OFFstage
mit Fotograf
David Biene

Marteria, Queens of the Stone Age oder Jan Delay: David Biene hat rund 100 Musiker für seine Serie OFFstage fotografiert. Direkt nach dem Auftritt – verschwitzt, euphorisch oder völlig erschöpft. Derzeit sind seine Arbeiten in Berlin zu sehen. Wir haben kurz vor der Eröffnung mit ihm gesprochen.

Die Mannequin © David Biene

INTERVIEW: Offstage – in welchem Raum befinden wir uns?

DAVID BIENE: Manchmal ist es schon Backstage und manchmal ist es noch auf dem Weg zum Backstage-Bereich. Aber immer in einem geschützten Raum hinter der Bühne.

INTERVIEW: Wie haben Sie die Idee zur Fotoserie OFFstage entwickelt?

DAVID BIENE: Es sind verschiedene Ideen, die hier zusammen kommen. Früher habe ich Musiker und Bands für Magazine und Plattenfirmen fotografiert, allerdings meistens in einem konstruierten Setting – mehr oder weniger also immer gestellt. Meine Idee hier ist, die Leute genau dann zu fotografieren, wenn sie am „echtesten“ sind. Und das ist nach der Show, wenn das Adrenalin noch zu spüren ist, aber die Hüllen langsam fallen.

INTERVIEW: Glauben Sie, dass man vor einer Kamera wirklich authentisch sein kann? Letztendlich ist jede Fotografie doch immer eine Inszenierung.

BIENE: Ich verstehe, was Sie meinen. Aber ich denke, dass in diesem Moment, ganz kurz nach dem Auftritt, die Wahrscheinlichkeit am größten ist. Das „Authentisch-Sein“ bezieht sich nicht nur auf die Person, sondern auch auf die Umstände. Wenn man gerade eben noch vor 1000 Leuten seine Bühnenfigur gespielt hat und dann hinter der Bühne allein ist, ist das schon ein krasser Break. Ich verändere nichts. Das einzige, was ich in dieser Situation zu der Person sage, ist: „Einmal vor diese Wand stellen bitte!“.

INTERVIEW: Sie geben keine weiteren Regieanweisungen?

BIENE: Nein, darauf verzichte ich komplett. Das will ich nicht beeinflussen – auch nicht, wenn es Gruppen sind. Ich lichte sie so ab, wie sie sich selbst hinstellen. Darin liegt der Reiz. Ich habe festgestellt, je mehr man mit den Leuten spricht, desto schneller ist dieser natürliche Moment weg, weil sie dann schon wieder in ihrem normalen Ablauf ankommen. Dann ist das Feuer weg.

INTERVIEW: Wissen die Musiker vorher, dass Sie sie direkt hinter der Bühne überraschen werden?

BIENE: Ja, auf jeden Fall. Das ist vorher alles abgeklärt und tatsächlich auch der größte Zeitaufwand bei der Sache.

INTERVIEW: Stehen Sie während der Konzerte im Publikum und sehen sich die Band aus der anderen Perspektive an?

BIENE: Ja. Allerdings meistens nur die erste Hälfte, um ein bisschen reinzukommen. Ich muss natürlich vorher meine Sachen aufbauen, damit alles sitzt, wenn nach der Show die Tür aufgeht.

 

David Biene: “Ich bin nicht Backstage, um dort abzuhängen, das Catering leer zu fressen und Selfies mit der Band zu machen.”
Tweet this

INTERVIEW: Welche Kriterien muss eine Band erfüllen, damit Sie sie fotografieren wollen? Wählen Sie nach persönlichem Geschmack aus?

BIENE: Nein, es geht nicht nach Geschmack. Ich wollte in dieser Serie viele Genres zeigen, möglichst national und international gemischt. Mir ist wichtig, dass mit den Leuten etwas passiert. Dass man ihnen ihre Leidenschaft ansieht. Insofern ist das vielleicht das einzige Kriterium, was ich habe.

INTERVIEW: Welches ist ihr ganz persönliches Lieblingsbild?

BIENE: Eines meiner Lieblingsbilder ist das von Charles Bradley. In dem Fall auch, weil ich seine Musik unheimlich gerne mag. Der Typ ist einfach wahnsinnig herzlich und emotional. Ihn beim Konzert zu erleben ist schon der absolute Wahnsinn, ihn dann aber auch noch persönlich zu treffen und seine unglaubliche Wärme und Leidenschaft zu spüren, einfach irre.

