Blick in amerikanische Abgründe

James Baldwins „The Fire Next Time“ erscheint mit Fotos von Steve Schapiro.

Previously Published Along the march for voting rights, Selma to Montgomery, Alabama, 1965. © 2017 Steve Schapiro

Eigentlich wollte James Baldwin bloß einen Brief an seinen Neffen schreiben. Aus den Zeilen, mit denen der Schriftsteller einem Fünfzehnjährigen Mut zusprach, entstand eine weltberühmte Schrift. The Fire Next Time erschien 1962 im Magazin New Yorker, in ihr beschreibt Baldwin das Trauma des Rassismus. Baldwin war dem aggressiven Klima, dem er als Schwarzer und Homosexueller in den USA ausgesetzt war, Ende der Vierziger-Jahre nach Paris entflohen, kehrte aber zurück, um sich der aufkeimenden Bürgerrechtsbewegung anzuschließen. Toni Morrisson schrieb über ihn, er habe der amerikanischen Sprache ihre bösen Geheimnisse entrissen und sie mit Eleganz neu geformt.

Baldwin, 1924 in Harlem geboren und Stiefsohn eines Predigers, starb vor dreißig Jahren in Frankreich, doch es verwundert wenig, dass er angesichts des politischen Klimas in den USA eine wahre Renaissance erfährt. Raoul Pecks Dokumentarfilm I Am Not Your Negro wurde für den Oscar nominiert und erzählt – unter Zuhilfenahme der Stimme von Samuel L. Jackson – von Baldwins Leben und Werk. Der Schlüsseltext The Fire Next Time wird derweil im Taschen Verlag neu aufgelegt, und zwar sehr passend illustriert mit Fotografien von Steve Schapiro.

Previously Published James Baldwin was born in Harlem Hospital on August 2, 1924, and grew up in the urban North. After Schapiro read his story in The New Yorker, he knew he had to photograph the author, and convinced Life magazine to run a major story on him. They started in Harlem before continuing on to the South. © 2017 Steve Schapiro

Lange bevor Schapiro Jodie Foster am Set von Taxi Driver fotografierte und als Hollywood-Chronist zu Weltruhm gelangte, dokumentierte er, selbst Aktivist, das Schicksal der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung.

Er fotografierte Martin Luther King und immer wieder James Baldwin. Schapiro war dabei, als die Bürgerrechtler in Washington auf die Straße gingen und in Selma von Polizisten niedergeknüppelt wurden. Er fotografiert in den Straßen von Harlem und in den Südstaaten, wo ihm immer wieder auch glühende Anhänger der Rassentrennung vor die Linse kamen. Eines der bewegendsten Bilder des Buches aber ist das eines leeren Hotelzimmers, aufgenommen am 4. April 1968. Dort, im Lorraine Motel in Memphis, Tennessee, hatte Martin Luther King seine letzten Stunden verbracht, bevor er erschossen wurde. Auf dem Tisch liegt sein offener Koffer, der Fernsehsprecher im Hintergrund verkündet die Nachricht von Kings Tod.

James Baldwin. The Fire Next Time. Photographs by Steve Schapiro. James Baldwin, Steve Schapiro, John Lewis, Gloria Karefa-Smart, Marcia Davis Hardcover-Band im Schuber, im traditionellen Hochdruckverfahren auf zwei verschiedenen Papiersorten gedruckt, mit eingeklebten Manuskriptseiten, 24 x 34 cm, 272 Seiten € 200