Wovon wir träumen

Bei Ryan James Caruthers ist das die Welt des Sports. Durch eine Krankheit, die seinen Brustkorb nach innen wachsen ließ, ist ein athletischer Körper seit seiner Jugend zum unerreichbaren Ideal geworden. In seiner coming-of-age Fotoserie Tryouts inszenierte er – der zarte, gehandicapte Schönling– sich an seinen vor Männlichkeit strotzenden Traumorten, wie dem Fußballplatz oder beim Bankdrücken.

© Ryan James Caruthers

Was Männlichkeit für den jungen Fotografen Ryan James Caruthers bedeutet? Starke, muskulöse Körper, wie man sie aus der Welt des Sports kennt. Weil Caruthers an der sogenannten Trichterbrust leidet (was eine Veränderung der Knorpelverbindungen zwischen Brustbein und Rippen bedeutet, wodurch sich die vordere Wand des Brustkorbs nach innen senkt) wird der Traum von einem breiten Torso für ihn immer ein Traum.

Aufgewachsen in New Jersey, wo laut Caruthers zumindest für Jungs Sport selbstredend dazu gehörte, nahm er schnell die Außenseiterrolle ein. Nicht nur das isolierte Gefühl, nicht reinzupassen können, wo man reinpassen will, sondern auch das Wechselspiel zwischen vermeintlich männlichen und weiblichen Stereotypen, zeichnen die starken Bilder des 22-Jährigen aus. Da treibt dann ein verletzlicher Körper gedankenversunken im Pool oder ein Junge mit blutender Nase und Rugby-Ohrenschutz streckt die Arme sehnsüchtig gen Himmel.

 

Der Junge ist Caruthers selbst. Seit jungen Jahren porträtiert der Amerikaner sich selbst. So weiß er auch, wie man durch Gesten dramatisiert und poetische Bilder schafft.

Das Schöne an Caruthers Geschichte: Sie zeigt einem wieder, dass man nie weiß, wie das Leben spielt und aus etwas vermeintlich Schlechten etwas Gutes entstehen kann. Denn es war gerade sein außergewöhnlicher Körper, der Caruthers seinem Idol Hedi Slimane näher brachte. Wie so manch großen, schlanken Jungen mit hübschem Gesicht, entdeckte ihn die Modewelt für sich. Slimane, der fasziniert ist von andersartigen Körpern, schickte ihn für eine seiner Saint Laurent-Shows über den Laufsteg. Auch in seiner Fotoästhetik und in der Art, Bilder zu kuratieren, beeinflusste Slimane ihn sehr.

Wie es sich anfühlen muss, für seinen Körper von den einen Ablehnung und von den anderen Anerkennung zu erfahren, kann man dank der bewegenden Bilder des 22-Jährigen erahnen.

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