Im Interview: Shepard Fairey

Er ist einer der bekanntesten Streetart Künstler weltweit, hat sich diverse Male mit dem Gesetz angelegt und ist so prominent, dass er sogar einen Gastauftritt bei den Simpsons hatte – Wir stellen vor: OBEY-Giant Shepard Fairey.

Shepard Fairey 2014 in Berlin © Olaf Heine

Seine Murals zieren Häuserwände auf der ganzen Welt, er gilt als Begründer der Streetart Szene und ist neben Banksy das mit Abstand bekannteste Gesicht des Graffity Universums, nur mit dem Unterschied, dass Shepard Fairey, 45, sich nie in der Anonymität versteckte. Mit seiner OBEY-Giant Kampagne hat er den Leitspruch einer ganzen Generation kreiert, mit HOPE schuf er 2008 ein ikonographisches Markenzeichen für die Wahlkampagne Obamas. Faireys Bildsprache ist scharf, humorvoll subversiv, die anvisierten Ziele sind klar definiert: soziale Ungerechtigkeit, politische Systeme, Großkonzerne, Umweltverschmutzung, humanistische Verfehlungen. Mit den Jahren hat sich Fairey sicherlich nicht nur Freunde geschaffen und im Knast, da war er auch schon öfters. Wir trafen ihn in Berlin, wo er von seinem langjährigen Bekannten und Kollaborateur, dem Fotografen Olaf Heine vor einer neuen Arbeit bei Urban Nation in der legendären Bülowstraße 7 abgelichtet wurde.

Shepard Fairey: “Die Leute sollen dazu angeregt werden, das, was sie sehen, in Frage zu stellen.”
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INTERVIEW: Was sagt Ihre neue Arbeit, hier in Berlin in der Bülowstraße 7 aus, Mr. Fairey?

SHEPARD FAIREY: Sie setzt ein Zeichen gegen die Brutalität der Polizei in den USA. In der Regel wird die Polizei in den USA als Friedenstifter dargestellt. Seit dem 11. September sind in Amerika allerdings an die 5000 Menschen allein durch Polizeigewalt ums Leben gekommen. Die Regierung legt den Fokus auf den Terrorismus, obwohl die eigene Polizei weitaus mehr Leben auf dem Gewissen hat.

INTERVIEW: Sie reisen unheimlich viel. Welche Stadt eignet sich für einen Streetartist am besten?

FAIREY: Nehmen wir zum Beispiel Kreuzberg. Für mich als Streetart Künstler ein sehr einladender Stadtteil, da er viel Charakter mit sich bringt. Auf der anderen Seite gibt es hier viel Kunst auf der Straße und ich mag es nicht, fremde Arbeiten zu übermalen. Einen freien Spot zu finden, bedeutet also eine Herausforderung. Was ich gerne mag, ist, wenn auf den Straßen viel los ist. New York, Los Angeles, San Francisco, London oder Berlin eignen sich dafür alle gut. Dort spürt man die Lebhaftigkeit der Kunstszene.

INTERVIEW: In Detroit haben Sie kürzlich eine Wandarbeit auf über 15 Stockwerken angebracht. Haben Sie nie das Gefühl, die Menschen mit Ihrer Kunst zu bedrängen?

FAIREY: Doch. Aber ich denke, es gibt sehr viele Sachen, die uns tendenziell bedrängen. Mir geht es darum zu zeigen, dass die Art und Weise, mit der ich mich „aufdränge“, eine Alternative zu anderen Medien, wie zum Beispiel der Werbung oder der Regierung bietet.

INTERVIEW: Es geht Ihnen dabei also auch um einen Machtausgleich?

FAIREY: Meine Arbeit hat sich schon immer mit dem Phänomen der Machtergreifung beschäftigt. Es gibt so viele Menschen, die sich selbst nur als Zuschauer begreifen, sie fühlen sich machtlos und meinen nichts an der allgemeinen Lage ändern zu können. Dem kann ich eine Stimme geben.

INTERVIEW: Wie fing das denn bei Ihnen an?

FAIREY: Ich habe am Anfang in einem Skateshop gearbeitet, vier Dollar in der Stunde verdient und kleine Sticker gemacht. Von da an war es ein stetiger Aufstieg ohne große Mittel. Finanziell drehte sich immer alles darum, dass nötigste zusammenzukratzen. Wenn ich also die Möglichkeit erhalte, ein 15 Stockwerke hohes Wandbild zu machen, dann liegt mir etwas daran darauf hinzuweisen: „Hier bin ich hingekommen, aber ich habe ganz unten angefangen“.

