CONTRIBUTORS:
MIRNA FUNK
Tel Aviv zwischen Kunst und Konflikt -
#2 Die Galerien

Unsere Contributorin Mirna Funk lebt seit Anfang Juli in Tel Aviv. Zwischen Bombenalarm besucht Sie die besten Galerien der israelischen Großstadt und erzählt uns in den nächsten Wochen regelmäßig von dem dortigen Leben im Ausnahmezustand.

Ein neuer Waffenstillstand. Seit 24 Stunden ist er aktiv. Wie lange er anhalten wird, weiß niemand. Der letzte wurde nach nur zwei Wochen durch drei Raketen, die aus dem Gazastreifen auf den Süden Israels abgefeuert wurden, gebrochen. Diese zwei Wochen fühlten sich an wie zwei Monate. Sie waren frei und leicht. Es schien, als hätte es niemals einen Konflikt gegeben. Diese zwei Wochen sind drei Wochen her. Dazwischen gab es wieder eine Woche Krieg. Wieder jeden Tag Raketen. Jeden Tag Explosionen in der Luft. Der Mensch gewöhnt sich an alles. Auch an den täglichen Raketenregen. Denn während in den ersten Kriegswochen im Juli die Straßen und der Strand wie leergefegt waren, schien die letzte Woche so, als sei der Waffenstillstand niemals gebrochen worden. Ein Leben in denial. „Caring about the war is so July“, sagte ein Freund am Samstag zu mir als wir uns auf dem Weg zu einem Essen befanden und der Red Alert, der Raktenalarm, losging. Weder hielten wir mit dem Auto an, noch ließen wir uns auf der Autobahn nach Jerusalem von der Sirene und der anschließenden Explosion aus der Ruhe bringen. Im Nahen Osten kreiert man sich seine eigene Realität. Und genau davon handelt auch die aktuelle Ausstellung in der Raw-Art Gallery , die ich am Tag darauf besuche. Die Künstlerin Elisheva Levy zeigt dort ihre Installation „Villa“. Feminine und warme Farben dominieren die aus Papier hergestellten Einzelteile ihres „Traumhauses“. Ob Palmen, Teller, Zigaretten, das Bett oder der Pool – Levy googelt nach Bildern bestimmter Objekte, druckt sie aus, klebt sie zusammen und lässt damit ein Abbild der Realität entstehen. Trotz ihrer Fragilität wirken die einzelnen Objekte stark und schön. Dieser Illusion kann man sich schwer entziehen. Sofort möchte man Levys Villa bewohnen, obwohl man weiß, dass sie nicht existiert. Einen großen Kontrast zu Levys Installation wird die kommende Ausstellung „Hell“, die am 4. September eröffnet, bieten. Dort zeigt Yoram Kupermintz digital veränderte Fotografien. Kupermintz greift dafür zum einen auf alte Fotografien von zurückliegenden Kriegen zurück und zum anderen verwendet er Satellitenbilder vom aktuellen Gaza-Krieg. Durch die anschließende Bearbeitung erhalten die Bilder etwas Artifizielles, Filmisches, Nicht-Reales. So als würde Krieg nur in den unterschiedlichen Medien stattfinden und nicht in der Wirklichkeit. Ein bisschen so fühlt es sich auch an, wenn Iron Dome über unseren Köpfen die Raketen abschießt.

Raw-Art-Gallery mit Elisha Levy und Yoram Kupermintz:

Ich verlasse die Raw-Art Gallery, die sich auf einem alten Fabrikgelände in der Nähe von Florentin, einem Stadtteil Tel Avivs, befindet, um Hadas Kedar zu treffen. Sie ist die Kuratorin einer Galerie in Jaffa. Die Hafenstadt liegt südlich von Tel Aviv und ist mit dieser seit 1948 administrativ verbunden. In Jaffa leben sowohl arabische als auch jüdische Einwohner. Das heißt sie koexistieren, so wie im übrigen in einigen anderen Städten Israels auch. Die Nuzhaa Galerie  wurde von der Stadtverwaltung gegründet und dient dazu Kunst für Jugendliche und von Jugendlichen zu zeigen. Darüber hinaus bietet sie Workshops an, bei denen sowohl arabische als auch jüdische Kinder und Jugendliche zusammen Kunst kreieren können. Es ist die Idee einer Begegnungsstätte, die diese Galerie verfolgt. Die Galerie zu betreten, ist wie in einen Kühlschrank zu steigen. Draußen sind 36 Grad und drinnen 18. Ich friere. Hadas schaltet alle Monitore ein. Insgesamt befinden sich sechs Stück in dem 30 Quadratmeter großen Raum. Nacheinander schaue ich mir die Filme der verschiedenen Künstler an. In allen spielen Kinder und Jugendliche die zentrale Rolle. In allen Filmen geht es irgendwie um Gewalt, Aggression und die Verarbeitung mit der existenziellen Bedrohung. Gebannt verfolge ich den fünfminütigen Kurzfilm „Super Tiger“ von Rinat Kotler. Ein zufälliges Ergebnis ist dieser Film. Rinat entdeckte eine Gruppe Kinder auf der Straße, die eine Szene aus den Nachrichten nachspielt. Ein Junge mimt den Newsreporter und berichtet von einem Selbstmordanschlag. Er benutzt gelernte Gesten, Mimiken und Ausdrücke. Auch hier wird aus Realität Spiel oder eben Illusion oder eben Abbild. In einem kleinen Raum, der wie eine Höhle gestaltet ist, läuft der Film „Watching The Wolfman Dance The Foxtrot“ der Künstlerin Sari Carel. Die Sequenzen sind in einem Zoo aufgenommen und wechseln zwischen Nahaufnahmen und Weitwinkeleinstellungen. Während man zu Beginn glaubt es handle sich um Tierszenen in der freien Natur, so wird man durch den Kamerawechsel eines Besseren belehrt. Man entdeckt dann die Grenze des Beckens oder den Zaun des Geheges. Die Freiheit ist nur eine Frage der Perspektive. Auch ich fühle mich seit Wochen wie eines von vielen Tieren im Becken und die Welt schaut in dieses Gehege, in dem ich lebe. Aber wer von den zwei Teilnehmern dieses Spektakels weiß am Besten, wie es im Gehege aussieht? Es ist schwer zu sagen. Dieser Konflikt birgt ein kaum zu begreifendes Dilemma in sich. Denn das, worauf sich der Mensch intellektuell normalerweise berufen kann, um eine Einschätzung abzugeben, fehlt hier vollständig: Es gibt keine Fakten, keine Wahrheiten und keine Lösungen. Informationen verändern sich in Windeseile. Was vor fünf Wochen noch als Wahrheit verkauft wurde, ist längst widerlegt. Loslassen. Das ist, was man hier lernt zu tun.

