BILL BERNSTEIN
Ein Fotoband zeigt
New Yorks große Disco-Tage

Das New York der Siebziger war rau – und die Menschen suchten Ablenkung im exzessiven Disco-Treiben. Wall-Street-Banker tranzten neben Transexuellen, Künstlern und Stars. Bill Bernstein hat sie fotografiert.

© Bill Bernstein / Reel Art Press

Eigentlich sollte Bill Bernstein in New York ein Dinner mit Lillian Carter – der Mutter des damaligen Präsidenten Jimmy Carter – fotografieren. Dafür schickte ihn die Village Voice an einem Abend in den späten Siebziger-Jahren ins Studio 54 – das immerhin schon so populär war, dass sich die Präsidentenmutter dort zum Galadinner blicken ließ. Doch sobald die exklusive Veranstaltung vorbei war, tauchten die Stammgäste des Clubs auf. Bernstein blieb, kaufte einem Kollegen zehn Rollen Film ab und hörte die kommenden Jahre nicht mehr auf, die Disco-Szene von New York City zu fotografieren.

„Die Stadt steckte in ihrer schlimmsten wirtschaftlichen Krise. New York war beinahe bankrott“, sagt Bernstein. „Die Menschen suchten nach Ablenkung – und im Nachtleben abzutauchen war einer der besten Wege, das Leben draußen für eine Weile zu vergessen.“ Auch weil im Club andere Regeln herrschten als im Amerika der Siebziger. Schwarz und Weiß, Schwule, Transsexuelle und Heteros tanzten einträchtig nebeneinander. „Die Disco war ein Zufluchtsort für LGBT und andere Minderheiten. Niemand wurde beurteilt. Man betrat den Club und war sicher vor den Vorurteilen der Außenwelt.“

Denn nicht nur wirtschaftlich waren die Zeiten unruhig. In den Straßen New Yorks wurde der Kampf für Frauenrechte, die Gleichberechtigung von Homosexuellen und gegen Rassendiskriminierung ausgetragen. Gleichzeitig entstand eine einzigartige Kunstszene. „Als es der Stadt am schlechtesten ging, kamen viele Kreative und Andersdenkenden nach New York. Sie schufen die wichtigste Kunstszene, die die Stadt je gesehen hat. Und viele von ihnen fanden ihren Platz in den Clubs.“

Bernsteins Fotografien dieser Clubszene sind nun im Bildband Disco erschienen. Und obwohl es damals zahllose Stars wie Mick Jagger, Diane von Fürstenberg oder Sylvester Stallone ins Studio 54 zog, interessierten Bernstein vor allem die „normalen“ Clubgänger, die Woche für Woche den Glamour der Disco suchten – Bilder von Andy Warhol oder Klaus Nomi finden sich trotzdem im Buch.

Doch die Disco-Tage währten nicht ewig. Anfang der Achtziger brachten Punk und New Wave den Sound einer neuen Zeit; in Chicago war man von Disco-Platten sogar so genervt, dass man sie in einem symbolischen Akt in Brand steckte. In New York wanderten die Studio-54-Besitzer Steve Rubell und Ian Schrager wegen Steuerhinterziehung ins Gefängnis. Das Auftauchen von AIDS versetzte der Disco-Szene schließlich den letzten Schlag. „Man wusste wenig über die Ursachen der Krankheit, darum gingen die Leute nicht mehr so viel aus“, erinnert sich Bernstein. „Die Party war vorbei.“



Von: Frauke Fentloh



Disco: The Bill Bernstein Photographs RRP £40 / $60, published 16 November 2015 by Reel Art Press. www.reelartpress.com