© Olaf Heine

 

INTERVIEW: Für Ihre eigentlich demokratischen Aussagen nutzen Sie eine sehr propagandistische Bildsprache und Farbauswahl. Warum?

FAIREY: Mir ging es darum, eine Bildsprache zu entwickeln, die auch im Durcheinander der Graffityszene der Straße auffällt. Ich habe Propagandakunst stets als visuell sehr einnehmend empfunden, wofür sie ja auch effektiv designt ist. Was Propaganda in der Regel macht, ist eine staatliche Agenda, eine eigentlich düstere Nachricht, in ein schönes Kostüm zu stecken. Der Wolf im Schafspelz quasi. Bei mir ist es genau andersherum – ich nutze diese Art der Bildsprache, um auf kritische Themen hinzuweisen. Die Leute sollen dazu angeregt werden, das, was sie sehen, in Frage zu stellen.

INTERVIEW: Bekommen Sie viel Gegenwind?

FAIREY: Allerdings. Es kommt regelmäßig vor, dass Menschen anderer Meinung sind als ich und oft gehen die Argumente in eine frustrierende, feindlich gesinnte Richtung. Aber das ist mir immer noch lieber, als wenn gar keine Debatte zustande kommt.

INTERVIEW: Was sind denn die größten Vorurteile, mit dem Sie sich in solchen Momenten konfrontiert sehen?

FAIREY: Immer wieder natürlich, dass ich ein Vandale bin und das Eigentum anderer Menschen nicht respektiere. Auch, dass ich nicht respektiere was andere Menschen denken und alles aus reinem Egoismus mache um mich selbst zu promoten.

INTERVIEW: Etwas Eigenwerbung ist bei Streetart natürlich schon dabei…

FAIREY: Klar. Ich komme ursprünglich vom Punk und Skateboarding und das ist sicherlich eine Kultur, in der es auch um Formen der Selbstvermarktung geht. Was allerdings nicht heißt, das man ein selbstsüchtiges Motiv verfolgt. Das ist etwas, dass ich immer wieder erklären muss.

INTERVIEW: Sollte man bei Ihrem Bekanntheitsgrad gar nicht meinen.

FAIREY: Eben. An diesem Punkt in meiner Karriere muss ich natürlich eigentlich nicht mehr nach draußen gehen und Kunst im öffentlichen Raum produzieren, um meine Arbeiten oder meine Klamotten zu verkaufen. Ich mache es, weil ich an die Demokratie dahinter glaube. Ein anderes Vorurteil das sich sehr hartnäckig hält, ist, dass meine Ideen und meine Meinung keine Gültigkeit haben, da ich „nur“ ein Künstler und keine Experte sei. Zum Beispiel, wenn ich die Ölindustrie oder Themen wie die Klimakatstrophe aufgreife. Schaue ich mir diese sogenannten Experten aber an, sehe ich vielfach Menschen, die andere ganz bewusst mit Fehlinformationen speisen da sie eine ganz eigene Agenda verfolgen. Das hat mich schon immer gestört.

Faireys wohl bekanntestes Markenzeichen "OBEY" entstand aus einer Zeichnung des Wrestlers "André the Giant"

INTERVIEW: Erinnern Sie sich an die erste Streetart, die Eindruck auf Sie gemacht hat?

FAIREY: Neben Robbie Conal, meinem Idol der ersten Stunde, hat mich sicherlich Twist beeindruckt. Er hat das Vorurteil, dass Streetart und Galerieraum nicht zusammen funktionieren eigentlich obsolet gemacht hat.

INTERVIEW: Ein guter Punkt: Streetart im Galerieraum. Ich habe kürzlich eine Sendung gesehen in welcher der Protagonist sagt „How is it Streetart, if it fits in the gallery?“ und der andere sagt „I like how what made the neighbourhood looked dangerous, makes it look more sophisticated now“. Kommt Ihnen das bekannt vor?

FAIREY: (lacht) Allerdings. Das ist von den Simpsons.

INTERVIEW: Genau. In der Folge „Exit Through the Kwik-E-Mart“ werden Sie als Shepard Fairey zu einem Charakter in der Serie und geben Bart Simpson Tipps, wie man es schafft sich als Streetart Künstler zu etablieren.