INTERVIEW: Ich könnte mir vorstellen, dass manch einer keine Lust darauf hat, sich schweißgebadet und völlig erschöpft ablichten zu lassen? Wir sind doch alle immer so eitel…

BIENE: In den allermeisten Fällen finden die Musiker meine Idee super. Problematisch wird es höchstens mal mit den Leuten, die nicht so direkt mit dem Live-Ding zu tun haben, Plattenfirmen zum Beispiel. Für die stellt es eben kein Plus da, mir das Foto zu ermöglichen.

INTERVIEW: Welches war die skurrilste Situation, die Sie Backstage erlebt haben?

BIENE: Da gibt es eigentlich gar nicht viel zu erzählen. Ich bin mir darüber bewusst, dass ich mich dort in einem Raum bewege, in dem ich eigentlich nichts zu suchen habe. Und dann will ich da auch noch fotografieren! (lacht) Man sollte diesen Privatbereich respektieren. Ich bin nicht Backstage, um dort abzuhängen, das Catering leer zu fressen und Selfies mit der Band zu machen.

INTERVIEW: Kein Selfie-Fan?

BIENE: Nicht wirklich. Vor allem nicht in dieser Situation. Die Möglichkeit, so etwas überhaupt machen zu können, steht und fällt damit, wie man sich dort verhält. Ich mag’ dieses „Pseudo-Buddy-Getue“ sowieso nicht und genauso wenig ist Fan-Sein hier angebracht.

INTERVIEW: Die Serie OFFStage haben Sie analog fotografiert. Warum?

BIENE: Früher habe ich natürlich alles auf Film gemacht. Heute schieße ich meine Auftragsarbeiten durchgehend digital, weil die Kunden das so wollen. Aber meine freien Arbeiten fotografiere ich lieber auf Film. Mit einer Hasselblad, das ist eine klassische Mittelformatkamera und meine Lieblingskamera.

 

David Biene © DMathesius

INTERVIEW: Eigentlich ist die Serie ja schon abgeschlossen. Für welchen Künstler würden Sie sie dennoch erweitern?

BIENE: In der Idee, möglichst viele Genres abdecken zu wollen, würde ich eigentlich gern noch Klassik dabei haben. Einer, der mir durch sein Engagement aufgefallen ist, ist definitiv Daniel Barenboim. Er leitet ein palästinensisch-israelisches Orchester und dirigiert oft an der Philharmonie in Berlin. Ihn würde ich unbedingt gerne dabei haben. Dann wäre die Serie für mich komplett.

INTERVIEW: Welche Fotografen und Fotografinnen haben Sie persönlich beeinflusst?

BIENE: Das ist schwer zu sagen und ich bin extrem schlecht mit Namen! (lacht) Es gibt viele, die ich unheimlich toll finde. Dazu gehört zum Beispiel Albert Watson. Vor ein paar Jahren habe ich eine Ausstellung von ihm in den Deichtorhallen gesehen. Peter Lindbergh finde ich auch großartig und Roger Melis – der bekannte DDR-Modefotogaf. Ich hatte das Glück ihn als Dozenten zu haben.

INTERVIEW: Können Sie sich auch vorstellen, mit einer Band länger auf Tournee zu gehen, so wie Juergen Teller mit Nirvana?

BIENE: Oder wie Anton Corbijn mit Depeche Mode. Er gehört übrigens auch zu den Fotografen, die ich sehr mag. Auf jeden Fall hätte ich da tierisch Bock drauf. Gerade weil ich neben den Porträts auch Reportagen sehr gerne mache.

INTERVIEW: Musikfotografie ist also ihr Ding?

BIENE: Schon. Heute habe ich leider nicht mehr viel damit zu tun, weil man damit kein Geld mehr verdient. Obwohl es mich immer noch sehr reizt. Es verbindet meine Liebe zur Musik mit meinen großen Leidenschaften – Porträtfotografie auf der einen und Reportagefotografie auf der anderen Seite.

Aktuell werden Arbeiten aus gleich zwei Serien des Fotografen in Berlin gezeigt. Neben OFFstage sind in der SevenStar Gallery auch Fotografien aus der Serie Hopped-Up zu sehen, die bereits 2009 als Bildband erschienen. Weitere Infos zu David Biene finden Sie hier und hier.


OFFstage by David Biene

SevenStar Gallery, Berlin

bis 5.11.2016, Di.- Sa. von 15-19 Uhr

Artist Talk, 20.10.2016

Finissage 3.11.2016