CONTRIBUTORS:
MIRNA FUNK
Zwischen Kunst und Konflikt -
#3 Die Museen

Tischtennisplatte von Belu-Simon Fainaru

Unsere Contributorin Mirna Funk lebt seit Anfang Juli in Tel Aviv. Zwischen Bombenalarm besucht Sie die besten Museen der israelischen Großstadt und erzählt uns von dem dortigen Leben im Ausnahmezustand.

„War is over!“, denke ich und sehe John Lennon und Yoko Ono vor meinem inneren Auge als ich im Zug nach Haifa sitze. Wie lange der Frieden anhalten wird, weiß hier niemand – ob eine Woche, fünf Wochen, fünf Monate oder ein Jahr. Jeder dritte Fahrgast im Zug ist Soldat. Junge Männer wie Frauen sitzen mir mit ihren schweren Maschinengewehren gegenüber. Sie haben große Rucksäcke dabei und sind auf dem Weg nach Hause. „War is over!“ – auch für sie.

Die Hafenstadt Haifa ist die drittgrößte Stadt Israels und nur eine Stunde von Tel Aviv entfernt. Vom Bahnhof nehme ich ein Taxi zum Haifa Museum of Art, das ursprünglich einmal eine Schule war. Seit den siebziger Jahren gilt es als eines der wichtigsten Museen des Landes. Die Kuratorin Leah Abir empfängt mich am Eingang und führt mich durch die aktuelle Ausstellung, die „The Winners 2013“ heißt und alle Künstler zeigt, die eine Auszeichnung vom Ministerium für Kultur, Sport und Design erhalten haben. Über zwei Stockwerke erstrecken sich die insgesamt 36 Kunstobjekte. Manche bewegen mich, manche nicht. Das meiste ist hochpolitisch. Etliche Künstler setzen sich in ihren Arbeiten mit der schwierigen Situation der Besatzung auseinander. Ich betrete mit Leah einen Raum, in dem eine Tischtennisplatte steht, die mit der Karte Israels überzogen ist. Darauf abgelegt sind zwei Kellen und ein Ball. Es stammt von dem Künstler Belu-Simon Fainaru. Ich frage, Leah, ob man damit auch spielen darf und sie bejaht. Sie erzählt mir davon, dass viele Besucher regelmäßig die Kellen in die Hand nehmen und dann geht es hin und her und hin und her und hin und her. Oder auch: Ping, Pong, Ping, Pong, Ping, Pong. So wie sonst auch im Alltag dieses Landes. Ein Video berührt mich ganz besonders. Es ist die Installation des Künstlers Matan Israeli. Zwischen einem muslimischen und jüdischen Stadtteil Jerusalems baute Israeli 2009 eine Treppe, die als Abkürzung für ihn und seine Freundin dienen sollte. „Chiaras Stairs“ verbindet den Ortsteil Morasha mit dem Ortsteil Musrara. Nachdem Israeli die Treppe aufbaut, beginnen nicht nur er und seine Freundin die Abkürzung zu benutzen, sondern auch Hunderte Bewohner der beiden in Konflikt miteinander stehenden Bezirke. Aus einer persönlichen Motivation heraus, entsteht ein politisches Statement, das nachhaltig den Alltag Tausender Personen verändert.

Arbeiten aus dem Haifa Museum of Art:

Nur wenige Tage später setze ich mich in die Buslinie 19, um nach Bat Yam zu fahren, einem Vorort von Tel Aviv. Es ist das erste Mal in diesem Sommer, dass ich überhaupt in einem Bus fahre. Es ist das erste Mal seit mindestens 15 Jahren, dass ich in einem Bus fahre. Seit der zweiten Intifada meide ich die öffentlichen Verkehrsmittel, denn zu dieser Zeit explodierten regelmäßig Busse in den Innenstädten Israels. Der Autor und Mitherausgeber des Poetry-Magazins Maayan Joshua Simon leitet das MoBY , das Museum of Bat Yam. Seine Assistentin öffnet mir die Tür zum Gebäude. Bauarbeiter rennen aufgeregt durch die Eingangshalle. Man hört Bohrgeräusche aus dem ersten Stock. In einer Woche eröffnet hier die neue Ausstellung und bis dahin gibt es noch einiges zu tun. Wir hängen zwei Tage hinterher, erklärt mir Joshua, der eine Hornbrille und eine wuschelige Hipsterfrisur trägt. Überall hängen schon die Bilder des Fotografen und Philosophen Aïm Düelle Lüski. Sie werden durch Folien vor dem Baustaub geschützt. Lüski fotografiert nicht einfach, sondern baut seine Kameras, die er benutzt, selbst. Manche haben vier oder sogar sechs Objektive, sie sind aus Holz oder Pappe hergestellt. Jede Kamera lässt eine neue Perspektive entstehen, erzeugt eine ungewöhnliche Atmosphäre. Vor den aufgehangenen Fotografien befindet sich immer genau die Kamera, mit der die Bilder aufgenommen wurden, als Ausstellungsstück in einer Glasvitrine. Joshua nimmt mich in seinem zitronengelben Kleinwagen mit nach Tel Aviv zurück. Dort steige ich in ein Sherut nach Jerusalem. Sheruts sind Kleinbusse, die sowohl in der Stadt selbst wie zwischen den Städten verkehren.

