Warhols
Wahrheit

Andy Warhols Werke nahmen genau jene Diskurse vorweg, die seine Kunst heute unmöglich machen würden.

Graham Wood via Getty Images

Man mag sich ja kaum ausmalen, was für Vorwürfe sich der gute Andy Warhol heute anhören müsste, würde er noch leben und gäbe es die Factory noch. Machen wir es trotzdem kurz: Es ist also 2017, Andy kehrt immer noch wie ein leicht vampiristischer Hausmeister die Girls über die Bühne der Factory. Es stehen überall diese sehr hübschen, sehr dünnen, immer auch ein bisschen verloren wirkenden Mädchen herum, seine Superstars. Und schon kommt die erste Frage: Ja, wo bleiben denn die dicken, die hässlichen Girls oder die, die eher butch sind und nicht so girly? Dürfen die keine Superstars werden? Buh, Sexismus! Und müssen die Factory-Girls immer alle emotional und körperlich so fragil sein, Alkoholikerinnen, Heroinsüchtige, Schizophrene, Anorektische, Bulimische, Suizidale? Was ist denn das für ein defizitäres Frauenbild!? Und die Hautfarbe – sind die Warhol-Girls immer alle weiß? Rassismus!

Ja, in der Factory war sicher nicht alles perfekt, aber die Verbohrtheit, mit der heute die Debatten um Inklusion und Repräsentation geführt werden, zeigt sich auch darin, dass manche glauben, sie könnten die Maßstäbe für das, was heute kulturell als verbindlich gilt, auf einen beliebig weit hinten in der Geschichte liegenden Moment rückübertragen. Da gerät dann völlig aus dem Blick, wie wegweisend das, was man kritisiert, einst war.

Das passiert ja gerade ständig. Letztens wurden in den USA Vorführungen von „Boys Don’t Cry“ (1999) gestört, weil junge Studierende meinten, sie müssten unbedingt dagegen protestieren, dass die Hauptfigur in dem Film, der auf der wahren Geschichte des transsexuellen Jungen Brandon Teena basiert, nicht von einem leibhaftigen Transjungen gespielt wurde – sondern von der burschikosen Biofrau Hilary Swank. Dass die ihre Rolle ganz ordentlich spielte (immerhin: Oscar!) und dass „Boys Don’t Cry“ ebenso einer der ersten Hollywood-Filme war, die das Transgender-Thema in die Großraumkinos brachten: egal! Nach Ansicht der Studenten nahm Hilary Swank nur einer echten Transperson den Platz vor der Kamera weg und verwässerte ihre Performance mit ihrer biologischen Weiblichkeit. Ist das frauenfeindlich? Und was soll ein „echter Transjunge“ überhaupt sein, wenn Transsexualität doch die „Echtheit“ von Geschlecht grundsätzlich hinterfragt?

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Andy Warhol wäre niemals auf die Idee gekommen zu behaupten, eine biologische Frau könne keinen Transjungen spielen, genauso wie er niemals gedacht hätte, dass eine verkrachte Upperclass-Göre wie Edie Sedgwick kein glamourös abgründiger Factory-Superstar sein könne. Oder dass ein Junge aus Puerto Rico nicht Holly Woodlawn heißen und eine rassige militante Feministin spielen könne. Bei Warhol konnte so ziemlich jeder – und jede – so ziemlich alles sein. Das Kölner Mannequin Christa Päffgen wurde bei ihm zur singenden Queen of Darkness Nico.

Die Warhol-Girls waren für die Rollen, in denen sie berühmt wurden, nicht geboren. Eher im Gegenteil: Nicos Altstimme dröhnte in den tiefen Lagen ein bisschen zu arg und zitterte in den hohen allzu dramatisch. Egal! Edie Sedgwick wäre in Hollywood als Schauspielerin niemals durchgekommen. Aber das ist ja gerade der Gedanke des Anti-Essenzialismus: dass Geburt, Geschlecht, Nationalität, familiärer Hintergrund und Talent nicht das Leben und die Karriere eines Menschen vorbestimmen müssen. Als Superstar in Warhols Low-Budget-Filmen und an seiner Seite in Talkshows war Edie Sedgwick perfekt – mit ihrer Schlagfertigkeit, ihren superbuschig geschminkten Augenbrauen und den mit Autolack silbern besprühten Wischmopphaaren. Mit denen sie aussah wie Warhols Schwester. Die er biologisch nicht hatte.

