"Ich glaube an die Magie analoger Fotografie"

Sein Lieblingsmotiv ist ein schätzenswertes Gut: Er fotografiert die Natur rund um Los Angeles und stellt uns seine Freunde vor: Ein Portfolio von David Benjamin Sherry.

Selbstporträt David Benjamin Sherry

Als mich mein alter Freund Beda Achermann darum bat, ein Portfolio meiner künstlerischen Arbeiten zusammenzustellen und diese vielleicht noch mit eigens für Interview aufgenommenen Porträts einiger meiner Freunde hier in Los Angeles zu kombinieren, sagte ich sofort zu. Mir war klar, dass ich daraus dieses größere Projekt entwickeln konnte, mit dem ich schon einige Zeit geliebäugelt hatte: nämlich ebendiese Porträts meines gesamten Freundeskreises.

Seit Längerem schon habe ich das Gefühl, dass ich die besten Tage von Los Angeles miterleben darf; es gibt hier mittlerweile viele junge Menschen, die sich mit Kreativem beschäftigen (und damit stehen sie ja hier in einer Tradition der Künstler, die schon seit den 60er-Jahren in L.A. leben). Hinzu kommt noch ein unbestimmtes Gefühl der Lebendigkeit innerhalb der Kreativgemeinde, definitiv liegt etwas Neues in der Luft.

Ich war hierhergekommen, um im Westen der Vereinigten Staaten leben zu können (ich stamme aus Woodstock an der Ostküste), auch der Landschaft wegen und um in den Genuss der Herzlichkeit zu kommen, die einem hier an der Westküste entgegengebracht wird. Dass ich einfach ins Auto springen kann, um ein ganzes Wochenende lang in der Natur zu fotografieren, hat mich in den vergangenen zehn Jahren, seit ich hier wohne, immer wieder von Neuem belebt und mit ungeahnten Ideen beschenkt.

Der Charakter meines Werkes verändert sich unmerklich, aber beständig. Was sich darin als konstant erweist, ist meine Persönlichkeit. Ich mache keine Trennung von Berufsleben und Privatem. Ich bin ein Umweltschützer, und ich bin schwul, und in meinen Bildern lassen sich diese beiden Aspekte wiederfinden. Ich glaube an die Macht der Fotografie – mehr als an alles übrige andere. Ich glaube an die Magie analoger Fotografie, und ich vertraue auf die Vorstellungskraft des Betrachters, dass sich mein Naturerlebnis auf ihn übertragen lässt. Früher dachte ich, dass der analoge Entwicklungsprozess meiner Kunst schaden könnte, weil es ja doch sehr umständlich ist, die Filme in einer Dunkelkammer zu entwickeln. Hinzu kommt, dass man dort mit hochgiftigen Chemikalien hantiert, die Ergebnisse lassen sich nur schwer voraussagen. Man braucht eine Menge Erfahrung, dazu ist es auch noch teuer und so fort.

Wildfire in Glacier National Park, St. Mary, Montana, August 2015

Aber dann stellte ich beim Machen fest, dass es diese auratisch aufgeladene Arbeit allein im Dunkeln ist, die mich herausfordert – eine anstrengende, eine seelisch auslaugende, eine mich an den Rand des Wahnsinns treibende Tätigkeit. Mir kommt es dann so vor, als würde ich davon besessen.Vermutlich entdecken die Menschen deswegen die Qualität des Analogen wieder: seiner Unberechenbarkeit wegen. Aber auch wegen der unvergleichlich warmen Töne, die das entwickelte Material ausstrahlt, die einfach anders wirken als das Kühle, weniger menschlich Anmutende des Digitalen. Zurzeit gibt es eine Rückbesinnung auf das Analoge in der Fotografie. Vielleicht fällt auch bloß mir das auf, weil mein Blick dafür sensibilisiert wurde, aber ich stelle das an den Wänden der Galerien fest, wo weniger digital erzeugte Fotokunst gezeigt wird als in den Jahren zuvor. Die Trendwende zum Menschlichen beobachte ich ebenso in der Modefotografie und in Hollywood.

Lower Yosemite Falls, Yosemite, California, 2013

Der gesamte Prozess des analogen Fotografierens – vom Belichten des Films in einer Kamera bis zum Erstellen der Abzüge in der Dunkelkammer des Labors – befriedigt meine Ansprüche an die kreative Arbeit zutiefst. Die Vorstellungen eines Malers nehmen in der Auseinandersetzung mit dem Material ihre Gestalt an. Darin finde ich eine Entsprechung in meiner Arbeit mit der analogen Großbildkamera. Ich habe mit sämtlichen Digitalformaten experimentiert, aber ich war nie zufrieden. Die Herausforderung schien mir nicht groß genug. Am Ende hatten die Bilder für mich zu wenig vom Mit-den-eigenen- Händen-Geschaffenen. Vieles erschien mir beinahe schon seelenlos. Haptik und Seele sind für mich aber wesentliche Elemente in meinem Werk.

