GALLERY WEEKEND SPECIAL - Teil 2:
Von Kreuzberg bis Charlottenburg

Vom 1.–3. Mai findet das elfte Gallery Weekend Berlin statt. INTERVIEW hat eine Vorauswahl getroffen und schickt Sie, mit nützlichem und sehr nützlichem Wissen präpariert, auf dem besten Weg durch die Hauptstadt.

 

Teil 2: Von Kreuzberg nach Charlottenburg

Richard Mosse, Dead Leaves and Dirty Ground II, 2011

GALERIE: Carlier | Gebauer

KÜNSTLER: Maria Taniguchi, Richard Mosse

ORT: Markgrafenstraße 67

Der britische Fotograf Richard Mosse dokumentiert mit seiner Serie Infra den Krieg zwischen Rebellen und der Armee der Demokratischen Republik Kongo. Mit der Farbgebung hofft er, zum Hinschauen anzuregen.

Dinner Talk: Mosse verwendet Kodak Aerochrome, einen Infrarotfilm, der Grüntöne in leuchtendes Rot und Pink verwandelt. Der 16-mm-Film wurde in den 40er-Jahren entwickelt, um Tarnungen in der Landschaft zu entdecken. Mosse war fasziniert von der Idee, das Unsichtbare sichtbar zu machen, und so die Katastrophe des Krieges zu verdeutlichen.

_______________________________________________________

GALERIE: Johann König

KÜNSTLER: Katharina Grosse, Jeppe Hein

ORT: St.-Agnes-Kirche, Alexandrinenstr. 118–121

Katharina Grosse, Jahrgang 1961, steht für eine farbintensive, vielfach geschichtete und expansive Malerei. In The Smoking Kid?, ihrer dritten Ausstellung in der Galerie König, präsentiert Katharina Grosse Leinwände, die wie gemacht scheinen für den imposanten, hohen Raum in der neu eröffneten St.-Agnes-Kirche.

DINNER TALK: Schon seit 2004 werden in St. Agnes keine katholischen Gottesdienste mehr abgehalten. 2011 pachtete Galerist Johann König das Gebäude und ließ es in den vergangenen zwei Jahren durch den Architekten Arno Brandlhuber gründlich umbauen. Königs Pachtvertrag beläuft sich auf 99 Jahre.

_______________________________________________________

Tobias Putrih, Guardians (Euripides / Yoda), 2015

GALERIE: Galerija Gregor Podnar

KÜNSTLER: Tobias Putrih

ORT: Lindenstr. 35

Der slowenische Künstler Tobias Putrih arbeitet mit alltäglichen Materialien. Vorzugsweise verwendet er Pappe, Karton, Styropor oder Sperrholz und baut daraus wackelige Türme, schwingende Bögen und überdimensionale Höhlen. Seine leicht ironischen und raumgreifenden Werke beeindrucken oft durch ihre utopische und instabil anmutende Architektur.

DINNER TALK: Tobias Putrih zählt zu den bekanntesten und geheimnisvollsten slowenischen Künstlern seiner Generation. Der 42-Jährige sagte einmal: „Ich versuche zu lernen, wie man ein Objekt macht, und das ist harte Arbeit für mich, denn in den meisten Fällen fühle ich mich besser, wenn das Objekt nicht existiert.“ Klingt, als arbeite er an einer Kunst des Verschwindens.

_________________________________________________________

Thomas Bayrle, Gerano Pavesi | Church, 2015

GALERIE: Barbara Weiss

KÜNSTLER: Thomas Bayrle

ORT: Kohlfurter Straße 41/43

Masse ist das Stichwort im Werk des Künstlers Thomas Bayrle: Massenware, Mustermasse, Massenkonsum – was in der Schau bei Barbara Weiss unter anderem zu einem Werk führt, bei dem er Jesus an eine Art Kran bindet, unter den sich eine Fabrik duckt. Wir vermuten mal: Produktionssteigerung als Religion.

DINNER TALK: Bei der documenta 13 zeigte Bayrle 2012 im Keller der documenta-Halle ein acht Meter hohes und über 13 Meter breites Schwarz-Weiß-Bild eines Flugzeugs, das aus unzähligen kleinen Flugzeug-Bildern zusammengesetzt war. Sieben montierte Automotoren spulten dazu Gebetstexte ab. Bundespräsident Gauck war damals begeistert: „Das ist eine interessante Verbindung von Maschinen mit der geistlichen Dimension, (…) so etwas habe ich noch nicht gesehen.“

________________________________________________________

Laura Owens, Untitled, 2014

Friedrichshain

GALERIE: Capitain Petzel

KÜNSTLER: Laura Owens

ORT: Karl-Marx-Allee 45

Die amerikanische Künstlerin Laura Owens ist für ihre naiv anmutenden Landschafts- und Tiergemälde bekannt, die diverse kunsthistorische Anleihen und malerische Techniken in sich vereinen. Tierfreunde müssen allerdings angesichts der bei Capitain Petzel gezeigten Arbeiten tapfer sein. Vierbeiner sucht man darauf vergeblich. Dafür sind sie lebhaft und bunt.

DINNER TALK: 2004 eröffnete das Museum of Contemporary Art in Los Angeles eine Retrospektive mit dem Gesamtwerk von Laura Owens. Zu diesem Zeitpunkt war sie gerade mal 34 Jahre alt und damit die jüngste Künstlerin, der diese Ehre im MOCA bislang zuteil wurde.