Und was könnte emanzipativer sein als dieses Versprechen: Bei mir kannst du sein und werden, was du willst. Damit setzte Warhol natürlich auch eine Inflation des Begriffs vom Superstar in Gang, die bis heute nicht unbedingt schöne Folgen zeitigt. Im schlimmsten Fall: Menschen, die denken, allein ihre Anwesenheit sei schon applauswürdig. Das wäre das Modell Dschungelcamp-Celebrity oder Khloé Kardashian. Im besten Fall aber: künstlerisch interessantes Danebenliegen, das weder ignoriert noch weggeredet, sondern in der Performance sogar auf entwaffnende Weise ausgestellt wird. So wie im Song „These Days“, in dem Nico singt: „Please don’t confront me with my failures, I had not forgotten them“ – mit anderen Worten: Ich weiß genauso gut wie du, dass ich nicht perfekt singen kann, aber was soll’s?

Wo wir schon über Emanzipation reden: Ebenfalls toll war natürlich, dass Warhol die Girls, auch wenn sie schon sexy sein mussten, in seinen Filmen nicht so häufig ausgezogen hat wie die Boys. Dass man den sexualisierten Blick des Kinos auch mal umdreht, dass Frau auf Mann schaut, das war in den Sechzigern noch revolutionär und ist es im Grunde noch heute. In „Flesh“ (1968) und „Trash“ (1970) war der hübsche Junge, Joe Dallesandro, immer schon längst nackt, während die Girls noch ihre verrüschten, schleifigen Bohemienne-Kleidchen anhatten. Ob das Ganze zu Sex führen sollte oder nicht, wurde nicht klar. Hauptsache, der Junge konnte schon mal inspiziert und ein bisschen gekitzelt werden. Wer sich nicht vorstellen kann, wie viel erotische Spannung und Geschlechterpolitik in solchen Konstellationen steckt, der muss nur heute mal im Internet nach „CFNM“ suchen und bekommt dann reihenweise Bildbeispiele für das mittlerweile beliebte pornografische Subgenre „clothed female, nude male“ präsentiert, das genau solche Situationen zum Inhalt macht. Warhol hat deren Reiz schon Mitte der 60er-Jahre begriffen.

Ebenso wie er begriffen hat, dass Gefühle – klassischerweise die Domäne der Frauen – fake sind. „Ich denke, dass die Leute in den Sechzigern vergessen haben, was Gefühle sein sollen. Jeder performte, jeder spielte eine Rolle. Wenn man Gefühle erst mal aus der Distanz betrachtet hat, dann kann man sie danach auch nie wieder als echt wahrnehmen“, schrieb er 1975 in seiner „Philosophie des Andy Warhol von A bis B und zurück“.

Ultra Violet: “In meinem Lexikon 
steht, das Ultraviolette findet sich 
am Ende des sichtbaren 
Spektrums. Ich warte auf die Neuauflage. Dann steht dort eine andere Definition”
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Keine echten Gefühle? Klingt traurig. Was er damit meinte: Gefühle sind – genauso wie ethnische oder geschlechtliche Identitäten – nicht einfach so da, sondern müssen hergestellt und aufgeführt werden. Das macht sie für sich genommen nicht schlechter. Allerdings wird so gesehen jeder zu einem Darsteller seiner selbst. Besonders Frauen, die ständig zwischen verschiedenen Rollen und Emotionen hin und her switchen: Mutter, Karrierefrau, Sexobjekt and back again.

Dass jeder ein Schauspieler – und jede eine Schauspielerin – ist, genau das machte Warhol sich in seinen Filmen zunutze. Die waren ja nicht minutiös durchgeskriptet, sondern es gab nur ein paar minimale Anweisungen, und die Kamera wurde dann eben auf das gerichtet, was passierte. „Andy Warhol managt scharfsinnig die mehr oder weniger privaten Fantasien seiner Superstars“, schrieb Parker Tyler in seiner legendären Anthologie „Underground Film – A Critical History“, erschienen 1970. „Was von dem Filmmaterial eingefangen wird, ist eine kleine Scharade, die allerdings nicht zum Ausdruck bringt, was sich ein Drehbuchautor ausgedacht hat, sondern die frei in Superstarmania übersetzt wird. Die Kamera ist der eigentliche Autor – mit ihrer wunderbaren Eigenschaft, die Quelle des Narziss zu sein.“