Mir kommt die Empfindlichkeit des analog erstellten Abzugs entgegen, die alchemistische Komponente, die Gefährdungen, die Geschichtlichkeit des Mediums, das Mystische, die Unwiederbringlichkeit, aber vor allem auch diese Vorstellung, dass ich selbst, bei meiner Arbeit in der Dunkelheit, nun selbst zu einem Arbeiter im Inneren meiner Kamera geworden bin, der dort allein und im Dunkeln das Ergebnis meiner Arbeit hervorbringen kann. Dort stehen mir nur der Vergrößerungsapparat und die Beschaffenheit des Fotopapiers zur Verfügung. Mein Körper wird in diese Gerätschaft integriert. Ich verkörpere nun den Prozess einer Herstellung dieser Bilder, die ich zuvor noch bloß in meinem Kopf hatte.

Canyon de Chelly, Chinle, Arizona, 2013

Zu den Bildern meiner Freunde gibt es für den Betrachter noch Folgendes zu wissen:

Zoe Latta ist ein Teil des Designerduos Eckhaus Latta. Zoe und ich sind uns zum ersten Mal begegnet in einem Haus in den Hollywood Hills, das Miggi Hood gehört. Eine Architektin und Fernsehproduzentin, die ein Händchen dafür hat, eine gute Gästemischung einzuladen. Wie sich an diesem Abend herausstellte, waren Zoe und ich beide eng mit unserer Gastgeberin befreundet – ohne allerdings voneinander zu wissen. Zudem hatten wir beide dieselbe Schule besucht – Rhode Island School of Design –, waren uns dort aber nie über den Weg gelaufen. Ihr Freund, der Künstler Riley O’Neil, baut Marihuana an, das ist sein Hobby. Von daher die Pflanze auf dem Fenstersims.

Zoe Latta, Koreatown, Los Angeles, 2017

Annabel Boardman ist meine Nachbarin von gegenüber in Franklin Hills, einem verträumten Viertelchen im Ostteil von Los Angeles. Sie ist erst 16 Jahre alt, aber sie hat jetzt schon einen besseren Geschmack als beinahe jeder andere Mensch, den ich kenne. Wir haben über unsere gemeinsame Leidenschaft für David Bowie, aber auch für das Okkulte zueinandergefunden. Wenn ich mit meinem Mann verreise, füttert sie unsere Katzen. Sie leiht sich die schwulen Klassiker aus unserem Bücherregal, sie leiht sich VHS- Kassetten mit den Filmen von Kenneth Anger. Sie ist unermüdlich, Los Angeles, diese Stadt, in der sie geboren wurde, mit den Mitteln des öffentlichen Personennahverkehrs zu erkunden. Seit einiger Zeit besucht sie die Kunsthochschule, und es sieht danach aus, dass sie sich mit ihren Drucken und mit ihrer Malerei einen Namen machen wird.

Annabel Boardman trägt BACK

Zoe Ghertner ist eine bekannte Modefotografin, wir haben viele gemeinsame Bekannte. Wir sind
uns über eine Dunkelkammer nähergekommen. Aber nicht darin, sondern weil wir dort jeweils unsere Schichten gebucht hatten und uns nach oder vor der Arbeit auf den Gängen begegnet sind. Sie hat die Kampagnen fotografiert für Proenza Schouler, ein Label, das meinen guten Freunden Jack und Lazaro gehört. Zoe ist zwar bei der Arbeit vom Glitzer umgeben, aber sie lässt das nicht an sich heran, ist bodenständig geblieben. Und das kann man auch daran sehen, dass sie ein Haus in der Wüste besitzt, in Topanga, einer spirituell höchst interessanten Hippiekolonie, wohin sie sich gern mit ihrem Freund, dem Künstler Steven Baldi, verzieht. Die beiden surfen. Nach Malibu ist es von Topanga aus nicht weit.

