmont, über dem Weingut, eröffnet sich ein Panoramablick über Montmartre. Auf einer Bank raucht man Joints, redet vertraulich über das Leben und hat Sacré-Coeur direkt im Blick – wahrscheinlich sogar aus einer zuvor nie gesehenen Perspektive. Zu Ihrer Linken sehen Sie dann den Eiffelturm. Jedes Haus dieser Straße ist architektonisch einzigartig. Da wir uns auf einem ehemaligen Gipsbruch befinden, darf nicht höher als vier Stockwerke gebaut werden. Man fragt sich, wer hier wohnt. Das Dorfgefühl hier oben wetteifert mit dem seines prestigeträchtigen Nachbarn Montmartre.

Aryanà Francesca Urbani, Filmemacherin und Konfliktforscherin für eine internationale Organisation, zog 2011 nach Belleville. Sie erinnert sich an ihren ersten Eindruck des Bezirks: „Als ich meine Straße das erste Mal hinablief, gab es hier eine kleine, verlassene Baustelle mitsamt dreckiger Matratzen, die man vom Bürgersteig sehen konnte, einen chinesischen Tabakladen, einen Friseursalon, der anscheinend immer geschlossen hatte, und eine Großhandelsbäckerei, in der ausschließlich nachts gearbeitet wurde. Sieben Jahre später findet man hier jetzt statt der verwaisten Baustelle ein schickes Freizeitzentrum, der Friseursalon ist einer Pingpong-Bar gewichen, und aus der Bäckerei wurde ein Pastrami-Deli, wie man es in Berlin oder Brooklyn erwarten würde. Zum Glück bietet der Tabakladen noch Paroli! Belleville verändert sich. Die Eröffnung einer Filiale der Kosmetikhandelskette Sephora vor ein paar Jahren war das Fanal.“

Hotels sieht man kaum in dieser Nachbarschaft, in die sich Touristen selten verirren. Mittlerweile gibt es trotzdem ein paar Hostels wie das Les Piaules Hostel & Bar, das vor zwei Jahren am Boulevard de Belleville eröffnete. Obwohl ich dankbar bin, dass es hier nicht vor Touristen wimmelt, frage ich mich, warum Besucher nicht die Nacht in Belleville verbringen möchten. Wenn man hier wohnt, lernt man schnell, dass der Place de la République nur einen 20-minütigen Spaziergang entfernt liegt oder umgerechnet zwei Haltestellen mit der Linie 11. Sogar das Marais ist zu Fuß erreichbar. Freunde und Familie, die mich hier besuchen, finden die Lage überraschend zentral. Und wenn man das Sightseeing mal eben lassen will, kann man hier beobachten, was Paris heute tatsächlich ausmacht: die Bewohner. „Alle möglichen Leute wohnen in Belleville, von Arm bis Reich. Das kann man mit einem Blick zum Métro- Ausgang erraten. Es ist wirklich gemischt“, sagt Guillaume Hugon, Mitbegründer und Creative-Director der Agentur Golgotha, die seit knapp drei Jahren ihren Sitz in Belleville hat. Er weist darauf hin, dass die Designateliers und Galerien inmitten von Wohnhäusern, öffentlichen Schulen und Cafés am Parc des Buttes-Chaumont bereits seit geraumer Zeit ein Kunstzentrum der Stadt bilden.

In den vergangenen Jahren zog Belleville vermehrt junge Galerien an. Antoine Levi eröffnete hier 2013 eine gleichnamige Galerie mit seiner Partnerin Nerina. „Belleville war für uns aus vielen Gründen die klare Wahl. Zunächst wegen der jungen Galerien, die bereits hier ansässig sind, und dann wegen der Mietpreise, die es uns erlauben, in Künstler zu investieren, ohne von der Pariser Inflation erwürgt zu werden“, sagte er. Bellevilles Gemeindegeist und Solidarität schreibt er der Plattform DOC zu. Der kreative Produktionsort in der Rue du Dr Potain wirkt als eine Initiative, die viele interessante Künstler fördert.

Galerien und Kunstbuchläden wie Antoine Levi, Shanaynay, Galerie Crèvecoeur, Le Plateau, DOC und Exo Exo nennen Belleville schon länger ihr Zuhause. Obwohl sie bisher nicht institutionalisiert wurden, was in anderen Bezirken schon längst der Fall wäre, hat man das Gefühl, dass sie zu wichtigen Akteuren in der französischen Kunstwelt und auf ihrem Markt wachsen. Diese Galerien sind risikofreudiger als ihre etablierteren Kollegen, denn sie zeigen auch jüngere, aufstrebende und lokale Künstler.

Foto: Jack Pierson, Styling: Yasmine Eslami I Mantel: Uniqlo U, Hemd: Lemaire, Ohrring: Privat

Neben Kunstgalerien hat Belleville zudem an Restaurants gewonnen, die Alternativen zu klassischer Pariser Gastronomie anbieten. Lokale wie Le Baratin in der Rue Jouye-Rouve bereiteten den Weg für jüngere Kollegen, indem sie selbstbewusst und kreativ mit diversen neuen Zutaten aus ihrem Umfeld arbeiten. Für die kosmopolitäre Cuisine der in Argentinien geborenen Raquel Carena pilgern Paris’ Köche, Bohemiens, Autoren, Maler, Intellektuelle und gut informierte Touristen seit 30 Jahren in den Pariser Nordosten. Ihre Küche reflektiert die komplexe Rezeptur des Melting- Pots Belleville.

Neben Le Baratin, dem Newcomer Le Grand Bain und der trendigen Tripletta auf dem Boulevard de Belleville, wo man die herrliche Pizza, gebacken in einem Gas- und Holzofen- Hybrid, serviert, gilt die große Auswahl an asiatischem Essen weit und breit als Belleviller Goldstandard.