FAIREY: Das war großartig. Ich habe ich dem Skript einen weiteren Zusatz beigefügt: (spricht mit Komikstimme) „Bart, I think I could get you a gallery show for your streetart.“ Und Bart sagt: „If it is in a gallery, wouldn’t it be gallery art?“

Shepard Fairey in einer Gastrolle der Simpsonsfolge "Exit Through the Kwik-E-Mart", 2014

INTERVIEW: Worauf wollten Sie damit hinaus?

FAIREY: Ich bin ein Künstler. Die Betitelung „Streetart Künstler“ habe ich mir nie ausgesucht. Streetart ist ein einfacher Weg, die Kunst dorthin zu bringen, wo die Menschen leben – sie müssen dann nicht erst in die Galerie, oder ins Museum gehen. Auf der anderen Seite ist die gesamte Kunst auf der Straße auch eine sehr vergängliche Angelegenheit.

INTERVIEW: Wie fühlt es sich an, wenn das, was man macht, so vergänglich ist?

FAIREY: Einerseits ist es aufregend zu wissen, dass sich das Bild der Stadt ständig verändert. Früher habe ich die Murals gekleistert, weil das ein schneller Weg war, auch in der Illegalität die Ästhetik zu bekommen, die ich wollte. Heutzutage male ich meine Arbeiten mit Farbe, in der Hoffnung dass sie wenigstens ein paar Jahre halten werden. Es ging nie um einen Wert, aber dennoch gibt es Arbeiten, auch auf Holz oder der Leinwand, die einfach das Potential haben, länger zu bestehen als andere.

Shepard Fairey: “Streetart ist ein einfacher Weg, die Kunst dorthin zu bringen, wo die Menschen leben”
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© Olaf Heine
Shepard Fairey: “Ich bin gar nicht so ein riesen Arschloch, wie manche gerne meinen.”
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NTERVIEW: Wie oft sind Sie eigentlich schon festgenommen worden?

FAIREY: 17 Mal. Aber das war nie der Kick für mich. Es ging mir nicht darum, Streetart zu machen, weil es illegal ist oder so eine „Fuck You, ich mach was ich will!“ Einstellung hatte. Ich bin gar nicht so ein riesen Arschloch, wie manche gerne meinen.

INTERVIEW: Meint man denn, Sie wären ein Arschloch?

FAIREY: (lacht) Ich weiß es nicht. Aber es gibt schon Menschen die denken, ich wäre Streetart Künstler, weil ich es cool finden würde Gesetze zu verletzen und einfach das zu machen was ich will. Ich empfinde aber das, was ich propagiere, als eine absolute Notwendigkeit und stehe voll und ganz hinter dem, was ich mache.

INTERVIEW: Sie arbeiten ja auch nicht mit einem Synonym.

FAIREY: Was mir oft unterstellt wird, ist, dass ich nicht anonym arbeite, weil ich scharf aufs Rampenlicht sei.

INTERVIEW: Stimmt. Banksy ist bis heute inkognito unterwegs. Warum kennt man Sie?

FAIREY: Ganz zu Beginn meiner Zeit als Streetart Künstler, habe ich in Providence, Rhode Island an dem Plakat des Bürgermeisters rumgebastelt. Dabei wurde ich erwischt und meine Identität ist aufgeflogen.

INTERVIEW: Haben Sie das je bereut?

FAIREY: Nein. Mich hat es ohnehin genervt, dass in der Debatte um Streetart immer alles auf diese Anonymität und den Vandalismus runtergebrochen wird. Sofern ich also meine Arbeit mit meiner Person verknüpfe, kann ich mich auch nicht verstecken. Ich bin transparent und vollends für meine Aktionen verantwortlich.

INTERVIEW: Bringt einem das die sogenannte „Street-Credibilty“?

FAIREY: Lustigerweise höre ich immer wieder, ich hätte keine Street Credibility, weil ich kommerzielle Erfolge feiere. Ich hing an Abflussrohren, bin vor der Polizei abgehauen, wurde von Helikoptern verfolgt. Was soll man denn noch machen, um da ernst genommen zu werden?

INTERVIEW: Wahrscheinlich müssten Sie erst sterben.

FAIREY: (Lacht) Ja! Das ist verrückt. Jahrelang wurde ich wie ein Staatsfeind behandelt. Ich bin sogar auf dem Weg in meine eigene Ausstellung festgenommen worden.