_______________________________________________________

Mark Flood, Disaster Management, 2015

GALERIE: Peres Projects

KÜNSTLER: Mark Flood

ORT: Karl-Marx-Allee 82,

Mark Floods Eröffnung zum Gallery Weekend trägt den komplizierten Titel Astroturf Yelp Review Says Yes. Zum allerersten Mal werden Arbeiten aus seiner neuen Serie aged gezeigt. Außerdem stellt Peres Projects seine Bilder aus den schon bekannten Werkgruppen text, social media grid und logo aus.

DINNER TALK: Mark Flood, Jahrgang 1957, kommt aus Houston, Texas. Er arbeitet seit 2008 mit Peres Projects zusammen. 2010 waren alle seine Arbeiten schon vor der Eröffnung ausverkauft. Zwischenzeitlich kursierte das Gerücht, Flood schicke einen Doppelgänger zu seinen Eröffnungen, um sich so der Öffentlichkeit zu entziehen.

_______________________________________________________

Isa Genzken, Grün-orange-graues Hyperbolo 'El Salvador'", 1980

Charlottenburg

GALERIE: Galerie Buchholz

KÜNSTLER: Isa Genzken

ORT: Fasanenstraße 30

Isa Genzken, 66, zeichnet sich durch ein vielfältiges Œuvre aus, das Skulpturen, Installationen, Filme, Fotografien und Gemälde umfasst. Sie zählt zu den bekanntesten deutschen Künstlern der Gegenwart. 2013 richtete das MoMA in New York ihr zu Ehren eine große Retrospektive aus.

DINNER TALK: Die Künstlerin Isa Genzken war von 1982 bis 1993 mit dem Maler Gerhard -Richter verheiratet. Heutzutage lebt und arbeitet sie in Berlin. Mit ihrem Galeristen Daniel Buchholz verbindet sie eine Arbeitsbeziehung, die schon über 25 Jahre andauert. Im Gespräch mit INTERVIEW sagte sie einmal: „Ein Künstler ist schon im Bauch ein Künstler, also bevor er geboren wird. Denn er schaut sich schon im Bauch um. Auch wenn die Augen noch geschlossen sind.“ Zumindest vom Bauchgefühl her klingt das irgendwie einigermaßen plausibel.

_______________________________________________________

François Morellet, Néons 3D : 15°-90°-50°, 2015

Tiergarten

GALERIE: Blain | Southern

KÜNSTLER: François Morellet

ORT: Potsdamer Straße 77–87

François Morellet, Jahrgang 1926, ist bekannter Vertreter der geometrischen Ab-straktion und der Meister der Neonröhre. Bei Blain | Southern zeigt der französische Künstler neue und alte Arbeiten: Eine großformatige Vinyl-Installation sowie eine Gruppe von Neon- und Leinwandwerken. Seine letzte Einzelausstellung in Berlin hatte Morrellet 1977 in der Neuen Nationalgalerie, die damals wirklich noch ziemlich neu war.

DINNER TALK:

François Morellet hat neben der Eröffnung noch einen weiteren Grund zum Anstoßen. Am 30. April wird der Künstler 89 Jahre alt und zur Feier des Tages sogar beim Gallery Weekend anwesend sein.

_______________________________________________________

Navid Nuur, Passage, 2014

GALERIE: Galeria Plan B

KÜNSTLER: Navid Nuur

ORT: Potsdamer Straße 77-87,
2. Hinterhof, Gebäude G

Der in Teheran geborene Künstler Navid Nuur beschreibt seine Arbeiten selbst als Interimodule. Sie befinden sich für ihn in einem Zwischenraum. Der Zuschauer soll kein finales Kunstwerk erleben, sondern vielmehr die Entwicklung der Arbeit erfahren. Dass seine Werke unfertig sind, liegt also nicht daran, dass sie nicht fertig wurden. Das Ergebnis fordert den Betrachter. Mal ist es ein unangenehmer Vorhang aus Sandpapier, mal eine unüberwindbare Mauer im Galerieraum oder eine Wand, gespickt mit Dartpfeilen aus Papier.

DINNER TALK: Die Galeria Plan B hat ihren Ursprung in Rumänien. Ihr Name bezieht sich auf die unzureichende staatliche Unterstützung für Kunsträume in ihrem Heimatland.

_______________________________________________________

Daniel Steegmann Mangrané, Phantom 2

GALERIE: Esther Schipper

KÜNSTLER: Daniel Steegmann Mangrané

ORT: Schöneberger Ufer 65

Der in Brasilien lebende katalanische Künstler Daniel Steegmann Mangrané hat exklusiv zum Gallery Weekend seinen neuen Film mit herrlich langen Titel Spiral Forest (kingdom of all the animals and all the beasts is my name) fertiggestellt. Dieser wurde mit einer Spezialkamera gedreht, die während der Aufnahme eine 360-Grad-Rotation in jede Richtung erlaubt, was, salopp gesagt, zu Bildern führt, nach denen man sich umschauen wird.

DINNER TALK: Für die ganzheitliche Erfahrung bei Esther Schipper bekommt der Besucher die Möglichkeit, sich in eine 3-D-Optik zu versetzen. Hierfür entwarf der Künstler individuelle Headsets, die sich „Oculus Rift“ nennen und an überdimensional große Taucherbrillen erinnern. Da kann sich James Cameron schon mal warm anziehen.

_______________________________________________________

„Teil 1: Die Kunsttour durch Mitte“ gibt es hier.

 

von: Anneli Botz