"Wenn ich mit ihr ringe, bemerke ich,
dass die Schwerkraft gegen mich ist"

Tanz auf zerbrochenem Glas: Die einzigartige Performance des japanische Star-Choreographen Saburo Teshigawara in den Räumen Collezione Maramotti.

Foto: Courtesy of Collezione Maramotti

Wenig Licht erhellt den Raum. In der Mitte steht Rihoko Sato, fragil, anmutig, fast genauso zerbrechlich wie der Untergrund, auf dem die Tänzerin steht. Dann betritt auch Saburo Teshigawara die Bühne: eine Fläche aus unzählbar vielen Glasscherben, auf der die Performance „Pointed Peak“ stattfinden soll. Dieses Stück hat Teshigawara eigens für die Collezione Maramotti entwickelt, wo nun auf den symbolträchtigen Scherben im Tanz gerungen wird: Um Nähe, die ja bekanntlich zwischen zwei Menschen nur unter Einsatz des Lebens hergestellt werden kann.

Teshigawara, der nach einen klassischen Ballett-Ausbildung einen einzigartigen Performance-Stil entwickelt hat und sich immer wieder künstlerisch mit dem Thema der Metamorphose auseinandersetzt, hätte sich keinen passenderen Ort für diese gestalterische Auseinandersetzung aussuchen können als diese Räume in der Collezione Maramotti. Der Aufführungsort diente Achille Maramotti, Gründer der Marke Max Mara einst als erstes Produktionsgebäude in Reggio Emilia. Nachdem die Produktion 2003 an einen anderen Ort der Stadt verlagert wurde, entschied sich Maramotti den einstigen Startpunkt seiner Erfolgsgeschichte umzufunktionieren. Die Fabrik verwandelte sich in einen Hort der Künste.

Die Dauerausstellung erstreckt sich über zwei Stockwerke und gliedert internationale und italienische Kunstwerke von der Nachkriegszeit bis hin zur Gegenwart, von der „Art Informel“ über die Gruppe der italienischen Neo-Expressionisten der Transavanguardia und beherbergt Werke von Claudio Parmiggiani, Enzo Cucchi und Mimmo Paladino als auch Werke von Bacon, Richter und amerikanischen Künstlern wie Eric Fischl. Auch die Förderung von Gegenwartskunst kommt mit dem „Max Mara Prize for Women“ nicht zu kurz: Emma Hart, die Gewinnerin des diesjährigen Preises, der in Zusammenarbeit mit der Whitechapel Gallery ausgelobt wird, ist mit einer eigenen, raumgreifenden Installation vertreten. Wir haben vor der letzten Aufführung der Performance „Pointed Peak“ mit Saburo Teshigawara über die Hintergründe seiner eindrucksvollen Performance gesprochen.

 

INTERVIEW: Herr Teshigawara, welche Rolle spielt Improvisation bei ihren Stücken?

Saburo Teshigawara: Ich begann mit klassischem Ballett, welches ich lange studierte und als extrem strukturiert empfand; fast mathematisch oder geometrisch anmutend: Horizontale Linien, vertikale Linien, 45-Grad Winkel. Die strikten Vorgaben waren mir immer fremd, meine Herangehensweise war mehr wie die eines Malers oder ein Bildhauers. Also begann ich meine eigene Methode, meine eigene Art des Tanzens zu entwickeln. Statt Improvisation nenne ich es „spontane Re-Organisation“. Der Korpus des Stückes bleibt bestehen, drumherum entwickelt sich die Variation im Fluss der Aufführung.

INTERVIEW: Aha. Die Performance „Pointed Peak“ findet in den Hallen der Colezione Maramotti statt. Was macht diesen Ort so besonders?

Saburo Teshigawara: Die ursprüngliche Struktur der des Gebäudes wurde erhalten, aber inhaltlich in etwas komplett Neues verwandelt. Eine Fabrik ist eigentlich naturgemäß auf Effizienz ausgerichtet, jetzt bietet diese Architektur den Raum für die Künste.

INTERVIEW: Die Bühne, auf der „Pointed Peak“ aufgeführt wird, ist ebenfalls ungewöhnlich.

Foto: Courtesy of Collezione Maramotti

Saburo Teshigawara: Ja, Rihoko Sato und ich tanzen auf einer Fläche aus mehreren Schichten zerbrochenen Glases. Über uns schwebt die Installation „Caspar David Friedrich“ von Claudio Parmiggiani, wir befinden uns im Dazwischen. Für uns ist es wie zusammen auf einer Eisfläche zu tanzen, die nach und nach einbricht.

