"Als ich versucht habe, andere seiner Romane zu lesen, hatte ich das Gefühl: der depressive, alte Mann geht mich nichts an."

Judith Holofernes, 1976 in Berlin geboren und in Freiburg aufgewachsen, hat nach dem großen Nuller-Jahre-Erfolg mit "Wir sind Helden" gerade ihr Soloalbum "Ein leichtes Schwert" herausgebracht. Im April geht die bekennende Buddhistin, verheiratet mit dem "Helden"-Schlagzeuger Pola Roy und Mutter zweier Kinder, auf große Deutschland-Tournee. Außerdem schreibt sie einen Blog und liest gerne Graphic Novels.

Judith Holofernes, Foto: Christoph Voy

 

Interview: Ist Ihr Leben eher ein Roman oder ein Sachbuch?

Judith Holofernes: Ein Roman! Ich fiktionalisiere und dramatisiere alles. In einem so ungesunden Maß, dass ich den Schriftsteller John Irving exemplarisch aus meinem Leben verbannen musste – im gleichnamigen Lied. Weil seine absurden Geschichten so tief eingesunken sind in mein Unterbewusstes, dass ich im Leben immer auf die nächste Katastrophe warte.

Interview: Welche Bücher befinden sich gerade auf Ihrem Nachttisch?

Holofernes: Ein riesiger anklagender Stapel: "Freedom" von Jonathan Franzen ist dabei. Ein Buch von Sri Ramana Maharshi. Kurzgeschichten von Steve Earle. Gedichte von Rilke. Ein Krimi von Oliver Bottini, den ich vor kurzem kennengelernt und mit dem ich mich sehr gut unterhalten habe. Deswegen will ich sein Buch unbedingt lesen.

Interview: Welches Buch haben Sie zuletzt zu Ende gelesen?

Holofernes: "Drop dead healthy" - AJ Jacobs, der Meister des Selbstexperiments, geht Gesundheitsmythen auf den Grund. Sehr, sehr lustig und erhellend.

Interview: Und bei welchem Buch sind Sie zuletzt vorzeitig ausgestiegen?

Holofernes: Franzens "Freedom". Ich hatte "Die Korrekturen" gerade gelesen und zwei mal Franzen direkt hintereinander musste dann irgendwie doch nicht sein.

Interview: Welches Buch hat Sie zuletzt mit auf eine Reise genommen? 

Holofernes: "Mud, Sweat and Tears", die Autobiografie von dem mir sehr sympathischen Survival-Freak Bear Grylls – der nimmt mich mit an die entlegendsten und lebensfeindlichsten Orte der Erde. Ich hatte schon als Kind eine Art Survival –Fetisch und habe am allerliebsten so was wie "Auf der Flucht" gespielt...

Interview: Welches Buch ist schon mal gegen die Wand geflogen?

Holofernes: Eine Freundin wollte mich für Haruki Murakami begeistern, was sicher eine gute Idee ist. Leider habe ich das Buch zufällig auf einer Seite aufgeschlagen, wo der Protagonist gerade kleinen Katzen den Schädel aufschneidet. Oder den Bauch? Auf jeden Fall hat mir das gründlich den Einstieg vermasselt.

Interview: Lachen Sie beim Lesen?

Holofernes: Sehr oft und sehr laut.

Interview: Wo lesen Sie am liebsten?

Holofernes: Auf dem Balkon. Aber eigentlich: überall. Als Kind habe ich regelmäßig die Bushaltestelle auf dem Weg zur Schule verpasst, weil ich zu sehr in mein Buch vertieft war.

Interview: Wissen Sie noch eine gute Sexstelle aus einem Roman?

Holofernes: Um mal frech das gesamte Genre mit Romanen gleichzustellen: ich habe in meinem Leben viele Comics und Illustrated Novels gelesen. Einer meiner Lieblingszeichner, Régis Loisel, hat sehr viele sogenannte Bandes Dessinées Adultes gemacht, die sehr sexy sind und voll von sinnlichen, lebensfrohen und nicht besonders schamhaften Frauen. Seine Version der Clochette in Peter Pan ist eine meiner Lieblingsfiguren im Comic. Und nein: die hat keinen Sex mit Peter Pan. Keine Angst, diese Reihe ist für Loisel noch relativ zahm.

Interview: Gibt es einen Klassiker, der Sie völlig kalt gelassen hat?

Holofernes: "Die Würfel sind gefallen" von Sartre. Ich mochte "Huis Clos" als Teenager sehr, ich konnte mich gut mit dem Gedanken identifizieren, dass die „Hölle die Anderen“ sind. Wann, wen nicht als Teenager, kann man das in der Tiefe seines Herzens verstehen! Aber als ich danach versucht habe, einige andere seiner Romane zu lesen, hatte ich das Gefühl: der depressive, alte Mann geht mich nichts an. Gottseidank! Wäre ja auch noch schöner, wenn eine 17-Jährige sich damit identifizieren könnte.

Interview: Wer ist Ihre Lieblingsfigur aus einem Roman?

Holofernes: Jetzt im Moment: Doc, der drogenabhängige Abtreibungsarzt aus "I'll never get out of this world alive" von Steve Earle. Dicht dran ist David Sedaris in seinen autobiografisch–fiktionalen Büchern. Mit ihm kann ich mich, als auch nicht immer ganz normgerechtes Kind, sehr identifizieren.

Interview: Ein Lieblingsbuch mit 17 und wann zum letzten Mal gelesen?

Holofernes: "Wassermusik" von TC Boyle, würde ich denken. Und ich glaube, ich habe es nur einmal gelesen, wie übrigens die meisten Romane. Sachbücher nehme ich immer wieder zur Hand, Romane eigentlich nicht.

Interview: Und Ihr Lieblingsbuch als Kind?

Holofernes: "Die unendliche Geschichte".

Interview: Beim Blick auf Ihr Bücherregal: Welches vermeintlich lohnende Werk werden Sie voraussichtlich niemals lesen?

Holofernes: Die Bibel? Obwohl, wer weiß. Ich lese gerade AJ Jacobs' religiöse Odyssee "The year of living biblically", wo er in einem erneuten Selbstversuch versucht, ein Jahr lang nach ALLEN Regeln der Bibel zu leben. Sehr lustig.

Interview: Welcher Autor soll Ihre Biographie schreiben?

Holofernes: Nicht John Irving! David Sedaris, würde ich sagen.

 

Weitere Informationen zu Judith Holofernes finden Sie hier

- ANDREAS MERKEL

21.02.2014 | Kategorien Literatur, Meine Bücher | Tags