Die Quelle des Narziss ist in der griechischen Mythologie jene stille Wasseroberfläche, in der der schöne Sohn des Flussgottes Kephissos sein Spiegelbild erkennt, woraufhin er sich in sich selbst verliebt. Der Urahn aller narzisstischen Selfie-Jäger! Wenn die Kameralinse bei Warhol diese Quelle des Narziss war, in der sich die Factory-Akteure spiegeln und hübsch finden konnten, dann galt dies besonders für die transsexuellen Girls, die bei Warhol wie selbstverständlich zu den biologischen Girls gehörten. Dass man sich für sie interessierte, sie nicht skandalisierte, sondern einfach eine Kamera auf sie richtete und ihnen eine Plattform gab, das war Mitte der 60er-Jahre – noch vor den Stonewall-Riots 1969 und der Geburt der modernen westlichen Homosexuellenbewegung  – alles andere als normal.

Edie Sedgwick | Foto; via Getty Images

Wie wichtig Warhols Trans-Superstars Holly Woodlawn, Jackie Curtis und Candy Darling waren, das kann man heute daran sehen, dass der spanische Kreativdirektor und Herausgeber Luis Venegas sein gefeiertes Magazin „Candy“, in dem auch James Franco oder Jared Leto schon mal als Frauen posieren, nach Candy Darling benannt hat. Oder daran, dass Antony Hegarty, heute Anohni, 2005 das erste Album seiner Band Antony and the Johnsons mit einem Foto von Candy Darling schmückte. Ja, auch dass Hari Nef heute gleichzeitig Werbung für Make-up von L’Oréal und für Doppelreiher von Hugo Boss machen kann oder dass Andreja Pejic parallel Covergirl für „Elle“ und die Gender-Ausgabe von „National Geographic“ sein kann, wäre ohne Warhol und seine Transgirls unvorstellbar geblieben.

Insofern kann man sagen, dass Warhol für Frauen – für die geborenen und die gewordenen – sehr viel getan hat. Vor diesem Hintergrund erscheint es natürlich als grausame Ironie, dass er dann von einer radikalfeministischen, männerhassenden, mit Schizophrenie attestierten Lesbe angeschossen wurde. Bevor sie in seinem Film „I, a Man“ (1967) mitspielte, schrieb Valerie Solanas das „SCUM Manifesto“, eine Anleitung zur Bekämpfung des Patriarchats – wobei SCUM nicht einfach bloß „Abschaum“ bedeuten sollte, sondern „Society for Cutting Up Men“. Männer-Zerteilungs-Verein. Herrlich! Wäre Solanas nur nicht so paranoid gewesen zu glauben, Warhol wolle sie vernichten. Am 3. Juni 1968 zückte sie in der Factory am Union Square eine Pistole und schoss dreimal auf den Superstar. Die dritte Kugel durchbohrte seine beiden Lungenflügel, die Speiseröhre, die Milz, den Magen, die Leber. Warhol war klinisch tot. Eine Herzmassage holte ihn zurück, dann wurde er fünf Stunden lang notoperiert. Danach hatte er so viele Narben, dass er meinte, er sehe aus wie ein Yves-Saint-Laurent-Kleid: „lauter Nähte“.

Verständlich vielleicht, dass es danach mit seiner Begeisterung für die Girls erst mal vorbei war beziehungsweise er vorsichtiger, geradezu soziophob wurde und die Factory wie einen Hochsicherheitstrakt abriegelte. Die Rache kam 1971 mit seinem Film „Women in Revolt“, einer bösen Satire auf Solanas und das SCUM-Manifest. In dem Film spielten die drei Warhol-Trans-Superstars – Holly, Candy und Jackie – eine militantfeministische Frauenbefreiungsgruppe, genannt PIGS, also „Schweine“, beziehungsweise: „Politically Involved Girlies“. Auch hier mag man sich kaum ausmalen, wie es heute Repräsentationswächter und -wächterinnen auf die Palme triebe, sollte noch mal jemand solch einen Film produzieren wollen. Als Biomänner geborene Transfrauen verulken auf der Leinwand den Befreiungskampf biologisch echter Feministinnen? Skandal! Oder eben: wunderbar! Wie man’s sieht. /

Von: Jan Kevdes