INTERVIEW: Ach was.

FAIREY: Das war in Boston. Das Museum hatte im Vorfeld im Internet eine Liste mit den Orten veröffentlicht, an denen ich in der Stadt meine Arbeiten angebracht hatte. Diese waren alle mit örtlicher Genehmigung entstanden. Allerdings hat sich die Polizei dann gedacht, dass all die Orte, die nicht auf der Website stehen, wohl auf illegalem Wege entstanden sein müssen. Und dazu gehörte auch das Museum. Ich wurde also auf dem Weg zur Show festgenommen. Ironischerweise hatte mich der Bürgermeister zwei Tage zuvor zu einem gemeinsamen Fototermin gebeten. Er war ein Fan meiner Arbeit…

© Olaf Heine

IINTERVIEW: Wie fühlt es sich an, wenn der steigende Erfolg zugleich eine Bedrohung für höhere Instanzen, zum Beispiel Regierungen oder große Konzerne darstellt?

FAIREY: Ich habe erst kürzlich in einem Interview darüber gesprochen, dass mich Präsident Obama sehr enttäuscht hat. Angefangen bei häuslichen Spionageprogrammen, den Drohnen, der Kapitulation gegenüber wichtiger Themen wie der Durchsetzung von Bio Strom und so weiter. Er hat einfach keineswegs das gehalten, was er in seiner Kampagne versprochen hatte. Und das, was ich dazu gesagt habe, war, dass er meiner Meinung nach nicht links genug gewesen sei. Insbesondre die etwas rechter angesiedelten Medien haben das dann so ausgelegt, dass sie sagen konnten: „Selbst der HOPE-Obama Typ mag Obama nicht mehr“. Was eine überdramatische Vereinfachung dessen war, was ich tatsächlich gemeint hatte. Da ist mir bewusst geworden, dass ich noch viel vorsichtiger sein muss, wie ich Dinge kommuniziere. Selbst wenn ich vorsichtig bin, werden Sachen immer noch aus dem Kontext genommen, damit sie in die Agenda anderer Leute passen.

Shepard Faireys "Hope" Poster von 2008

INTERVIEW: Ihr bekanntestes sprachliches Konzept ist wohl OBEY, dass eigentlich eine negative Konnotation in sich trägt, von Ihren Anhängern aber in eine Stilles Zeichen der selbstbestimmten erhobenen Faust umgekehrt wurde.

FAIREY: Das stimmt. Sobald sich etwas etabliert hat, hören die Menschen allerdings auf, darüber nachzudenken, was die eigentlich ursprüngliche Aussage war. Manche haben für sich entschieden, dass ich zu erfolgreich geworden bin. Deswegen haben sie Schilder mit „DISOBEY“ aufgehangen. Aber dass ist nun mal das, was „OBEY“ in meinem Sinne immer gemeint hat. (lacht) Es ist also dasselbe, nur ohne Ironie.

INTERVIEW: Haben Sie das Gefühl, dass die Welt durch Ihre Arbeit zu einem weniger furchteinflößenden Ort wird?

FAIREY: Ich denke, man muss sich eingestehen, dass die Welt zugleich aufregend, aber auch beängstigend ist. Als Künstler bin ich sehr proaktiv darin, Dinge so zu formen, wie ich möchte und auf Sachverhalte zu antworten. Das ist eine gute Therapie, um auf die Welt zu schauen und sich zu sagen: Ich bin vielleicht nicht in der Lage sie zu verändern, aber ich werde das tun, was ich kann.

INTERVIEW: Raus aus der Unmündigkeit.

FAIREY: Genau. Der CO2 Ausstoß geht bei weitem nicht schnell genug runter, um den Klimawandel aufzuhalten und das ist frustrierend. Aber zumindest kann ich Kunstwerke zu dem Thema machen und mir das Gefühl geben, nicht kampflos aufgegeben zu haben. Und das ist schon mal was.

INTERVIEW: Was wäre denn für Sie das schönste Feedback?

FAIREY: Am besten wäre es natürlich, wenn es für meine Themen keine Notwendigkeit mehr gäbe. Wenn die Leute meine Murals sehen und sich denken würden: „Wow, das waren ja Zeiten! Wie schrecklich es da zuging, zum Glück haben wir nicht zu dieser düsteren Zeit gelebt!“. (lacht)