Lächeln!

Ständig wird behauptet, Andy Warhol sei der Vordenker von Social-Media-Plattformen wie Instagram. Kann das sein?

Finger on the button: Andy Warhol war nicht nur ein großartiger Fotograf. 
Er war auch ein großartiges Fotomotiv

Kürzlich saß ein kleines Mädchen neben mir im Zug und machte Selfies. Sie zog Grimassen, machte Kaugummiblasen, schob die Haare ins Gesicht und schlug sie wieder zurück. Sie experimentierte mit verschiedenen Kompositionen und Ausschnitten, probierte den ein oder anderen Filter aus, entschied sich dann jedoch für eine individuelle Bearbeitung. Bis es endlich fertig war: das perfekte Instagram-Selfie. Es war so inszeniert wie nötig und wirkte so spontan wie möglich.

Man hört ja oft, Andy Warhols Polaroidaufnahmen seien eine Art Vorläufer von heutigen Instagram-Accounts gewesen, und im ersten Augenblick scheint sich diese Annahme auch zu bestätigen. Warhols Bilder ergeben ein visuelles Tagebuch, und als solches benutzen viele heutzutage Instagram. Um in den sozialen Medien erfolgreich zu sein, muss man sich selbst inszenieren und networken können – Fähigkeiten, auf die sich Warhol besonders gut verstand. Außerdem drückt sich in der Nutzung von Instagram angeblich der Wunsch nach Popularität aus, den kaum jemand so stark empfunden haben dürfte wie der Pop-Art-Künstler aus Pittsburgh. Liest man die unzähligen Texte, in denen bei Instagram-Nutzern eine Sucht nach Anerkennung diagnostiziert wird, könnte man tatsächlich denken, dass wir alle schlechte Versionen von Andy Warhol sind, dem ja auch eine Sehnsucht nach Aufmerksamkeit nachgesagt wurde.

Und schließlich muss man unweigerlich an jenen prophetischen Satz denken: „In the future, everyone will be world-famous for 15 minutes.“ Das ist sicher das beliebteste Warhol-Zitat, weil geglaubt wird, dass es sich in Zeiten von Social-Media- und Youtube-Stars erfüllt hat. Ein Satz übrigens, der gar nicht von Warhol stammt, sondern vom Medientheoretiker Marshall McLuhan. Und während sich McLuhan mit seiner Prophezeiung auf Zuschauerkandidaten in Fernsehshows berief und damit gedanklich bereits nah an den heutigen Aufmerksamkeitsökonomien des Web 2.0 lag, dachte Andy Warhol bei „Fame“ eigentlich an die glamouröse Welt der Celebritys und verwendete das Zitat lediglich als flotten Spruch. Es ist daher wohl eine Ironie des Schicksals, dass sich Warhol Jahre später so sehr mit dem Ausspruch gelangweilt hat, dass er ihn neu variierte: „In 15 minutes everyone will be famous.“ Und damit noch mehr den Kern der Instantprominenz unserer Tage traf.

Als ich allerdings sah, wie die Achtjährige, die neben mir saß, versuchte, ganz unauffällig möglichst „konventionelle“ Selfies zu machen, sprich mit Duckface und leichter Überbelichtung, wurde mir schlagartig klar, warum die Polaroidaufnahmen von Andy Warhol ganz und gar nicht mit heutigen Instagram-Accounts vergleichbar sind. Für das Mädchen ist Instagram wie der zentrale Platz eines Schulhofs: ein Ort, an dem man sich einerseits exponiert und an dem man andererseits unter Beweis stellen kann, dass man dazugehört und normal ist. Wer das nicht von sich behaupten kann, steht eher an den Peripherien des Hofs, heißt in das soziale Netzwerk übersetzt: hat verhältnismäßig wenige Instagram-Follower. Andy Warhol aber hat sich vermutlich gar nicht erst auf einen Schulhof begeben. Nicht nur weil er ein exzentrischer, mutmaßlich homosexueller und von Hautkrankheiten geplagter Außenseiter war, sondern vor allem deshalb, weil er das Außenseiterdasein auch immer wieder zelebriert hat.

Was gegenwärtig nicht mehr als verrückt oder abstoßend wahrgenommen wird, weil wir in einer Zeit leben, wo Toleranzen nicht nur gepriesen, sondern auch gelebt werden, war in den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts alles andere als normal. Damals wurde Homosexualität noch als Krankheit stigmatisiert, Transvestiten gehörten gewiss nicht zur Unterhaltungsindustrie, als wären es beliebige Diven, Frauen waren viel weniger emanzipiert, und Kunst war noch kein Business, für das Selbstvermarktung eine unabdingbare Voraussetzung ist. Wenn Warhol versuchte, den Alltag festzuhalten, fotografierte er nicht nett dekoriertes Essen, sondern die Klospülung. Und als er seine Polaroidaufnahmen machte, hielten die meisten Menschen Bilder, auf denen nackte Männer zu sehen sind, die sich aneinander reiben, als Frauen verkleiden oder Masken tragen, für verrückt und abstoßend. Mit seinen Bildern hatte Andy Warhol unbekanntes Terrain betreten, und dass er sich dabei an der Ästhetik der Massenmedien und am Hollywoodglamour orientierte, dass er Kunst mit Kommerz gleichsetzte, hat Zuschauer wie Betrachter provoziert.