Zoe Ghertner trägt CÉLINE

Amy Yao hat auch ein Haus dort in Topanga, aber wir kennen uns schon seit Yale. Sie hat Bildhauerei studiert, ich war in der Fotoklasse. Das war im Jahr 2006. Wir wurden einander von gemeinsamen Freunden vorgestellt und fühlten eine Nähe zwischen uns. Seitdem wir beide hier in Los Angeles leben, ist unsere Freundschaft wieder intensiver geworden. Amy kommt ja ursprünglich von hier. Sie surft ebenfalls, sie hat gerade erst eine Ausstellung mit Surferkunst in Malibu kuratiert. Ihre eigenen Werke, unglaubliches Zeug, alles Mixed Media, werden im September in der New Yorker Galerie 47 Canal ausgestellt.

Amy Yao trägt COMME DES GARÇONS

Celeste Dupuy-Spencer ist heute bekannt für ihre Malerei, die unter anderem auf der Whitney Biennal gezeigt wurde. Aber ich kenne sie noch aus einem ganz anderen Zusammenhang, denn Celeste hat sich mir als die Gärtnerin meiner Mutter vorgestellt. Bei uns zu Hause in Woodstock, das war im Jahr 2001. Mit einer meiner Freundinnen vom College, der Filmemacherin Mariah Garnett, ist Celeste schon seit Kindertagen befreundet. Seitdem wir alle drei in Los Angeles leben, hängen wir so oft es geht miteinander herum.

Celeste Dupuy-Spencer, Los Angeles, California, 2017

Ich glaube, dass ich Kate Hall zum ersten Mal in dem Haus getroffen habe, in dem sich mein Studio befindet. Sie hatte dort einen Job, irgendwo. Der Durchbruch war dann auf einer dieser Partys, zu denen RuPaul mit dem Künstler Seth Bogart eingeladen hatte. Man ging dorthin, um sich gemeinsam mit anderen eine Folge von „RuPaul’s Drag Race“ anzuschauen. Wenn ich mich recht erinnere, beschnupperten sich zuerst unsere Hunde und danach wir uns! Kate ist eine geniale Frau mit einer Wahnsinnsenergie.

Kate Hall trägt COME TEES

Mariko Munro wurde für ihre Filme schon mit einigen Preisen ausgezeichnet. Sie ist ein echtes „Valley Girl“. Wie schon von Frank und Moon Unit Zappa besungen. Seit Kurzem wirft sie sich mit ihrem dort erworbenen Enthusiasmus in die Schlacht sowohl gegen gesellschaftliche Missstände als auch gegen ein Fortschreiten der Verschandelung oder gar Zerstörung unserer wundervollen Landschaft und Natur. Aktuell setzt sie sich für die Freilassung von Red Fawn Fallis ein, die bei den Protesten gegen die Dakota Access Pipeline verhaftet wurde. Ach ja: Bevor Mariko nach Los Angeles zurückkehrte, hat sie ein paar Jahre lang die Galerie 303 in New York geleitet. Die Galerie war legendär, die Stadt aber leider nichts für sie.

Extensions and Dimensions, Point Lobos, California, (For Edward Weston), 2014

Text & Fotos: David Benjamin Sherry

Styling: Anna Schiffel

27.11.2017 | Kategorien Fotografie, Magazin, People of Interview

People of Interview / Weitere Artikel

28.11.2017

Andy Warhol's superstar:
In conversation with Bibbe Hansen

Andy always said how he only liked the lookers or the talkers. Bibbe Hansen was, well still is, both.

21.10.2014

In Paris haben alle schon "Flares" getragen

Auf der Suche nach frischem Denim? In Paris steigen gerade alle von Skinny auf Schlag um.

11.08.2014

Most Wanted:
Lola And Grace Anhänger

Grafische Muster und filigrane Details – das sind die Schmucktrends der neuen Saison. Die Filigree Collection von Lola and Grace arbeitet mit ornamental ausgearbeiteten Mustern. Für einen extra …

16.10.2017

PEOPLE OF INTERVIEW
mit Gillmeier/Rech

Sie sind kreativ, sie inspirieren, sie haben den Clou: In dieser Folge unserer Serie stellen die Galeristinnen Verena Gillmeier und Claudia Rech ihre Gang vor.

08.02.2017

#Interview5fabyears
Happy Birthday to us!

Kaum zu glauben, aber wahr – am 15. Februar erscheint die fünfjährige Jubiläumsausgabe der deutschen inter/VIEW. Grund genug, eine anständige Party zu feiern und unseren Lesern etwas …

10.02.2017

Die große inter/VIEW
Jubiläums-Ausgabe ist da!

Ab sofort ist unsere große inter/VIEW-5-Jahres-Jubiläumsausgabe erhältlich und stellt den Gründer Andy Warhol in den Mittelpunkt. Wir verraten Ihnen, was Sie außerdem erwartet.