INTERVIEW: Was bedeutet der Tanz auf Glasscherben?

Saburo Teshigawara: Die Glasscherben, auf denen wir uns bewegen, sind für mich ein Symbol für die Zeit. Man wird niemals die genaue Anzahl der Scherben zählen können. Das ist wie mit den Sandkörnern am Meeresstrand. Jede Scherbe steht für einen Moment in der Spanne des menschlichen Lebens. So wie Regentropfen kann man sie nicht einzeln zählen. Je öfter wir auf der Fläche performen, umso mehr Scherben entstehen. In ihrer schieren Menge sind sie nicht mehr zu erfassen. Eine weitere Eigenschaft von Glas ist, dass es Tageslicht von draußen hinein läßt. Für mich stehen die Glasfragmente also auch symbolhaft für das Himmeslicht. Bruchstücke aus Licht und Zeit treffen aufeinander.

INTERVIEW: Bluten Sie nicht?

Foto: Courtesy of Collezione Maramotti

Saburo Teshigawara: Über die Glasscherben zu schreiten ist eine unmittelbare Erfahrung. Jede Bewegung auf den Scherben erzeugt einen entsprechenden Klang, sei es durch vorsichtiges Auftreten oder durch heftigen Druck.

INTERVIEW: Welche Rolle spielen Licht und Sound bei der Performance?

Saburo Teshigawara: Sie sind ein wichtiger Bestandteil. Die Bühne selbst entsteht durch den künstlich hergestellten Gegensatz von Licht und Dunkelheit. Im Fall von „Pointed Peak“ wirft die Fläche aus Glasscherben das Licht in einem einzigartigen Muster an die Wand. Ich bin auch sehr an den Techniken des Films interessiert, so kann man mit Hilfe von Licht zum Beispiel einen Schrei darstellen oder durch das beleuchten eines bestimmten Bereichs das erreichen, was im Film mit dem Zoom möglich ist. Was die Musik angeht: Sie ist für mich wie eine Zusammensetzung von vielen Geräuschfragmenten. Wenn ich sie für meine Stücke benutze, löse ich diese Strukturen oft auf, um sie neu zu arrangieren – das ist mit jedem Genre möglich.

INTERVIEW: Von Ihnen stammt das Zitat „Dance is sculpture“ – eigentlich denkt man, Tanz lebt von Bewegung, eine Skulptur aber von ihrer Unverrückbarkeit.

Saburo Teshigawara: Für mich kann auch eine Skulptur die Bewegung widerspiegeln. Ich sehe in einer Form immer auch eine bestimmte Bewegung. Das Leben selbst ist eine Formation. Eine lebendige Formation, die immerzu im Wandel ist. Vieles von dieser Transformation ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Wenn man ausatmet, passiert zunächst nichts, aber die Feuchtigkeit aus dem Atem steigt auf und findet sich irgendwann in einer Wolke wieder, aus der es wiederrum herabregnet. Man kann nie die gesamte Entwicklung auf den ersten Blick sehen. Sie ist konsistent aber es dauert seine Zeit.

INTERVIEW: Schöpfen Sie ihre Ideen aus Gedichten?

Foto: Courtesy of Collezione Maramotti

Saburo Teshigawara: Ja, ich beginne eine neue Idee oft mit einem kurzen Vers. Ein Wort oder eine Zeile trifft mich manchmal wie ein Schlag beim Boxen, er weckt mich auf. Wenn ich mich im Minus-Bereich befinde, bin ich danach bei Null. Danach kann die weitere Entwicklung der Idee beginnen.

INTERVIEW: Kann es für Sie ein Leben ohne Bewegung geben?

Saburo Teshigawara: Einen Körper zu haben, bedeutet, immer an ihn gebunden zu sein, man kann ihn ja nicht verlassen. Tanz ist der Vesuch, das zu überwinden. Gegen die Schwerkraft ankämpfen. Erst wenn ich mit ihr zu ringen beginne, bemerke ich wieder, dass die Schwerkraft gegen mich ist.

 

Interview: Alexander Ghani

 

 

Collezione Maramotti

Via Fratelli Cervi, 66,

42100 Reggio Emilia RE

Do & Fr: 14.30-18.30 Uhr

Sa & So: 10.30-18.30 Uhr