Dong-Huong auf der Rue Louis Bonnet ist eines der beliebtesten vietnamesischen Restaurants der Gegend. Man liebt es nicht nur für seine umfangreiche Auswahl traditioneller Gerichte, sondern sogar für seine Atmosphäre. Gäste werden durch ein Labyrinth voll besetzter, lauter und chaotischer Räume an ihren Tisch geführt. Manche sagen, es fühlt sich an, als würde man nach Hanoi teleportiert. Außerdem muss ich unbedingt Lao siam hervorheben, da dieses vietnamesische Restaurant auf keiner Pariser Top-Ten-Liste fehlt.

Vor Kurzem lud ich meinen Bruder, einen hemmungslosen Foodie aus London, zum Dumplingessen bei Raviolis Chinois Nord-Est ein. Das Restaurant musste sich wegen seiner anhaltenden Beliebtheit verdoppeln und ist seitdem neben der Rue Civiale auch auf der Rue Saint-Denis zu finden. Dieses zweite Lokal ist moderner eingerichtet und trägt den passenden Namen Raviolis Chinois Nord-Est Saint-Denis. Zehn Schweinefleisch-, Zucchini- und Shrimp-Dumplings für fünf Euro später war mein Bruder, wie er es nennt: gefloored.

Foto: Jack Pierson, Styling: Yasmine Eslami

 

Wenn man drüber nachdenkt, ist Belleville gar keineAnsammlung aufstrebender, neuer oder besonders schöner Restaurants. Die beliebtesten Lokale hier sind köstlich, günstig – und traditionell.

So auch mein persönliches Lieblingsrestaurant Mian Guan in der Rue de Belleville. Jeden Sonntag esse ich hier eine große Schüssel Nudeln in klarer Brühe mit Schweinebratenstreifen. Dem Koch kann man dabei zuschauen, wie er mit bloßen Händen den Teig auf seiner Arbeitsfläche plattklopft. Dieses Klopfen hallt im Restaurant als eine ganz eigenartige Hintergrundmusik wider. Man arbeitet hier mit einer uralten chinesischen Nudeltechnik, bei der man den Teig zwirbelt, in die Länge zieht und endlose Strähnen faltet. Für den fairen Preis von sieben Euro ist dieses Gericht zu einem wöchentlichen Ritual für mich geworden, meist begleitet von einem Kater; manchmal von einem Freund.

Unsere Nachbarschaften entwickeln sich genau wie wir selbst unweigerlich weiter. Belleville hat viele Einflüsse, viele Religionen, Kulturen und Generationen in sich vereint. Dank dieser Diversität passiert hier aber noch etwas. Eine Art echter Fortschritt. Hier in Belleville leben wir alle zusammen. Und es geht allmählich, immer weiter, voran.

Die im Text hervorgehobenen Adressen der Restaurants und Galerien finden sich nachstehend aufgeführt. so nicht anders vermerkt, ist insbesondere bei französischen Restaurants zu beachten, dass in Paris eine Mittagspause gemacht wird: Üblicherweise schließen hier die Lokale nach dem Mittagsservice um 15 Uhr und öffnen erst wieder zum Abendessen gegen 19 Uhr. Außerdem ist eine Reservierung anempfohlen. Anders als in Deutschland kann in Paris überall bargeldlos bezahlt werden.

Café Aux Folies
8 rue de Belleville
Telefon: +33 628 55 89 40

 

Le Grand Bain
14 rue Dénoyez
Telefon: +33 983 02 72 02

 

Le Relais de Belleville
34 rue de Belleville
Telefon: +33 146 36 31 73

 

Galerie Antoine Levi
44 rue ramponeau
Telefon +33 953 56 49 56
Geöffnet von Mittwoch bis einschließlich
samstag von 14 bis 19 Uhr
sowie nach Vereinbarung

 

Kunstbuchladen shanaynay
78 rue des Amandiers
Telefon: +33 658 92 56 40
Geöffnet an Samstagen von 14 bis 19 Uhr
sowie nach Vereinbarung

 

Galerie Crèvecoeur
9 rue des cascades
Telefon: +33 954 57 31 26
Geöffnet von Mittwoch bis Samstag
von 11 Uhr bis 19 Uhr

 

Ausstellungsraum Exo Exo
10 rue Bisson

Le Baratin
3 rue Jouye-rouve
Telefon: +33 143 49 39 70

 

Tripletta
88 Boulevard de Belleville
Telefon: +33 142 54 72 80
durchgehend geöffnet

 

Dong-Huong
16 rue Louis Bonnet
Telefon: +33 143 38 25 74
dienstags geschlossen

 

Lao Siam
49 rue de Belleville
Telefon: +33 140 40 09 68

 

Raviolis Chinois Nord-Est
11 rue civiale
Telefon: +33 175 50 88 03
durchgehend geöffnet

 

Mian Guan
34 rue de Belleville
Telefon: +33 140 33 45 01
durchgehend geöffnet

Foto: Jack Pierson, Styling: Yasmine Eslami

Text: Annabel Fernandes, Übersetzung: Bianca Heuser
Fotos: Jack Pierson, Styling: Yasmine Eslami

Haare: Seb Bascle/Calliste, Make-up: Kathy Le Sant/Open Talent, Produktion: Workingirl, Alexandre Touraine, Models: Jonathan Eap/ Metropolitan Models, Max Fieschi/Elite Model Management, Ambroise/Rockmen, Tarik Elberry, Gabrielle Rul/Oui Management, Liza S/Metropolitan Models, Seb Bascle, Casting-Director: Céline Le Gouil/La Productrice, Foto-Assistenz: Robin Guittat, Styling-Assistenz: Célia Bruneau, Yann Steiner

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