Nuzaah Galerie: 

Zwei Tage später laufe ich die Allenby herunter. Eine der großen sich durch die halbe Stadt erstreckenden Hauptstraßen. Hier kriegt man Unterwäsche für fünf Schekel, umgerechnet ist das etwa ein Euro, oder man kann an einem der vielen Smoothie-Stände einen frisch gepressten Saft kaufen. Ich bin mit Oded Vertesh und Alina Deckel im HaHanut 31 verabredet. HaHanut heißt übersetzt „der Laden“. Und genau das ist es auch: ein Geschäft. Die Schaufenster dienen als Ausstellungsfläche, die Räumlichkeiten im Inneren werden für Theaterstücke und Performances genutzt. Seit zwei Jahren gibt es „The Shop“ schon, wie viele Tel Avivis diese Galerie nennen. Die erste Installation 2012, die sich mit dem Judentum auseinandersetzte, musste nach nur zehn Tagen aus dem Schaufenster genommen werden, weil religiöse Extremisten versucht hatten die Galerie niederzubrennen. Alina, die Kuratorin, erklärt mir, wie sehr sie sich von Andy Warhol inspiriert fühlte als sie begann für The Shop zu arbeiten. Schließlich zeigte Warhol 1961 seine Arbeiten auch in einem Schaufenster des Department Stores Bonwit Teller. Den Machern von HaHanut geht es darum, ein Publikum anzusprechen, das nicht aus Galleristen, Kunstinteressierten oder Journalisten besteht. Sie wollen mit ihren Ausstellungen in den öffentlichen Raum vordringen. Ein Raum, der sonst völlig von Kunst befreit scheint. Grenzen werden hier aufgesprengt: vor allem soziale. Aktuell kann man im Schaufenster die Installation „AH!“ der Künstlerin Ruti De Vries sehen. „AH!“ stellt eine weibliche Kämpferin da, die die Welt retten soll. Diese weibliche Entität wurde von Ruti aus billigen Materialien wie Nylon, Aluminium und Styropor gebaut. Schließlich kostet Frieden kein Geld. Nur der Krieg verschlingt Millionen.

Die Sonne geht bereits unter als ich mich auf dem Weg zum Treffen mit Yanif Eiger befinde. Ihm gehört die Galerie Z I Z . Wir haben uns in einem Café, in einer verkehrsberuhigten Zone verabredet. Ein bisschen Stille in dieser lauten Stadt. Fünf Stunden vergehen bis wir das erste Mal über seine Arbeit sprechen. Fünf Stunden, in denen wir versuchen diesem Konflikt irgendwie Herr zu werden. Und zwar lediglich auf einer Verständnisebene. Aber es gelingt uns einfach nicht. Wie soll der Konflikt dann real gelöst werden?

Trotzdem ist es genau dieser Austausch, der das Leben hier so lebenswert macht: diese Lust zu diskutieren, diese Neugier auf den Anderen und seine Einstellungen. Unterschiedliche Positionen werden im Gespräch lediglich als Anreiz für den Geist verstanden, nicht als Provokation. Nachdem wir also über ISIS, Hamas, die Westbank, die israelische Gesellschaft, den Holocaust, das Judentum, die jüdische Identität, Bibi, Rivlin und die israelische Kolonie in Berlin gesprochen haben, zeigt mir Yaniv ein erstes Bild von einer Ausstellung des Künstlers Shai Arick auf seinem iPhone. Darauf sieht man einen großen Ring aus Glas, der mit Wasser gefüllt ist und in dem ein Goldfisch endlos im Kreis schwimmt. Es gibt dort keinen Anfang und kein Ende. Auch wenn es so scheint als ginge es immer weiter, dreht der Fisch nur seine Runden. Während Yaniv mir mehr Bilder zeigt, ertönen insgesamt drei laute Booms. Es ist der Sound dreier Raketen, die in diesem Moment abgeschossen werden. Ich zucke zusammen, so wie ich das seit nunmehr sechs Wochen tue.

Im Frühjahr will er in neue Räumlichkeiten ziehen. Dort möchte er ein Künstlerkollektiv ins Leben rufen und eine Möglichkeit schaffen, die Bewirtschaftung der Galerie nicht von Einnahmen abhängig zu machen. „Irgendwie frei sein“, sagt Yaniv am Anfang und am Ende unseres Gesprächs. Und ich erinnere mich daran, wie ich 14 Jahre alt bin. Damals dachte ich auch, das würde irgendwann möglich sein.

Der ersten Teil zur großen Tel Aviv Reihe von Mirna Funk findet sich hier.