Tanzen als Befreiungssakt:
Fotografien von Harald Hauswald

Jahrzehntelang schlummerten diese Fotografien im Archiv. Jetzt sind die bewegten Impressionen aus dem Alltag der DDR in der Ausstellung Tanz in den Mai in Berlin zu sehen – und dokumentieren ein Stück Zeitgeschichte.

Harald Hauswald: Frannz Club Vintage-Print Schwarz-Weiß-Print auf ORWO Papier 1988, Courtesy Harald Hauswald

Wie feierte eigentlich die DDR? Die Fotos dieser Serie, die alle zwischen 1980 und 1989 entstanden, geben Antwort. Sie erzählen von durchtanzten und wilden Nächten in damaligen Szenelokalitäten in Ost-Berlin, wie dem legendären Prater oder Frannz Club. Neben Bildern, die auf Punkkonzerten in Chemnitz (damals Karl-Marx-Stadt) oder auf Jazzfestivals in Woltersdorf aufgenommen wurden, befinden sich zudem Reiseeindrücke, die Hauswald beispielsweise an der Ostsee sammelte, in dem Bilderkonvolut. Auch dort fotografierte er Dorffeste oder, wie er es nennt, den „Dorfbums“.

All seine Impressionen haben dabei eines gemeinsam – das Moment des Tanzens. Die Schwarz-Weiß Bilder sind Ausdruck von Lebensfreude, Ausgelassenheit und einem Stück Freiheit – nicht zuletzt durch seine Protagonisten erzeugt, die sich trotz ständiger Restriktionen und Überwachungen die Freude an der Musik und dem Tanzen nicht nehmen ließen. Mitunter hielt Hauswald auch absurd-lustige Gesten fest, die seine Bilder eben so „nah am Leben“ erscheinen lassen. Zu Recht wurde er deshalb bereits als Chronist seiner Zeit bezeichnet.

Harald Hauswald: Punkkonzert Freilichtbühne Weißensee Vintage-Print Schwarz-Weiß-Print auf ORWO Papier 1988, Courtesy Harald Hauswald

Die 21 Abzüge analoger Aufnahmen, die zur Zeit ausgestellt werden, stammen aus dem übrig gebliebenen Archiv der ostdeutschen Kulturzeitschrift Das Magazin. Außer einer Plastikwanne und einem Aktenschrank mit aufbewahrten Unterlagen ist aber kaum noch etwas aus dem Nachlass der Publikation vor 1990 erhalten. Hauswalds Fotografien, die mittlerweile als historische Zeitdokumente gelten können, befanden sich (zum Glück) darunter, wechselten ihren Besitzer in den 90er und 2000er Jahren jedoch häufig. Kirsten Hermann, Inhaberin der Galerie für Moderne Fotografie, hat sich der besonderen Geschichte dieser Fotografien nun angenommen und zeigt damit zugleich wie zeitlos und aktuell ihr Inhalt noch immer ist.

 

Harald Hauswald: Faschingsfete Husemannstraße (In einem Pub in Berlin/Prenzlauer Berg) Vintage-Print Schwarz-Weiß-Print auf ORWO Papier 1985, Courtesy Harald Hauswald

Der 1954 in Radebeul geborene und seit 1972 in Berlin lebende Fotograf Harald Hauswald, der übrigens ein Mitbegründer der Berliner Fotoagentur Ostkreuz ist, startete seine Karriere mit eben diesen Tanzbildern und wurde 1989, kurz vor dem Fall der Mauer, noch in den Verband Bildender Künstler aufgenommen, wodurch er endlich von einem Druckverbot in der DDR befreit werden konnte. Zuvor hatte er seine Bilder häufig unter anonymen Namen an Westmedien verkauft, etwa die Taz, das Zeitmagazin oder Geo. „Ich wollte halt frei sein, machen was ich wollte“, sagt Hauswald rückblickend. Seinen Fotografien merkt man an, dass er seinen Beruf und das Leben liebt. Hoffentlich tanzt er auch genauso gern.

Wir zeigen eine Bildauswahl:

Die Ausstellung Harald Hauswald | Tanz in den Mai läuft noch bis zum 27. Juni 2015.

Galerie für Moderne Fotografie, Schröderstraße 13, 10115 Berlin

Von: Insa Grüning