Eine Auswahl von Aïm Düelle Lüski’s Werken:

Nach 40 Minuten erreiche ich Jerusalem. Hier ist es fast 10 Grad kälter. Die 5000 Jahre alte Stadt liegt 800 Meter über dem Meeresspiegel. In der Cafeteria des Israel Museums bin ich mit der deutschen Kuratorin Rita Kersting verabredet. Sie arbeitet seit 1,5 Jahren am Nationalmuseum und betreut den Bereich der zeitgenössischen Kunst. Die aktuelle Ausstellung heißt „Unstable Places“ und zeigt so bedeutende Künstler wie Wolfgang Tillmans, Francis Alÿs, Cyprien Gaillard oder Thomas Demand. Es ist eine ausgezeichnete Ausstellung, die es schafft ein Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Medien herzustellen, ohne dabei jemals den Fokus zu verlieren. Kerstin und ich bleiben viele Minuten vor der Arbeit von Moshe Ninio stehen. Ein israelischer Künstler, der ein Teil des Glaskastens, in dem Adolf Eichmann während seiner Verhandlung 1961 sitzen musste, fotografierte. Diese Verhandlung war ein historisches Ereignis, das Fragen beantworten sollte und am Ende alle mit einer großen Leere zurückließ. Genau diese Leere macht das Bild spürbar. Die Ausstellung selbst, beantwortet viele Fragen, sie lässt einen auch oft genug mit einem warmen Gefühl zurück. Zum Beispiel, wenn man den Film von Nira Pereg sieht. Sie filmte ein Gebetshaus, das sowohl als Synagoge als auch als Moschee in Hebron genutzt wird. An zehn Feiertagen im Jahr wird dieser heilige Ort von Juden besucht und an zehn Feiertagen von Muslimen. Ist die jeweilige Feierlichkeit zu Ende wird die Synagoge ausgeräumt und in eine Moschee verwandelt oder eben anders rum. Pereg filmte jeweils beide Verwandlungen: die von einer Synagoge in eine Moschee und von einer Moschee in eine Synagoge. Auf zwei gegenüberliegenden Wänden werden die beiden Filme gezeigt. Die Künstlerin wirft einen liebevollen Blick auf diese sich wiederholende Prozedur. Ohne Wertung wird hier das menschliche Dilemma offensichtlicher denn je.

Die künstlerische Vielfalt im Israel Museum:

Meine letzte Station ist das Tel Aviv Museum of Art. Sechs Wochen lang habe ich über die Kunstszene berichtet, sechs Wochen, in denen ich nicht nur bereichernde Kunst sah, sondern bereichernde Menschen kennenlernen durfte. Israel ist klein und so schließen sich die Kreise immer wieder. Die Pressesprecherin Orit Adered stellt mir den Museumsführer vor, der mich die nächsten zwei Stunden begleiten wird. Es ist der Künstler Yonatan Ullmann, der auch schon im Z I Z Space ausstellte, eine Galerie, die ich im zweiten Teil dieser Serie vorstellte. Wir starten unsere Tour mit der Einzelausstellung von David Reeb, einem israelischen Maler und politischen Aktivisten, der im Land kontrovers diskutiert wird. Seit Jahren beschäftigt er sich in seiner Kunst fast ausschließlich mit dem Israelisch-Palästinensischen Konflikt. Er geht mit seiner Videokamera in die besetzten Gebiete und filmt Demonstrationen und Aufstände. Aus dem Filmmaterial entstehen im Anschluss großformatige Bilder. Reeb ist 1952 geboren und stark vom Yom Kippur Krieg geprägt. Seine Arbeiten kann man als linksradikal bezeichnen, doch das Tel Aviv Museum of Art zeigt ihn seit dem Anbeginn seiner Karriere. Orit, Yonatan und ich stehen vor einem seiner Bilder und diskutieren die aktuelle politische Situation. Drei Menschen, drei verschiedene Position. Es ist genau diese Pluralität und der offene Umgang mit dem Konflikt, der Israel ausmacht.

Die eindrucksvollsten Arbeiten aus dem Tel Aviv Museum of Art:

Ja, es gibt viel Unrecht, aber dieses Unrecht wird nicht totgeschwiegen. Es wird diskutiert. Es wird in Filmen, in Musik, im Fernsehen, im Öffentlichen Raum und in der Kunst besprochen. Und genau diese offene Auseinandersetzung wird helfen, den Konflikt in naher Zukunft zu lösen. Und diese Lösung wird nicht militärisch, sondern ausschließlich durch Diplomatie erreicht werden. Daran glauben hier die meisten.

 

 


 

Hier finden Sie den ersten und zweiten Teil der Tel Aviv Reihe.

Text und Bild: Mirna Funk