DIS:
Respect!

Die Berlin Biennale fand früher in Abrissbuden oder Partykellern statt. Die diesjährigen Kuratoren vom Künstlerkollektiv DIS laden in eine Wirtschaftsschule oder auf einen Dampfer – und hinterfragen so die Rolle von Kunst im kommerziellen Raum.

Narrative Devices (Berghain), „Not in the Berlin Biennale“, 2016, featuring Tilman Hornig: GlassPhone, Video Still

INTERVIEW: In den kommenden Wochen werden in der Akademie der Künste am Pariser Platz Gemüsesäfte und sogar Fitnessstunden angeboten. Geht es da noch um Kunst?

DIS: Durchaus. Der Gemüsesaft wird in der Saftbar Mint ausgeschenkt, die die mexikanische Künstlerin Débora Delmar für die Biennale aufbaut. Mint bedeutet auf Englisch Münzanstalt. International wird Mint aber auch als Akronym für die Schwellenländer Mexiko, Indonesien, Nigeria und die Türkei verwendet. Die Künstlerin Débora spielt mit diesen Bedeutungsebenen und adressiert gleichzeitig den gesundheitsgetriebenen Lifestyle, der das Leben hier dominiert. Es ist interessant, wie viele Widersprüche und Unsicherheiten ein einziger Saft auslösen kann: Macht er dick oder dünn? Schmeckt er oder nicht? Ist er umweltverträglich, oder schadet er dem Ökosystem? Der grüne Saft lässt uns durch mikro- und makrokosmische Fragen reisen.

INTERVIEW: Bisher traf man sich bei der Berlin Biennale in der Auguststraße immer in den Kunst-Werken – Institute for Contemporary Art. Sie veranstalten die Schau in der Akademie der Künste. Warum?

DIS: Viele Gebäude drumherum sind mit traditionellen Fassaden und hypermoderner Innenarchitektur ausgestattet so wie die DZ Bank, die der Architekt Frank Gehry entworfen hat. Uns faszinierte diese Glasästhetik – auch das Paul-Löbe-Haus, das in unmittelbarer Nähe liegt. Glas repräsentiert die deutsche Staatsmacht. Aber auch aus praktischen Gründen ist der Ort ideal. In diesem Jahr ist die Laufzeit der Biennale ungewöhnlich lang. Einen Raum für vier Monate zu mieten ist ziemlich schwierig. Wir haben erst eine Menge staatlicher Gebäude besucht, ehemalige Regierungssitze der DDR, die alte US-amerikanische Botschaft. Aber viele dieser Häuser wurden privatisiert. In anderen Häusern gibt es keinen Strom oder fließendes Wasser. In einer Zahnarztpraxis, die wir uns anschauten, klebte noch das Blut im Flur.

INTERVIEW: Nun besetzen Sie neben der Akademie der Künste auch kommerzielle Orte wie die ESMT European School of Management and Technology und einen Spreedampfer. Ist das als Ermahnung an den Ausverkauf der Kunst zu verstehen?

DIS: Wir fühlen uns als Kuratoren wie Touristen – nicht in der Stadt Berlin, aber in der Kunstinstitution. Wir behaupten nicht, sie zu verstehen. Wir untersuchen sie und reagieren auf ihre Regeln. Die Bootsfahrt auf einem Spreedampfer war für uns ganz klassisches Sight­seeing-Programm und damit Teil unseres Jobs. Die ESMT sitzt im ehemaligen DDR-Staatsratsgebäude. Heute werden hinter den Mauern einer sozialistischen Architektur Klassen auf Englisch unterrichtet und die deutschen Aktienkurse auf Fernsehern übertragen. Der Zusammenprall der Ideologien charakterisiert die Berlin Biennale.

Directions to KW, „Not in the Berlin Biennale“, 2016, Still aus: Ryan Trecartin: CENTER JENNY, 2013, HD video

INTERVIEW: Das Biennale-Logo erinnert an das der Deutschen Bank. Wem nützt das: der Bank oder der Biennale?

DIS: Wir wollten einfach nicht, dass unser Branding sofort als Biennale erkennbar wird. Und wir wollten, dass es etwas mit der Stadt zu tun hat. Die Deutsche Bank betreibt ja in Berlin eine Kunsthalle. Wir interessieren uns für die Repräsentation von Kunst in anderen Bereichen als dem Kunstbetrieb. So wie in einem TV-Spot der Deutschen Bank. Da tritt das Logo als Transportkiste für Kunst auf. Uns hat einfach umgehauen, dass es von dem Unternehmen wie eine Art Skulptur behandelt wird.

INTERVIEW: Es gibt noch ein anderes Unternehmen, das der eine oder andere auf der Biennale erkennen wird: Airbnb.
DIS: Ja, das Kollektiv Åyr nannte sich früher einmal Airbnb Pavilion, bis Airbnb die Künstler verklagte und ihren Instagram-Account beschlagnahmte. Sie untersuchen die Auswirkungen des Internets auf unseren Wohnraum und unsere Beziehungen. Das Unternehmen Airbnb erlaubt ja Privatpersonen, sich in andere Wohnungen einzumieten. Mittlerweile nutzen die meisten die Domain aber zu reinen Erwerbszwecken. Das verändert alles.

INTERVIEW: Sie arbeiten ebenfalls als Kollektiv. Welche Geschichte verbirgt sich hinter Ihrem Namen, dem Präfix Dis-?

DIS: DIS entstand 2008 nach der Finanzkrise – in einer Post-Krisen-Stimmung unter Freunden. „Dis-“ kann vor fast jedes Wort gestellt werden, und der darin angekündigte Antagonismus war sicherlich zu Beginn ein großer Motor. Mittlerweile haben wir aber ein Gleichgewicht gefunden zwischen celebration und critique. Wir haben ein großes Netzwerk etabliert, das uns auch bei unserer Arbeit für die Biennale geholfen hat. Ausgestellt werden einige unserer langjährigen Begleiter: Ryan Trecartin und Lizzie Fitch, Telfar, Babak Radboy, GCC. Mit anderen arbeiten wir zum ersten Mal wie Alexandra Pirici, Adrian Piper, CUSS-Group, Josephine Pryde. Die Teamstruktur ist für uns interessant, weil wir Kompromisse finden müssen und mit Widerspruch konfrontiert werden.

INTERVIEW: Worin liegt der größte Widerspruch in Ihrer Arbeit als Kuratoren der 9. Berlin Biennale?

DIS: Den größten Konflikt löste sicherlich die Suche nach Orten aus. Aber das bedeutet nicht, dass wir genervt und erschöpft sind von der Arbeit an einer institutionellen Ausstellung. Wir sind im Gegenteil extrem motiviert – ein wenig so wie der Tourist, der aufgeregt aufwacht, um sich das Brandenburger Tor anzuschauen, an dem Berliner jeden Tag vorbeiradeln, ohne es zu bemerken.

 

Die 9. Berlin Biennale öffnet vom 4. Juni bis 18. September 2016 an diversen Orten in Berlin. Der Online-Auftritt der Veranstaltung informiert Sie über das Programm und die teilnehmenden Künstler.

Von: Antje Stahl | Porträt: Sabine Reitmaier

02.06.2016 | Kategorien Ausstellungen, Berlin, Event, Interviews, Kunst | Tags , ,

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