Powell via Getty Images

Dabei verhielt sich Warhol niemals unauffällig. Mal eben mit dem schlanken und superleichten Smartphone ein verruchtes Party-Gelage festhalten? Polaroidkameras waren nicht nur groß und klobig, sondern blitzten auch sehr grell und machten mit schrillen Geräuschen auf sich aufmerksam. 1970 kaufte sich Warhol zudem eine Polaroid Big Shot, die im Gegensatz zu den gut designten Kameras dieser Zeit grotesk aussah: Sie bestand zum Großteil aus Plastik und hatte einen nicht einziehbaren, 25 Zentimeter langen Schaft, an dessen Ende sich ein weiteres riesiges Plastikmodul befand, in dem der Blitzwürfel steckte. Scharf stellen ließ sie sich nur durch Vor- und Zurückgehen. Mit dieser Kamera konnte man nicht dezent fotografieren, sondern nur auffallen. Und was heute in ein paar Minuten Postproduktion und mithilfe von Beauty-Apps an Falten im wahrsten Sinne des Wortes weggewischt wird, war bei Andy Warhol bereits das Resultat einer aufwendigen Prozedur. Diese begann mit einer Einladung der zu Porträtierenden zum Lunch – um das Eis zu brechen. Glaubt man dem ehemaligen Mitarbeiter Warhols Vincent Fremont, gab es meistens kaltes Buffet auf spanischem Geschirr, nur ohne den Hashtag #Foodporn. Anschließend wurde ein aufwendiges und sehr helles Make-up aufgetragen, das die Wirkung des Blitzlichts ausgleichen sollte. Dadurch entstand jedoch eine maskenhaft-verzerrende Wirkung, die Warhol gefallen haben dürfte, weil sie den Glamour der Celebrity-Frauen auch ein wenig parodierte.

Andy Warhol ist mit den glamourösen Filmdiven der 40er- und 50er-Jahre groß geworden. Damals war die Medienwelt noch eine Gegenwelt zum Alltag der Nachkriegszeit, ein Sehnsuchtsort, wo die Ödnis des täglichen und oftmals ärmlichen Lebens in Vergessenheit geraten sollte. Woody Allen reflektiert in seinem Film „The Purple Rose of Cairo“, der in den 30er-Jahren spielt und in dem eine Filmfigur plötzlich aus der Leinwand steigt, über Schein und Sein, Illusion und Realität, die Vor- und Nachteile von Verdrängung. Davon kann heute nicht mehr die Rede sein, hat sich doch der Anspruch endgültig durchgesetzt, in den (sozialen) Medien müsse der Alltag repräsentiert sein – und keine unerreichbaren Ideale, die mehr Frustration über die eigene Unzulänglichkeit hinterlassen als pure Lust am Glamour. Deshalb dürfte Andy Warhol für all jene, die dafür kämpfen, dass Hetero- wie Homosexuelle, Schlanke wie Füllige, Weiße wie Schwarze, Insider wie Outsider die gleiche Daseinsberechtigung in den Medien besitzen sollen, höchstens eine Inspiration sein. Denn ästhetisch hielt er an den Codes des Glamourösen fest und bewertete das Außergewöhnliche positiv, während etwa die It-Girls der Gegenwart ungeschminkt und mit Achselhaaren den Umstand bedauern, dass sie den gesellschaftlichen Konventionen nicht entsprechen.

Womit wir wieder bei Instagram wären, die ein Bild der kanadischen Fotografin und Identifikationsfigur der sogenannten New Feminism Wave Petra Collins gelöscht haben, weil Schamhaare aus dem Slip herausragten. Dagegen sind Beweisfotos eines geregelten Alltags, Bilder von gesunden Speisen, dem Work-out im Fitnessstudio, der Beauty-Routine vorm Badezimmerspiegel auf Instagram sehr beliebt – und vor allem erlaubt.

Hätte Andy Warhol also Instagram benutzt? Wohl kaum! Eher hätte er am Ende seine eigene Plattform gegründet. Und zwar nicht nur, weil viele seiner Bilder den Kriterien des sozialen Netzwerks gar nicht entsprochen hätten und hemmungslos weggelöscht worden wären. Nein, Warhol hätte ihnen gar nicht entsprechen wollen. Erwartete man glamouröse Diven, lieferte Warhol verzerrte Masken. Forderte man Originalität, konterte Warhol mit endlosen Reproduktionen. Wollte man Kunst, gab Warhol banalsten Pop. „Warum soll ich originell sein? Warum kann ich nicht nicht originell sein?“, soll er den Kunstkritiker David Bourdon in den frühen 1960er-Jahren gefragt haben. Seine künstlerische Strategie war immer die Gegenstrategie: Warhol wollte immer das Gegenteil von dem, was Konsens ist. Instagram aber ist: Konsens.

Wenn also ein Zusammenhang zwischen Andy Warhol und Instagram besteht, dann lediglich darin, dass er schon früh und noch heute eine Bezugsquelle für Motive, Gestaltung oder Kunstfilter war und ist. Der Erfolg von Instagram ist nicht zuletzt dem Angebot an Retro-Filtern zu verdanken, von denen die meisten irgendwie an die Ästhetik leicht ausgeblichener Polaroidfotografien erinnern. Eine Ästhetik übrigens, die so populär, so sehr zum Konsens der Bildgestaltung auf Instagram geworden ist, dass sie schon wieder out ist. Weshalb sie auch für das kleine Mädchen, das im Zug neben mir saß, nicht mehr infrage kam. /

Von: Annekathrin Kohout